Der Zeit-Pakt (Teil 2)

von hold
GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
02.08.2019
22.10.2019
27
61904
10
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
1

Dennis

Vergangenheit

Die angesagtesten Gäste kommen immer zum Schluss. Für Ahmed und mich galt das nicht, wir saßen seit neun auf Wladimirs Sofa und waren mittlerweile ziemlich breit.
Wladimir drehte gerade die zweite Tüte für diesen Abend und raunzte dabei Burak an, weil der kurz vor Mitternacht so besoffen war, dass er mit seiner Kippe auf den Teppichboden aschte. Hip Hop dröhnte aus den Boxen an Wladimirs Computer, vor dem sein zwanzigjähriger Cousin Sergej saß und sich durch Autoverkaufsanzeigen klickte. Wladimirs Geschwister schliefen und seine Eltern waren irgendwo eingeladen. Sergej interessierte sich einen Scheiß dafür, dass wir uns betranken, kifften und in der Wohnung rauchten, er schüttete Wodkabull in sich hinein und beschwerte sich in unregelmäßigen Abständen über die hohen Preise für Gebrauchtwagen.
Ein typischer Samstagabend.
Ahmed, mein bäriger bester Kumpel, dem als einzigem von uns schon ein richtiger Bart wuchs, lieferte sich gerade ein Autorennen gegen Mohammed, das er grandios verlor.
„Hier, mach du weiter. Selbst bekifft bist du ein besserer Fahrer als ich.“
Auto gefahren waren wir alle schon in den Weiten der Garage unter der Emmertsgrundpassage, doch einen Führerschein besaß niemand von uns. Ich war der einige, der immerhin vor einem halben Jahr einen Mopedführerschein gemacht hatte, damit der Roller meines Vaters nicht im Keller versauerte, seit er nicht mehr damit fuhr.
Allerdings war das Teil seit Wochen kaputt und ich kriegte es nicht wieder flott.
Für eine Werkstatt hatte ich keine Kohle und so schlug ich mich mit YouTube-Tutorials und Internetforen durch. Vielleicht hätte ich mit einer Betriebsanleitung und richtigem Werkzeug mehr Erfolg, aber so war das nun mal. Ich legte meine halb gerauchte Zigarette auf den Rand des überquellenden Aschenbechers auf dem Boden und startete mein Rennen gegen Mohammed, als mein Handy in der Hosentasche losging und ich vor Schreck gegen die Leitplanke der Rennstrecke fuhr und liegenblieb.
„Gib schon her, Dennis! Da kann ich auch selber fahren!“, schimpfte Ahmed und riss mir den Controller aus der Hand.
Ich ging ans Telefon, denn Jacky rief an.
„Hey Jacky, was geht?“
„Nichts geht, keiner macht die Tür auf, wenn wir klingeln“, motzte sie mich an. Das war meine beste Freundin. Ich grinste über ihr Gemecker und hievte meinen Hintern vom Sofa hoch, um zur Haustür zu gehen.
„Reg dich ab, ich mach auf. Wer ist denn bei dir? Jenny?“
„Das hättest du wohl gerne“, stellte sie treffend fest. „Ja, es ist Jenny.“
Ich lächelte so dämlich, dass es nur gut war, dass ich allein im dunklen Flur stand und den Türöffner suchte. Jacky wusste als einzige von meiner sinnlosen Schwärmerei für ihre Freundin. Jenny ging grundsätzlich mit keinem Typen aus unserem Viertel aus. Ich war ohnehin viel zu schüchtern, um es ernsthaft bei ihr zu versuchen. Traurig, aber wahr: Jenny und ich kannten uns, seit dem Kindergarten und nie hatte ich es gewagt, ihr einen Hinweis darauf zu geben, dass sie das schönste und netteste und schlaueste Mädchen weit und breit war. Nie.
Lieber hatte ich mich in eine Art Fickbeziehung mit Jacky gestürzt, kurz nachdem sie vor zwei Jahren hergezogen war. Zu meinem Glück war sie eine gute Freundin geworden, obwohl ich mich immer noch dafür schämte, wie ich mit ihr umgegangen war, sobald wir miteinander geschlafen hatten. Vor lauter Überforderung hatte ich sie abserviert und vor unseren Kumpels bloßgestellt.
Ich starrte in die dunklen Tiefen des Hausflurs, während ich nachdenklich in der geöffneten Tür stand.
Jacky hatte mir die Ohrfeige meines Lebens verpasst und wochenlang nicht mit mir gesprochen, bis ich quasi auf Knien angekrochen kam und mich entschuldigt hatte. Und von da an war sie sowas wie meine Schwester geworden. Neben Ahmed die einzige Person, die alles von mir wusste. So wie ich von ihr. Jacky betrachtete mich als den Bruder, den es in keiner besseren Ausfertigung gegeben hatte.
Als sie Jenny kennengelernt hatte, standen die Chancen fifty-fifty, dass die beiden sich hassten oder liebten. Zu meinem Glück waren sie vom ersten Tag an unzertrennlich.
Überhaupt war durch Jacky meine Freundschaft zu Jenny enger geworden. Zu blöd nur, dass Jenny mich ähnlich ansah wie ihre Freundin es tat. Wohingegen Ahmed und Jacky mich regelmäßig beim sabbern erwischten, wenn ich vermeintlich unbeobachtet Jenny anstarrte.
Jetzt ging das Licht an und die beiden Mädchen kamen den Gang hinunter. Jenny mit klappernden Absätzen und in einem selbst für die momentan herrschenden Sommertemperaturen verboten kurzen Minirock, der ihre schlanken Beine astronomisch lang aussehen ließ, Jacky wie so oft in Shorts und Sneakers. Sie waren beide auf ihre Art heiß, aber Jacky strahlte nicht diese pure Weiblichkeit aus wie Jenny. Jacky war härter, rauer. Trotz Jackys wissendem Grinsen nahm ich mir einen Augenblick, um Jenny ausgiebig zu betrachten.
Ihre langen blonden Haare flossen über ihre Schultern und vorne über das hellblaue Blusentop, ihr ganzes Gesicht lächelte und machte es noch schöner als sonst. Jennys Fröhlichkeit erhellte meine Tage, ohne dass sie es ahnte. Sie war eine unbedarfte Fünfzehnjährige wie Jacky und ich es auch sein sollten, wenn wir nicht beide schon siebzehn wären und es uns sowieso nicht leisten konnten, unsere Jugend zu genießen. Jedenfalls die meiste Zeit. Ich wünschte mir Jennys Leichtigkeit.
Sicher, sie fand ihre Nase zu groß und ihre Brüste zu klein und ich sagte nichts dazu, auch wenn ich ihr einmal im Suff gestanden hatte, dass ich alles an ihr für perfekt hielt. Ich wusste bis heute nicht, welche Schlüsse sie aus meinem flammenden Plädoyer für ihren anbetungswürdigen Körper gelesen hatte, aber so wie sie mich gerade anlächelte, nahm sie mir diesen Ausrutscher nicht übel.
Schon schloss sie mich in ihre zarten Arme und ihr Pfirsich-Zitronen-Duft hüllte mich ein. Jacky und sie benutzten dasselbe Shampoo und oft auch dasselbe Parfum, weil Freundinnen das eben so machten. Und weil Jacky kein Geld hatte, um sich eigenes Parfum zu kaufen. Nicht dass jemand das hier aussprechen würde.
„Hi, Dennis“, säuselte Jenny und ich machte mich rasch von ihr los, bevor sie bemerkte, wie hart und schnell mein Herz schlug. Oder wie sehr ich mich zwingen musste, sie nicht festzuhalten. Jacky erlöste mich von meinen Qualen, indem sie ihre Freundin mit einem kaum hörbaren Kichern beiseiteschob und mich kumpelhaft umarmte. Manchmal war sie wie ein Kerl im Körper einer schönen Frau.
Auf dem Weg in Wladimirs Zimmer zauste Jenny meine kurzen Haare und sandte mir damit einen Schauer den Rücken hinab.
„Warst du beim Friseur?“
„Bei Ahmeds Cousin, dort gibt’s Rabatt.“ Auch ich musste aufs Geld schauen, seit mein Vater und ich alleine hausten. Er bezog Hartz IV und arbeitete schwarz auf dem Bau, wenn sein Gesundheitszustand es zuließ. Seit meine Mutter gestorben war und meine ältere Schwester mit ihrem Freund ausgezogen war, fehlte das Geld hinten und vorne. Anpumpen würde ich sie niemals, sie war gerade schwanger und ich konnte froh sein, wenn sie mir ein paar Mal in der Woche etwas kochte und mich die Reste für unseren Vater mitnehmen ließ. Ich freute mich auf den Tag, an dem ich mit der Schule fertig war und selber für mich sorgen konnte.
So wie es aussah, würde ich darauf aber noch eine Weile warten dürfen. Im Gegensatz zu den Mädels stand mir eine weitere Ehrenrunde bevor und ich spielte mit dem Gedanken, die Schule abzubrechen. Was ich ohne Abschluss anfangen sollte, blieb mir jedoch ein Rätsel. Hastig wischte ich den Gedanken an die Schule weg und konzentrierte mich auf Jenny.
„Sieht gut aus“, sagte sie.
„Danke“, erwiderte ich, weil mir nichts Besseres einfiel. Ihr ein Kompliment zu machen, schien mir zu gewagt. Jacky gluckste hinter mir vor sich hin.
Als wir das rauchverhangene Zimmer betraten, sank meine Laune schlagartig. Burak, der offener als ich auf Jenny stand, erhob sich kaum schwankend und begrüßte sie mit albernen Wangenküsschen, die Jenny erröten ließen. Wichser.
Der leicht übergewichtige Wladimir lachte über mein saures Gesicht. Toll.
Brummelig plumpste ich neben Ahmed auf die Couch und holte eine neue Kippe heraus.
Doch Jenny ließ Burak links liegen, setzte sich zu mir und bat um einen Zug. Zusammen rauchten wir schweigend die Zigarette, doch es fühlte sich seltsam intim an.
Sergej, der alte Frauenheld, der sich nicht nur viel aus seine Muskeln einbildete, sondern auch genau wusste, dass die Weiber auf seinen russischen Akzent abfuhren, hatte Jacky auf seinem Schoß sitzen und fachsimpelte mit ihr über eine Reihe von Sportwagen, die er kaufen würde, wenn er die Kohle dafür hätte. Jacky bediente sich an seinem Getränk und flirtete mit ihm auf eine Weise, die den übrigen sieben Typen im Raum klarmachen sollte, dass sie nicht zu haben war. Auch nicht für Sergej, aber dem war sie zu jung, weshalb sie sich zu ihm geflüchtet hatte. Außer mir kapierte nur keiner, was sie da machte. Jacky wollte keine Beziehung und hatte ein mieses Bild von den meisten Männern. Ich hatte ihr leider anfangs nicht das Gegenteil bewiesen.
Jenny hingegen musste man vor sich selbst beschützen. Sobald sie etwas Alkohol intus hatte, verlor sie sämtliche Hemmungen. Burak stand schon mit einem Wodka-Orange breit, um diesen Umstand auszunutzen.
Aber noch saß sie mit mir auf dem Sofa und nicht knutschend mit ihm in der Ecke. Was ich leider auch schon mitansehen musste.
„Oh, danke, Burak“, sagte sie lächelnd und nahm ihm das Glas aus der Hand. Wenigstens musste ich keine Angst haben, dass er ihr K.O.-Tropfen unterjubelte. Er würde solche Prügel beziehen, dass er im Krankenhaus aufwachen würde.
„Willst du mit auf den Balkon kommen?“, fragte der Arsch.
Bitte bleib noch hier, bat ich sie stumm, obwohl sie mich natürlich nicht hören konnte. Doch ihre blauen Kulleraugen durchschauten mich dieses Mal. Sie nickte.
„Nachher vielleicht. Jetzt will ich noch ein bisschen mit Dennis reden.“
Entgegen meiner Erwartung pflanzte Burak sich neben Mohammed auf den Fußboden und wandte sich dem Fernseher zu, auf dem die Autorennen weitergingen.
„Wollen wir ein bisschen auf den Balkon gehen?“ Ich fühlte mich weniger fertig als gedacht. Wenn ich kiffte, trank ich nicht und umgekehrt. Alkohol und Gras zusammen schossen mich so ab, dass ich nur noch apathisch rumliegen würde. Ein paar Züge an einem Joint machten mich locker, aber nicht unzurechnungsfähig. Dazu war ich zu sehr daran gewöhnt.
Auf der Loggia stellten wir uns neben einander in die laue Sommerbrise und blickten auf die hell erleuchtete Rheinebene hinunter. Selbst einem Asi wie mir gefiel die Aussicht.
Die Aussicht neben mir war zwar noch besser, aber das würde ich nicht mal dann sagen, wenn Ahmed mir rhythmisch mit der haarigen Faust in den Rücken schlagen würde. Sowas Abgedroschenes durfte ich höchstens denken.
Jenny nippte an ihrem Getränk und bot mir auch einen Schluck an. Einen nahm ich, das ging schon klar.
Plötzlich griff sie nach meiner Hand und hielt sie fest.
In der Grundschule waren wir oft zusammen in der Reihe gelaufen, aber nie hatte es sich so angefühlt wie in diesem Moment, als ein Kribbeln meinen Arm hinaufzog und in meinen Bauch schoss.
Mein Kopf ruckte zu ihr, aber Jenny schaute nur lächelnd in die Ferne.
„Ich weiß, dass du mich magst, Dennis“, erklärte sie ohne mich anzusehen. Mein Herz schlug einen Salto. Soviel zur Tarnung. Ich war ja megaunauffällig. Nicht.
„Und stört dich das?“, traute ich mich zu fragen. Ich räusperte mich, weil sich mein Hals auf einmal rau anfühlte.
Sie schüttelte den Kopf. „Du bist nicht mehr der unreife Idiot, der ein tolles Mädchen wie Jacky behandelt wie ein Arsch. Ich weiß, dass du es nicht böse gemeint hast.“
Dann beugte sie sich herüber und küsste mich auf die Wange. Ich glaubte, in Flammen zu stehen. Wieso ausgerechnet heute Abend?
„Warum tust du das?“ Ich hielt ihre Hand fester.
„Willst du nicht, dass ich das tue?“ Nur wer Jenny nicht kannte, würde diese Frage als unschuldig bezeichnen.
Ich schluckte hart, dann nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und suchte ihren Blick.
„Wahrscheinlich wünsche ich mir schon seit zwölf Jahren, dass du das tust, Jenny.“ Ich stockte und legte meinen freien Arm um ihre wundervolle Taille. Mein winziges bisschen Anstand hielt mich davon ab, ihr meine Hand auf den Hintern zu legen. Ich erzitterte innerlich, als Jenny sich vollends zu mir drehte, ihr Glas auf der Brüstung abstellte und ihre Hand in meinen Nacken schob.
Oh, shit!
Ihr Gesicht kam immer näher, bis es verschwamm. Ich schloss die Augen. Entweder verarschte sie mich auf die gemeinste Art, die ich mir vorstellen konnte – oder sie erfüllte mir einen Traum.
Drinnen hatte garantiert Jacky das Kommando über die Musik +übernommen, denn bis zu uns hinaus dröhnte auf einmal „Disco 2000“ von Pulp.
Und dann spürte ich Jennys volle Lippen auf meinen. Verdammt, waren die weich! Hatte sich überhaupt jemals etwas so genial angefühlt wie das hier?
In meinen Eingeweiden zündeten Feuerwerkskörper. Ein winziges Stöhnen verließ meine Kehle. Ich packte Jenny mit beiden Händen an den Hüften und presste sie an mich. Wie ein Negativ von mir schmiegte sich ihr Körper an meinen.
Ihr leises Brummen, als sie die Lippen öffnete, setzte mich endgültig in Brand. Ihre süße Zunge in meinem Mund gab mir den Rest. Meine Knie wurden weich.
Probeweise dirigierte ich Jenny zu einem der Gartenstühle ohne den Kuss zu unterbrechen. Ich vollführte eine halbe Drehung, ließ mich auf dem Plastikstuhl nieder und zog Jenny auf meinen Schoß.
So war es besser. Jetzt konnten sich meine Gliedmaßen gerne in Pudding verwandeln, wenn mich dieses Wahnsinnsmädchen so weiterküsste. Jenny streichelte mein Genick und meinen Hinterkopf, während sie mir mit jeder gekonnten Bewegung ihrer Zunge, jedem Knabbern an meiner Unterlippe mehr den Verstand raubte.
Egoistisch wie ich war, unternahm ich keinen Versuch, sie daran zu hindern. Und das, obwohl ich ganz genau wusste, dass ich nicht der Richtige war, um Jenny glücklich zu machen. Bei weitem nicht.
Aber das würde ich ihr später sagen. Jetzt konnte ich nicht mal mehr geradeaus gucken.
Review schreiben