Der Anfang nach dem Ende - Part I - Abgesang

von Maja32
GeschichteSchmerz/Trost, Suspense / P18
Castiel Dean Winchester OC (Own Character) Sam Winchester
02.08.2019
14.11.2019
30
59660
35
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Ihr Lieben,

herzlich Willkommen zu einer neuen Story von mir (ein paar von euch hatten die Ankündigung ja schon mitbekommen ;).

Wie der Storyname schon sagt, wird es mehrere Teile geben, derzeit plane ich mit 3. Zwei sind komplett fertig geschrieben, dieser Teil hier wird 30 Kapitel umfassen. Veröffentlichungen plane ich Freitags und/oder Dienstags. In der Regel möchte ich gern zwei Kapitel in der Woche veröffentlichen, wenn es nicht passt, dann aber auch mal nur eins.

Die liebe Tatu hat auch hier wieder betagelesen, ein ganz großes Dankeschön, du bist die Beste. Und ich weiß, dass ich mit deiner Anfeuerung auch Part III bald zu einem guten Ende bringen werde ;)

Was gibt es noch zu sagen? Die Grundidee dieser Story basiert darauf, dass Sam und Dean seit Jahrzehnten dauernd an Tatorten ihre Spuren hinterlassen und dafür bisher wirklich selten etwas passiert ist. Das war für mich nie so richtig verständlich, deshalb also hier der Versuch, mal zu schauen, was passiert, wenn es einen von beiden Brüdern erwischt hat und eine Befreiung offensichtlich nicht so einfach möglich war.
Ich bin sehr gespannt, wie ihr die Story findet, wie immer freue ich mich sehr über Rückmeldungen!

Liebe Grüße
Maja

**********

Shani

Ich lasse mich aufatmend in meinen Bürostuhl fallen, schließe einen Moment lang die Augen und massiere mir die Schläfen. Heute ist ein anstrengender Tag und ich weiß im Grunde gar nicht, warum. Denn eigentlich ist alles, wie sonst auch. Als ich die Augen wieder öffne, starre ich aus dem vergitterten Fenster in einen grauen Nachmittagshimmel. Dass das Wetter ziemlich mittelprächtig ist, passt mir eigentlich gut, denn so wird mein bester Freund wirklich mit mir ins Kino gehen und nicht hundert andere Aktivitäten vorschlagen. Aber bis dahin ist noch eine Menge Zeit.
Ich löse den Blick vom Fenster, der Anblick der Gitter deprimiert mich immer wieder, obwohl ich ihn nun schon seit zwei Jahren fast täglich sehe. Warum die Fenster vergittert sind? Ganz einfach, mein Büro ist in einem Gefängnis. Und da sind nun mal zum Schutz vor Ausbruchsversuchen alle Fenster vergittert, auch die der Büroangestellten. Immerhin haben wir in unserem Viererbüro noch Glück, andere Mitarbeiter haben gar keine Fenster. Manche Büros in dem riesigen Gebäudekomplex aus Beton liegen so weit innen, dass Fenster eben nicht mehr drin waren.
Ich stehe langsam auf, gönne mir noch ein paar Minuten, in denen ich den riesigen Papierstapel auf meinem Schreibtisch ignoriere und gehe zu der Magnettafel. Fein säuberlich setze ich meine Haken an die Termine, die ich bereits erledigt habe. Das Board ist für uns eine Übersicht, wer wann was macht. Manche Aufgaben hat einer von uns allein, manche teilen wir uns. Nachdem ich das getan habe und mir nebenbei angesehen habe, welche Termine heute noch offen sind, hole ich mir noch schnell einen Kaffee aus der kleinen Küche, auf die wir gemeinsam mit anderen Angestellten Zugriff haben. Erst dann setze ich mich wieder an meinen Schreibtisch und wühle etwas unmotiviert in den Akten.
Im Grunde sind sie alle gleich eilig, oder eben auch nicht. Auf jeden Fall sind sie der langweiligste Teil meines Jobs. Der Teil, den ich schon während meines Studiums gehasst habe. Das Schreiben von psychologischen Beurteilungen. Nicht, dass das wirklich schlimm wäre. Es ist nur unfassbar langweilig. Noch dazu konnte ich mich, obwohl ich gern Therapeutin bin, niemals mit der Wischi-Waschi-Sprache anfreunden, die man dafür nutzen muss. Natürlich nennt man das Ganze eigentlich “Fachjargon”, ich finde aber, Wischi-Waschi passt viel besser und so nennen wir es hier im Büro immer. Man soll eine Beurteilung abgeben, aber das bitte so, dass nichts wirklich stichfest ist, damit ja niemals jemand wirklich etwas damit anfangen kann. Oder dem Therapeuten aufgrund von einer falschen Beurteilung einen Strick drehen. Ich verstehe den Sinn dahinter und in manchen Fällen ist es auch wirklich schwierig, eine punktgenaue Beurteilung zu schreiben. Wir reden hier immerhin von Menschen, die wir beurteilen. Die haben es an sich, sich mal zu ändern, sie lügen und schauspielern. Das macht so eine Beurteilung nicht immer besonders einfach. Aber manchmal… wenn jemand wirklich gefährlich ist, eine Gefahr für sich und seine Umwelt, warum soll ich das dann nicht so schreiben? “Insasse xyz war schon jahrelang gefährlich, er ist es noch und er wird es voraussichtlich immer bleiben, eine Freilassung ist nicht zu empfehlen”. Klingt doch einfach, oder? Damit könnte jeder etwas anfangen. Nur würde so ein Gutachten von keinem Richter der Welt akzeptiert werden. Zu unprofessionell. Deshalb schreiben wir schlaue, lange, verschachtelte Sätze und hoffen, dass niemand sie richtig versteht. Erst dann ist so eine Beurteilung super gelungen. Merkt man, dass ich diesen Teil wirklich nicht leiden kann?

Ich habe heute schon zwei solcher Beurteilungen geschrieben, außerdem hatte ich vier Einzelsitzungen für Gespräche mit weiblichen Insassen und eine Gruppentherapiestunde. Ich finde, ich habe heute genug getan. Allerdings sind es noch anderthalb Stunden bis zum Feierabend, also werde ich wohl noch so ein haarsträubendes Machwerk schreiben, bei dem hinterher nicht mal mehr ich selbst weiß, was ich eigentlich sagen wollte.
Ich überlege gerade, ob es am meisten Sinn macht, wenn ich einfach die Augen schließe und mir blind und wahllos eine der Akten greife, bevor ich weiter darüber nachdenke, welche ich anfassen sollte, als sich die Bürotür öffnet und Michelle den Raum betritt. Sie grinst, schmeißt eine Akte auf ihren Schreibtisch und setzt sich dann auf meine Schreibtischkante.
“Und? Alles gut? Wir haben uns heute echt wenig gesehen.”

Ich überlege einen Moment, was ich ihr antworten soll. Sie hat Recht, wir haben uns heute wirklich nicht viel gesehen. Das ist oft so. Ja, wir teilen uns das Büro zu viert, aber da wir uns in diesem wenig aufhalten, kommt es immer mal wieder vor, dass man ganz allein ist. Neben Michelle und mir arbeiten hier noch Frank und Steve. Die beiden sind für die männlichen Insassen zuständig, Michelle und ich für die weiblichen. Natürlich gibt es immer mal Überschneidungen und wir tauschen Termine, aber bei manchen der Insassen ist es einfach besser, wenn die Geschlechter getrennt sind. Der Gebäudeteil, in dem unser Büro liegt, ist auch der einzige, der die beiden Hälften des Gefängnisses verbindet, von dem aus man auf beide Seiten gelangen kann. Der Rest ist streng getrennt, die Insassen können sich nicht mal sehen. Was wohl auch besser so ist.
“Ja, alles ist gut. Mehr oder weniger zumindest. Ich fühle mich heute merkwürdig, aber habe keine Ahnung, warum das so ist. Vielleicht einfach, weil ich im Moment so viele Beurteilungen schreiben muss und das so langweilig ist. Keine Ahnung. Aber nachher will ich mit Miles ins Kino. Dann wird der Tag schon gut enden.”
Michelle nickt erst und runzelt dann die Stirn, während sie auf unsere Tafel schaut.
“Dann hast du noch nicht gehört, dass Frank sich krank verabschiedet hat? Wir müssen seine restlichen Termine aufteilen oder absagen.”
Ich schaffe es gar nicht mehr, auf das Board zu schauen, denn in diesem Moment öffnet sich die Tür und Steve kommt in den Raum. Er bleibt genau vor der Magnettafel stehen, bevor er sich zu uns umdreht und sein Blick auf mir kleben bleibt. Steve ist so etwas wie unser Teamleiter, bei Entscheidungen hat er immer das letzte Wort.

“Shani, hast du schon gehört, dass Frank krank ist?”
“Ja, gerade eben. Warum fragst du?”
“Michelle? Du übernimmst die Sitzung mit Mr. Owens. Ich verschiebe meinen nächsten Termin auf morgen und mache dafür Franks Gruppentherapie. Die warten schon, ich muss also gleich los. Und Shani? Du suchst doch immer spannende Fälle für deine Doktorarbeit, oder? Nun habe ich einen für dich. Du übernimmst Franks Feierabendrunde.”
Steve tritt langsam beiseite und gibt den Blick auf die Tafel frei. Ich muss schlucken, als ich den Namen sehe, der dort steht. Dean Winchester.
“Ist das dein Ernst?”
“Ja, ist es. Ist ja nicht so, als würde dir viel passieren können. Und viel rausbekommen wirst du wahrscheinlich auch nicht, mit Frank hat er im letzten Jahr nicht ein Wort gesprochen. Aber du wolltest Fälle, nun bekommst du sie. Viel Spaß damit, ich bin gespannt darauf, was du morgen berichtest. Du hast jetzt noch eine halbe Stunde Zeit, dich in seine Akte einzulesen. Ich bin dann mal wieder weg, falls wir uns nicht mehr sehen, wünsche ich euch einen schönen Feierabend.”
Michelle sieht auf die Terminliste und steht ebenfalls auf.
“Ich muss dann wohl auch gleich los. Na dann… ich drücke dir die Daumen.”
Im Vorbeigehen greift Michelle sich die Akte von dem Insassen Owens und lässt mich dann allein. Mit einer Wand, von der mir ein Name unheilvoll entgegen starrt.

Wie ich schon sagte, ab und an tauschen wir auch Termine. Michelle und ich übernehmen für die Männer aber in der Regel nur dann, wenn es um männliche Insassen der niedrigsten Sicherheitskategorie geht. Nicht um so etwas wie das, was sich nun vor mir auftut. Ich bin seit zwei Jahren hier und mal abgesehen von meiner Einarbeitungszeit, in der ich Frank und Steve ein paar Mal zu Terminen begleitete, hatte ich niemals wieder mit einem Mann aus dem Bunker zu tun. So wird hier der Komplex genannt, in dem die Häftlinge in Einzelhaft sitzen. Sie sind die gefährlichsten unter den Insassen und kommen nicht mehr ungesichert vor die Tür. Als ich hier anfing, war Dean Winchester noch nicht da. Seitdem er da ist, würde ich aber sagen, steht er an der Spitze, wenn man sie alle nach Gefährlichkeit kategorisiert. Nach dem, was ich bisher von Frank und Steve gehört habe, ist der Mann ein Monster mit einer ganzen Reihe an psychischen Problemen. Das wissen die beiden allerdings auch nur aus seiner Akte, denn bevor er hierher kam, redete er wohl noch.
Und genau da liegt der Hund begraben. Ich schreibe gerade an meiner Doktorarbeit. Thema sind Insassen in Gefängnissen mit psychischen Problemen und deren Auswirkung auf ihre Anpassungsfähigkeit. Insasse Winchester scheint ein Paradebeispiel zu sein. Nur weiß ich nicht, ob ich das will. Eine Wahl habe ich aber scheinbar nicht.
Also stehe ich langsam auf und schleiche zu dem Schreibtisch von Frank. Die Akte ist erschreckend dünn. Das liegt aber wahrscheinlich nur daran, dass wir in den Akten immer nur unsere eigenen Vermerke und Gesprächsprotokolle sammeln. Alles andere ist im Computer gespeichert. In der Akte sind nur drei Blätter vorhanden. Drei Blätter mit Daten, jede Woche ein Datum. Und hinter jedem Datum der Vermerk “redet nicht” und die Unterschrift von Frank oder Steve. Da brauche ich schon ein bisschen mehr. Also fahre ich den Computer hoch, um mir die interessanten Informationen zu besorgen.
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