Wer ich bin

GeschichteDrama, Freundschaft / P16
Alex Verus Arachne Richard Drakh Tobruk Will Traviss
02.08.2019
05.11.2019
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Ich war 17 Jahre alt, als ich Richard Drakh kennenlernte. Damals war ich ein guter Schüler, intelligent und belesen, aber ich hatte keine Freunde. Wenige Jahre zuvor war mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich in der Lage war, in die Zukunft zu sehen, wenn ich auch nicht genau verstand, wie es funktionierte. Ich wagte nicht, meinen Eltern davon zu erzählen, die gerade dabei waren sich scheiden zu lassen und daher ohnehin kaum Zeit hatten, um sich angemessen um ihren einzigen Sohn zu kümmern – eine Tatsache, die mir vermutlich einen Besuch beim Psychiater erspart hatte. Andere Jugendliche mochten mich nicht und gingen mir aus dem Weg – was mir nur recht war. Ich wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden. Manche machten sich über mich lustig. Ich hasste sie und hätte mich nur zu gerne gegen sie zur Wehr gesetzt, aber mir war klar, dass ich keine Chance gegen sie gehabt hätte. All das änderte sich, als Richard eines Tages auf dem Schulhof auftauchte und mich fragte, was ich wirklich wollte. Er versprach mir Macht, Wissen und einen Ort, an dem ich leben konnte, weit weg von meinen Eltern. Natürlich nahm ich sein Angebot, bei ihm in die Lehre zu gehen an, insbesondere, da er im Gegenzug nichts weiter verlangte als Gehorsam und das Streben nach Macht – damit konnte ich leben, immerhin war ich damit aufgewachsen zu tun, was andere von mir verlangten. Allerdings hatte mir bisher niemand ein solches Angebot auf Augenhöhe unterbreitet.

Richards Lehrling zu sein veränderte mein Leben völlig, auch wenn das bedeutete, dass ich viele Dinge auf die harte Tour lernen musste. Er stellte mich und die anderen Lehrlinge seinen Verbündeten und anderen Schwarzmagiern vor, brachte uns bei, wie wir unsere Magie nutzen und kontrollieren konnten und stellte uns alles zur Verfügung, was wir dafür benötigten. Jeden Abend kamen wir in der Bibliothek zusammen und wurden von ihm unterrichtet. Ich denke, wir hatten alle zumindest eine Ahnung davon was es bedeutete, von einem Schwarzmagier ausgebildet zu werden und so waren wir nicht wirklich überrascht, als er uns von dem sogenannten „Wahren Weg“ erzählte – wenn du etwas willst, dann nimmst du es dir einfach. Bist du dazu nicht in der Lage, dann liegt das einzig und allein an dir und daran, dass du nicht stark genug bist. Alles drehte sich um Macht – wenn du nicht über genug davon verfügtest, würdest du sie am Ende ganz verlieren. Schwäche wurde nicht toleriert. Niemals.

Uns wurden Aufgaben zugeteilt, die wir zu erfüllen hatten und auch sonst hatten wir unsere Pflichten, aber abgesehen davon konnten wir in unserer Freizeit tun und lassen, was wir wollten. Mein Schlafzimmer war größer als die gesamte Wohnung, die ich mir mit meiner Mutter geteilt hatte und ich genoss es, in einem so noblen Anwesen zu leben, in dem es in jedem Raum einen Kamin gab, gewaltige Bücherregale und gemütliche Lehnsessel – und, wie ich bald feststellen sollte, eine Folterkammer. Ich war zu Tode verängstigt, als man mich zum ersten Mal dort hinein brachte, stammte ich doch aus einer Familie, die jede Form von Gewalt strikt ablehnte. Mehr als einmal bestrafte mich Richard für meinen vermeintlichen Ungehorsam, aber alles in allem machte mich diese Erfahrung stärker und ich begann zu verstehen, was es mit dem Wahren Weg wirklich auf sich hatte. Zurückblickend glaube ich, dass das der Hauptgrund war, aus dem er mich folterte – wenn ich nicht in der Lage war, mich zur Wehr zu setzen, dann verdiente ich es nicht besser. Eine weitere Lektion, die ich zu lernen hatte.

Es war mir in dieser Zeit nie wirklich in den Sinn gekommen, zu gehen und meinen Dienst als Richards Lehrling zu beenden; es gab noch so viel zu lernen und die meiste Zeit über kam ich gut mit ihm zurecht. Tobruk hingegen hasste ich. Er war wie einer dieser Jungs in der Schule, die mich drangsaliert hatten, er verspottete mich, nannte mich eine Schwuchtel, weil ich es vorzog, mit Rachel und Shireen zu lernen anstatt mit ihm zu trainieren und legte mich herein, wann immer er die Gelegenheit dazu fand. Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich überzeugt davon, dass Richard von Anfang an geplant hatte, uns gegeneinander auszuspielen; und so war es auch nicht weiter verwunderlich, dass Tobruk derjenige war, der mich niederstreckte und einsperrte, als ich mich geweigert hatte, Catherine Traviss an Richard zu übergeben. Ich wusste nicht, was er mit ihr vorhatte, aber ich vertraute ihm gewissermaßen – soweit ich weiß, hat er mich niemals angelogen und ich war mir sicher, dass es einen guten Grund dafür gab, dass er uns aufgetragen hatte, sie zu ihm zu bringen. Die ganze Zeit über hatte ich unter seinem Schutz gestanden, er war fast so etwas wie ein Ersatzvater für mich gewesen. Als er mir diesen Schutz jedoch entzog und mich einsperrte, ohne eine Menschenseele zum reden, wenn man von Tobruk absah, der begonnen hatte, mich wann immer es ihm beliebte aufzusuchen und zu quälen, war ich am Boden zerstört.

Ich hatte mich immer eher als introvertiert gesehen, doch es dauerte nur wenige Wochen, bis ich mich verzweifelt nach zwischenmenschlichem Kontakt sehnte; wenn man Tag und Nacht in einem engen Raum ohne Tageslicht gefangen gehalten wird passiert so etwas früher oder später. Ich begann mich in der Wahrsagekunst zu üben, um mir die Zeit zu vertreiben und nicht dem Wahnsinn anheim zu fallen. Inzwischen ist mir klar, dass ich mich damals in einer geradezu perfekten Umgebung befand, um meine Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Ich begab mich mehrfach auf eine mentale Reise in die nähere Zukunft, stellte aber alsbald fest, dass es keine Möglichkeit gab, meine Zelle lebend zu verlassen. Dennoch gab ich die Hoffnung nicht auf.

Richard suchte mich nur ein einziges Mal auf, direkt nachdem Tobruk gegangen war. Einige Minuten lang lehnte er nur an der Wand und sah mir dabei zu, wie ich mich auf dem Bett vor Schmerzen krümmte und versuchte, mich aufzusetzen, da ich mich nur zu gut daran erinnerte, was er uns über die Zurschaustellung von Schwäche gelehrt hatte. Das Gespräch, das wir dann führten, sollte für viele Jahre das letzte sein, doch ich erinnere mich noch immer an jedes einzelne Wort.

„Richard...“

„Die richtige Anrede bitte, Alexander. Ist dir bewusst, warum du hier bist?“

„Weil ich mich dir widersetzt habe, Meister.”

Er schüttelte den Kopf und wirkte dabei zutiefst enttäuscht.

„Du hattest nie das Potential dazu, mein Auserwählter zu werden. Ich habe dir eine Chance gegeben, aber du hast sie nicht genutzt. Weil du schwach bist. Du bist erbärmlich. Du hast nie verstanden, was es bedeutet, ein Schwarzmagier zu sein. Dich zu unterrichten war die reinste Zeitverschwendung.“

Er beobachtete mich genau und suchte nach dem endgültigen Beweis für seine These, bevor er seine kleine Ansprache beendete. Seine Stimme klang kalt und grausam.

„Du bist es nicht wert, mein Lehrling zu sein. Nenn mir einen Grund, warum ich dich nicht einfach verhungern lassen sollte.“

Ich war verzweifelt, aber dennoch fest entschlossen zu überleben – dies war meine letzte Chance und ich würde sie nutzen. Ich hob den Kopf, richtete mich auf und sah ihm direkt in die Augen.

„Weil du mich brauchst.“

Er zeigte keinerlei Emotionen während er mich weiterhin mit diesen unergründlichen Augen ansah und schließlich ein letztes Mal das Wort an mich richtete.

„Tue ich das?“

Er verließ den Raum und verschloss die Tür hinter sich; ich war wieder allein in der Dunkelheit, das ferne Hallen von Richards Schritten auf dem steinernen Boden blieb das einzige Geräusch, das an mein Ohr drang. Selbst meine Magie half mir nicht herauszufinden, ob meine Antwort ihn umgestimmt hatte oder ob er mich tatsächlich in dieser Zelle sterben lassen würde. Zum ersten Mal seit Jahren begann ich zu weinen.

Mehrere Monate mussten vergangen sein, als Tobruk etwas Neues entdeckt hatte, um sich die Zeit zu vertreiben: Er spielte Katz und Maus mit mir, was bedeute, dass er mich aus meiner Zelle herausließ, mir in aller Ausführlichkeit erläuterte, was er mit mir machen würde, sobald er mich in die Finger bekam, mir einen Vorsprung gewährte und mich dann durch die Kellerräume jagte. Er fing mich jedes Mal, aber es dauerte von Mal zu Mal länger, da meine Gabe der Vorhersehung mit der Zeit immer besser wurde. Mir graute vor seinem kleinen Spiel und den Schmerzen, die mich erwarteten, sobald er mich zu fassen bekam, aber im Grunde genommen war es die beste Vorbereitung auf unser letztes Aufeinandertreffen ein Jahr später, die ich hätte bekommen können.

Eines Tages erteilte Richard Tobruk, Rachel und Shireen den Auftrag, etwas über eine gewisse Weißmagierin herauszufinden, die ihm in die Quere gekommen war und sie nahmen mich mit, da sie mich brauchten um sie ausfindig zu machen. Rachel behielt mich die ganze Zeit über im Auge, während Tobruk damit drohte, mich auf der Stelle zu töten, sollte ich mich weigern zu tun, was man von mir verlangte. Sie nutzten nie Portale, wenn ich dabei war und während der letzten Male, bei denen sie meine Hilfe gebraucht hatten, hatten sie immer sichergestellt, dass ich nicht fliehen konnte, indem sie mir entweder Handschellen anlegten oder mich zwangen, einen Todesreif zu tragen, wie ihn Richard hin und wieder verwendete. Dieses Mal taten sie keins von beidem. Wir nahmen das Auto; ich saß auf der Rückbank zwischen den Mädchen, während Tobruk den Wagen lenkte. Keiner von ihnen sprach mit mir, es sei denn, sie benötigten Informationen; ansonsten ignorierten sie mich völlig. Als wir unser Ziel erreicht hatten, benachrichtigten sie Richard, damit er sich um die Weißmagierin kümmern konnte. Auch dabei schenkten sie mir keinerlei Aufmerksamkeit, sodass mir schlussendlich die Flucht gelang. Ich war selbst erstaunt darüber, wie einfach es gewesen war zu entkommen, aber mir blieb keine Zeit, um darüber nachzudenken. Ich musste laufen so schnell ich konnte – sollte ich Richard jemals wieder in die Hände fallen, würde er mein Leben kein zweites Mal verschonen.
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