Memento mori

von Sinnerman
GeschichteAllgemein / P12
01.08.2019
22.11.2019
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Memento mori ist Latein und bedeutet so viel wie:
Gedenke, dass du sterblich bist
oder auch
Gedenke dem Tod.
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Mors ianua vitae
Der Tod ist der Eingang zum Leben

Disclaimer: Diese Geschichte ist mein geistiges Eigentum. Die Verwendung für eigene Zwecke ist verboten.

Für Ina
"Until the very end."
"Always."


Zachary Edevane & Asher Coleman

„Na los, komm schon, fahr schneller!“

„Schneller? Bist du lebensmüde?“

„Nein, aber gelangweilt. Bei diesem Tempo schlafe ich ja gleich ein“, Asher grinste seinen Freund an. Zachary riskierte einen Blick auf die Geschwindigkeitsanzeige, 120 km/h, auf einer engen Bergstraße. Die Sekunde, die er dafür gebraucht hatte, kostete sie beide fast das Leben. Er schaffte es gerade noch das Lenkrad des Lamborghinis rum zu reißen und verfehlte knapp den Abgrund zu ihrer Rechten.

„Im Gegensatz zu dir hänge ich etwas an meinem Leben“, seufzte er. Asher rollte mit den Augen und nahm einen Schluck aus der Whiskyflasche.

„Nicht nennenswert. Willst du auch?“

„Nein.“

„Spielverderber. Man lebt nur einmal, wir sind jung, du solltest das Leben genießen, solange du noch kannst.“

„Na gut, gibt schon her.“ Asher grinste und reichte ihm die Flasche. Er nahm einen Schluck und kollidierte beinahe mit der Felswand auf der linken Seite. Die Bergstraße war eng, aber zum Glück war es spät, sodass sie niemandem begegneten. Er spürte das Brennen des Alkohols kaum noch, die Flasche war inzwischen fast leer, es war mindestens die zweite an diesem Abend, doch er war sich nicht sicher. Die Lichter der vereinzelten Siedlungen verschwammen in seinem Augenwinkel und auch die Straße hatte schon längst ihre scharfen Konturen verloren. Die Musik dröhnte lautstark  in seinen Ohren, doch das störte ihn nicht, so waren die Nächte mit Asher nun mal.

And them good ole boys were drinking whiskey and rye

Der Lamborghini seines Vaters schlingerte in jeder Kurve bedrohlich. Sie hatten noch nie einen Unfall gebaut.

Zachary trat das Pedal weiter durch, die Tachonadel stieg, die Hemmung fiel, Asher grölte und er genoss den Adrenalinkick, den ihm jede Kurve bescherte. Das war Freiheit.

Singin' this'll be the day that I die

Im Angesicht des Todes fühlten sie sich lebendig. Kurve, Adrenalinkick, Glücksgefühl. Bremsen war was für Feiglinge. Kurve, Adrenalinkick, Glücksgefühl. Sein Herz raste, er spürte, wie es gegen seinen Brustkorb schlug, das Blut durch seine Adern pumpte, es in seinen Ohren rauschen ließ. Freiheit. Kurve, Adrenalinkick, Glücksgefühl. Das war Leben. Kurve, Adrenalinkick, Angst. Pure, blanke Angst.

Er konnte dem entgegenkommenden Auto gerade noch ausweichen, doch dann spürte er es, das Gefühl zu fallen. Der Wagen hatte die Straße verlassen. In seinem Magen zog es, das pure Entsetzen breitete sich in ihm aus.

This'll be the day that I die.

Sie fielen, es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Seine Hände klammerten sich ans Lenkrad, die Knöchel wurden weiß. Angst, pure, blanke Angst. Dann der Aufprall. Unnatürlich laut hörte er, wie das Metall über dem nackten Fels schrammte, sich verbog, zusammengedrückt wurde. Sekunden und gleichzeitig Jahre. Das Gefühl zu schweben. Angst. Die Welt drehte sich. Etwas traf ihn am Kopf oder sein Kopf traf auf etwas, er wusste es nicht. Asher schrie. Sein Schädel dröhnte. Aufprall, Metall auf Fels. Das Gefühl zu schweben. Aufprall.

Dunkelheit.

Everlynn Fitzgerald

Ihre Füße schmerzten, doch das war normal. Es würde das letzte Mal sein. Sie hatte kein Problem mit physischen Schmerzen, die waren auszuhalten. Sie atmete tief ein, die Nacht war klar, man konnte die Sterne sehen. Der Nachthimmel, grenzenlos wunderschön, atemberaubend. Und doch, das Licht, das ihre Augen einfingen entstammte Sternen, die schon längst erloschen waren. Der Friedhof der Sterne. Einsam, kalt und unendlich weit weg. Unendlichkeit, so unvorstellbar für den menschlichen Geist, genauso wie das Nichts, das dahinter lag.

Die kalte Luft tat ihr gut, sie war so nüchtern, wie seit Wochen nicht mehr. Sie ließ ihren Blick über die Lichter der Stadt schweifen. Von weiter weg mochten sie Ähnlichkeit mit den Lichtern der Sterne haben, doch von hier aus betrachtet war es ein heller Fleck in der Dunkelheit, etwas, das sich unrechtmäßig seinen Platz in der Unendlichkeit gesucht hatte.

Unter sich sah sie die Menschen aus dem Gebäude strömen. Die Vorstellung war seit einer guten halben Stunde vorbei. Sie war perfekt gewesen, wie immer. Sie löste die langen roten Locken aus dem festen Dutt. Freiheit. Etwas das sie nie gehabt hatte.

Sie hatte eine Gänsehaut. Die kalte Luft strich über ihre nackte Haut. Sie trug immer noch ihr Kostüm, der sterbende Schwan, was für eine Ironie. Das Eisen in ihrer Hand fühlte sich kalt an, schwer, unwiederbringlich. Sie lächelte.

Die Zeit verstrich, Stunden wurden zu Minuten, Minuten zu Stunden. Es war egal, Zeit war relativ. Die Sterne über ihr veränderten ihre Position, zogen weiter, verschwanden am Horizont, sie blieb. Für sie  spielte das alles keine Rolle mehr.

Ihre Eltern dachten sicherlich, dass sie nach der Vorstellung etwas mit ihren Freundinnen machen würde. Sie wollte ihnen diese Illusion nicht nehmen.

Der Horizont wurde heller, das  Licht der Stadt schien zu verblassen. Es war bis jetzt nur die Andeutung des nächsten Morgens, doch er würde kommen, unweigerlich, unvermeidbar, endgültig. Die Erde drehte sich, die Sterne verblassten, die ersten roten Sonnenstrahlen ließen die Stadt in Flammen aufgehen. Sie verstärkten das Rot ihrer Haare und ließen ihre blauen Augen noch kälter aussehen. Feuer und Eis.

Die Unendlichkeit des Sternenhimmels löste sich auf, während der rote Feuerball immer höher stieg, unweigerlich, unvermeidbar, endgültig. Ein neuer Tag für den Rest der Welt, doch nicht für sie. Ihre Zeit war stehen geblieben. Zeit war relativ.

Der sterbende Schwan, so traurig schön. Sie stand auf, ihre Beine fühlten sich steif an, sie hatte das Gefühl in ihnen verloren. Das Gewicht in ihrer Hand nahm zu, gewann an Bedeutung. Das Feuer brannte, die aufgehende Sonne hatte den Punkt vollster Pracht erreicht.

Sie spürte den kühlen Lauf an ihrer Schläfe, die aufgehende Sonne in ihrem Gesicht, den leichten Wind in ihren Haaren. Dann drückte sie ab.

Das Nichts umgab sie, die Unendlichkeit. Ein und das Selbe.

Sie spürte Nichts, nur

Dunkelheit.

Kyle Williams

„Pass doch auf man!“  

Einen Scheiß wird er tun. Sollten sie doch selber aufpassen. Er konnte schließlich nichts dafür, wenn sie im Weg rum standen. Ohne sich zu entschuldigen oder sie zu beachten fuhr er weiter. Er hatte ein Ziel. Die Rollen seines Skateboards waren laut auf dem Beton, geschmeidig stand er auf dem Brett und ließ sich tragen. Durch den Park, die schmuddelige Seitengasse, den Vorort. Es wurde ruhiger, grüner und schon bald konnte er sein Ziel sehen, es war Zeit.

Die letzten zweihundert Meter musste er gehen, der Betonweg war zu Kies geworden. Die Steine knirschten unter seinen Füßen, der Wind zerrte an der Kapuze seines Hoodies. Er klemmte sein Skateboard an seinen Rucksack und ging zur Tür, sie war verschlossen. Er hatte damit gerechnet, Windräder waren heutzutage ziemlich gut vor Metalldieben gesichert, doch er war kein Dieb. Er zückte sein Handy. Für die meisten seiner Unternehmungen war es viel zu langsam und viel zu schlecht zu bedienen, doch hierfür würde es reichen. Schließlich war er gut, der Beste und sein Handy war eventuell etwas anders, als normale Handys, besser. Er hatte selbst ein paar kleine Veränderungen vorgenommen, ein paar Apps hinzugefügt und es zum absoluten Traum für jeden Hacker gemacht. Es dauerte nicht lange bis er ein leises Klicken hörte. Ein Hoch auf die Technik. Kurz darauf war die Tür offen, die Alarmanlage war schnell umgangen und seinem Ziel stand nichts mehr im Weg, das war fast zu einfach. Er begann den Aufstieg.

Mindestens achthundert Treppenstufen später, hatte er sein Ziel erreicht, er war oben angekommen. Er öffnete die Tür und sofort blies ihm der Wind um die Ohren. Sein Herz pochte laut, zum einen, weil er es nicht gewohnt war so viele Stufen am Stück zu laufen und das, obwohl er in einem Schloss leben musste, zum anderen, weil ihm die Aussicht schlicht und einfach den Atem nahm.

Vor ihm drehten sich die drei Flügel des Windrades, sie durchschnitten die Luft, obwohl es doch dieselbe war, die sie antrieb. Vor sich konnte er seine Stadt sehen, den Ort, von dem er geflohen war. Es dämmerte bereits, die Luft war kühl geworden und hier oben war es regelrecht kalt. Das Licht begann sich zu verändern. Er machte das heiß ersehnte Foto, für das er hergekommen war. Dieses Bild würde ihm die gewünschte Aufmerksamkeit bringen. Allerdings nicht die Aufmerksamkeit, die seine Eltern gefallen würde, doch das sollte es auch nicht. Es war sein Leben, er wollte selbst bestimmen, wie man ihn wahrnahm und was man über ihn dachte.

Er setzte sich und genoss die Kälte, das einzige Geräusch waren die Flügel, die beständig die Luft durchschnitten. Ruhe und Frieden. Niemand der etwas von einem wollte, niemand der ihm befahl gerade zu sitzen, teure Kleidung zu tragen und in der Öffentlichkeit immer zu lächeln. Bloß niemandem zeigen, wer er wirklich war. Fassade war alles, Fassade hielt das Land am Laufen und die Leute zusammen. Kaum etwas war echt. Wohltätigkeitsveranstaltungen, Stiftungen, Wohltätigkeitsorganisationen. Alles Mittel zum Zweck, eine Farce, nur damit die Leute den Glauben nicht verloren und sie weiter auf ihre Kosten leben konnten. Seine Zukunft war vorherbestimmt und er hatte nicht das Recht mitzureden. Kein Wunder, dass er floh. Ob es nun ins Darkweb oder auf ein Windrad war, Hauptsache raus aus seiner Realität. Weg von Mrs. Von und Mr. Zu, weg von den Bediensteten, den Banketten, Ballsälen, Anzügen und der Etikette. Es war einfach nur grauenvoll.

Die ersten Sterne waren am Himmel erschienen, die Sonne nur noch ein dünner Streifen am Horizont. Ihm war kalt, er hoffte, dass seine Eltern im Bett sein würden, wenn er zurückkam. Den Bediensteten nachts auszuweichen war kein Problem, er hatte sie bestochen. Die Ruhe und der Frieden, die nachts im Schloss herrschten waren angenehm. Er mochte die Nacht, keine Menschen, keine Anforderungen, keine Erwartungen. Ruhe und Frieden.

Er stand auf, schwankte einen Moment, bis das Blut in seine Beine schoss. Eine Sekunde der Panik, dann war sie vorbei. Es war rutschig, der Wind hatte zugenommen. Er strauchelte, Panik überkam ihn. Nur noch wenige Meter, dann war er wieder auf der sicheren Plattform. Ein unerwarteter Windstoß, ein missglückter Schritt, ein übersprungener Herzschlag. Dann der Fall, der Unglaube, die Angst, die Gewissheit. Er schloss die Augen.

Dunkelheit.

Florence Cavendish

Sie saß in dem teuren Ledersessel in ihrem Salon und starrte aus dem Fenster. Oder besser gesagt der breiten Fensterfront, von der aus sie einen atemberaubenden Ausblick über die Skyline der Stadt hatte. Oder vielmehr sollte es atemberaubend sein, sie fand es einfach nur langweilig. Es gehörte einfach zu ihrem Leben dazu. Sie hatte alles was man sich wünschen konnte und wenn nicht, dann wurde es ihr gekauft. Sie hatte das perfekte Leben, das perfekte Aussehen, die perfekte Kleidung, perfekte Freundinnen und den perfekten Freund. Es war zum Sterben langweilig. Sie nahm noch einen Schluck aus ihrem Glas, sie hatte Zeit.

Sie war so jung, ihr Leben hatte noch nicht einmal wirklich angefangen und doch hatte sie alles, was man erreichen konnte. Sie war gelangweilt, nichts machte noch Spaß. Wenn sie im Casino war, war es egal, ob sie gewann oder alles verlor, Wetten in Millionenhöhe waren kaum nennenswert, die berauschende Wirkung der Drogen spürte sie kaum noch. Sie nahm einen weiteren Schluck.

Also wieso nicht mal was Neues wagen? Alles, Hauptsache keine Langeweile mehr. Es konnte nur besser werden. Sie drehte sich in ihrem Stuhl, nahm einen weiteren Schluck, sah aus dem Fenster. Langeweile. Wolkenkratzer, Häuserreihen, Supermärkte. Straßen, Autos, Züge. Menschen, Tiere und was sonst noch alles durch die dreckigen Gassen dieser Stadt kriechen mochte. Ein Schluck, ein Blick und Langeweile. Sie strich sich die langen braunen Haare hinters Ohr. Selbst ihr Aussehen war langweilig, so schön sie auch sein mochte. Braune Haare, braune Augen, durchschnittlich groß, schlank. Sie hatte es nur dem Zufall zu verdanken, dass der Braunton angenehm warm war, ihre Gesichtszüge klar definiert und ihre Beine gerade waren. Ein Schluck, ein Blick, Langeweile.

Es war Abend, die Sonne war am Untergehen, die meisten Menschen würden wohl sagen, dass es atemberaubend aussah. Sie fand es langweilig. Die Langeweile war ein ständiger Begleiter, es gab kein Entrinnen, keinen Ausweg, nur die tiefe Unzufriedenheit, die sie auslöste. Ein Schluck, ein Blick, Langeweile.

Die Menschen gingen hierhin, die Menschen gingen dorthin, immer dasselbe, der gleiche Tag, der gleiche Ablauf. Routine, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Ein Schluck, ein Blick, Langeweile.

Sie spürte, wie ihre Arme langsam schwer wurden, träge. Ihr war warm, ihre Sicht schien schärfer zu werden, gleichzeitig aber auch nicht. Sie lächelte. Sie hatte ihr schönstes Kleid an, die schönsten Schuhe, die schönste Frisur, alles war perfekt. Wie immer. Ein Schluck, ein Blick, Langeweile.

Ihre Eltern waren weg, wie immer. Es war ein Wunder, wenn sie mal da waren. Sie hatte kein Problem damit, sie hatte sowieso nichts mit ihnen zu tun, es sei denn sie schenkten ihr irgendwas, das sie nicht brauchte. Ein weiterer Schluck.

War es das was die meisten Menschen Leben nannten? Das immer wieder Kehrende, der Alltag, die Routine. Die Langeweile? Das Selbe, immer und immer wieder? Das falsche Lächeln, das scheinheilige Kompliment, die falschen Freunde? Sollte das wirklich das Leben sein? Es war langweilig, immer und immer wieder. Ein Schluck, ein Blick, Langeweile.

Sie spürte wie sie müde wurde. Ihre Glieder wurden schwer. Die Wirkung machte sich langsam deutlich bemerkbar, sie lächelte. Es war Zeit für etwas Neues, schlimmer als das hier konnte es nicht werden. Sie atmete tief ein, die Sonne stand als großer roter Feuerball direkt über der Stadt, die Stadt schien zu brennen. Ein Schluck, ein Blick, sie schloss die Augen.

Dunkelheit.

Francesco Fiore

Es war ein angenehm warmer Abend, es erinnerte ihn an Italien. Die Sonne tauchte alles in ein warmes Licht, die laue Sommerluft strich über seine Haut. Er schloss die Augen, genoss das Gefühl. Ein tiefer Atemzug. Der Geruch von Kaffee wehte ihm um die Nase, dieser Abend hatte etwas Sentimentales, etwas Wehmütiges. Eine traurige Schönheit. Umso schöner etwas war, desto trauriger erschien es ihm. Schönheit war so vergänglich.

Der Kopfschmerz kehrte zurück, die Müdigkeit, die Antriebslosigkeit. Dinge, die in letzter Zeit zu ständigen Begleiter geworden waren. Wann hatte er zuletzt etwas gegessen? Er wusste es nicht, er sah keinen Sinn im Essen. Er nahm seinen Hut ab und legte ihn neben sich, ebenfalls ein ständiger Begleiter. Ein Klassiker.

Das Wasser umspielte sanft seinen Körper, seine Kleidung hing nass und schwer an ihm, doch er hatte sie nicht ausziehen wollen. Sie gehörte dazu, zu ihm, sie war ein Klassiker. Er hatte den Pool auf der Dachterrasse schon immer gemocht, hier oben war es so friedlich und doch war man irgendwie Teil eines Ganzen. Nicht das er Teil eines Ganzen wäre, nein, das war er nie und würde er wohl auch nicht mehr sein. Er war eben ein Klassiker.

Er fühlte sich schwach, das klare Wasser vor sich hatte sich verfärbt. Schwarze Punkte begannen vor seinen Augen zu tanzen, seine Sicht wurde unschärfer. Da war wieder dieser Geruch, er schloss die Augen, spürte die untergehende Sonne in seinem Gesicht. Es war fast wie damals, vor so langer Zeit. Aber was war schon Zeit?

Er kam sich älter vor, als er war. Manchmal fühlte er sich, als ob er schon seit hunderten von Jahren lebte, doch im nächsten Moment war er kaum ein paar Monate alt. Gerade fühlte er sich alt, als hätte er ein ganzes Leben hinter sich. Nun, irgendwie hatte er das, er hatte sein ganzes Leben hinter sich. Es würde nicht mehr viel dazu kommen.

Die Farbe hatte sich ausgebreitet, verteilte sich, manchmal verblich sie, meistens nicht. Von hier oben konnte er die Stadt sehen, er genoss den Ausblick, er war schön. Traurig. Das Rot der Abendsonne war außergewöhnlich, fast schon unnatürlich. Er fühlte sich schwächer. Sein Sichtfeld wurde kleiner, seine Muskeln kraftloser, das Atmen fiel ihm schwerer. Es würde nicht mehr lange dauern.

Wieder schloss er die Augen und versuchte den Moment einzufangen, ihn zu genießen, schließlich war der Abend außergewöhnlich schön. Die Umstände weniger. Aber man sollte nehmen, was man kriegen konnte, das Beste draus machen, nicht wahr? Aber wenn es nichts Gutes mehr gab, wie machte man dann das Beste draus? Er wusste es nicht, doch es war ihm ehrlich gesagt auch egal. Man musste nicht immer alle Mysterien des Lebens ergründen, manchmal musste man die Dinge einfach akzeptieren. Sich damit abfinden und genießen. Er schloss die Augen.

Eine leise Melodie fand ihren Weg an sein Ohr, kaum wahrnehmbar und doch war sie da. Leise, wunderschön und so vergänglich. Traurig. Ihm war schwindelig, doch das was trug ihn, er konnte nicht fallen.

Die Melodie wurde immer leiser, der Geruch schwächer, die Eindrücke nahmen ab. Er ließ sich sinken, vom Wasser tragen, er spürte nichts mehr, ließ sich fallen, ließ los. Bis nichts mehr da war, außer

Dunkelheit.

Jade Cass

Der Klang ihrer Absätze auf dem Mamorboden hallte laut von den Wänden wieder. Es war dunkel, es war kalt, sie war allein, genauso mochte sie es. Ihre Schritte waren ein selbstbewusster Rhythmus, wer ihn hört wusste, dass sie kam. Wer ihn hörte brachte sich in Sicherheit.

Ihr Mantel wehte hinter ihr her, die schwarzen Haare ebenso. Die breite Treppen nach oben, präzise, klar, eindeutig. Eine Tür, eine Treppe, der Mamor wurde weniger, sie stieg höher.

Das Geräusch ihrer Absätze auf dem Holzfußboden, leiser, dumpfer, aber immer noch deutlich hörbar. Sie wurde nicht langsamer, sie wusste wohin sie wollte. Präzise, klar, eindeutig, sie wie sie es mochte. Eine letzte Treppe, eine letzte Tür, dann war sie da.

Die Dunkelheit der Nacht hieß sie willkommen, der Wind war kühl als er durch ihre Haare strich. Ihre grauen Augen glichen den Sternen in der Dunkelheit, ihre Haare und ihre Kleidung waren die Dunkelheit. Sie war die selbsternannte Nacht.

Sie trat an den Rand des Daches, kaum ein Geräusch drang durch die Dunkelheit zu ihr herauf, sie schien undurchdringlich, kalt. Dabei war die Sonne noch gar nicht so lange untergegangen. Es war ein ungewöhnlicher Abend gewesen, die Sonne hatte rot und bedrohlich am Horizont gebrannt und ihr war es so vorgekommen, als ob sie alles verschlingen wollte. Doch dann war sie untergegangen, wie jeden Abend und die Nacht war gekommen präzise, klar und eindeutig.

Für so einen warmen Abend war es nun ungewöhnlich kalt. Sie zog ihren leichten Mantel enger um sich, sie schien mit der Dunkelheit zu verschmelzen, nur die helle Haut und die kalten Augen stachen aus der Dunkelheit hervor.

Niemand wusste, dass sie hier war. Niemand würde es wissen. Sie schätze die Einsamkeit. Die Einsamkeit beschützte sie. Sie stieg auf die Brüstung und sah hinunter, Dunkelheit und Einsamkeit. Präzise, klar, eindeutig. Sicher.

Sie sah sich um, ließ ihren Blick schweifen, durch die Dunkelheit hindurch, weiter, bis ins Nichts. Sie wusste nicht genau, warum sie hier war und doch stand der Grund ganz klar vor ihr. Eindeutig, präzise, klar. Sie hatte gewusst, dass der Tag kommen würde, dass er kommen musste. Manche Dinge waren eben unausweichlich, nicht wahr?

Schicksal? Etwas voran sie nie geglaubt hatte, doch manchmal ließen sich die Dinge eben nicht anders erklären. Präzision war Wunschdenken, Eindeutigkeit ein Traum, Klarheit eine Illusion. Die Realität war nachts eine andere, die Lüge wurde zur Wahrheit, die Wahrheit zur Lüge. Die Nacht war ein anderer Raum, die Menschen waren andere. Die Grenzen verschwammen, Traum und Realität gingen ineinander über, Wahrheit und Lüge waren ein und dasselbe.

Es sollte also diese Nacht sein? Nun, dann war es so. Sie hatte keine Angst, das Gefühl war ihr fremd. Sie brauchte es schlicht und einfach nicht. Sie hatte die Nacht und die Dunkelheit, dort war sie sicher. Hier war sie sicher. Jetzt war sie sicher. Sicherheit war eine  Illusion. Nichts war real, nichts war es nicht.

Hier und jetzt. Jetzt oder nie. Sein oder nicht sein. Leben und Tod.

Sie sprang. Ihr Ziel war die

Dunkelheit.
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So, das ist das erste Kapitel von meinem Buch. Ich hoffe es gefällt euch. Da dies hier meine erste eigene Geschichte ist, wären ein paar Rückmeldungen sehr hilfreich. Und dann sehen wir uns hoffentlich auch schon im nächsten Kapitel.
Bis bald.
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