Geschichte: Fanfiction / Bücher / Krabat / Sail Away

Sail Away

KurzgeschichteDrama / P12 Slash
Meister Tonda
01.08.2019
01.08.2019
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Es ging aufs Jahresende zu, der Koselbruch war zugeschneit und die Gesellen auf der Mühle am Schwarzen Wasser wurden wieder sehr nervös und unruhig. Sie wussten, dass Ende Dezember, genauer in der Silvesternacht, nicht mehr nur der Schnee zu ihnen kam, sondern auch der Tod. Der Tod in Gestalt des Gevatters, mit dem der Meister einen Vertrag geschlossen hatte, der besagte, dass er jedes Jahr einen der Burschen opferte, um sich selbst und seine Mühle am Leben zu halten. Grausam, aber wahr …

Nur einer wusste es noch nicht: Krabat, der Lehrjunge, der das erste Jahr auf der Mühle lebte. Ahnungslos wollte er die Stube am Silvesterabend mit Zweigen dekorieren, aber sein bester Freund Tonda bat ihn, das Zeug wieder rauszuschaffen. „Die anderen sehen das nicht gern“, sagte Tonda ausweichend. „Weshalb seid ihr überhaupt so komisch, seit Tagen? Was ist los, Tonda?“, fragte Krabat unsicher. „Bitte mach‘ dir keine Sorgen. Und denk dran: Egal, was passiert, ich werde immer dein Freund bleiben“, erwiderte Tonda. „Aber jetzt geh zurück in die Schlafkammer, ich habe draußen noch eine Arbeit zu erledigen.“ Tonda ging hinaus. Obwohl es sehr kalt war, standen Schweißperlen auf dessen Stirn. Was Krabat nicht im Traum geahnt hätte: Tonda ging hinaus, um ein Grab zu schaufeln. Sein eigenes, wohlgemerkt. Der Meister hatte es ihm aufgetragen, heute Mittag erst. Tonda wurde von einer betäubenden Ruhe erfasst, er war plötzlich vollkommen gelassen und wusste, was er zu tun hatte. Er ging nochmals zurück zur Mühle, wünschte Krabat eine gute Nacht und dann ging er abermals hinaus und trotzte dem aufziehenden Schneesturm. Er stapfte, eingehüllt in seinen dicken Wintermantel und in seinen Reiterstiefeln, Schritt für Schritt – weg von der Mühle – bis zu dem nahen See, der an einigen Stellen bereits zugefroren war. Dort sah er das Boot und machte es  von seinen Tauen los. Er stieg hinein und fing an zu rudern, obgleich es ihn vor Kälte schüttelte. Das war jetzt egal. Nur weg! Tonda wollte die Art, zu sterben, selbst auswählen. Bevor er sich vom Herrn Gevatter holen ließ heute Nacht, würde er lieber weiter auf den See hinausfahren und dort den Tod finden. Tonda liebte Wasser und er liebte Schiffe. Während er immer heftiger gegen den Strom ruderte (der Sturm wurde stärker), schloss er die Augen und stellte sich vor, er  würde irgendwo auf dem offenen Meer in einem großen Segelboot sitzen. Das war immer sein Traum gewesen. Ein Jammer, dass es nicht Sommer war! Da fiel ihm Worschula ein, das Mädchen das er einige Zeit lang geliebt hatte, und zwar eben im letzten Sommer. Allerdings war die Romanze nicht von Dauer gewesen und somit nicht haltbar. Dennoch war die erste Erfahrung mit dem anderen Geschlecht für Tonda sehr aufregend gewesen und der Sommer, der jetzt weit weg war, hatte sich leicht und unbeschwert angefühlt, ohne jegliche Gefahr. Auf einmal jedoch fiel ihm der Meister ein. Sein Bild würde das letzte sein, das er vor Augen haben würde in diesem Leben. Ein Trost? Gewiss, wenn er von der Tatsache absah, dass er, Tonda, den Meister liebte, wie er noch nie jemanden zuvor geliebt hatte. Schon jahrelang. Er liebte ihn mehr wie er dieses Mädchen geliebt hatte und auch mehr als jeden anderen Menschen den er kannte. Er hätte ALLES für ihn getan, auch wenn der Meister das gewiss nicht verdient hatte, denn dieser war böse und kalt. Ein schwarzer Zauberer, tief verstrickt in die dunklen Künste, und ohne jede menschliche Regung. Niemals hatte der Müller Tonda etwas entgegengebracht. Stattdessen setzte es Schläge und rüde Worte, wenn etwas nicht so war wie es der Meister wollte. Niemals hatte er die Arbeit des fleißigen Altgesellen gewürdigt, und auch nicht die Arbeit der anderen Müllerburschen. Einzig Lyschko konnte sich viel mehr dem Meister gegenüber herausnehmen. Oh, wie Tonda diesen Kerl hasste! Und er? Kein liebes Wort vom Meister. Kein Lob. Kein Dank. Dennoch liebte Tonda den Müller so sehr, dass sein Herz blutete. Und er konnte sich nicht einmal erklären, wieso. Er spürte einen Schwindel und eine angenehme Müdigkeit. Die Kälte die über ihn hinwegpeitschte, spürte er kaum noch. Er hatte schon leichte Erfrierungen im Gesicht, aber der viele Rum, den er zuvor heimlich getrunken hatte, machte ihn taub und gefühllos. Sterben war ja gar nicht so schwer … Ach, Meister … Tonda sah vor sich das bleiche Gesicht, umrahmt von wirrem, dunkelbraunem Haar, ein strahlendes hellblaues Auge, das andere blinde Auge bedeckt von einer Augenklappe … Meister … Tonda wurde ohnmächtig. Das Boot kippte um.

„Tonda! Tonda!“, schrie eine heisere Stimme. Benommen blickte sich Tonda um. Er lebte. Und er lag offenbar in der Meisterkammer, in dessen behaglich weichem Bett, unter vielen warmen Decken. Der Meister beugte sich über ihn und hielt sanft seine Hände in den seinen. „Ich habe dich gerettet, Tonda.“ –„Aber wieso das? Ich sollte doch sowieso sterben, der Gevatter …“, stammelte Tonda. Er fühlte sich sehr schwach. „Ganz ruhig, ich werde dir alles erklären. Aber jetzt ruhe dich aus. Du musst schlafen. Eines musst du wissen: Du bedeutest mir wahnsinnig viel, Tonda“, sagte der Müller und strich Tonda über die heiße Stirn. Tonda war überrascht, aber im nächsten Moment wurde er wieder vom Schlaf überwältigt. Als er später erneut erwachte, fieberte er. „Meister …“ rief er und als der Meister kurze Zeit später zu ihm kam, flüsterte Tonda: „Bitte bleib‘ bei mir.“ Der Meister trat näher und sagte: „Ich lass‘ dich nicht alleine.“ Dann legte er sich neben Tonda ins Bett, breitete die warmen Decken über sie beide und umschlang Tonda vorsichtig mit beiden Armen. Dieser fühlte sich geborgen und glücklich und schlief wieder ein.

Die Tage darauf ging es dem Altgesellen schlechter. Das Fieber stieg und Tonda bekam nicht mehr viel mit, auch nicht, dass der Meister fast Tag und Nacht an seinem Bett wachte. Jede Nacht schlief er neben Tonda in seinem Bett, aber der Junge schien nicht gesund zu werden. Der Mangel an richtigen Medikamenten war dafür mitverantwortlich, eigentlich hätte Tonda in ein Krankenhaus gehen müssen. Jedoch hätte er die Fahrt mit dem Pferdewagen bis nach Dresden wohl kaum überstanden, da dies viel zu lange gedauert hätte und es draußen noch immer klirrend kalt war. Und zudem gab es zu der Zeit um 1646, in der sich das Ganze abspielte, noch nicht solche Möglichkeiten wie zu späteren Jahren. Tonda hatte sich durch die Bootsfahrt und den Sturz in das eisige Wasser schwer verkühlt und der Meister bangte um dessen Leben. Die anderen Burschen nahmen die Arbeit auf, als sei nichts gewesen. Der Meister hatte Hansen die Leitung übertragen, schließlich musste die Mühle weiterlaufen. Aber einige von ihnen sorgten sich um Tonda. Einmal durfte auch Krabat zu ihm. Verheult und blass saß er an Tondas Bett, aber dieser erkannte ihn kaum. „Du darfst nicht sterben, ich brauche dich doch. Wir alle brauchen dich“, sagte er leise und hielt Tondas heiße Hand. Am siebten Tag schloss der Meister einen Handel mit Gott. Seit zwanzig Jahren hatte er nicht mehr gebetet. Dann hatte er sich schließlich der dunklen Seite angeschlossen, das Pentagramm anstelle des Kreuzes als sein persönliches Heiligtum anerkannt und die Schwarze Magie, wie sie im Koraktor geschrieben steht, wurde sein ganzer Lebensinhalt. Jetzt aber, in höchster Verzweiflung, sprach er im Geiste mit Gott. „Ich weiß, dass ich dich vor langer Zeit verlassen habe. Wenn ich deiner noch wert bin, so möchte ich dir einen Handel vorschlagen. Mein Leben gegen das von Tonda. Wenn du Tonda leben lässt, gebe ich dir aus freien Stücken mein Leben. Dem Gevatter schwöre ich vollständig ab, ebenso der Schwarzen Kunst.“ Danach ging er wieder zu Tonda und setzte sich an sein Bett. „Es wird alles gut werden. Du wirst wieder gesund“, sagte er leise.

Zwei Tage später schlug der Altgesell die Augen auf. Sein fiebriger Glanz war verschwunden und das blasse Gesicht, umrahmt von gewelltem, langem Haar, schien wieder Farbe zu bekommen. „Tonda!“, sagte der Meister. „Meister. Mir geht es prächtig. Was war denn los?“ „Du warst sehr, sehr krank. Aber jetzt wird alles gut.“ „Du … hast mich wirklich gerettet?“, fragte Tonda. „Gewiss. Jetzt will ich dir erzählen, wie es dazu kam. Der Gevatter selbst sucht jedes Jahr den Burschen aus, der geopfert werden soll, dessen Seele er sich holt. Als ich erfuhr, dass du es diesmal sein solltest, brach es mir beinahe das Herz. Denn ich habe dich sehr gerne, auch wenn ich mich gezwungen fühlte, das niemals zu zeigen. Ich  musste dich genauso behandeln wie die anderen, um mich nicht zu verraten. Daher verzeih‘ meine Kälte. Im Innern sieht es bei mir ganz anders aus, da lodert ein Feuer … Die anderen sind mir gleichgültig, aber du bist mir sehr wichtig, Tonda!“ (Bei diesen Worten wurden Tondas Augen feucht) „Ich schlug dem Herrn Gevatter etwas vor, das mir als letzter Ausweg erschien. Im Grunde kannst du mit ihm nicht verhandeln, aber er ging auf meinen Vorschlag ein. Ich  würde die Mühle und die Schwarze Magie aufgeben, auch wenn dies mein Leben ist, wie du vielleicht weißt. Ohne die Mühle wäre mein Leben nicht mehr lebenswert. Aber ich würde fortgehen und euch die Mühle überlassen – jeglicher Zauberkräfte von nun an beraubt. Und der Gevatter war einverstanden. Ich suchte dich und fand dich in letzter Minute im Wasser. Dein Boot war umgekippt und du dem Erstickungstod nahe. Du warst bereits bewusstlos, als du ins eisige Wasser gefallen bist. Zum Glück fand ich dich, dank meiner magischen Fähigkeiten, die ich jetzt allerdings auf immer verloren habe. Jetzt wirst du wieder gesund werden.“ Der Meister wirkte erschöpft, aber erleichtert nach dieser Beichte. „Und du wirst wirklich fortgehen? Was soll ich ohne dich machen?“ – „Ganz ruhig, mein  Junge. Ich will, dass du die Mühle übernimmst und dich um die Burschen kümmerst. Wer bleiben möchte, darf bleiben. Jetzt, wo ihr alle nicht mehr zaubern könnt, wird euch die Arbeit freilich schwerer fallen. Aber du kriegst das schon hin, neuer Müller vom Koselbruch!“ Tonda hatte Tränen in den Augen, war aber stolz, dass ihm der geliebte Meister so viel zutraute.  Da zog der Meister ihn sanft zu sich heran und küsste ihn auf den Mund. Tonda schloss die Augen,  fühlte die wilden Bartstoppeln und die weichen, zärtlichen Lippen und um ihn versank die Welt … Tonda ahnte nicht, dass dies ein Abschiedskuss war. Und ein Abschied für immer. Der Meister nämlich verließ die Mühle nicht, er verließ sie nie wieder. Am nächsten Morgen lag er tot in seinem Bett in der Schwarzen Kammer.