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Kommst du, wenn ich dich rufe?

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Der Tod Kronprinz Rudolf
31.07.2019
17.11.2019
14
22.791
8
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
31.07.2019 3.094
 
Hi:D
Mir gehört keine der Figuren und ich verdiene kein Geld  mit dieser ff.
Ich würde diese Geschichte niemandem empfehlen der starke Probleme mit Depression oder Selbstverletzung hat.
Keine Ahnung wie ich auf diese Story gekommen bin, aber sie war in meinem Kopf und wollte einfach raus.XD Wie viele Kapitel es werden weiß ich noch nicht, kommt ein bisschen darauf an ob´s jemand lesen will und was mir so durch den Kopf geht.
Allen anderen viel Spaß beim Lesen.XD
Ich würde mich sehr über Kommentare freuen .*Hundeblick*


Das Blut rann in einem langsamen, roten Strom über die blasse Haut, und bildete einen faszinierenden Kontrast vor dem hellen Baldachin des Himmelbettes.
Seltsam, das einen der Verlust von ein bisschen rubinroter, zäher Flüssigkeit so schwächen konnte. Kaum hatte ein mal scharfes Metall die zarte Haut auf gerissen so floss der Lebenssaft stetig aus dem Körper und ließ ein seltsam dumpfes Gefühl von Schwäche zurück.
Auch die gespreizten Finger der ausgestreckten Hand waren rot verfärbt, während sie dem Baldachin entgegen gestreckt wurden. Rotes Blut und weiße Haut vor hellem Baldachin, was für ein faszinierender Kontrast.
Es war stockfinsterste Nacht und der Kronprinz von Österreich lag rücklings auf seinem Bett, eine Hand in die Luft gestreckt und die Augen starr auf den Blutstrom geheftet, der träge aus der länglichen Wundet auf seinem Unterarm quoll. Der silberne Dolch, mit dem er den Schnitt geführt hatte, lag vergessen neben ihm auf der Bettdecke, ein stummer Beobachter seiner Tat.
Die Wunde war tief diesmal, tiefer als all die anderen male zuvor, und die großen dunkelroten Flecken auf dem weißen Hemd verrieten den enormen Blutverlust. Rudolfs Arm war schon lange schwer geworden, doch noch konnte er ihn oben halten. Dicht über seinem Kopf, wo sein stumpfer Blick dem Specktakel folgen konnte, in dem das Leben Tropfenweise aus ihm heraus quoll.
Er hatte gehofft er würde etwas spüren, wenn er nur tief genug schnitt. Irgendetwas. Doch da war nur Leere. Wie so oft in letzter Zeit. Es war, als hätten ihn alle Gefühle die ein Mensch empfinden kann schon vor langer Zeit verlassen, und seinen Körper als stumpfe, leere Hülle zurück gelassen, nicht fähig aus eigenem Antrieb auch nur eine einzige Emotion hervor zu bringen. Wie schnell man doch alt werden konnte. Alt und so müde. Rudolf zählte zwanzig Winter.
Sein Leben war nie einfach gewesen, wie hätte es das Leben eines Prinzen auch sein sollen. Doch je älter er wurde, desto schlimmer war es geworden.
Er war alleine. Niemand interessierte sich für ihn. Den militärischen Drill bei Hofe hatte er erdulden müssen, seit er ein Kind gewesen war. Für seine Vater war er nur eine weitere Enttäuschung gewesen, und seine verrückte, selbstsüchtige Mutter hatte sich nie für ihn interessierte. Eigentlich erstaunlich, dass er überhaupt das Erwachsenenalter erreicht hatte. Es wäre nicht weiter verwunderlich gewesen, wenn ihn in Kindertagen bereits die Lebenskräfte verlassen hätten. Schade.
An diesem Abend hatte Rudolf eine Audienz bei seinem Vater gehabt, und es hatte keine fünf Minuten gedauert, bis dieser ihn aus dem Saal hatte werfen lassen. Franz konnte mit den revolutionären Ideen seines Sohnes genauso wenig anfangen, wie dieser mit seinen veralteten Idealen des Kaisertums, die in der Bevölkerung für zunehmende Unruhe sorgten. Wenn der Kaiser nicht aufpasste, würde er sich einen Bürgerkrieg an seine Pforte holen. Idiot. Er verstand nicht. Niemand verstand.
Rudolfs Arm hatte zu zittern begonnen. Trotzdem verspürte er keinen Schmerz, nur ein dumpfes Pochen. Wie seltsam. Lange würde er den Arm wohl nicht mehr oben halten können.
Die Gedanken des jungen Prinzen begannen schwer zu werden, als flößen  sie gemeinsam mit dem scharlachrotem Blut aus dem aufgeschlitztem Arm heraus. Hoffentlich würde er nicht mehr aufwachen.
Wahrscheinlich würde der Blutverlust jedoch nicht ausreichen, um ihn zu töten und dümmsten Falls würden ihn dann am nächsten Tag einige Diener finden, und seinem Vater berichten was er getan hatte. Dies war ein Gedanke der es für kurze Zeit schaffte in Rudolfs vernebelten Geist ein zu dringen, und einen Funken von Furcht in ihm wach zu rufen. Franz würde toben, wenn er davon erfahren würde. Es wäre eine weiter Enttäuschung für den Kaiser. Sein schwacher, nutzloser Sohn, sogar zu unfähig dazu sich das Leben zu nehmen.
Hätte er noch ein letztes bisschen Energie gehabt, Rudolf hätte freudlos gelacht.
Gleißend helles Mondlicht brach durch die Wolkendecke, und viel wie ein silbriger Schimmer durch die Fenster in des Prinzen Schlafgemach. Die Blutstropfen auf seinem geschundenem Arm leuchteten wie flüssige Rubine, und die Schatten schienen sich in die Länge zu ziehen und zu unförmigen schwarzen Schemen zu verschmelzen. Es wurde kalt im Zimmer.
Zum ersten mal seit Tagen rührte sich ein Gefühl in Rudolphs Brust, verborgen unter all den Betäubungsmitteln und dem Schmerz: Angst.
Irgendetwas stimmte hier nicht.
„Du meine Güte, irgendwo habe Sogar ich eine Schmerzgrenze. Das kann man sich ja nicht mit ansehen.“
Eine Stimme wie vergifteter Honig und Lügen gesponnen aus Goldfäden.
Rudolf erschauderte, und drehte mit letzter Kraft den Kopf zur Seite.
Dort, in den Schatten der Zimmertür stand jemand. Eine hoch aufragende Gestalt von schlanker Statur, gekleidet in der Farbe der Nacht. Selbst in der Dunkelheit war sein blondgelocktes, langes Haar zu erkennen, und ein Gesicht von so feiner, atemberaubender Schönheit, dass es nur der Fantasie eines schwindenden Geists entsprungen sein konnte.
Langsamen Schrittes trat der Fremde aus der Finsternis hervor und kam gemächliche auf das Bett zu geschlendert, wobei sich blaue Augen wachsam auf den Prinzen hefteten.
Dieser war zu perplex um sich zu rühren, unsicher ob er den Fremden wirklich sah, oder schon lange abgedriftet war in eine Traumwelt, geschaffen aus Opium und Blutverlust. Doch nicht mal sein wirrster Fiebertraum wäre in der Lage gewesen ein derartiges Maß an Bedrohung und Kälte zu erschaffen, wie sie dieser nächtliche Besucher ausstrahlte.
In weniger als einem flackerndem Herzschlag stand der Fremde neben dem Bett des Prinzen, und eine schwarz behandschuhte Hand schloss sich um die bleichen, in die Höhe gestreckten Finger. Selbst durch das Leder erschauderte Rudolf unter der Berührung.
„Wer...bist du? Wie kommst du hier her?“ flüsterte er mit so schwacher Stimme, dass er schon fürchtete, der Fremde könne ihn nicht hören.
„Heißt das etwa, ihr erinnert euch nicht mehr an mich, mein kleiner Prinz?“
Worte verhalten in der Dunkelheit, während eine zweite Hand über die Wunde in Rudolfs aufgeschlitztem Arm fuhr. Als er sie wieder hob glänzte der Handschuh in dunklem rot.
Abermals erschauderte der Verletzte unter der Berührung. Sie war fremdartig, und neu  und bedrohlich, aber irgendwo dennoch...vertraut.
„Ich...kenne dich,“ erwiderte er schwach; „wir kenne uns doch, nicht war?“
„Sehr gut.“ Blaue klare Augen fixierten den verletzten Jüngling mit scharfem Glanz. „Ich habe euch vor langer Zeit ein mal gesagt, ich würde kommen, wenn ihr nach mir rufen würdet, kleiner Prinz. Mir scheint, ihr hättet früher rufen sollen.“
Mit einem kaum merklichem Kopfnicken deutete der Blonde auf das blutbesudelte Bettzeug und den durchtränkten Stoff von Rudolfs Hemd.
„Seht euch nur an, was für eine Chaos ihr hier produziert habt. Es gibt schnellere Wege nach dem Tod zu rufen.“
Rudolf starrte mit glasigem Blick zu seinem Gast empor, und fragte sich, was dieser ihm damit sagen wollte. Der Fremde wartete jedoch nicht auf einen Einwurf des Prinzen, sonder fuhr mit einem langem, schwarzem Finger bedächtig über dessen blutigen Arm.
„Das reicht nicht um dich zu töten,“ erklärte er mit einem leicht spöttischem Unterton in der Stimme, „das ist schon gar nicht schlecht, du hast viel Blut verloren, aber wenn du wirklich sterben willst, dann musst du noch etwas tiefer schneiden. Und etwas weiter oben ansetzen. Siehst du die Stelle, wo die Pulsader beginnt? Genau da.“
Rudolf erschauderte unter den Worten des Fremden, die zusätzlich von sachten Berührungen seines Armes unterstrichen wurden. Das klamme Gefühl in seinem Innerem wurde stärker, und mit einem mal war er sich mehr den je der Tatsache bewusst, dass es nur diese wenigen Zentimeter Haut waren, die ihn und sein Leben vor dem Tod schützten. Wie ein Schlag ins Gesicht kehrte die Klarheit in seinen geschundenen Geist zurück, und mit ihm auch der Schmerz, und ein bitteres Brennen in seinem verletztem Arm.
Im ersten Moment begrüßte Rudolf dieses Gefühl, denn selbst der ersehnte Schmerz war besser als diese dumpfe, hilflose Leere. Nichts desto trotz konnte der junge Prinz nicht verhindern, dass er zusammen zuckte, und seine Arm ruckartig an sich zog.
Der Fremde lächelte.
„Ach? Gut, gut,“ er nickte, beinahe so, als habe Rudolf etwas gesagt. Im nächsten Herzschlag lies der Blonde sich auf der Bettkante nieder, und strich Gedanken verloren über die Stirn des Prinzen. Rudolf erschauderte. Es war eine Geste des Trostes, ja beinahe der Zuneigung, wie sie Eltern ihren furchtsamen Kindern zeigen, und wie seine Eltern sie ihm nie gezeigt hatten.
„Gib mir deinen Arm,“ durchbrach der Fremde, schließlich seine zunehmend klarer werdenden Gedankengänge; „und zieh dein Hemd aus. Bei der Sauerei hier ist es eh nicht mehr zu retten. Wenn die Wunde nicht versorgt wird, bist du bald bewusstlos, und du willst doch sicher nicht, dass dich jemand sieht, wenn du so schwach bist.“
Ein winziger Funken des Zornes Flammte in Rudolfs Brust auf, und am liebsten hätte er den Fremden angefahren und ihm erklärt, dass er alles andere als schwach war, obwohl die Tatsachen klar gegen ihn sprachen.
„Brav,“ erwiderte dieser nur, so als habe er die Gedanken des jungen Prinzen gehört.
Ohne das Rudolf sich genauer daran erinnern konnte wie, half der Fremde ihm aus dem ruiniertem Hemd, und riss es anschließend in Streifen, mit denen er begann den malträtierten Arm zu verbinden. Dazu schließlich zog der Blonde seine schwarzen Handschuhe aus, und Rudolf erzitterte unter der kalten Berührung der langen, bleichen Finger.
Der Fremde schmunzelte.
„Wer bist du?“ fragte Rudolf erneut, dies mal jedoch mit einem Anflug von Furcht in der Stimme, „ich kenne dich, aber trotzdem weiß ich nicht wer du bist. Du siehst aus, wie einem Traum entstiegen, denn ich vor sehr langer Zeit ein mal hatte. Aber das kann nicht sein.“
„Ach? Und warum kann das nicht sein, kleiner Prinz?“ Der Blonde hatte den Arm inzwischen zur Gänze verbunden und Blickte nun beinahe belustigt auf den jungen Mann herab. „ Warum ist es so unwahrscheinlich, dass ich einem Traum entstiegen bin? Es ist nicht unwahrscheinlicher als jede andere Erklärung, die euch euer verwirrtes Köpfchen im Augenblick liefern wird. Heißt mich ein Traumgespinst oder einen Dämon eures fiebrigen Verstandes, aber am einfachsten wäre es, ihr würdet mich als einen Freund sehen.“
Die eisigen Augen wirkten Nachdenklich, als sie ohne Scheu über das Gesicht des Prinzen glitten. Es schien beinahe so, als suche der Fremde etwas darin.
„Wer außer einem Freund,“ fuhr der Blonde schließlich fort; „wäre mitten in der Nacht zu euch gekommen, um dieses Leid zu beenden. Seht euch an, am Ende eurer Kräfte, ganz alleine in der Dunkelheit. Ich konnte eure Resignation und eure Selbstaufgabe schon fühlen, als ich zehn Meilen vor dem Schloss war. So viel Verzweiflung ist kaum aus zu halten. Warum habt ihr das getan, kleiner Prinz?“
Bei jedem anderem hätten diese Worte von Unverständnis, oder Missbilligung gesprochen, doch aus dem Mund des Fremden klangen sie einfach nur nach Neugierde. Mehr noch, sogar nach ehrlichem Interesse. Rudolf konnte sich nicht daran erinnern, wann er das zuletzt von einem anderen Menschen erlebt hatte. Vielleicht war das auch der Grund, warum er auf die Frage eine ehrliche Antwort gab.
„Ich wollte das es aufhört,“ flüstere er leise und heftete seinen Blick dabei auf die kalten, blauen Augen über sich, wie ein Ertrinkender der sich an einen Baumstamm klammert; „ich wollte einfach nur, dass es aufhört.“
„Euer Leben, kleiner Prinz?“
„Nein.“ Rudolf brachte ein schwaches Kopfschütteln zustande, „ich wollte, dass dieses...dieses Nichts aufhört. Ich fühle NICHTS. Es ist als wäre ich in meinem Innersten schon lange tot. Alles in meinem Inneren ist leer und grau und ohne Zukunft. Ich habe gehofft, der Schmerz würde mich aufwecken, aber es wird immer schwerer.“
Ein leises seufzen kam über die blassen Lippen des Prinzen. Es fühlte sich gut an, tröstlich, mit jemanden über all diese Dinge sprechen zu können. Vermutlich war es das erste mal seit seiner Kindheit, dass er sich überhaupt jemandem anvertraute. Es hatte ja nie jemanden interessiert.
„So jung...und so gebrochen.“ Diese mal klang die Stimme des Fremden eindeutig bedauernd; „was hat diese Welt nur aus ihrem Kronprinzen gemacht? Deine Verzweiflung war groß genug um den Tod zu dir zu locken.“
Rudolfs Augen wurden groß, als er versuchte zu verstehen, was sein Besucher ihm damit sagen wollte. Oder... wusste er es im Grunde nicht schon?
„Bist du... der Tod?“ Eine lächerliche Frage in jeder anderen Situation, doch niemals so angebracht wie in diesem Augenblick.
„Du spürst doch, dass ich es bin, kleiner Prinz. Du kannst die Kälte fühlen, die mich umgibt.“
Wieder fuhr die Hand durch das dunkelblonde Haar, und verharrte diesmal auf der Stirn des jungen Mannes. Die Finger waren kühl, aber dennoch viel sanfter als man es vom Tod erwartet hätte. Rudolf ertappte sich bei dem Wunsch, er würde sie nicht mehr fort nehmen.
„Bist du hier um mich mit dir zu nehmen?“Eine atemlos hervor gebrachte Frage von den Lippen eines verzweifelten Wesens. Und dennoch konnte Rudolf einen Anflug von Furcht in seinem Herzen aufkeimen spüren, ein letztes bisschen Widerstand. Es war das ureigene, naturbedingte Aufkommen der Weigerung eines jungen Wesens, das Ende seines sterblichen Lebens einfach so hin zu nehmen. Er wollte das dieses taube, stumpfe Gefühl in seinem Innersten aufhörte, sicher. Aber wollte er deswegen gleich sterben? Rudolf wusste darauf keine Antwort.
„Heute Nacht bin ich nicht hier um irgendjemanden mit mir zu nehmen,“ verkündete der Tod mit einem spöttischem Lächeln; „zu mal wir beide Wissen, dass du noch nicht bereit bist mit mir zu gehen. Dein Leben liegt noch vor dir. Es wäre unrecht dich jetzt schon mit mir zu reißen. Außerdem hast du Angst.“
„Wer sagt, dass ich nicht bereit bin?!“ entgegnete Rudolf in einem Anflug von Trotz; „ich habe keine Furcht vor dir!“
„Ach, nein?“ Die blauen Augen blitzten bedrohlich auf, und im nächsten Moment wurde Rudolf rücklings auf die Matratze gedrückt. Innerhalb eines Herzschlages hatte sein Besucher sich über ihn geschwungen, und drückte den jungen Prinzen mit seinem Körpergewicht zurück in die Kissen, während seine freie Hand lässig den vergessenen Dolch vom Bett gefischt hatte und ihn Rudolf nun in einer beinahe liebevollen Geste an die Kehle setzte.
Ein tausend elektrische Schläge schienen durch Rudolfs Blutbahn zu jagen, als er mit Schreck geweiteten Augen zu dem Blonden über sich aufblickte. Nie zuvor hatte er etwas gesehen das gleichermaßen so schön und so beängstigend war.
„so mein kleiner Prinz,“ flüsterte der Tod grimmig, und beugte sich so weit nach vorne das die Strähnen heller Locken sein Gesicht umrahmten wie ein makaberer Heiligenschein. Das kalte Metall des Dolches, an dem noch Blut von Rudolfs Arm klebte drückte scharf gegen die weiche Haut an seiner Kehle.
„Wenn ihr wirklich sterben wollt, reicht eine winzige Bewegung. Ich verspreche euch, ich werde nicht ausweichen. Ein kleiner Ruck nach vorne, und euer Blut wird die Bettlacken bis zur Morgenstunde in gleißendem rot getränkt haben. Ihr werdet tot sein, und mit euch tausende und abertausende von Chancen euer Leben zu ändern. Nur zu, tut es! Ich warte, mein Prinz.“ Die letzten Worte hatten einen so bedrohlichen Unterton, dass sie Rudolf mehr Furcht einflößten, als jede Waffe es vermocht hätte, einschließlich des Dolches an seiner Kehle.
Der Tod hatte sich inzwischen so weit nach vorne gebeugt, dass beinahe sein ganzes Körpergewicht auf dem Kronprinzen lastet, und der Abstand zwischen ihren Gesichtern hatte sich so weit verringert, dass er den Atem des anderen hätte spüren müssen. Wenn der Tod denn geatmet hätte. Sein Blick war der eines lauernden Raubtieres.
Rudolf rührte sich nicht vom Fleck. Gebannt wie ein Reh im Angesicht des Jägers starrte er zum Tod empor, nicht fähig auch nur einen Muskel zu rühren. Die ungewohnte Nähe war verwirrend, aber so irrwitzig es auch klingen mochte, es fühlte sich seltsam richtig an. Es war richtig, hier zu liegen, mit dem Tod, dem wunderschönen Tod über sich, und einem silbrig glänzendem Dolch an der Kehle.
„Dachte ich es mir doch,“ flüstere der Blonde schließlich, und lockerte den Druck der Waffe an der Kehle des Prinzen, „ihr wollt nicht sterben, nicht wirklich. Ihr wollt nur dass der Schmerz aufhört.“
Mit beinahe traurigem Blick machte der Tod Anstalten sich von Rudolf zurück zu ziehen. Instinktiv schossen die Hände des Kronprinzen nach vorne, und hielten den Körper des Blonden an Ort und Stelle. Dieser zog darauf hin eine fein geschwungene Augenbraue in die Höhe.
„Bleib hier, bitte,“ rutschte es dem Prinzen heraus, noch bevor ihm klar wurde, was er da eigentlich sagte; „ich will nicht das du gehst. Deine Nähe ist tröstlich.“
Zum ersten mal seit seiner Ankunft blitze Überraschung in den hellen, blauen Augen des Todes auf. Er warf Rudolf einen langen Blick zu, der diesem durch Mark und Bein ging, bevor er offenbar eine Entscheidung traf. Sanft beugt sich der Tod nach vorne, hinweg über die Klinge, die noch immer locker an Rudolfs Kehle lag. Im nächsten Herzschlag drückte er seine Lippen sanft auf die Stirn des Kronprinzen, der unter der Berührung erschauderte.
„Ach kleiner Prinz,“ flüsterte der Tod mit einer Stimme, die Rudolf Schauer über das Rückgrat hinab jagte. Alle Sehnensucht, alle Trauer und aller Schmerz der Welt klang in seinen Worten mit, „ich bin immer in deiner Nähe. Ich bin es immer gewesen. Ruft nach mir, wenn ihr mich braucht, und ich werde kommen.“
Rudolf zitterte noch immer, als der Blonde sich schließlich geschmeidig wie ein junge Katze vom Bett erhob, und sich von ihm abwandte. Ein letztes mal fuhr er dabei mit seiner kühlen Hand über die Wange des Prinzen, der ihn mit großen Augen nachblickte.
Da drehte sich der Tod ein weiteres mal zu ihm um, und seine blauen Augen blitzten Belustigt auf, als er beiläufig den Dolch von der Bettdecke pflückte.
„Den nehme ich mal lieber an mich. Wir wollen doch nicht, dass ihr bis zu meinem nächstem Besuch noch mehr Dummheiten macht, oder? Und jetzt schlaft gut, mein Prinz, ich bin sicher, wir werden uns bald wieder begegnen.“
Ein letztes Lächeln, ein langer, schwer zu deutender Blick, und der Tod verschwand genau so schnell aus Rudolfs Gemächern, wie er darin aufgetaucht war.
Zurück lies er einen erschöpften Kronprinzen, mit tausend verwirrenden Gedanken, und noch viel verwirrenderen Gefühlen.
Rudolf konnte nicht genau sagen, was so eben geschehen war, oder was nach dem Besuch des Todes in ihm vor ging. Eigentlich wusste er nur eines mit Bestimmtheit: Der Prinz wollte ihn wiedersehen. Er wollte den Tod wiedersehen. Und das so schnell wie möglich.
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