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Endlich Perfekt

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Carlisle Cullen Isabella "Bella" Marie Swan Jasper Whitlock Hale Mary Alice "Alice" Brandon Cullen
01.08.2019
03.12.2021
858
1.033.674
136
Alle Kapitel
2.534 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
12.10.2021 1.272
 
Hallo ihr Lieben,
hoffentlich geht es euch allen gut! Heute habe ich zum Glück etwas weniger Stress und kann deswegen auch wieder etwas eher hochladen.
Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen!

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Wütend schaffte ich es, Jaspers Hand mit der Papiertüte von meinem Gesicht zu bekommen.

Ehe ich mich aber richtig aufregen konnte, flog etwas auf mich zu. „Hier, zieh die an. Wir machen einen Ausflug“, bestimmte Rosalie herrisch. Reflexartig fing ich die Jacke auf und zog sie an. Ich merkte Rosalie deutlich an, dass es ihr widerstrebte, mich Huckepack nehmen zu müssen, aber sie tat es. Einen Wimpernschlag später waren wir auch schon verschwunden. Ich realisierte kaum, wie wir durch das Haus der Cullens und den angrenzenden Wald flogen. Etwa eine Minute später verlangsamte Rosalie. Wir waren an den Stielküsten angelangt. Sicherlich waren wir nicht weit von La Push entfernt.

„Du musstest einfach mal raus“, verkündete Rosalie auf meinen fragenden Blick hin. „Aber warum tust du das?“, rutschte es mir überrascht heraus. Bisher hatte sich Rosalie noch nie so für mich eingesetzt. War ich überhaupt schon mal mit ihr alleine an einem anderen Ort als dem Haus der Cullens gewesen?

„Ich habe wohl etwas von mir in dir wiedererkannt, als wir zusammen das Geschirr zerschlagen haben. Nach meiner Verwandlung war ich ähnlich wütend und verzweifelt wie du in dem Moment. Aber wie schon gesagt: Es kann wirklich besser werden und ich würde mir für dich wünschen, dass du das auch irgendwann erlebst“, erklärte sie ungewohnt offen. Ich nickte nur. Was sollte ich darauf auch antworten? Gerade fühlte es sich so an, als würde es niemals besser werden.

„Ich versuche es ja“, antwortete ich schließlich doch, alleine aus dem Grund, weil ich Rosalies Bemühungen nicht mit Füßen treten wollte. „Das tust du vielleicht, aber du lässt immer wieder zu, dass dich andere Menschen aus dem Konzept bringen. Immer wieder rutscht du da rein und machst es dir leicht.“ Das klang schon eher nach Rosalie. „Ich mache es mir nicht leicht!“, begehrte ich auf. „Hast du eine Ahnung davon wie es ist, wenn man einfach nicht essen kann und alle möglichen Leute auf einen einreden und mit Konsequenzen drohen?“

„Du machst es dir trotzdem leicht“, beharrte Rosalie auf ihre Position. Ihre harschen Worte in Verbindung mit ihrer unnachgiebigen Mimik sorgten dafür, dass ich mich direkt unwohl fühlte. Als sie weitersprach, war ich den Tränen nahe: „Carlisle hat es dir schon mal erklärt. Das Hungern ist für dich eine Vermeidungstaktik. In diesen Momenten gibt es dann eben die Leute, die auf dich einreden. Das überspielt deine sonstigen Sorgen oder verhindert andere unangenehme Gespräche. Ich weiß nicht, wovor du dich jetzt drücken willst, aber es gibt bestimmt etwas, über das du nun ganz bestimmt nicht sprechen möchtest.“ Ihre Worte schmerzten, aber sie entsprachen auch der Wahrheit, wenn ich offen darüber nachdachte. Ich hungerte zwar nicht absichtlich, um manchen Dingen aus dem Weg zu gehen - es passierte einfach - aber trotzdem hatte sie Recht.

„Du musst dich in diesen Momenten dann auch einfach nicht mit schlechten Gefühlen auseinandersetzen. Dabei wissen wir beide ganz genau: Irgendwann musst du wieder essen. Warum willst du es nun so lange hinauszögern, bis Carlisle dir gewaltsam eine Infusion legt? Warum willst du deine Erfolge nun so einfach wegschmeißen?“

Die Tränen flossen über. Es tat weh, mir so deutlich anhören zu müssen, was ich alles falsch machte. Dass ich es vermied, mich meinen Problemen zu stellen, obwohl ich das Gefühl hatte, dass ich das in den letzten Wochen getan hatte. Es wirkte, als wären diese Bemühungen für Rosalie gar nichts wert. Als würde sie gar nicht sehen, wie sehr ich mich anstrengte.

„Aber ich…“, wollte ich einwenden, aber meine Stimme brach. „Es tut mir leid“, schluchzte ich stattdessen und ließ mich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm sinken. Ich brauchte nun einfach diesen Halt, sonst wären mir vermutlich geradewegs die Beine weggeknickt. „Das muss dir nicht leid tun. Das ist vermutlich auch einfach Teil deiner Krankheit. Du musst dich nur dafür entscheiden, anders zu handeln. Du weißt, dass du essen musst. Warum nicht jetzt?“

Damit wandte sich Rosalie ab und blickte auf die Wellen hinaus. Sie schien mir etwas Zeit geben zu wollen, das Gesagte zu überdenken. Eigentlich hatte sie Recht, so schmerzhaft ihre Worte auch gewesen waren. Irgendwann würde ich essen müssen. Oder Carlisle würde eingreifen. Mit Schaudern erinnerte ich mich daran zurück, als es schon mal kurz davor gewesen war. Ich erinnerte mich an die erbarmungslos festen Griffe der Cullens, gegen die ich nicht mal den Hauch einer Chance gehabt hatte.

Die Hoffnungslosigkeit von damals machte sich in mir breit. Ich wusste noch nicht mal genau, was ich durch mein Verhalten eigentlich erreichen wollte. Genug abnehmen könnte ich in dieser Zeit so oder so nicht. Carlisle würde bestimmt dafür sorgen, dass das keine allzu großen Auswirkungen hatte. Warum also konnte ich dann jetzt nicht einfach aufgeben, etwas essen und Schadensbegrenzung betreiben? Warum war ich drauf und dran, alles kaputt zu machen?

„Aber ich will keine Schwäche zeigen“, flüsterte ich kleinlaut. Mit wehendem Haar drehte sich Rosalie wieder zu mir um. „Und du denkst, dass es Schwäche bedeutet das einzugestehen?“ Ihre Frage klang fast schon wie eine Provokation. „Es zeigt eben, dass ich schon wieder etwas falsch gemacht habe. Dass ich es noch nicht mal hinbekomme zu essen, obwohl ich doch eigentlich wieder glücklich werden will.“ „Du magst das vielleicht so sehen, aber ich denke nicht, dass das irgendjemand sonst so sieht. Wenn überhaupt werden dich Carlisle und Esme dafür loben, dass du die Stärke gefunden hast, dich von alleine wieder auf den richtigen Kurs zu begeben. Niemand wird dich dafür verurteilen. Du darfst nicht vergessen, dass wir nicht so über dich denken wie du. Wir sehen deine Bemühungen, deine Stärke. Damit solltest du vielleicht auch mal anfangen“, schnauzte sie unfreundlich, aber mir entging die Wärme in ihren Worten nicht.

„Können wir dann wieder?“, fragte sie ungeduldig, als ich nach einer Weile nichts mehr erwiderte. Etwas verunsichert nickte ich. „Obwohl… Können wir noch fünf Minuten bleiben?“ Rosalie schenkte mir ein sanftes Lächeln und drehte sich wieder von mir weg. Ich schloss die Augen und genoss die Stille. Es fühlte sich gut an, einfach für einen kleinen Moment noch Kraft tanken zu können.

Als ich bereit war, öffnete ich meine Augen wieder. Rosalie sah mich wohlwollend an. Sie nahm mich wieder Huckepack und in nicht mal einer Minute waren wir zurück im Haus der Cullens. Obwohl es mir anders vielleicht lieber gewesen wäre, setzte mich Rosalie direkt im Wohnzimmer bei Carlisle und Esme ab. Sie war eben nicht so… verhätschelnd. Rosalie würde mich bestimmt auch ohne mit der Wimper zu zucken in ein Haifischbecken schubsen, wenn sie der Überzeugung war, dass mir das helfen könnte. Aber genau das würde mir vielleicht in diesem Moment helfen. Sonst hätte sich vielleicht gleich wieder mein Kopf eingeschaltet und mir eingeflüstert, dass ich mich schämen und besser verstecken sollte.

So suchte ich Carlisles Blick. Er schien darauf zu warten, dass ich den ersten Schritt machte. Da ich nicht wirklich wusste, was ich nun am besten sagen sollte, nickte ich ihm einfach kurz zu und machte mich auf den Weg in Richtung Küche. Glücklicherweise machte er kein großes Ding daraus und ließ mich einfach gehen. In seiner Anwesenheit hätte es vermutlich wieder nicht funktioniert, aber nun hatte ich die Gelegenheit, erneut über das Gespräch mit Rosalie nachzudenken.

Sie hatte Recht: Irgendwann musste ich wieder essen. An diesen Gedanken klammerte ich, als ich schließlich mühevoll die erste Gabel zu meinem Mund führte und den Bissen wirklich schluckte.



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Ich hoffe, dass euch das Kapitel gefallen hat und wünsche euch noch einen schönen Abend.
Liebe Grüße und bis morgen!
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