Der Zeit-Pakt (Teil 2)

von hold
GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
02.08.2019
22.10.2019
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2

Jenny

Einfach meinem Bauchgefühl zu folgen lohnte sich fast immer. Dennis zu küssen war ein Paradebeispiel dafür. Ich hatte das weder geplant noch irgendwelche Zeichen gesendet, dass ich mehr von Dennis wollte als das, was ich seit Jahren mit ihm hatte: Eine Sandkastenfreundschaft.
Dennis war jemand, der mich in den meisten Stadien gesehen hatte; als Kindergartenkind mit blonden Flechtzöpfen, als Grundschülerin mit zu großen Vorderzähnen, als Dreizehnzehnjährige mit Zahnspange. Genau wie ich zugeschaut hatte, wie aus einem dürren Fünfjährigen ein immer noch schlanker Siebzehnjähriger mit dunkelblondem Igelschnitt geworden war. Jetzt schlang ich meine Arme um seinen festen Rücken, strich daran herunter und wieder hinauf, während ich nicht genug davon bekommen konnte, seine Lippen auf meinen zu fühlen und mit ihm zu knutschen, als gäbe es kein Morgen.
Ich hätte ihm nicht zugetraut, ein Mädchen so küssen zu können; mit ganzer Seele.
Wahnsinn.
Trotzdem ließ ich kurz von ihm ab, um Luft zu holen und in seine funkelnden Augen zu schauen. Bei Tage waren sie blau, doch jetzt wirkten sie dunkel und seltsam gefährlich. Wann war dieser schlaksige Kerl so heiß geworden? Mit dem Zeigefinger fuhr ich die Konturen seiner hübschen Wangenknochen nach, dann die Linie seines kantigen Kiefers.
Sein freches Grinsen schickte einen Schwall Wärme in mein Innerstes. Ich liebte sein Grinsen. Es ließ ihn wie den kleinen Jungen aussehen, der sich auf dem Schulhof für mich geprügelt hatte. Manchmal glaubte ich, er lächelte niemanden so an außer mir. So offen und liebevoll. Und mit diesem niedlichen Grübchen in der linken Wange.
Wieder zog er mich an sich, um mich zu küssen. Hmm.

Noch einmal gönnten wir uns eine Pause, in der ich mein Kinn auf seine Schulter legte und mich an meinem alten Freund festklammerte, damit er mich nicht losließ.
Meine Gedanken rasten.
Dennis war der Typ, der einfach immer dagewesen war. Sicher mit ein Grund, warum ich ihn auf eine Art übersehen hatte. Und warum ich erst vor ein paar Wochen erkannt hatte, dass Dennis mich anders betrachtete als Jacky oder gar Eve oder die Mädchen in unserer Klasse. Ich hatte diese Theorie nicht überprüfen wollen, aber als wir so vertraut und allein auf Wladimirs Balkon standen, musste ich es plötzlich wissen.
Und da hatte ich meine Antwort. Dennis verstellte sich nicht. Ich war mir nicht mal sicher, ob er das überhaupt konnte. Solange ich ihn kannte, war Dennis impulsiv und chaotisch gewesen. Gleichzeitig war er intelligenter als alle im Zimmer nebenan zusammen, ausgenommen Jacky. Seine schulischen Leistungen waren dennoch katastrophal. Sich hinsetzen und pauken lag ihm nicht. Ich hatte es aufgegeben, ihm damit zu helfen. Wenn er sich zusammenriss, würde er es auch ohne die Schule schaffen. Er hatte andere Stärken.
Dennis zeigte sich zum Beispiel als echte Führungsfigur unter seinen Freunden, eigentlich im ganzen Viertel. Früher hatte ich das nicht mit dem notorischen Chaoten und leider auch Kleinkriminellen zusammengebracht, aber heute verstand ich ihn besser. Dennis war bei allen miesen Eigenschaften ein loyaler Freund, der niemals seine Prinzipien verriet, denn sie würden ihn nicht im Stich lassen. Ich wusste genug von ihm, um schleunigst das Weite zu suchen, doch ich hatte ihn auch wahnsinnig gern.
Als hätte er diesen letzten Gedanken gehört, streichelte Dennis über meine zerzausten Haare und küsste mich auf die Wange. Ich hob den Kopf, damit er mich auf den Mund küssen konnte.
Bitte lass uns das die ganze Nacht lang tun, flehte ich stumm. Ja, ich hatte Dennis verdammt gern.
Aber dass ich ihn so gernhatte, dass ein Schwarm Schmetterlinge in meinem Bauch herumtanzte, weil er es war, der mich küsste, das war mir nicht klargewesen.
Ich seufzte und genoss das Gefühl, von ihm gehalten zu werden. Burak behandelte mich wie eine Prinzessin, aber Dennis behandelte mich wie eine Frau.
Ich nahm Anlauf, um ihm genau das zu erklären, ihm überhaupt endlich zu sagen, dass er mehr für mich war als ein Freund, als er sich als Erster von mir löste und meine Luftschlösser zerstörte.
Ich vermisste augenblicklich sein süßes Grinsen. Mein Herz stolperte auf ungute Weise, weil er mich so ernst ansah.
„Jenny“, fing er zögernd an und ergriff meine Hände, um sie aus seinem Genick zu nehmen. „Ich mag dich wirklich gern.“
Oh nein. Ich ahnte, was jetzt kam. Abwartend kniff ich die Lippen zusammen, um ja nichts zu sagen.
Dennis schluckte hörbar, ehe er weitersprach. Fast tat er mir leid. Aber nur fast.
„Scheiße.“ Er senkte kurz den Kopf, schaute mir aber gleich wieder in die Augen. „Wir können das nicht machen, Jenny. Du und ich, das würde nicht funktionieren. Wir kennen uns schon so lange.“
Da öffnete ich protestierend meinen Mund. „Ehrlich? Wir kennen uns zu lange, um mehr als Freunde zu sein? Verarsch mich nicht, Dennis!“
„Okay okay“, ruderte er zurück. „Vielleicht ist das nicht der wahre Grund. Du hättest mit einer kleinen Lüge leben und mein Gewissen erleichtern können, aber ich hätte wissen müssen, dass du da nicht mitspielst.“ Er drückte leicht meine Hände. Die Wärme seiner Finger vermochte es nicht, die Kälte zu vertreiben, die nach mir griff.
„Ich weiß, du wolltest nie mit einem von uns rummachen und hast dich lieber an die Idioten aus der Stadt gehalten. Wie nett, dass du für mich diese Regel gebrochen hast.“
Ich wollte ihn schlagen. Und auch wieder nicht.
„Scheiß auf die Regel, das hab ich doch nur gesagt, damit Mohammed und Alex endlich aufgeben. Und für dich würde dich sowieso eine Ausnahme machen, du Depp!“
„Mach‘s nicht. Ich will nicht, dass du meine Freundin bist, also mehr als im Moment, weil ich dich nicht mit runterziehen kann!“ Auf einmal sah er so verletzlich aus, dass ich eine meiner Hände aus seinem Klammergriff befreite, um mit den Knöcheln seine Wange zu streicheln. Er brach sich selbst und mir das Herz, weil er glaubte, das Richtige zu tun. Niemand konnte ihn aufhalten, wenn er eine Entscheidung getroffen hatte. Nicht einmal ich. Diese Erkenntnis war bitter und ließ meine Augen brennen.
„Du hast was Besseres verdient, Jenny“, beschwor er mich und küsste meine Stirn. Er war so ein verdammtes Arschloch. Das beste Arschloch, das ich kannte. Ich schloss fest die Augen, um die Tränen zurückzuhalten.
„Das kannst du doch gar nicht beurteilen“, flüsterte ich, weil mir meine Stimme nicht mehr gehorchte.
„Doch, kann ich. Du verschwendest dich nicht an einen Typen, der bald von der Schule fliegt oder einmal zu viel sitzen geblieben ist und deshalb gehen muss. Du verschwendest sich nicht an jemanden, der über kurz oder lang im Knast landet! Und der wahrscheinlich so endet wie sein Vater. Deine Zukunft ist zu wichtig, um sie wegen mir kaputt zu machen. Bitte! Versteh das doch, Jenny!“
O Gott, ich verliebte mich gerade noch ein bisschen mehr in ihn. Ich lehnte meine Stirn an seine.
„Ist das dein letztes Wort? Du entscheidest dich gegen etwas Gutes, weil du Angst hast?“
„Ich entscheide mich dagegen, weil ich gerade vernünftiger bin als du. Du würdest es mir irgendwann vorwerfen, dass ich dich nicht gewarnt habe. Glaub ja nicht, dass ich das gern tue!“ Er ließ meine Hände los, um mich zu umarmen.
„Du bist bescheuert, Dennis“, murmelte ich an seinem Hals. Oh Mann, er roch so gut. Und er schickte mich weg. Ich kapierte das nicht.
„Erst sagst du mir, dass du seit einer Ewigkeit in mich verknallt bist, dann küsst du mich und danach lässt du mich fallen? Was stimmt nicht mit dir?“
„Du hast mich zuerst geküsst!“, verteidigte er sich schwach. „Das spielt keine Rolle. Zum Küssen gehören immer zwei“, zischte ich. „Wovor hast du Schiss, Dennis?“
„Das hab ich dir gesagt. Du bist auf dem Weg nach oben, ich bin auf dem Weg nach unten. Du weißt, dass es so ist. Ich werde nicht derjenige sein, der dein Leben versaut. Scheißegal, ob ich in dich verliebt bin. Das tut nichts zur Sache. Ich hätte dich auch gar nicht küssen dürfen. Tut mir leid, dass ich dir Hoffnungen gemacht habe. Aber wir beide werden in diesem Leben nicht zusammenkommen!“
Da stieg ich von seinem Schoß herunter und funkelte ihn an.
„Das bringst auch nur du: Einem Mädchen gleichzeitig deine Liebe gestehen und sie abservieren! O mein Gott, ich bin so sauer auf dich! Du Arsch!“ Ich knurrte beinahe.
„Es tut mir leid, Jenny“, sagte Dennis nur.
Da boxte ich ihn so fest ich konnte gegen die Schulter und floh nach drinnen, wo ich mich so richtig teeniemäßig heulend im Bad einschloss. Ich fühlte mich bloßgestellt und zurückgewiesen, verletzt und verlassen. Alles auf einmal.
Mein blödes Bauchgefühl hatte mich noch nie so sehr ins Verderben geführt wie an diesem Abend.

Als ich wieder klarer sehen konnte, schrieb ich Jacky eine Nachricht, dass ich nach Hause gehen würde.
Natürlich passte sie mich an der Haustür ab, um mich zu begleiten. Als müsste sie mich stützen, hakte sie sich bei mir unter, während wir den Hausflur in Richtung Fahrstuhl entlanggingen.
„Geht’s dir nicht gut?“, fragte sie. Eine rhetorische Frage. Ich hatte Pandaaugen und schniefte in einem fort. „Muss ich jemanden verkloppen?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin selber schuld. Ich hätte alles so lassen sollen wie es war.“
Jacky war zwar nur zwei Jahre älter als ich, aber sie besaß eine untrügliche Intuition und einen messerscharfen Verstand. Ihre zukünftigen Kinder würden sich schwertun, sie anzulügen.
„Dennis hat es verbockt“, stellte sie fest.
Ich nickte. „Ich hätte ihn nicht küssen dürfen. Jetzt werde ich jedes Mal daran denken, wenn ich Dennis über den Weg laufe!“
„War es so mies?“ Sie kicherte leise.
Mies … Auf keinen Fall. Dennis, dieser Vollarsch hatte mir den besten Kuss meines Lebens gegeben.
Wir betraten den Aufzug und fuhren nach unten ins Foyer.
„Das war wie fliegen“, erwiderte ich. „Er mag mich und ich mag ihn, aber aus uns wird trotzdem nichts.“ Ich schaute auf meine Schuhe. „Er will mir sich und sein Leben nicht zumuten. Was hat er von seiner bekackten Ritterlichkeit?“
Wut durchfuhr mich von neuem. Anscheinend hatten die Tränen nicht alles aus mir herausgespült.
Jacky schürzte nachdenklich die Lippen.
„Dennis hat sich tausendmal bei mir entschuldigt, nachdem er gemerkt hat, wie beschissen es war, seinen Freunden von meiner Performance im Bett zu erzählen. Du bist ihm zu wichtig, als dass er sich Fehler erlauben würde. Dich zu küssen war sicher ein Riesenfehler für ihn.“
„Er hat sich tatsächlich dafür entschuldigt. Arschloch.“ Doch es kam nicht so zornig heraus wie erhofft. Stattdessen stiegen mir erneut die Tränen in die Augen. Jacky blieb an der Tür in den Innenhof stehen und nahm mich in den Arm.
„Vielleicht ist eure Zeit einfach noch nicht reif, Süße“, versuchte sie mich zu trösten.
„Das wird nie passieren, Jacky“, schluchzte ich. „Dennis will keine Beziehung mit mir.“
„Die will er mit niemandem“, korrigierte Jacky. „Er hält sich die meiste Zeit für einen Versager, der nichts auf die Reihe kriegt. Wir dürfen ihn nicht aufgeben, hörst du? Auch wenn’s wehtut. Dennis braucht uns. Nicht nur Vollspacken wie Burak oder Mohammed.“
„Wieso bist du so erwachsen, Jacky?“
„Weil ich es sein muss. Taschentuch?“
Geräuschvoll putzte ich mir die Nase, dann ließ ich mich von meiner Freundin über den Hof nach Hause bringen.
Dennis konnte mich mal. Okay, ich würde ihn in Ruhe lassen. Vorerst.
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