Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Erotik / Two Faces

Two Faces

GeschichteDrama, Romanze / P18
31.07.2019
24.03.2020
18
54848
78
Alle Kapitel
138 Reviews
Dieses Kapitel
9 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
We all wear masks, and the time comes when we cannot remove them without removing some of our own skin.


- André Berthiaume -










D I E   F R E U N D I N





„Ich bin nicht untervögelt, Ana“, kommentiert Nika meine halbherzigen Versuche, ihr beim gemeinsamen Mittagessen die Vorzüge von Gelegenheitssex näherzubringen. Anstatt sich ständig mit ihrem unsympathischen, aber verflucht heißem Mitbewohner Sixten zu streiten, könnte meine beste Freundin ihre Energie um einiges sinnvoller einsetzen.
Just in dem Moment schleicht Diego Ramirez, Quarterback unseres Football-Teams, den RAWRcats, an uns vorbei und berührt Nika am Hals. Dass die beiden gelegentlich das Freundschaft-Plus-Prinzip aufleben lassen, ist kein Geheimnis. Bin ich deswegen neidisch auf Nika, weil Diego eine absolute Sahneschnitte ist? Möglicherweise. Werde ich ihr deswegen wie ein unreifes Fangirl eine Eifersuchtsszene machen? Definitiv nicht.
„Siehst du?“, erwidert sie mit einem selbstgerechten Gesichtsausdruck und mal wieder stellt sich dieses vollkommen unpassende Gefühl von Neid bei mir ein.
„Angeberin“, nuschle ich und schiebe mir ein dampfendes Stück Tortellini in den Mund. Gedanklich versuche ich, mich nicht damit zu befassen, dass Diego mich keines Blickes gewürdigt hat, und schreibe im Kopf bereits einen Artikel für die Studenten-Zeitung, bei der ich mich unabhängig von meinem Studienfach, Biomedizin, engagiere. Die Liebe zum Journalismus ist eines der wenigen Dinge, die ich mit Nika, die es zusammen mit Media Relations als Studienfach gewählt hat, teile. Sie hat heute Morgen bereits die Fotos für einen Artikel über die mangelnde vegane Küche in der Mensa geschossen, zu dem wir vor unserem Mittagessen den dazugehörigen Text verfasst haben.
„Ich schreibe dir, wenn der Artikel die Korrektur überlebt hat“, sage ich zu ihr auf dem Weg zu unseren Kursen und checke parallel meine Mails auf dem Handy.
„Wenn er schon wieder aufgrund einer falsch verwendeten Redewendung abgelehnt wird, werde ich zum Grinch“, erwidert sie grinsend und verabschiedet sich mit einer kurzen Umarmung von mir.
Und auf mich wartet jetzt eine dreistündige Vorlesung in Histologie, zu der ich mich aufmache.


-


Am frühen Abend schultere ich meine Sporttasche und knipse das Deckenlicht aus, bevor ich mein winziges Apartment im Studentenwohnheim verlasse. Ein kleiner Schubs in Kombination mit Geld in Richtung Wohnheimleitung reichte in meinem Fall glücklicherweise aus, um auf eine Mitbewohnerin zu verzichten. Ich würde nicht soweit gehen, mich als Einzelgängerin zu bezeichnen, aber auf eine schnatternde, Bad blockierende Kommilitonin kann ich bestens verzichten.
Die wenigen Minuten Fußweg zum Fitnessstudio vertreibe ich mir mit einem alten Lied von Britney Spears auf den Kopfhörern, bis ich meine Aerial-Yoga Partnerin Jinjin erblicke. Wir haben uns vor ein paar Wochen gleichzeitig zu diesem Kurs angemeldet und schnell einen Draht zueinandergefunden. Für Jinny, die jetzt schon Panik vor ihren Prüfungen im Spätjahr schiebt, und mich, die generell angespannt ist, ist eine Stunde voller akrobatischer Verrenkungen genau das richtige als abendlicher Ausklang.
„Hey Ana“, begrüßt Jinny mich fröhlich. Wie immer für den Kurs sind ihre schulterlangen, schwarzen Haare zu einem hohen Zopf gebunden und einige Strähnen haben sich daraus gelöst.
„Hallo Jinny, woher kommt deine gute Laune?“
Wir betreten gemeinsam das Backstein-Gebäude und begeben uns zu den Umkleideräumen.
„Ich hatte heute die Idee für ein Kostüm, welches definitiv das Potenzial besitzt, zu meiner Abschlussarbeit zu werden“, erzählt sie mit glänzenden Augen und ich lausche schmunzelnd ihrer Beschreibung. In dem Studienfach Kostümdesign hat sie unverkennbar ihre Passion gefunden und es ist nicht die erste Idee mit Potenzial, von der sie mir erzählt. Bis die Leiterin des Kurses ihren Platz vorne eingenommen hat, berichtet Jinny mir von allen Details, die sich in ihrem Kopf zu einem fantastisch klingenden Kostüm zusammengesetzt haben. Ihre Idee ist angelehnt an die japanische Jugendkultur und beinhaltet viele grelle Farben und Kunstpelz. Sollte es zu einer Umsetzung kommen, bin ich schon äußerst gespannt auf das fertige Stück.
Nach einer kurzen Begrüßung unserer Trainerin dehnen wir uns und absolvieren die Grundübungen, bevor jeder sich an anspruchsvollere Figuren wagen darf.
„Und, wie war dein Tag so?“, fragt Jinny, während sie entspannt kopfüber im Tuch hängt.
„Ziemlich öde“, antworte ich schulterzuckend. „Das Highlight war ein Gespräch mit meiner besten Freundin beim Mittagessen, als ich ihr nahegelegt habe, sich öfter mal Gelegenheitssex hinzugeben.“
Jinny lacht laut und bekommt durch die unübliche Position ihres Kopfes ein knallrotes Gesicht. „Wie genau kommt man auf solch ein Thema bei Salat und Nudelgerichten?“
„Sie musste zu ihrem Bruder ziehen und sein Mitbewohner ist eine Versuchung auf zwei Beinen, die man eigentlich nur anspringen kann, sobald man sie sieht.“
„Und was macht deine beste Freundin dann mit ihm? Schach spielen? Aus dem Weg gehen?“ Jinny kommt langsam zurück in eine vertikale Position und nimmt ihre Wasserflasche vom Boden, um einen Schluck zu trinken.
„Sie streiten sich. Psychologie ist nicht unbedingt meine Kernkompetenz, aber für mich ist das ein ganz klassischer Fall von Ersatzhandlung“, analysiere ich. Gleichzeitig mühe mich ab, die Yoga-Position des herabschauenden Hundes im Tuch nachzuahmen, während die Trainerin ihren ruhigen Blick schweifen lässt.
„Mir gefällt deine Idee, Konflikt-Handlungen mit Sex zu ersetzen“, sagt Jinny mit einem breiten Grinsen. „Wobei es nur funktioniert, wenn keine tiefergehenden Gefühle mit im Spiel sind. Alles andere läuft nur darauf hinaus, dass du blindlings in dein Verderben rennst.“ Ihr Tonfall macht mich stutzig und ich hebe fragend eine Augenbraue.
„Klingt ja verdächtig nach der Stimme der Erfahrung.“
Sie winkt ab und begibt sich wieder in die Ausgangsposition, als die Trainerin um Ruhe bittet.


-


Die Woche vergeht schnell und hat mich, dank der vielen Aufgaben bei RAWR!news, fest im Griff. Ich kann mich nicht beschweren – ich liebe die Herausforderung, die im Zuge der journalistischen Arbeit entsteht, auch wenn sie zusammen mit meinem Hauptfach und diversen Wahlfächer manchmal schwer unter einen Hut zu bekommen ist. Umso mehr freue ich mich, als ich am Samstagmorgen zur Abwechslung mal ausgeschlafen mein Frühstück, bestehend aus einer Schale Porridge mit Chiasamen und Ahornsirup, verspeisen kann. Anschließend packe ich ein Erdnussbutter-Marmelade-Sandwich in eine Tupper-Dose und verstaue diese zusammen mit einer Flasche Wasser im Rucksack, bevor ich meine langen, vom Duschen noch leicht feuchten Haare zu einem französischen Zopf binde und mich auf den Weg mache.

Mein Ziel ist eine alte Lagerhalle, die etwas außerhalb des Stadtkerns steht und über ein paar clevere Abkürzungen bequem mit meinem quietschgelben Fahrrad zu erreichen ist. Mit der Indoor-Halfpipe, der improvisierten Bar, der kleinen Bühne im hinteren Bereich und den zahlreichen Möglichkeiten zum Entspannen ist es ein beliebter Treffpunkt bei den Studenten.
Ich schließe meinen fahrbaren Untersatz an einer Laterne in der Nähe des Eingangs an und schultere den Rucksack, bevor ich das von außen unscheinbare, graue Gebäude betrete. Um diese Uhrzeit ist kaum jemand da, lediglich Malik, der Barkeeper, sortiert mit Kopfhörern in den Ohren Leergut in Kisten.
Ich laufe zielsicher hinter die Halfpipe und entdecke meinen Kumpel Jacob, der wie jeden Samstag hier ist, um Leinwände mit Farbe zu verschönern. Seine langen, dunklen Dreadlocks sind zu einem erstaunlich ordentlich aussehendem Haufen auf seinem Kopf aufgetürmt.
„Guten Morgen, Jake.“
Sein Kopf schnellt in meine Richtung, ehe er die Hand hebt, seine Atemschutzmaske abnimmt und ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht erscheint.
„Hey Ana“, begrüßt er mich. „Ich hatte mich schon gefragt, wo du bleibst.“
„Ich bin pünktlich“, rufe ich empört und lege meinen Rucksack auf dem recht hohen Betonpodest direkt hinter der Halfpipe ab.
Jake zwinkert mir schelmisch zu und ich erkenne, dass ich ihm mal wieder auf den Leim gegangen bin.
„Was hast du vor?“ Ich deute mit dem Kinn auf die Leinwand, die fast so groß ist wie er selbst. Das obere Viertel ist weiß und wird nach unten hin mit gut verblendeten Schattierungen immer grauer, bis sie schließlich im unteren Bereich komplett schwarz ist.
„Ich versuche, Rauch nachzuempfinden.“
„Rauch?“, frage ich verwirrt und lege neugierig den Kopf schief, während Jake mit den Fingern über die einzelnen Farbbereiche fährt.
„Das hier ist nur die Grundierung. Ich arbeite später mit mehreren Layern und einer neuen Wischtechnik, damit das Ganze täuschend echt aussieht. Und darauf kommt dann – BAM! – eine Karikatur von Jimi Hendrix.“ Voller Begeisterung und mit leuchtenden Augen starrt er auf sein unvollendetes Kunstwerk.
Ich halte mir währenddessen die Hand vor den Mund, um nicht zu kichern und ihm seine Euphorie kaputtzumachen.
„Na dann, da Vinci, ran ans Werk.“

Während Jake mit Atemschutzmaske und ruhiger Hand an seinem Bild arbeitet, lehne ich mich mit dem Rücken an die Halfpipe und klappe das Buch auf, welches ich mir gestern in der Bibliothek ausgeliehen habe: Verhaltenspsychologie mit Schwerpunkt bewusster und unbewusster Kompensation. Seit dem Gespräch mit Nika fasziniert mich dieses Thema.
Gut ein Viertel des dicken Wälzers habe ich bereits gelesen, als Jake die erste Pause macht.
„Sieht gut aus“, kommentiere ich ihn mit einem Blick auf die Leinwand.
Die Schichten der verschiedenen Farbnuancen haben einen großartigen Effekt und ich bin gespannt, wie viel Realismus Jakes Wischtechnik dem Motiv verleihen wird.
„Der alte Bulrush hat mich heute angesprochen und mir vorgeschlagen, als Künstler bei einem neuen Projekt mitzuhelfen“, sagt er und setzt sich neben mich.
Ich lege mein Lesezeichen zwischen die Seiten und das Buch weg, um mein Erdnussbutter-Marmelade-Sandwich herauszuholen und es mit ihm zu teilen.
„Klingt interessant. Worum soll es gehen?“ Ich reiche ihm eine Ecke des Snacks und er beißt genüsslich rein.
„Um das Graffiti im Spielertunnel des Football-Stadions. Es soll erneuert werden, weil im Frühjahr ein Filmteam kommt, um hier zu drehen.“
„Sie wollen das College filmen?“, frage ich in einem leichten Anflug von Panik und trinke einen großen Schluck Wasser, doch Jake schüttelt den Kopf.
„Nur das Stadion. Es geht um eine Dokumentation über die größten Stadien der Mountain States, wenn ich es richtig verstanden habe.“
Möglichst unauffällig atme ich tief durch und versuche, meinen Herzschlag zu einer gesunden Geschwindigkeit zu animieren. Dieses Gefühl einer aufkommenden Panikattacke hatte ich schon länger nicht mehr und ich dachte sogar, es überwunden zu haben. Aber so ist das mit Ängsten: Sie treffen dich immer unerwartet.
„Und Professor Bulrush will, dass du alleine für das Design verantwortlich bist?“
„Nicht ganz“, erwidert er schmunzelnd und streicht sich die Hände an der Hose ab, nachdem er den letzten Bissen geschluckt hat. „Er will noch eine zweite Künstlerin mit ins Boot holen. Außerdem ein paar Helfer, die uns bei zeitintensiven Arbeiten zur Hand gehen sollen. Und er regt einen Artikel bei der Studenten-Zeitung über das Projekt und die Dreharbeiten an. Stell dich also schonmal darauf ein, dass Mrs. Tremblay auf dich zukommen wird.“ Mrs. Tremblay ist unsere Redakteurin und immer scharf auf eine große Story.
„Selbst wenn, wird sie eher Nika oder Darcy fragen, weil die beiden mehr Fotoerfahrung haben als ich. Und für so einen Artikel brauchst du ausdrucksstarke Bilder“, erkläre ich schulterzuckend.
„Zu schade“, seufzt Jake traurig. „Ich hätte dich gerne dabei gehabt. Vor allem weil Bulrush meinte, dass Ramirez und Ward sich freiwillig gemeldet haben.“ Er tut so, als würde er sich den Zeigefinger in den Mund schieben und erbrechen, und bringt mich damit zum Lachen.
„Diego und Cyrus? Nach ihrer herausragenden Leistung im letzten Spiel sollten die beiden eigentlich am wenigsten darauf angewiesen sein, sich mit dieser Aktion beim Trainer einschleimen zu müssen.“
Jake macht den Mund auf, um etwas zu sagen, stockt aber und mustert mich mit einem gehässigen Grinsen im Gesicht. „Anastasia Lynch, woher weißt du, wie die beiden gespielt haben?“
Meine Wangen wetteifern in diesem Augenblick vermutlich mit meinem Red Temptation-Lippenstift. „Ähm, war geraten?“
„Lüg mich nicht an. Du warst bei einem Spiel, gib es zu!“, ruft er triumphierend und springt von dem Podest, um sich vor mir aufzubauen.
Vor nicht allzu langer Zeit habe ich ihm gegenüber behauptet, dass Football ein hirnverbrannter, taktikloser Sport für aufgeblasene Steroid-Junkies ist. Dummerweise habe ich eine gewisse Schwäche für besagten Quarterback, die ich allerdings niemals öffentlich aussprechen werde. Nur deshalb war ich letztes Wochenende bei dem Spiel der RAWRcats und habe mich mit Sonnenbrille und Kapuze in die obersten Ränge gesetzt, als wäre ich irgendein Promi, der nicht von den Paparazzi erkannt werden will. Und Football ist wahrlich nicht so kompliziert, als dass man nicht innerhalb des ersten Quarters verstehen könnte, welcher Spieler wie gut auf seiner jeweiligen Position ist.
„Dabei hast du Stein und Bein geschworen, niemals auch nur einen Fuß ins Stadion zu setzen. Und du weißt, was das heißt.“ Freudig schlägt er in die Hände und reibt die Innenflächen aneinander.
Ich mache mich auf das schlimmste gefasst.
„Ich darf mir etwas wünschen, und ich weiß auch schon genau, was es sein wird.“




__________________________________________________________________


Es ist nun endlich soweit ... Wir begrüßen euch herzlich zum 3. Teil der MSC-Reihe!

Um diese Geschichte zu verstehen, ist es nicht nötig, die anderen Teile gelesen zu haben – allerdings empfehlen wir dies allen, die die Geschichten von Pixie und Nika noch lesen möchten, da hier der eine oder andere Spoiler enthalten sein wird.

1. Teil: „Invisible "

2. Teil: „Game of Hazard"

Nächste Woche wird dann der Start von „Keepsake" erfolgen. Der Umfang beider Geschichten wird in etwa dem der Vorgänger entsprechen.

Fühlt euch frei, zu kommentieren, favorisieren oder eine Empfehlung dazulassen! Wir freuen uns, wenn ihr eure Gedanken mit uns teilt. :)

Außerdem seid ihr natürlich auch sehr, sehr gerne dazu angehalten uns auf Instagram zu folgen. Außerdem sind wir seit neustem auch auf Wattpad aktiv!

Nun aber genug der Werbung und viele liebe Grüße!

Eure CK & MI

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

PS: TRIGGERWARNUNG – für alle, die auf Nummer sicher gehen möchten.

Nach einer Umfrage auf unserem Instagram-Account hat sich die Mehrheit für die Angabe einer Triggerwarnung ausgesprochen, die wir hiermit auch in die Tat umsetzen: Sowohl „Two Faces" als auch „Keepsake" werden Tod, Krankheit und Suizid thematisieren, wenn auch nicht in die Tiefe gehend. Keine unserer Protagonistinnen wird mit suizidalen Gedanken oder selbstverletzendem Verhalten zu kämpfen haben, das können wir so frei schon mal ausschließen.
Review schreiben