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Hoffnung und Licht

von Marina92
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12
Hikari "Kari" Yagami und Gatomon Takeru "T.K." Takaishi und Patamon
01.08.2019
06.08.2020
31
56.341
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03.08.2019 1.590
 
Joey trat mit gesenktem Kopf aus dem Gästezimmer von Mimis und Tais gemeinsamer Wohnung und vermied es durch das Zurechtrücken seiner Brille, den übrigen Digirittern in die Augen sehen zu müssen. Karis Blick, der ihn zu durchbohren schien, mied er insbesonders. Nach der Auseinandersetzung mit MaloMyotismon hatten sie sich alle im geräumigen Wohnzimmer versammelt und saßen nun verteilt auf dem Sofa, den Fensterbänken und überall, wo sie zu zehnt sonst noch Platz fanden. Alle? – Nicht ganz, denn einer fehlte. Ja, ein blondhaariger junger Mann fehlte…
Die Digimon der zehn Erwachsenen, die sich gerade gemeinsam in einem Raum befanden, waren in der Digiwelt geblieben. Agumon, Gabumon, Patamon und Gatomon hat die blanke Wut gepackt, als sie gesehen haben, was mit T.K. passiert ist – wahrscheinlich machen sie aus MaloMyotismon gerade Kleinholz. Diese Worte von Tai klangen immer noch in Karis Ohren nach. Doch MaloMyotismon hatte es geschafft, das Tor zur Digiwelt erneut zu verriegeln. Man konnte zwar von der Digiwelt in die Menschenwelt aufbrechen, aber umgekehrt war kein Durchkommen mehr möglich. Wohl war ihnen nicht dabei, ihre Digimonpartner alleine zurückzulassen – doch ihnen war auch bewusst, dass Agumon und die anderen erst wieder zu ihnen stoßen würden, sobald sie MaloMyotismon endgültig gestoppt hatten.
Joey verschaffte sich einen weiteren Augenblick Zeit, indem er zum Sofa in der Mitte des Raumes wanderte und sich darauf zwischen Matt und Izzy fallen ließ. Sein Blick wanderte seufzend an die Decke des Raumes, während er seinen Kopf in seinen Nacken lehnte. Mit leicht zittrigen Fingern umklammerte er seinen Arztkoffer, den er auf seinen Schoß platziert hatte. Er war nun schon so viele Jahre Mediziner in der Menschenwelt und auch in der Digiwelt – aber dass er eines Tages einen seiner Freunde mit solchen Verletzungen behandeln musste, da hatte er immer gehofft, dass ihm das erspart blieb. Joey schlug seine Augen, die er für einen winzigen Augenblick geschlossen hatte, wieder auf und blickte durch die Gläser seiner Brille in zehn Augenpaare, die ihm mit einer Mischung aus Sorge und Anspannung fixierten.
„Joey, bitte sag was und rede endlich mit uns! Wie gehts T.K.?“ Aus Matts Stimme konnte man so viele unterschiedliche Emotionen heraushören. Seitdem Tai ihm erzählt hatte, dass T.K. bei der Begegnung mit MaloMyotismon schwer verletzt worden war, war er ein einziges nervliches Wrack.
Angewomon hatte T.K. noch auf dem Schlachtfeld auf ihre Arme genommen und war mit ihm und Kari zu Tais Wohnung, die er mit seiner Ehefrau Mimi bewohnte, geflogen. Eigentlich wollte das engelsgleiche Digimon die beiden zu T.K.s eigenen vier Wände bringen, doch der Weg wäre für den Schwerverletzten viel zu weit gewesen und nun lag der Blondhaarige in Tais und Mimis Gästezimmer.
Joey stützte seine Ellbogen auf seine Oberschenkel und ließ seine Stirn auf seine Handflächen sinken. Durch diese kleine Geste zerbrach Kari für diesen Moment in viele tausend kleine Scherben. Sie kannte Joey inzwischen schon, seitdem sie acht Jahre alt war und wusste zu genau, dass dieses Aufstützen auf die Handflächen die vollkommene Verzweiflung ausdrückte, die der junge Mann, der ihr gerade gegenübersaß, in diesem Augenblick tief in seinem Inneren empfand. Kari wollte seine Erklärungen gar nicht mehr hören. Sie wollte sich weiterhin der Hoffnung – oder vielleicht auch der Illusion – hingeben, dass ihr bester Freund schon bald wieder mit seinem für ihn typischen schiefen Lächeln vor ihr stehen würde. Um T.K. stand es nicht gut, so viel wusste sie jetzt schon, obwohl er noch kein einziges Wort ausgesprochen hatte.  
Joey schüttelte zögerlich den Kopf. „T.K. geht es gar nicht gut. MaloMyotismon hat ihn ordentlich zugerichtet – und damit mein ich nicht nur die äußeren Verletzungen, die er ihm zugefügt hat.“ – „Was meinst du damit, Joey?“, wurden seine Erläuterungen jäh von Matt unterbrochen. Der Blondhaarige sprang von seinem Platz, den er sich auf dem breiten Fensterbrett gesucht hatte, auf. Er wollte ein paar Schritte auf Joey zugehen, doch er wurde von Sora, die er vor vielen Jahren geheiratet hatte, daran gehindert, indem sie ihm eine Hand auf seine Schulter legte. Die junge Frau fixierte ihren Ehemann mit ihren hellbraunen Augen und schüttelte bestimmt den Kopf. Sie konnte Matts Ungeduld und seine aktuelle Gefühlslage verstehen – aber er würde an der Situation auch nichts ändern können, wenn er sich nun mit Joey stritt.
Der blauhaarige Träger des Wappens der Zuverlässigkeit rückte nochmal seine Brille zurecht und musterte nochmals jeden einzelnen in der Runde. Es fiel ihm sichtlich schwer, die nachfolgenden Worte, die er mühsam versucht hatte, sich irgendwie innerhalb kürzester Zeit zurechtzulegen, auszusprechen. Besonders für Matt würde das, was er zu sagen hatte, ein herber Schlag sein. Und wahrscheinlich auch für Kari, fügte er in Gedanken hinzu.
„T.K. hat sich durch den heftigen Aufprall mehrere Rippen gebrochen und sich außerdem eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen. Seine Platzwunden hab ich schon versorgen können. Aber das ist es nicht, was mir Kopfzerbrechen bereitet.“ Alle im Raum schienen für einen kurzen Augenblick den Atem anzuhalten, während sie Joeys Erklärungen folgten. Bisher klang alles ja gar nicht einmal so hoffnungslos, aber die Mimik des Trägers des Wappens der Zuverlässigkeit drückte etwas anderes aus.
„T.K. hat hohes Fieber und seltsamerweise komm ich mit Medikamenten nicht dagegen an. Und außerdem…“ – „Und außerdem? Joey, jetzt spuck schon endlich die Wahrheit aus! Jeder hier im Raum durfte inzwischen wissen, dass du uns etwas Wichtiges verschweigst.“ Während Matts Ungeduld und Anspannung von Sekunde zu Sekunde größer zu werden schien, sank Kari auf der anderen Seite des Raumes immer tiefer in sich zusammen. Sie spürte die Hand ihres Bruders auf ihrer Schulter, der ihr mit dieser kleinen Geste ein wenig Zuversicht schenken wollte – doch das nahm Kari nur wie durch einen dichten Nebel wahr.
„Na gut – ich wollte ja erst einige Nachforschungen anstellen, bevor ich euch Genaueres erklären wollte – aber wenn ihr es unbedingt wissen wollt… T.K. wird von Minute zu Minute schwächer und ich finde die Ursache dafür einfach nicht. Patamon versucht im Augenblick zwar, ihm einen Großteil seiner Energie zu übertragen – aber auf die Dauer wird die leider nicht ausreichen…“ Karis Kopf schnellte in die Höhe und auch Matts Augen wurden immer größer, während gleichzeitig in seinem Gesicht das blanke Entsetzen zu lesen war. Es dauerte eine Sekunde, bis diese Worte, beziehungsweise deren Tragweite bei der jungen Braunhaarigen ankamen.
„Soll das etwa bedeuten, dass…“, fragte Kari und sie zerbrach an diesem Abend erneut in tausende kleine Scherben, als Joey zögerlich nickte. Nein! Das durfte einfach nicht wahr sein! Nicht er! Nicht ihr T.K.!
Kleine Tränen sammelten sich in diesem Augenblick in ihren Augen und sie versuchte erst gar nicht, diese zurückzuhalten. Tais Finger klammerten sich immer stärker um ihre Schulter, während die ersten salzigen, heißen Tropfen sich bereits den Weg über ihre Wangen bahnten und mit einem leisen Platschen auf ihre Handrücken fielen.
„Ja Kari, du hast leider recht. T.K.s Energie wird bald vollständig aufgebraucht sein – und er wird sterben, wenn wir den Wettlauf gegen die Zeit nicht gewinnen…“ Joeys Stimme wurde bei diesen Worten immer leiser und er ließ seine Stirn erneut auf seine Handflächen fallen, um mit dieser Geste den Blicken seiner Freunde ausweichen zu können. Er war lange bei T.K. gewesen und war sich mit seiner Diagnose leider absolut sicher – auch wenn es ihm immer noch völlig schleierhaft war, aus welchem Grund der blondhaarige junge Mann rapide und von Sekunde zu Sekunde Energie verlor. Doch er würde alles daran setzen, T.K. zu helfen, dazu war Joey fest entschlossen. Er würde Unterstützung brauchen, aber vielleicht hatte der Träger des Wappens der Hoffnung dennoch eine winzige Chance.
Kari war immer noch nicht in der Lage, auch nur ein einziges Wort zu erwidern. Joeys Worte saßen wie Peitschenschläge und ihre Tränen rannen ihr in Sturzbächen über die Wangen. Nicht T.K.! Nicht mein T.K.! Schoss es ihr immer wieder durch den Kopf, während ihre Augen ins Leere starrten. Sie konnte auch Joey nicht ins Gesicht sehen. Sie wollte – nein, sie konnte – seine Ratlosigkeit und Hilflosigkeit, der in seiner Mimik zu lesen war, einfach nicht ertragen.
Man hätte wahrscheinlich eine Stecknadel in Tais und Mimis Wohnzimmer fallen hören können. Niemand traute sich etwas zu sagen und jeder war in diesem Moment mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen beschäftigt. Matt ließ sich neben seiner Frau Sora auf das Sofa fallen und die rothaarige Digiritterin schloss ihn sachte in ihre Arme.
Kari wischte mit einer ausladenden Armbewegung Tais Hände von ihren Schultern und stand ruckartig von ihrem Platz auf. Sie musste T.K. sehen, mit ihm reden, ihm Mut und Zuversicht zusprechen, ihm… Doch sie wurde von Joey gestoppt, der sich ihr in den Weg stellte und beide Hände auf ihre Schultern platzierte. „Kari“, begann er, behutsam auf sie einzureden und bat sie außerdem, ihn anzusehen. Ihre Augen waren jetzt schon durch ihre Tränen in ein tiefes Rot getaucht. Joey sah sie eindringlich an. „Ich werde alles tun, damit T.K. so schnell wie möglich wieder fit wird. Aber dafür werde ich deine Hilfe brauchen, Izzy.“ Joey wandte seinen Blick zum Träger des Wappens des Wissens und sah diesen zustimmend nicken.
„Ich möchte zu T.K.. Ich möchte zu T.K. – sofort.“, schrie Kari in die plötzlich einsetzende Stille und wand sich unter Joeys Hände, die immer noch auf ihren Schultern platziert waren, geschickt hinweg. Tai wollte ihr noch etwas hinterherrufen, doch das hörte sie schon gar nicht mehr. Sie war bereits pfeilschnell durch die Tür zu dem Zimmer geschlüpft, in dem ihr bester Freund T.K. lag und schlug selbige lautstark hinter sich zu. Doch den Anblick, der sie dort erwartete, hätte sich Kari, wenn sie ehrlich war, lieber erspart.
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