Cold Case  Du und Ich

GeschichteDrama, Romanze / P12
John Stillman Kat Miller Lilly Rush Nick Vera Scotty Valens Will Jeffries
01.08.2019
18.01.2020
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01.08.2019 2.009
 
1. Kapitel

Du und ich, wir waren so nah dran, nicht wahr?
In meinem Kopf- haben wir die Welt im Sturm erorbert- Du und ich.




„Scotty.“

Die Tür schlug zu und dann waren es nur noch sie zwei.

Scotty!“

Er hielt die Lider weiterhin gesenkt, auf die graue Tischplatte vor sich fixiert,
als könnte diese ihn von hier weg bringen, wenn auch nur in Gedanken.

Wie oft hatte er seinen Namen von Lillys Lippen fallen hören, in all diesen Jahren?

Jetzt kam es ihm vor, als sei es erst gestern gewesen, als man ihm „Detective Rush“
vorgestellt hatte.

Einen Bären von einem Mann hatte er erwartet, und wer stand da stattdessen vor ihm?

Ein junges blondes, zierliches Ding mit der unordentlichsten Frisur, die er je an einer Frau gesehen hatte. Jemand, der ihn mit einem spöttischen Lächeln erwartete, das ihm genau signalisieren sollte,
dass sie ihn längst bis auf die Socken als das entlarvt hatte, was er war: Ein Aufschneider.

Gott, was er damals für ein eingebildeter Fatzke gewesen... damals.

Eine vertraute, kleine Hand sauste neben seiner Schulter nieder auf besagte Tischplatte
und er kam nicht umhin, zusammen zu zucken. Vor jedem anderen hätte er vielleicht eine Show abziehen können, so tun, als gäbe es nichts zu verbergen, aber mit Lil...

Ob die von der Innenrevision sie deshalb her geschickt hatten? Damit sie ihn für sie knacken sollte?

In einem Verhörraum war Lillian Rush die unangefochtene Königin der Mordkommission.
Das hier war ihr Revier, hier erlag jeder Verbrecher ihren kunstvollen Taktiken: Ihrem messerscharfem Verstand, ihrem brillanten Gespür für die Schwachpunkte ihres Gegenübers-
Die Worte, mal sanft, einschmeichelnd, verständnisvoll, mal harsch, eindringlich und fordernd...

Scotty konnte trotz seiner geschlossenen Augen spüren, dass es ihre Hand war, die jetzt so dicht neben seiner Rechten auf dem Tisch lag. Er nahm ihr Parfum, den Hauch ihres Shampoos,
die Wärme ihrer Haut, als sie sich jetzt über ihn beugte, ganz genau wahr.

Das alles schloss ihn viel mehr ein, als das kalte Metall der Handschellen um seine Handgelenke
es je hätte tun können.

Instinktiv drehte er ihr den Kopf ein Stück weit nach rechts entgegen.

Seine Nasenflügel bebten, sogen den speziellen „Lilly“ Duft ein, wie etwas,
das es für immer zu bewahren galt.
Vielleicht war dem ja auch so.
Vielleicht saß er ihr gerade das letzte Mal im Leben gegenüber...

Etwas, womit er nicht gerechnet hatte, geschah im selben Augenblick, in dem er darüber sinnierte, ob er je wieder Gelegenheit haben würde, seiner Kollegin so nahe zu kommen, wie jetzt:

Ein Tropfen traf auf, streifte seine Wange hinab, und Scotty fragte sich irritiert,
ob es jetzt schon so weit mit ihm gekommen war, dass er vor Lilly die Fassung verlor,
bei dem Gedanken daran, dass er in Tränen ausbrach?!

Bis ihm klar wurde, dass die salzige Flüssigkeit ihren Ursprung nicht in seinen Augen genommen haben konnte, denn da fehlte das vertraute Kribbeln und Brennen in den Augenwinkeln...

„Scotty, bitte...“

Es war definitiv Lilly Rushs Stimme, die da zu ihm sprach.
Die Stimme, die ihn seit sieben Jahren jeden Tag begleitete, und doch war sie so... anders...
Er hätte schwören können, dass er den Tonfall schon einmal gehört hatte- Aber das war einfach unmöglich. Dieses heisere, sanfte, zittrige Timbre hatte niemals ihm gegolten.
Nie? Nun, vielleicht doch. Einmal, ein einziges Mal.

„Sie bringt Unglück.“ „Nun, mir bringt sie vielleicht keins!“

hallten die Worte durch seinen Schädel. Verletzt, verloren, verlassen...

Stimmt.

Ich hab sie wieder enttäuscht, ich hab sie wieder verraten und werde sie verlassen.

Ein Stuhl hinterließ ein unangenehmes Quietschen in seinen Ohren, als er heran gezogen wurde.

„Warum bist du hier, Lil. Du solltest nicht hier sein.“

hörte er sich selbst ergeben murmeln und biss sich auf die Unterlippe.

Wie ein, wesentlich vertrauterer, Schraubstock wand sich ihre Hand um seinen rechten Unterarm.
Aber ihre Fingerspitzen vibrierten wie Schockwellen auf seinem, von einer Gänsehaut erfassten, Arm. Tasteten sich vor, berührten das Metall um sein Handgelenk.

Scotty biss noch fester zu, als er fremde Fingerkuppen über seinen Handrücken streichen fühlte. Den Druck von Fingernägeln, die sich in seine Fingerzwischenräume drückten, sich unmissverständlich Platz schafften, damit sich ihre Finger mit seinen verschränken ließen.

Warum sollte Lilly Rush, von allen Personen auf diesem Revier!,
ausgerechnet jetzt damit anfangen, seine Hand zu halten?

Jetzt, wo es doch zu spät war?

Seit Elissas Tod hatte er sich nicht mehr so heillos überfordert und hilflos gefühlt.

„Partner tun das, Scotty! Oder?!“

drang Lillys Stimme an sein Ohr.

Gepresst lachte Scotty auf.

Er konnte nicht anders: Er lachte humorlos auf- Es brach regelrecht aus ihm heraus.
Es kratzte und stach, als er, die Augen weiter fest zusammen gepresst, ausstieß:

„Ich hab versucht, dich zu warnen! Erinnerst du dich denn nicht?!
Dort oben auf meinem Dach, nach dem Romanov Fall, da hab ich dir gesagt,
dass ich es eines Tages sein werde, oder?! Das habe ich doch, Lil...“

Normalerweise hätte er erwartet, dass der Druck um seine Hand augenblicklich weichen würde.

Er hatte wieder einmal Mist gebaut.

Ein weiterer Fehler, einer zu viel, in seiner unrühmlichen Reihe an Fehltritten.

Physischer Kontakt war normalerweise nicht Bestandteil ihrer beider Beziehung.

Aber was war am heutigen Tag schon noch normal?

„Boss und Curtis stehen vor der Tür, Scotty.
Wir sind alle hier. Du bekommst den besten Anwalt, den diese Stadt je gesehen hat!“

beschwor Lilly ihn regelrecht und verstärkte im Gegenteil noch einmal ihren stahlharten Griff
um seine Finger, als müsste sie sich vergewissern, dass er tatsächlich noch hier vor ihr saß.

„Verstehst du's wirklich nicht?“

fuhr er plötzlich auf und starrte jetzt wutentbrannt in Lilly Rushs blasses Gesicht.

Einmal tief Luft holend fuhr er fort:

„Ich bin verloren, Lil.“

Die Augenbrauen zusammen ziehend, schimmerte nichts als Unglauben in tiefem Saphirblau.

Hektisch ruckte Lillys Kopf von einer Seite zur anderen.

Dann näherte sie sich seinem Gesicht vollkommen überraschend bis auf wenige Millimeter:
Ihrer beider Nasenspitzen schwebten so nah beieinander, dass man hätte meinen können,
sie wollte seine Sommersprossen zählen- oder ihn küssen. Oder ohrfeigen.
Vielleicht alles auf einmal?

Scotty konnte ihren Atem über seine Lippen streichen spüren, als sie den Mund öffnete.

Ihm eindringlich die eine Frage stellte, vor deren Antwort er sich die ganze Zeit,
die er hier jetzt saß, schon gefürchtet hatte:

„Sag es mir, nur mir: Hast du wirklich etwas mit Motas Tod zu tun, Scotty?“

Wenn das hier ein Trick des Departments war, um ihm ein Geständnis abzuringen... zur Hölle damit.

Detective Valens schluckte.

Er hatte keinen großen Freiraum mehr, um Lilly noch besser erreichen zu können, als jetzt:

Das leise Scheppern der Metallstifte erinnerte ihn daran, dass er hier nicht als ihr Kollege saß,
sondern als Verdächtiger in einem Mordfall.

„Was macht es noch für einen Unterschied, was ich dir sage, Lil.
Für die hänge ich da sowieso mit drin. Dieses Mal wird mich niemand mehr retten können:
Du nicht, Boss nicht. Wahrscheinlich hab ich sogar mein Kontingent an göttlichem Beistand endgültig aufgebraucht und alle meine Schutzengel in den Wahnsinn getrieben.“

versuchte er noch, die Stimmung zu lockern.

Den Kopf ein wenig schief legend, musterte Scotty jeden Sprenkel im Meer dieser faszinierenden, facettenreichen Augen, denen er gefühlt nie so nah gekommen war, wie jetzt.

Fenster zur Seele hatte seine Mum das mal genannt.

Er suchte den Blick aus blauen Augen, die ihn nicht eine Sekunde aus Selben ließen
und versuchte einfach alles, was die junge Frau, nicht die Polizistin, vor ihm wirklich wissen musste, in diesen einen Blickkontakt zu legen. Verdammt- Sie hatten sich so lange mehr über Blicke zu sagen gehabt, als je mit Worten ausgesprochen worden war: Warum sollte es nicht ein letztes Mal funktionieren.

Jetzt konnte Scotty die Veränderung auf Lilly Rush's Zügen sehen.

Sehen, wie sich das Entsetzen ihrer bemächtigte. Sah den blanken Horror, die Wut,
die Trauer, die Erkenntnis, dass sie ihn nicht würde umstimmen können.

Für sich selbst, dass wusste Lilly jetzt, war er schuldig des Verbrechens,
das sie ihm zur Last legen wollten.

„Ich hab euch alle enttäuscht. Und es wird Zeit, dass ich für meine Fehler die Konsequenzen trage.“

Jetzt war es auch egal. Diese eine allerletzte Chance würde er nicht ungenutzt verstreichen lassen!

„Aber viel schlimmer ist, dass ich dich enttäuscht habe, Lil. Dich im Besonderen.“

Ihre Pupillen weiteten sich.

Scotty kannte diesen panischen Blick.

Schmale Lippen öffneten sich, als wollten sie sagen: „Nein, tu's nicht!“

Doch keine Silbe entkam ihr.

Nur eine Millisekunde zögernd legte er vorsichtig seine zweite, linke Hand
über ihre bereits miteinander verwobenen Finger in der Mitte des Tisches,
sah darauf hinab.

Ein letztes Abschirmen gegen das, was kommen mochte, das er ihr noch anbieten konnte.

„Hey, Lil?“

neckte er leise mit dem ganz eigenen Codewort,
das ihm natürlich die nötige Aufmerksamkeit sichern würde.

„Lass mich das für uns tun, 'kay?“

meinte er leise.

Die Finger unter seinen bebten und Scotty vermeinte, so etwas,
wie ein gezischtes „dämlicher Heldenkomplex!“ gehört zu haben.

„Ja, ich weiß schon, dass du keinen Schutz brauchst und auch keinen willst, Lil,
am allerwenigsten von mir, aber... Nur dieses eine Mal?“

Die schmalen Schultern ihm gegenüber sanken angesichts der Niederlage ein Stück weit
nach unten und für den Moment breitete sich bleiernes Schweigen zwischen ihnen aus.
Scottys Daumen fuhr abwesend über Lils Fingerknöchel, die er zu fassen bekam.

Ein paar Herzschläge lang suchte er schließlich nach den richtigen Worten.

„Wir waren so nah dran, oder?“

seufzte er.

Beugte sich ein wenig seitlich nach unten und legte den Kopf auf die rechte Schulter,
um seine Kollegin intensiv mustern zu können. Sein nächstes „Hey!“ war wesentlich leiser.
Fast nur gehaucht. Und doch veranlasste es sein Gegenüber, ihn endlich anzusehen.

Obwohl Scotty im Augenwinkel sehr wohl mit bekam, dass die Tür aufgeschlossen wurde,
dass neben Boss, Kat, Nick, Will und Curtis Bell dahinter ebenfalls der Officer, der schon die Schlüssel zückte, um ihn mit zu nehmen, wartete, gab es für den Moment wieder nur sie beide hier drinnen.

Der Geist seines frechen, jungenhaften, schiefen Grinsens erschien angedeutet im linken Mundwinkel. Er wartete kurz, reckte das Kinn vor, um Lillys nach unten gesenkten Blick wieder einzufangen und festzuhalten. Leichtes, hektisches Rot überzog ihre Wangen.

Er holte ein wenig Luft.

„Wie lange ist das her, Lil. Sieben Jahre? S'kommt mir so vor, als wär's gestern gewesen.
Wir sind so weit gekommen, und ich wollte dir sagen, dass, also, ganz egal, was...“

Die Handschellen sperrten unangenehm, als er ihre Hand fester umschloss und sich räusperte:
Mann, das war echt nicht leicht! Sein Hals fühlte sich plötzlich trocken an, weil all diese Jahre alten Gefühle in ihm fest steckten, die sich mit aller Macht ihren Weg an die Oberfläche bahnen wollten.

Der Officer schob sich in sein Sichtfeld, die Schlüssel in der Hand.

Ihre Zeit war um.

Abgelaufen.

„Egal, was jetzt kommt- Egal, was auch aus mir wird, Rush-“

Er wünschte sich, er hätte ihr Gesicht in beide Hände nehmen können.

„Du und ich... Diese letzten sieben Jahre, als dein Partner-
Das waren die Besten meines Lebens.“

Im Hintergrund schnäuzte sich jemand.

Kat schniefte leise.

„Und ich wollte wenigstens, dass du das weißt, Lil!“

fügte Scotty noch hastig hinzu, als man ihn auch schon unter den Schultern packte,
nach oben zog und ihre Hände ihm entglitten.

Halb erhob Lilly sich, als man ihn wegbrachte, halb sank sie mit zitternden Knien wieder in den Stuhl unter sich, als sie nichts anderes tun konnte, als der verschwindenden Gestalt von Detective Valens stumm hinterher zu starren.

Das Gesagte und die Tatsache, dass man ihn wie einen ihrer gewöhnlichen Verbrecher
durch den Bullpen zum Aufzug bugsierte, hatten Lilly jeden Luftvorrat genommen
und sie vollkommen fassungslos erstarren lassen.

Überall blickten ihr die betroffenen Gesichter der Kollegen entgegen:
Um sich wenigstens ein wenig abzuschirmen, hob Lilly den linken Arm,
stützte ihren Ellenbogen auf der Tischplatte ab und ließ ihre Stirn in ihre Hand hinab sinken.

Lange saß sie einfach nur wie betäubt da,
hielt ihr Entsetzten und ihr Gesicht,
von Daumen und Zeigefinger gestützt,
vor der Außenwelt verborgen.

Lil schluckte verbissen gegen aufsteigende Tränen an, ballte die Hände zu Fäusten.

Es war so verdammt unfair!

So...So nah dran!

Und dann...

Doch so fern.
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