Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Erotik / Two Faces

Two Faces

GeschichteDrama, Romanze / P18
31.07.2019
14.01.2020
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D I E   T O C H T E R






Im Zwiebellook und mit den Händen tief in den Jackentaschen vergraben stehe ich vor dem Apartmentkomplex und warte auf Cooper. Er hat am frühen Morgen auf meine Nachricht geantwortet und wir haben über eine Stunde miteinander telefoniert. Cyrus war nicht unbedingt begeistert über mein Vorhaben, aber ich habe das unbändige Gefühl, dass ich es tun muss, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
Vor mir hält mit quietschenden Bremsen ein Taxi und lässt einen gut gekleideten Mann Ende zwanzig aussteigen.
„Ich hatte nicht erwartet, dass du tatsächlich bereit bist, diesen Schritt zu gehen“, begrüßt mich Cooper lächelnd und zieht mich in eine kurze Umarmung.
„Nach allem, was mit Lana und meinen Eltern passiert ist, habe ich irgendwie das Gefühl, dass es jetzt tatsächlich an der Zeit ist, mit ihnen zu reden. Ich spüre ab und an immer noch diese Wut auf das, was sie getan haben und ... ich will nicht mehr wütend sein“, erwidere ich und starre betreten auf die Spitzen meiner Stiefel.
„Verständlich“, sagt er mitfühlend. „Maria hat am Telefon gesagt, dass sie jemanden schicken werden, um uns abzuholen, und der müsste jeden Moment auftauchen.“
Gerade als Cooper auf seine protzige Uhr schaut, kommt ein teurer Lincoln am Bordstein zum Stehen. Ein grimmig dreinblickender Mann im Anzug steigt aus und öffnet die hintere Autotür, nachdem er unsere Namen in Erfahrung gebracht hat.
„Ihren Hang zum Übertreiben haben meine Eltern also nicht verloren“, sage ich schulterzuckend und steige, dicht gefolgt von Cooper, ein.

Das luxuriöse Stadthaus im Herzen der Upper East Side kommt mir auch nach der langen Zeit immer noch wie ein Gefängnis vor. Als der Wagen zum Stehen kommt, bin ich für einen Moment versucht, diese ganze Aktion abzublasen, um zurück zu Cyrus, Fatou und Courtney zu gehen. Durch diese Tür zu treten, bedeutet, mich all den Gefühlen zu stellen, die ich so konsequent zu verdrängen geglaubt habe. All die Erinnerungen würden auf mich einprasseln und ich bekomme allein von der Vorstellung Kopfschmerzen. Auf die Frage, ob ich dafür bereit bin, mit meinen Eltern zu reden, ihnen zuzuhören und ihnen vielleicht sogar zu verzeihen, habe ich keine Antwort.
„Alles in Ordnung mit dir?“, fragt Cooper vorsichtig und legt seine Hand auf meine Schulter, als ich den Kopf schüttle.
„Nein, aber ich mache jetzt keinen Rückzieher“, antworte ich und steige aus dem Auto.
Wir betreten das Stadthaus und melden uns beim Portier an, der uns daraufhin zum Fahrstuhl begleitet.
Als sich die Türen im obersten Stockwerk öffnen und den Blick auf einen edlen Kalksandsteinboden freigeben, rutscht mir das Herz in die Hose und ich spüre, wie meine Handflächen feucht werden. Heute Morgen habe ich extra eine graue Paperbag-Hose und einen Rollkragenpullover angezogen und meine langen Haare zu einem französischen Zopf geflochten, vermutlich aus einem unterbewussten Bedürfnis heraus, meine Eltern zu beeindrucken. Der Gesichtsausdruck meiner Mutter, die mit ihrem eiskalten Blick und dem strengen Dutt im Vorzimmer steht, spricht allerdings seine ganz eigene Sprache. Ich hätte mit einem Doktortitel oder dem Nobelpreis hier auftauchen können, sie wäre nicht beeindruckt gewesen.
„Hallo Anastasia“, begrüßte sie mich kühl. „Als Cooper angerufen hat, um uns mitzuteilen, dass du in der Stadt bist und uns treffen willst, habe ich ihm zuerst nicht geglaubt.“ Ihre Stimme geht mir durch Mark und Bein.
„Die Entscheidung war auch nicht unbedingt einfach“, erwidere ich ruhig, was sie mit einem müden Lächeln quittiert, bevor sie uns anbietet, unsere Mäntel an die Garderobe zu hängen und ihr ins Wohnzimmer zu folgen, wo mein Vater auf uns wartet. Er scheut sich auch an Weihnachten nicht davor, in einem maßgeschneiderten Anzug durch das Haus zu wandern. Wenn meine Eltern wüssten, dass heute Abend beim Weihnachtsessen im Hause Ward wie jedes Jahr der hässlichste Weihnachtspullover gewählt wird, würden sie vermutlich in Ohnmacht fallen.
Auch seine Begrüßung fällt gewohnt reserviert und ohne großartigen Körperkontakt aus.
„Wie kommen wir zu diesem unerwarteten Besuch?“, fragt er, als wir ein paar Minuten später auf der Couchgarnitur sitzen, wo ein Tablett mit frisch gebrühtem Kaffee und Gebäck bereitsteht.
„Coop und ich haben uns neulich zufällig getroffen und er hat etwas erwähnt, dass mich dazu bewogen hat, euch zu treffen. Eine Aussage, von der ich dachte, dass sie unter eurem Niveau wäre.“
„Letztes Jahr auf der Tagung des Regionalkomitees“, ruft Cooper den beiden ins Gedächtnis und meine Eltern wechseln daraufhin vielsagende Blicke aus. Sie wissen genau, was gemeint ist, nämlich die schmerzhafte Aussage, dass ich mich selbst meinem Schicksal überlassen hätte.
„Du musst uns verstehen, Liebes“, säuselt Mom in einem lächerlichen Versuch, Verständnis zu erwarten. „Wir haben uns sieben lange Jahre nicht gesehen und wir hatten keine Ahnung, wo du bist und ob du überhaupt lebst. Du warst wie vom Erdboden verschluckt.“
„Und ihr habt euch ja auch sehr viel Mühe gegeben, mich zu finden“, erwidere ich ein bisschen zu laut und emotional. Ich hatte mir eigentlich fest vorgenommen, dieses Gespräch so distanziert wie möglich anzugehen.
Cooper tätschelt meine Hand und entschuldigt sich daraufhin, um das Badezimmer aufzusuchen.
„Du hast die Entscheidung getroffen zu gehen, Anastasia. Wir hielten es für vermessen, diese in Frage zu stellen oder den Weg, den du eingeschlagen hast, zu hinterfragen“, erklärt mein Vater und ich senke mit zittrigen Fingern die Tasse, aus der ich eben einen Schluck genommen habe.
„Für vermessen?“, wiederhole ich leise. „Mir kam es eher so vor, als wäre es euch komplett egal gewesen.“
„So etwas darfst du nicht sagen, du bist immer noch unsere Tochter! Wir dachten stets nur an dein Wohl.“ Meine Mutter hält sich theatralisch die Hand vor die Brust und mein Vorhaben, dieses Gespräch irgendwie rational anzugehen, verabschiedet ins Nirwana.
„Ach ja? Dachtet ihr auch an mein Wohl, als ich nach Lanas Tod einen Nervenzusammenbruch hatte und mit Panikattacken im Krankenhaus gelandet bin? Nein, stattdessen habt ihr mich in eine Privatklinik abgeschoben und mich als Problem betrachtet, mit dem ihr nichts zu tun haben wolltet.“
„Wir haben dir die beste medizinische Versorgung gewährt“, keift meine Mutter, aber ich lasse mir kein schlechtes Gewissen mehr einreden. Die Zeiten sind lange vorbei.
„Ihr habt euch einen Scheiß für mich interessiert und das tut ihr nach wie vor. Aber wisst ihr was? Mir geht es gut, ich studiere das, was ich studieren will, und bin umgeben von Menschen, die mir guttun. Hättet ihr mich in dieser Klinik nur ein einziges Mal besucht, dann wüsstet ihr auch, dass ich keine Horde an Ärzten gebraucht habe, um über den Tod meiner Schwester hinwegzukommen, sondern Eltern, die mich in den Arm nehmen und mir sagen, dass alles gut wird.“
„Das ist nicht fair, Anastasia. Wir haben Swetlana auch verloren“, sagt mein Vater mit eisiger Stimme, aber ich schüttle den Kopf und schiebe die Tasse beiseite.
„Ich war vierzehn und hätte euch gebraucht. Aber es war euch egal, da ihr nur mit euch selbst beschäftigt wart.“
Pikiert wenden meine Eltern den Blick ab, aber ich habe auch nicht erwartet, dass sie nach allem, was passiert ist, Einsicht zeigen würden.
Mit einem Selbstbewusstsein, welches ich mir all die Jahre über antrainieren musste, stehe ich auf und richte den Sitz meines Blazers. „Mein Leben ist nicht perfekt und wird es vermutlich auch niemals sein, aber ich bin glücklich. Und um glücklich zu sein, brauche ich euch nicht.“
Erhobenen Hauptes gehe ich zurück ins Vorzimmer und suche nach Cooper, der mit gehetztem Blick aus dem hinteren Flur, welcher zu den Büros und der Bibliothek führt, kommt. Erstaunlich, dass er überhaupt den Weg zurückgefunden hat, da mir dieses Haus, insbesondere in meiner Kindheit, immer wie ein riesiges Labyrinth vorgekommen ist.
Wie erwartet, machen weder meine Mutter noch mein Vater Anstalten, mir zu folgen.
„Was ist los?“, fragt Cooper, als er meinen Blick sieht, doch ich schüttle lediglich den Kopf und greife nach meinem Mantel.
„Ich bin fertig, mit diesem Gespräch und mit meinen Eltern.“

Cooper und ich teilen uns ein Taxi, welches mich vor dem Appartementkomplex, in dem ich meine Ferien verbringe, absetzt. Ich mache aber keine Anstalten auszusteigen.
„Es tut mir leid, Ana. Du hast dir sicherlich mehr erhofft, als du dich dazu durchgerungen hast, Alex und Maria aufzusuchen“, sagt er mitfühlend und tätschelt meine Hand.
„Erhofft ja, aber nicht erwartet“, erwidere ich schulterzuckend. „Es ist okay. Ich habe meinen Frieden damit gemacht und ich bin ja zum Glück auch nicht alleine.“ Mein Blick gleitet zum Eingang, als ich die Hand zum Griff der Autotür bewege. „Schreib mir, wenn du mal wieder in Missoula unterwegs bist, dann bekommst du eine ganz private Stadtführung.“ Ich ringe mich zu einem Lächeln durch und verabschiede mich von Cooper.
Im Aufzug gebe ich den Code ein, um zum Loft der Wards zu gelangen, und spüre auf dem Weg nach oben das unbändige Gefühl, loszuheulen. Dank jahrelanger Therapie bin ich tatsächlich soweit, mich von dem Gedanken zu verabschieden, eine gesunde Beziehung zu meinen Eltern zu haben. Dennoch ist es verletzend.
Doch als Cyrus mich begrüßt und freudestrahlend seinen roten Rentier-Pullover mit der blinkenden Nase präsentiert, verschwindet der Stein in meinem Magen und ich spüre tiefe Dankbarkeit für das, was ich habe.

-

Als Courtney und Fatou uns am Abend verlassen, um wie jedes Jahr einen Umtrunk mit den Mitarbeitern ihres Auktionshauses zu zelebrieren, geselle ich mich zu Cyrus, der auf der Couch vor dem Kamin sitzt und gedankenverloren auf sein Handy starrt.
„Erwartest du eine Nachricht?“, frage ich ihn und denke gleichzeitig an die von Jake, der sich vor ein paar Stunden mit einem ulkigen Bild für die selbstgestrickten Socken bedankt hat.
„Nein“, seufzt er und legt sein Handy beiseite. „Ich überlege, ob ich Gin schreiben soll, aber ich wüsste nicht mal was.“
„Sowas wie: Hey Blauschopf, falle nicht in den Punschbehälter und fasse den Vorsatz, im neuen Jahr keine Giftspritze mehr zu sein?“, schlage ich in einem plumpen Versuch, witzig zu sein, vor.
Cyrus zieht einen Mundwinkel nach oben und macht ein Geräusch, welches verdächtigt nach einem unterdrückten Lachen klingt.
„Was?“
„Du klingst wie Diego“, sagt er amüsiert und die Erwähnung des Quarterbacks löst ein Kribbeln in meinem Bauch aus. „Unter dem Mistelzweig, unter dem er sein Glück bei dir versucht hat, habe ich Gin geküsst und er hat es mitbekommen. Beim Training hat er mich dann gefragt, ob ich dem Gesang der Sirene erlegen wäre und von ihr in den Abgrund gezogen wurde.“ Ein treffender Vergleich, besonders da Nevans Schwester mit den blaugrünen Haaren tatsächlich ein bisschen an eine Meerjungfrau erinnert.
„Ja, klingt ganz nach Diego“, murmle ich, ziehe die Beine an und fahre gedankenverloren über den Stoff meines Pullovers, der einen Schneemann mit Sonnenbrille zeigt.
Ein paar Minuten sitzen wir schweigend nebeneinander und betrachten das beruhigende Flammenspiel des Kamins, bis Cyrus‘ Blick ungewöhnlich lange auf mir liegen bleibt.
„Hab ich noch Zuckerguss im Gesicht oder warum starrst du mich an?“, frage ich und strecke ihm die Zunge entgegen, aber er schüttelt langsam den Kopf.
„Wenn du Diego vermisst, Ana - und das tust du -, solltest du dich vielleicht einfach bei ihm melden.“
„Und wenn ich es jetzt komplett bei ihm verkackt habe, nachdem ich ihn zuerst ignoriert, dann eifersüchtig gemacht und zum Schluss auch noch blockiert habe?“
„Wie war das? Hey Ramirez, ich bin ein durchgeknalltes Schneewittchen, das die Angewohnheit hat, zu übertreiben und Dinge zu dramatisieren, aber eigentlich scheinst du kein schlechter Kerl zu sein, deswegen bitte ich dich um eine zweite Chance?
Mit offenem Mund und fassungslos darüber, wie er einfach den Spieß umgedreht hat, starre ich Cyrus an und boxe ihm schließlich gegen die Schulter.
„Du bist ein Idiot, Ward.“ Aber etwas an seiner Aussage macht mich dennoch sehr nachdenklich und so greife ich zu meinem Handy, um mit wild klopfendem Herzen Diegos Nummer zu entblockieren. Währenddessen verlässt mich Cyrus in Richtung Küche, um sich etwas zu trinken zu holen.

[AN DIEGO] – 07.58 pm – Wenn ich weder ein einmaliger Fick noch eine Herausforderung war ... Was war ich dann?

[DIEGO] – 08.00 pm – Ich wollte eine Chance, mit dir befreundet zu sein, und die habe ich zerstört. Aber ich war nie darauf aus, dich für irgendeine Show ins Bett zu bekommen, Ana. Ob du es glaubst oder nicht: Mir hat das wirklich etwas bedeutet.

Obwohl ich überrascht bin, dass Diego sofort und ohne irgendwelche Vorwürfe reagiert, strömt ein warmes Gefühl durch meine Glieder und ich denke zurück an Cyrus‘ Worte: Diego mag einen fragwürdigen Umgang mit Frauen haben, aber er ist kein Lügner.

[AN DIEGO] – 08.04 pm – Ich glaube dir.

[DIEGO] – 08.04 pm – Ist das dein Ernst? Würdest du mir das auch nochmal ins Gesicht und vor Zeugen sagen, damit ich keine Angst haben muss, zu halluzinieren?

Ein Schmunzeln zupft an meinen Lippen. Der Quarterback hat seine Tagesform wiedergefunden.

[AN DIEGO] – 08.06 pm – Wir reden, wenn ich wieder in Montana bin, okay?

[DIEGO] – 08.07 pm – Erst nächstes Jahr? Bis dahin werde ich mir vor Nervosität alle Haare ausgerissen und die Fingernägel abgenagt haben. Ich bin in Denver und komme selbst erst zu Semesterbeginn wieder zurück.

[AN DIEGO] – 08.10 pm – Geduld ist eine Tugend.

[DIEGO] – 08.10 pm – Ich wünsche mir, du würdest mich nicht so lange warten lassen.

„Und war das jetzt so schwer?“, fragt Cyrus, der sich mit einer Tasse Tee neben mich setzt, und hebt neckend eine Augenbraue.
Währenddessen formt sich in meinem Kopf ein vollkommen verrückter Gedanke, der aber dennoch irgendwie verlockend ist.
„Ich glaube, ich könnte deine Hilfe gebrauchen“, erwidere ich stattdessen.


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Heute ohne Bla Bla außer FROHES NEUES!
Obwohl CK innerlich schon schläft, hofft sie trotzdem das  ihr viel Spaß beim Kapitel hattet und dankt herzlich für das Feedback zum letzten ♥

Viel Liebe an Miss Impression ♥
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