Wer ich bin

GeschichteDrama, Freundschaft / P16
Alex Verus Arachne Richard Drakh Tobruk Will Traviss
02.08.2019
05.11.2019
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02.08.2019 305
 
Niemand wird entweder als guter oder böser Mensch geboren. Es mag sein, dass es gewisse genetische Prädispositionen gibt, die uns zu dem machen, was wir sind, aber meistens sind es doch die Erfahrungen, die wir sammeln, die unseren zukünftigen Weg bestimmen. Wie wir erzogen wurden und wie wir mit anderen Menschen interagieren, ob wir sie nun lieben oder hassen, all das formt unseren Charakter – manchmal sogar stärker, als wir uns eingestehen möchten.

Da dies eine meiner tiefsten Überzeugungen darstellt, gibt es da auch immer wieder diese eine Frage, die mich umtreibt: Wenn wir so grundlegend von vergangenen Ereignissen beeinflusst werden, zu was für einem Menschen macht mich das dann? Würde man zehn zufällig ausgewählten Menschen, denen ich im Laufe meines Lebens begegnet bin, diese Frage stellen, würde man ebenso viele Antworten erhalten, die sich irgendwo zwischen den Bezeichnungen „Freund“ oder gar „Geliebter“ und „kaltblütiger Mörder“ bewegen und sicherlich auch alles andere dazwischen abdecken würden.

Als ich heute morgen in den Spiegel blickte, sah ich bloß einen Mann Mitte dreißig mit blasser Haut, etwas zu langem schwarzen Haar, das mittlerweile die eine oder andere graue Strähne zierte, und einem ernsten Gesichtsausdruck. Hätte mich ein Fremder auf diese Weise angesehen, wäre ihm nicht einmal aufgefallen, dass ich ein Magier bin, sondern er hätte mich einfach für einen Durchschnittstypen gehalten, den man keines weiteren Blickes würdigen brauchte. Was wäre nun aber, wenn, sagen wir, zwei der Personen, die ich vorhin erwähnte, mit ihrer Einschätzung richtig liegen würden? Was, wenn sie die einzigen wären, die mein wahres Ich erkennen würden? Was wäre, wenn es sich bei diesen zwei Personen nicht um jene handelte, die mich als „liebenswürdig“ bezeichneten, sondern um jene, die mich „skrupellos“ oder „grausam“ nannten? Und was, wenn sie damit richtig lägen?

Wer bin ich? Was bin ich? Und wem steht es zu, das zu beurteilen?
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