not afraid of the death

GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
Bellatrix Lestrange Harry Potter Lord Voldemort / Tom Vorlost Riddle Narzissa Malfoy
01.08.2019
24.11.2019
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Hi,
ich melde mich dann wieder einmal in dem Vorwort.
Ich habe ja anscheinend mit dem Besuch von Voldemort ein bisschen ungeplante Verwirrung gestiftet. (Eigentlich ist es schon zum Lachen, wie sehr mich das erschreckt hat und ich erst einmal hilflos nach einer Lösung gesucht habe. Das ist übrigens der Grund, weshalb ich absichtlich zumindest einen Tag warte, bevor ich antworte - falls sich jemand gefragt haben sollte.)
Ich habe versucht, es in dem Kapitel noch einmal etwas besser einzuflechten und aufzuklären, aber, nun, es ist irgendwie auch nur ein Satz geworden, der es ein bisschen andeutet. Anders hätte es aber einfach nicht rein gepasst.
Ich hoffe, der Satz reicht, ansonsten muss ich mich noch einmal an das dritte Kapitel setzen und vielleicht ein, zwei Sätze dort einfügen.
Aber genug von meinen Überlegungen: Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!



4. Kapitel: Märchen



Harry lächelte, als er am nächsten Morgen, sobald er seine Brille aufgesetzt hatte, ein Märchenbuch auf seinem Nachttisch liegen sah.
Es war ihm nicht bekannt – natürlich nicht. Er kannte keine Märchen: nicht von Muggeln und erst recht nicht von Zauberern.
Als Harry das alte Zimmer von Dudley bekommen hatte, waren dort ein paar Bücher drin gewesen. Actionromane, mit denen seine Tante versuchte, seinen Cousin doch noch zum Lesen zu begeistern. Bevor sie es schließlich aufgegeben und auch das obligatorische Buch aus der Geschenkliste für jegliche Anlässe gestrichen hatte. Die Überbleibsel aus der Zeit waren unberührt im Schrank stehen geblieben und waren somit das einzige Eigentum von Dudley, das unversehrt durch dessen Jugend gekommen war.
Harry hatte sie gelesen. Er hatte sie nicht für gut befunden, denn dafür war zu viel Gewalt darin, die er schon aus seinem eigenen Leben gekannt hatte. Doch obwohl er schon nach dem ersten Buch erkannte, dass es nicht sein Genre war, und er am liebsten nie wieder ein Buch dieser Art in die Hand genommen hätte, kannte er sie inzwischen – drei Jahre später – alle. Der Hunger treibt's rein, heißt es im Volksmund. In dem Fall war es eher die Not. Die Suche nach irgendetwas, was seine Gedanken auf trab, seinen Kopf beschäftigt hielt, hatte letztendlich immer zu diesem Regal geführt, das alles mehr oder weniger Neue enthielt, was er bei Tante und Onkel besitzen durfte.
Andächtig öffnete er das Buch. Auf der ersten Seite stand oben rechts in der Ecke in krakeliger Druckschrift Draco Malfoy.
Natürlich, irgendwo musste Voldemort das Buch ja hergenommen haben. Der Mann, vor dem sich die gesamte Zauberwelt fürchtete, besaß mit Sicherheit keine Kinderbücher – und wenn er es tat, würde er sie sicher nicht so schnell herausrücken.
Es war seltsam ein Buch seines Schulfeindes in der Hand zu halten. Nicht irgendein Schulbuch, sondern ein Kinderbuch. Ein Buch aus der Zeit, in der Draco noch gar nicht wusste, wer er war oder was er werden würde. Aus einer Zeit, in der er Zuhause noch sicher war, der Dunkle Lord als besiegt galt und Dracos Sachen noch so unschuldig waren wie er selbst.
Er schlug es auf und begann zu lesen.

Harry saß in einem der gemütlichen, roten Sesseln vor dem Kamin im Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Er hatte sich seinen Feierabend redlich verdient, denn seit Voldemort zurück war, hatte Dumbledore ihn zu Privatunterricht, wie dieser es nannte, überredet. Überredet war nun nicht exakt das richtige Wort dafür, da er nicht unbedingt eine Wahl hatte zu widersprechen, doch es passte irgendwie am besten.
Sie hatten die Abende genutzt, um Erinnerungen zu studieren. Der Schulleiter hatte ihm im Denkarium gezeigt, wie Voldemort als Jugendlicher war. Er hatte ihm viel erzählt und umso mehr Harry erfuhr, desto mehr festigte sich seine Entscheidung.
Er sah auf.  Ron saß ihm gegenüber und sah nachdenklich auf das Schachspiel zwischen ihnen. Der Rothaarige hatte ihn einmal mehr überreden können, eine Partie Zauberschach zu spielen. Harry sah sich im Raum um, er hatte das Spiel bereits aufgegeben und spielte nur noch weiter, um Ron den Gefallen zu tun. Hermine saß ein paar Schritte entfernt auf einem Sofa und las ein Buch, das sie dabei auf der Armlehne abstützte. Weiter hinten im Raum sah er noch ein paar Schülergrüppchen, die sich leise unterhielten, Snape explodiert spielten oder wie Hermine lasen.
Niemand war nah genug, um ihr Gespräch zu belauschen. Sollte er es wagen?
Sie würden nicht gut reagieren. Hermine hatte es das letzte Mal schon schlecht aufgefasst und jetzt das Thema in Anwesenheit von Ron weiter auszubreiten, könnte ein Schuss in den Ofen werden. Gleichzeitig war sein bester Freund auch um einiges risikobereiter als das Mädchen.
"Harry? Du bist dran", riss Rons Stimme ihn aus den Gedanken. Er sah auf und musterte den Rothaarigen berechnend, bevor er zu dem ansetzte, was ihn schon den ganzen Abend beschäftigt hatte.
Harry strich sich durch die Haare. "Ich hab es verstanden", flüsterte er verschwörerisch. Seine grünen Augen funkelten, während er neugierig die Reaktionen seiner Freunde beobachtete. Ron sah ihn nur verständnislos an, während Hermine den Blick von ihrem Buch hoch nahm und sich nach vorne in seine Richtung lehnte.
"Was hast du verstanden?", fragte Ron. Er sah vom Spielbrett zu dem Schwarzhaarigen und wieder zurück, als würde er seine Spielzüge noch einmal durchgehen. Vielleicht dachte er, dass Harry seine Strategie erkannt hatte und er sie nun wechseln sollte. Vielleicht suchte er den Fehler in seinem letzten Spielzug, der wohl zu viel verraten haben musste. Er wartete auf Harrys nächsten Zug, doch der ignorierte das Spiel geflissentlich.
Er lehnte sich noch weiter vor. "Voldemort", sprach er weiter in dem verschwörerischem Ton. Seine beiden Freunde sahen sich ängstlich im Raum um, ob nicht doch jemand in der Nähe wäre. "Es gibt vielleicht eine Möglichkeit, dass man ihn davon abbringen kann, so weiter zu machen."
Hermines Augen blitzen neugierig. Auch wenn sie das letzte Gespräch zu dem Thema nicht vergessen hatte, war sie eindeutig interessiert. "Wie sicher ist es?", stellte sie die Frage, die Harry gefürchtet hatte.
Er zuckte abwertend mit den Schultern. "Unsicher." Er sah wie sie sich langsam zurück lehnte und fügte schnell hinzu: "Aber es ist zu schade, um es nicht zu probi..."
"Schlag es dir aus dem Kopf! Was auch immer es ist." Hermines Blick war hart geworden und ihre Stimme glich mehr einem Zischen, als ihrer natürlichen, eingebildet erscheinenden Sprachmelodie. "Wir haben doch gesagt, dass es etwas Sicheres sein muss."
Harry verdrehte die Augen, bevor er sie böse anfunkelte. "Es gibt nichts Sicheres", zischte er in gleicher Tonlage zurück. Wieso verstand sie es nicht? "Es ist egal, was wir tun. Immer wird es auf einen Kampf mit ihm hinauslaufen und sobald es dazu kommt, ist gar nichts sicher."
Die Braunhaarige sah ihn mit zusammengekniffenen Lippen an. "Es ist trotzdem besser, als sich ihm quasi in die Arme zu schmeißen, damit er einen umbringt."
"Könntet ihr mir mal erklären, worum es geht?", schaltete sich nun Ron ein, der die immer hitziger werdende Diskussion stumm verfolgt hatte. "Was ist der Plan?" Er stockte und sah ihn fragend an. "Was hast du überhaupt rausgefunden?"
Harry sah ihn dankbar an. "Er hat Angst", erklärte er. "Das ist alles. Letztendlich braucht ihm bloß jemand diese Angst nehmen."
Ron zog die Stirn kraus, während Hermine genervt die Augen verdrehte. Sie wollte ihm zeigen, wie bescheuert sie die Idee fand, doch der Schwarzhaarige ließ sich nicht davon abbringen. Er ignorierte ihren stillen Protest und widmete sich lieber seinem anderen Freund.
Der Rothaarige schien mit seinen Überlegungen fertig zu sein, denn er sah Harry wieder mit klarem Blick an. "Und wer soll das machen?", fragte er leise. "Außerdem: Wie soll man ihm die Angst nehmen? Wovor soll er überhaupt Angst haben? Auch wenn ich glaube, dass das nicht alles ist, was hinter Du-weißt-schon-wem steckt ..."
Der Schwarzhaarige lächelte sanft, als er zu seiner Antwort ansetzte.


Harry blinzelte. Das Buch lag offen neben ihm. Es musste ihm aus der Hand gefallen sein, als er eingeschlafen war. Er war fast durch und ihm fehlten nur noch ein paar Seiten.
Es war lange her, dass er die Zeit gehabt hatte, etwas zu lesen, was nicht mit Unterricht zu tun hatte. Wäre das sein Ziel gewesen, hätte er seine Mission ziemlich überragend abgeschlossen. Er hätte es natürlich auch leichter haben können. Sich von seinem Feind entführen zu lassen, um endlich wieder etwas Normales oder generell etwas Anderes lesen zu können, wäre wohl doch ein wenig über das Ziel hinausgeschossen. Aber er war ja nicht dafür hier. Er war hier, um Voldemort seine Angst zu nehmen. Seine Angst vor ... Seine Angst vor was? Seine Erinnerung über die letzte Zeit, bevor er in dem Zimmer aufgewacht war, war noch immer schwammig. Er wusste einzig und alleine sicher, dass dort noch etwas gewesen war.
Etwas ploppte auf und Harry schob seine Brille wieder gerade, bevor er sich im Raum umsah, was dieses Geräusch verursacht hatte. Sein Blick blieb an dem Tisch hängen, auf dem nun wieder ein dampfender Teller stand. Er musste das Frühstück verpasst haben, aber etwas Warmes war ihm im Moment sowieso lieber.
Er legte das Buch zufrieden lächelnd auf den Nachttisch. Hinten am Einband war ein kleines Lesezeichen befestigt gewesen und so musste er sich keine Gedanken machen, ob er das Buch beschädigen sollte, in dem er es offen aufs Papier legte oder ein Eselsohr in die Seite machte, oder doch lieber seine Seite vergaß. Langsam stemmte er sich hoch. Sein Körper reagierte auf das bisschen Bewegung wie auf einen Dauerlauf. Sein Herz erhöhte das Tempo seiner Schläge. Sein Atem wurde schneller und flacher. Das kann doch nicht normal sein, dachte Harry, doch tun konnte er dagegen auch nichts. Er probierte es, indem er auf halber Schrecke inne hielt und wartete, ob es sich beruhigte, doch sobald seine Geduld am Ende und sein Puls noch immer nicht langsamer geworden war, schwang er ohne weitere Gedanken die Beine aus dem Bett und wollte aufstehen. Sein Kreislauf sackte ab. Es fühlte sich an, als würde sein gesamtes Blut plötzlich in seine Füße strömen und weiße Punkte tanzten vor seinen Augen, während sein Sichtfeld langsam immer dunkler wurde. Harry ließ sich zurück aufs Bett fallen. Mit den Unterarmen auf seinen Knien abgestützt saß er verkrampft auf der Kannte und versuchte wieder die Kontrolle über seinen Körper zurück zu gewinnen.
Er war zu schnell aufgestanden, soweit hatte er es verstanden. Seinem Körper hatte das nicht gefallen, das verstand er auch. Aber weshalb reagierte er so stark auf jegliche Form von Bewegung?
Nun bewusst langsamer erhob er sich wieder vom Bett. Harry schlenderte zu dem Tisch rüber und ließ sich auf den Stuhl vor dem Teller fallen. Eintopf. Was hatte er erwartet? Inzwischen hing es ihm zum Halse heraus, denn seit er sich von dem ersten Essen übergeben hatte, hatten die Hauselfen ihm nichts all zu Schweres mehr gebracht. Er verstand ihren Gedankengang und es hatte auch funktioniert, denn immerhin hatte er seitdem alles bei sich behalten können. Trotzdem sehnte er sich danach, wieder etwas Gehaltvolleres zu essen. Egal, ob er nun davon brach oder nicht.
Sein Blick wanderte gedankenverloren zum Fester. Die Sonne schien und erhellte den wundervollen Garten. Vielleicht könnte er sich nach dem Essen wieder auf das Fensterbrett setzen, wie er es am ersten Tag gemacht hatte. Er könnte das Buch zu Ende lesen und nebenbei die Wolken beobachteten. Die Ruhe genießen, zu der er das erste Mal in seinem Leben die Möglichkeit hatte. Kein Dudley, vor dem er weg laufen musste; keine Lehrer, die ihm Aufgaben gaben; keine Schüler, die über ihn tuschelten oder ihn provozierten; kein Voldemort, der ihn versuchte umzubringen – zumindest bisher noch nicht, vielleicht weil er ihn ja schon kampfunfähig gemacht hatte.
Eigentlich, dachte Harry seufzend und er strich sich erschöpft durch die Haare, eigentlich sollte ich mir Sorgen machen. Seine Freunde waren irgendwo da draußen, vielleicht in Hogwarts, aber er war sich nicht sicher, ob das Schuljahr nicht schon vorbei war. Zwischen seinen schlafenden und wachen Phasen hatte er in dem eintönigen Raum trotz aller Bemühungen sein Zeitgefühl verloren.
Ob man wohl wusste, dass er am Leben war? War dort draußen vielleicht eine großflächige Suchaktion für ihn am Laufen? Waren seine Freunde verzweifelt oder hatten sie keine Hoffnung mehr darin, dass er noch lebte? All das waren Fragen, die ihn beschäftigen sollten. Er sollte sich Sorgen machen, gegen die Gefangenschaft ankämpfen und die Hauselfen auf seine Seite ziehen. Alles was er tat, war abzuwarten. Auf was er wartete, wusste er nicht. Vielleicht dass ihm irgendwer sagte, warum sein Körper verrückt spielte.
Er nahm das Buch, setzte sich ans Fenster und atmete erleichtert aus, denn er hatte doch Zweifel gehabt, ob sich sein Körper nicht dagegen wehren würde, sich auf das Fensterbrett zu ziehen. Mit einem kleinen Lächeln versank er wieder in den Märchen.

Harry blätterte gerade die letzte Seite um, als sich die Tür seines Zimmers öffnete. Er erhaschte einen kurzen Blick auf weiße, spinnenartige Finger, die sich um die äußere Türklinge geschlungen hatten, bevor sich der Rest von Voldemorts Körper in den Raum drängte.
"Warum bist du hier?", fragte er betont ruhig und seine grünen Augen blitzen widerspenstig auf, als er seine Nase übertrieben deutlich wieder in das Buch steckte. "Willst du mich wieder wegen irgendwelcher Dinge zusammenschreien, von denen ich nichts weiß? Ich hätte nicht einmal eine Ahnung, wenn ich nicht hier festsitzen würde und von der gesamten Außenwelt abgeschnitten wäre." Obwohl er sich entspannt gab und eine große Klappe demonstrierte, war er in der Bewegung festgefroren. Er beobachtete den anderen, wie er die Tür schloss und anschließend um das Bett herum auf ihn zu ging. Voldemort sah wütend aus, anders wütend, als er ihn normalerweise kannte, beherrscht. Es schien Harry so, als würde der Lord probieren sich zurückzuhalten und ruhig zu bleiben. Ob er den Raum schon so betreten hatte oder das die Reaktion auf seine Frage war, konnt Harry bei bestem Willen nicht sagen.
"Warum bist du hier?", ignorierte der andere die Worte (vielleicht wollte er seine Schwäche nicht zugeben, die er gezeigt hatte, als er wutentbrannt in das Zimmer einer letztendlich unbeteiligten Person gerannt war) und stellte seine Gegenfrage.  Harry runzelte die Stirn. Was war das für eine Antwort? Außerdem wusste Voldemort doch, weshalb er hier war. Es war ja nicht so, als hätte er sich selbst gefangen genommen oder als hätte er sich gar in diesem Raum verbarrikadiert.
Trotzdem würde er sich nicht dazu niederlassen selbst auch eine Gegenfrage zu stellen. "Du hast mich hier her gebracht." Vielleicht war seine Antwort eine Spur zu schnippisch. Er sollte sich nicht zu viel erlauben, das wusste er. Er war nicht in der Lage, sich wehren zu können, erst recht nicht wenn es über einen verbalen Angriff hinaus ging. Er beobachtete fasziniert, wie Voldemort tief durch atmete und seine linke Hand rhythmisch an- und entspannte. Es war eine untypische Geste für einen Mann wie ihn, so offensichtlich mit rastlosen Bewegungen Druck abzulassen. Es wirkte seltsam beruhigend auf Harry, denn es machte den anderen weniger furchteinflößend; menschlich.
"Potter, verarsch mich nicht. Das meine ich nicht und das weißt du." Harrys Blick wanderte, als er die zerknirscht klingende Stimme hörte, wieder ins Gesicht des anderen. Fast lachte er auf, weil er sich in Gedanken ausgemalt hatte, wie ein schmollender Voldemort aussah und ihm der Widerspruch erst auffiel, als er die ernste Mimik des anderen sah. Fast. Sein Körper war zu müde gewesen, um die Aktion auszuführen, bevor er es sich anders überlegt hatte und so zuckte nicht ein Muskel verräterisch. "Du wolltest hier her", fuhr der andere fort, als wäre es das offensichtlichste der Welt. "Warum hast du so getan, als hätte ich dich besiegt?"
Harry hob überrascht beide Augenbrauen. Er sah den Lord unverwandt an und legte sich im Kopf Worte für seine Antwort zurecht. Er hatte Glück gehabt – entweder das oder das Schicksal meinte es gut mit ihm – dass gerade an dem Tag seine Erinnerung an dieses Detail zurück gekehrt war. Wie hätte Voldemort wohl reagiert, wenn er mit: "Ich weiß es nicht." oder "Ich erinnere mich nicht." geantwortet hätte; oder überhaupt nicht.
Vielleicht war er gerade so einem Wutanfall entkommen und überlebte diese Situation nur, weil sein Gedächtnis eine weitere unscheinbare Erinnerung ausgespuckt hatte. Das Wissen ließ ihn leise auflachen. Es fühlte sich seltsam befreiend an, doch er verstand es nicht. Sein Kopf schien nicht nachvollziehen können, was sein Körper tat, gerade was er fühlte. Ein kleiner Teil von ihm schien ihn von einer Sekunde auf die andere übernommen zu haben. Ein Teil, den er nicht zuordnen konnte, dass er nicht kannte. Zumindest nicht gut genug. Als wäre es sein Leben lang weggesperrt worden und obwohl er es als Teil von sich selbst identifizieren konnte, schien es fremd und unbekannt.
"Du überschätzt mich", antwortete Harry. Er lächelte den anderen leicht an. "Ich war wirklich am Ende, aber das ist egal: Ich habe dir meine Ansichten schon gesagt. Du hast Angst und ich will sie dir nehmen. Es gibt keinen anderen Plan."
Voldemort starrte ihn an. Der Schwarzhaarige konnte keinerlei Emotion aus dem Blick lesen, nicht mehr, als zuvor schon dort gewesen war. Die Wut verschlimmerte sich nicht, sie nahm auch nicht ab und ein wenig hoffte Harry, der Lord würde den unangenehmen Blick wieder von ihm nehmen. Er fühlte sich durchschaut, merkte, wie der andere probierte in seinen Kopf einzudringen, fühlte sich hilflos, weil er nichts dagegen tun konnte.
Voldemort Hände hielten abrupt inne. Sie blieben ruhig an seinen Seiten hängen. Die roten Augen loderten feurig. Die Präsenz zog sich aus seinem Kopf zurück. Harry schluckte. Er musste etwas gefunden haben. Nur was? Etwas, was er selbst noch nicht wusste?
"Woher willst du wissen, dass ich angeblich Angst hätte?", fragte der andere kalt. Es hatte es geschafft, jedes Anzeichen von Wut nicht nur aus seinen Bewegungen, sondern auch aus seinen Zügen zu streichen. "Du solltest das wohl nicht zu laut sagen, man könnte dich auslachen."
"Hier?", rutschte es Harry aus, bevor er sich zurück halten konnte. Er biss sich auf die Zunge und atmete noch einmal durch. "Ich habe es gesehen."
"Wo willst du das gesehen haben?"
Er sah unsicher auf die Decke. "In Dumbledores Denkarium."
Der Schwarzhaarige hob den Blick wieder, als er ein Rascheln hörte und sah wie Voldemort sich auf einen der Stühle gesetzt hatte, die am Tisch standen. Die Spannung fiel wieder von ihm ab, als er sah, wie der andere seinen Kopf auf seine Hand aufstützte. Wieder eine menschliche Geste, die er nicht einordnen konnte. Trotzdem gab es ihm unerklärliche Sicherheit.
Es dauerte eine Weile, bis der andere wieder das Wort ergriff. "Wie kannst du auf so etwas vertrauen?" Seine Stimme war spottend, doch ruhig. Die Wut schien verflogen zu sein.
"Ich habe es gespürt und das war nicht, was er mir zeigen wollte", verteidigte Harry sich. Er wusste, dass er niemandem blind vertrauen durfte. Er hatte das früh gelernt und gerade jetzt kratzte es an seinem Stolz, dass der andere ihm genau das unterstellte. "Er hat gewusst, dass du Angst hat, ja, aber er hat es nicht verstanden. Er hat es gedeutet, doch er lag falsch."
Voldemort schmunzelte, als er sich erhob. "Er liegt öfter falsch, als du glaubst", meinte er, bevor er den Raum verließ. Harrys Blick folgte ihm, bis die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

Harry ließ seufzend seinen Kopf in den Nacken fallen. Er hatte mit dem Dunklen Lord geredet, als wäre alles in Ordnung. Er hatte schnippisch geantwortet, ohne jegliche Konsequenzen erfahren zu müssen. Er fürchtete sich nicht, wie er es tun sollte. Etwas stimmte nicht mit ihm. Etwas stimmte ganz und gar nicht.
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