Bruderherz

von Idris1707
GeschichteRomanze, Familie / P16 Slash
Diego Hargreeves / Nr.2 / The Kraken Klaus Hargreeves / Nr.4 / The Séance
30.07.2019
30.07.2019
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30.07.2019 3.038
 
Inhalt: Wenn die Welt untergeht … was für eine Rolle spielt es dann noch?  

Timeline Spielt unmittelbar nachdem Fünf die Zeit zurückgedreht hat und seine Geschwister über die anstehende Apokalypse aufgeklärt hat.  

Warnungen: Inzest. Mehr Buttsex als Subtext. (Andererseits sind sie nicht mal blutsverwandt, also pfffft.) Also, ganz und gar einvernehmlicher Sex zwischen zwei Erwachsenen.
(Tbh, ich war unsicher, ob ich es 16 oder 18 raten soll, weil super explizit ist es nicht. Keine Genitalien werden genannt. Falls jemand trotzdem denkt, es sollte auf 18 hoch geratet werden, lasst es mich wissen.)



Die Welt geht unter.
Diego wäre ja irgendwie vage schockiert gewesen, aber grade ist irgendwie sowieso alles egal.  
Eudora ist tot und seine Geschwister reagieren alle genauso, wie er es erwartet hat.
Sie machen sich alle der Reihe nach vom Acker.

„Besprechung in einer Stunde. Wir treffen uns wieder hier und suchen Harold Jenkins“, bestimmt Fünf. „Vorher muss ich noch was erledigen.“ Und damit verschwindet er, die fiese, kleine Arschkrampe, bevor irgendjemand was dazu sagen kann.

Allison erhebt sich ebenfalls. „Ich rufe so lange meine Tochter an. Vorher kann die Welt mich mal.“

Luther starrt brütend aus dem Fenster. „Ich denke immer noch, dass das alles was mit meiner Mondmission zu tun hat.“ Abrupt dreht er sich um und stapft zur Tür. „Ich sehe Dads Unterlagen durch.“

Diego verdreht die Augen, aber er enthält sich jeden bissigen Kommentares, obwohl er genug davon übrighätte. Wenn Luther sich sogar jetzt noch einreden will, dass seine Mondmission irgendwas anderes war, als ein verzweifelter Versuch von Dad ihn irgendwie los zu werden, dann kann er ihm auch nicht mehr helfen.

Sein Arm schmerzt. Es gibt niemandem, den er anrufen möchte (nicht mehr) und es gibt keinen Ort, an dem er sein müsste. Also kann er auch genauso gut hier sitzen bleiben.
Er lässt sich auf einen Hocker an der Küchentheke nieder und angelt nach der Zeitung und der Kaffeekanne.
Er fühlt sich ausgehöhlt seit der Nacht in dem Motel, seit…
Er will nicht darüber nachdenken. Er kann nicht darüber nachdenken.

Erst als er sich einen Kaffee eingießt, merkt er, dass er nicht als einziger hiergeblieben ist. Klaus sitzt immer noch auf der Couch, die Beine angezogen, und sieht ihn mit einem merkwürdigen Blick an.

„Was?“ fragt er.

„Oh nichts“, sagt Klaus vage. „Ich dachte nur, du willst vielleicht auch einen dramatischen Abgang hinlegen, weil das bei uns in der Familie liegt und offenbar der Trend des Vormittags ist.“

Diego zuckt mit den Schultern. „Die kommen eh alle gleich wieder. Und so lange kann ich genauso gut erstmal frühstücken.“ Und weil er sich in Anbetracht des nahenden Weltendes großzügig und altruistisch fühlt und weil Klaus so blass und zittrig aussieht, wedelt er mit der Kaffeekanne. „Auch eine Tasse?“

Klaus blickt zuerst hinter sich, als sei er nicht sicher, dass wirklich er gemeint ist. Dann nickt er zögernd. „Okay.“ Er schiebt sich an die Theke, seltsam scheu und zurückhaltend, und Diego schiebt ihm eine Tasse entgegen.

„Machst du mir Waffeln?“ fragt Klaus hoffnungsvoll.

Diego schnaubt. „Klar. Wenn es sonst nichts ist…“

Aber irgendwas an Klaus‘ gesenktem Kopf und den bleichen Lippen bringt ihn dazu, dass er ihm eine Packung Toast und Marmelade hinschiebt, weil hey, Diego ist kein komplettes Arschloch. Und möglicherweise ist er ein bisschen empfänglich dafür, wenn Menschen aussehen, als ob die Welt ihnen sehr lange zu viel zugemutet hat und sie gleich zusammenklappen.
War er schon immer. Sonst würde er ja nachts nicht mit einer schwarzen Maske rumrennen und Leute retten.

Danach sind sie eine Weile still.
Diego versenkt zwei Stück Zucker in seinem Kaffee, aber rührt nicht um. So mag er ihn am liebsten, zuerst bitter und das Süße ganz zum Schluss.  

Neben ihm wippt ihm Klaus unruhig mit den Beinen und kaut gedankenversunken auf den Fingernägeln. Sein Kaffee – ganz viel Milch, kein Zucker - steht noch unberührt vor ihm.

Diego, der ihn bis eben nicht richtig beachtet hat, lässt einen forschenden Blick an ihm hinabwandern. „Bist du etwa nüchtern?“ fragt er.

„Oh. Ja“, sagt Klaus unbestimmt, als sei er selbst nicht ganz sicher, wie das passiert ist.

„Ich dachte, du würdest die Gelegenheit nutzen und dich zudröhnen, jetzt wo es sowieso keine Rolle mehr spielt.“

„Ja. Oh ja. Der Gedanke ist mir gekommen.“ Klaus nickt und malt mit den Fingerspitzen geistesabwesend Kreise über die Küchentheke. „Man könnte so vieles tun. Jetzt wo es eh egal ist.“

„Hmhm“, macht Diego, ohne richtig zu zuhören. Er breitet die Zeitung vor sich aus und scannt die aktuellen Meldungen ohne viel Enthusiasmus.  

„Ich meine, wie viele Tage haben wir noch bis zum Weltuntergang? Zwei?“

„Drei.“

Eine Weile ist es still auf Klaus‘ Seite der Theke -  ungewohnt still, warnt ein kleines Stimmchen - aber es gibt da einen Spruch über einen geschenkten Gaul, und Diego hat definitiv nicht vor dieser geschenkten Stille ins Maul zu schauen.  
„Es wäre nicht mehr genug Zeit, um einen Europatrip zu machen“, sagt Klaus schließlich.  

„Hm.“

„Auch nicht mehr genug Zeit, um eine Band zu gründen.“

„Nope.“

„Oder seine Memoiren zu schreiben. Nicht, dass ich das vorhätte, denn man soll seinen Geschwistern ja nicht alles nachmachen, und DAS hat zumindest einer von uns schon erledigt…“

„Was willst du?“ fragt Diego, ohne aufzusehen.

„Ich bin schockiert und verletzt. Wieso denkst du, dass ich etwas will?“

„Du willst immer etwas. Nicht aufhören zu nerven, bis du es kriegst, ist deine eigentliche Superkraft, und das weißt du auch ganz genau.“

„Es sind noch drei Tage bis zum Weltuntergang.“

„Na und?“

„Hörst du mir nicht zu?“

Abrupt wirft Diego die Zeitung auf den Tisch und hebt den Kopf, bereit Klaus sein mit Sicherheit spöttisches Grinsen aus dem Gesicht zu wischen… und er stoppt. Klaus steht direkt vor ihm, so unmittelbar, als gehöre Beamen auch zu seinen Superkräften.

Er sieht ganz und gar nicht spöttisch aus.

Seine Augen sind schwarz und riesig in seinem blassen, ernsten Gesicht.
Er streckt eine Hand aus und legt sie mitten auf Diegos Brust, direkt über sein schlagendes Herz. Es ist eine zögernde Bewegung, behutsam und vorsichtig, als rechnet er damit, sich zu verbrennen.
Und Diego … Diego kann plötzlich nicht mehr atmen.

„Nein“, sagt er leise.

„Ja“, erwidert Klaus ebenso leise.

Es ist die Antwort, auf die eine Frage, die sich seit Jahren keiner von ihnen zu stellen traut, nicht laut wenigstens. Deren Existenz Diego erfolgreich verdrängt hatte.
Er dachte, sie seien darüber hinweg. Das war nur eine Phase, nichts weiter!
„Du bist betrunken.“

„Ich war seit sechzehn Jahren nicht mehr so nüchtern. Ich war vermutlich überhaupt noch nie so nüchtern wie jetzt.“

„Nein.“

„Ja“, flüstert Klaus.

Diego schluckt und schluckt. Der Raum schrumpft um ihn zusammen, und er fühlt sich, als ob er erstickt. Einen Moment lang vergisst er alles andere. Alles, was geschehen ist. Alles, was geschehen wird. Es existiert nur noch Klaus, seine Hand auf Diegos Brust, mitten auf seinem schlagenden Herzen und seine hungrigen, dunklen Augen.
„Hast du nicht das Gefühl, dass das sogar für unsere Verhältnisse abgefuckt ist?“ fragt er rau.  

„Hast du nicht zugehört?“ wiederholt Klaus. Seine langen, dünnen Finger sind über Diegos Brust ausgebreitet wie ein Spinnennetz. Seine Augen sind gesenkt und seine langen, schwarzen Wimpern malen zarte Schatten unter seine Augen. „Die Welt geht unter. Du denkst doch nicht ernsthaft, dass wir das aufhalten können, ganz egal was für einen hanebüchenen Plan Fünf sich aus dem Arsch zieht?“

Jede Antwort wäre eine Lüge gewesen, deswegen schweigt Diego.

„Raub eine Bank aus, renn nackt durch die Innenstadt, schlaf mit deinem Bruder. Es spielt alles keine Rolle mehr. In drei Tagen sind wir alle tot. Also…“ Klaus senkt die Stimme zu einem verführerischen Hauchen, als sei er sich seiner eigenen Wirkung nicht allzu genau bewusst, der kleine Bastard. „…warum, Bruderherz, sollten wir nicht?“  

Warum sollten wir nicht.

Es gibt eine Millionen Gründe, wieso nicht, und Diego kennt sie alle, jeden einzelnen. Sie sind auf seiner Brust eingraviert, unter seine Haut geritzt, mitten auf sein Herz tätowiert und doch kriegt er keinen einzigen davon zu fassen. Dort wo all die Gründe sein sollten ‚Wieso Nicht‘ ist nur ein Abgrund, ein weißes Rauschen. Wie eine heranrollende Brandung, die ihn zu verschlingen droht.

„Klaus…“

„Ja“, sagt Klaus erneut, wie die Antwort auf eine Frage. „Ja. Die Antwort ist immer ja.“
Und Diego denkt ‚Oh.‘
Oh fuck.

Mit einer einzigen, fließenden Bewegung packt er seinen Bruder, wirbelt ihn herum und drückt ihn mit dem Rücken gegen die Wand. „Ich warne dich…”, sagt er heiser. „Du weißt ja nicht, worum du mich bittest.“

Ein seliges Lächeln breitet sich auf Klaus‘ Gesicht aus. „Oh ja bitte…“ Er fletscht die Zähne zu einem katzenhaften Lächeln und bäumt sich gegen den festen Griff um seine Handgelenke auf. „Sorg dafür, dass ich es bereue. Beiß mich. Bestraf mich. Versohl mir den Hintern. Aber hör nicht auf, auch wenn ich darum bettele.“  

In drei Tagen geht die Welt unter.

Warum, Bruderherz, sollten wir nicht.

    -

Sie taumeln über die Treppe nach oben und zerren sich gegenseitig die Klamotten vom Leib. Klaus buntes Oberteil landet über dem Treppengeländer, Diegos Armbinde geht auf halber Strecke verloren, aber das spielt keine Rolle. Nichts spielt eine Rolle.
Erregung pocht wild und im Rhythmus seines Herzschlages durch seinen Körper.  

Klaus bedeckt sein Gesicht mit hungrigen Küssen, und Diego verkrallt die Hände in seinen dichten, schwarzen Locken.

„Mein Zimmer oder d-…?“

„Deins“, faucht Diego. „Deins. Los.“

Klaus lacht, perlend und atemlos, den Kopf zurückgeworfen, seine Kehle entblößt.

Beiß mich.

Oh das werde ich, denkt Diego. Das werde ich.  

Es sind Fotoschnappschüsse, die er abspeichert. Erinnerungen für das Ende der Welt. Klaus‘ breiter, lachender Mund. Seine langen, feingliedrigen Finger. Seine Augen, riesig und dunkel, die nicht aufhören können, ihn dabei anzusehen, als habe er Angst, das Ganze sei ein Traum…

Klaus gibt sich genauso hin, wie er seine Einwilligung gegeben hat - eben und damals - nachdrücklich, lautstark, unbegrenzt und immer wieder.

„Ja! Ja! Oh ja! Oh Gott!“ Er hat den Kopf zurückgeworfen. Er hält sich mit beiden Händen am Bettgitter fest, der Rücken durchgedrückt, ein wunderschöner Bogen aus marmorweißer Haut und fein gezeichneten Muskeln.

Diego rammt in ihn, erbarmungslos und unerbittlich, beflügelt von Adrenalin und pulsierender Hitze und einem bodenlosen Verlangen. Fünfzehn Jahre, denkt er. Fünfzehn Jahre.
„Sag meinen Namen!“  

Klaus lacht atemlos. „Du hältst dich für unwiderstehlich, oder?“

„Ja.“ Sein verletzter Arm schmerzt, aber es ist ein erlesener Schmerz, der ihn nur weiter antreibt. Fünfzehn Jahre sind eine verdammt lange Zeit.

Klaus schluchzt auf, als Diego eine besonders schöne Stelle trifft. „Oh Gott~…!“ Seine Stimme ist ein langgezogenes Stöhnen.

Diego wird langsamer. „Sag es.“

Klaus wimmert.  

Diego bewegt die Hüften wie bei einem Tanz. Langsam und selbstsicher. Er ist kein präpubertärer Bengel mehr, der vor Erregung anfängt zu stottern, sobald ihn jemand intensiv ansieht. Er wendet nicht mehr verschämt den Blick ab, wenn Klaus lasziv an einem Lutscher saugt. Er weiß, wie es geht. Er weiß, was er kann.  
Er weiß, was er will.

„Mach schon!“ Klaus drückt ihm die Hüften entgegen.  

„Sag es.“

„Du… gottverdammter… Bastard…!“ stößt Klaus hervor. Qualvoll windet er sich unter ihm. Weiße Zähne graben sich in rote Lippen, als er ein Stöhnen unterdrückt.  

Beiß mich. Bestraf mich.

Diego beugt sich über ihn und bewegt die Hüften noch ein wenig langsamer. Sanft flüstert er in sein Ohr: „Ich könnte das den ganzen Tag lang tun. Stun~den~lang.“ Er bewegt sein Becken im Takt seiner Worte.

Es ist eine Lüge, aber das macht nichts, denn Klaus heult auf und vergräbt die Fingernägel in seinem Rücken. „Mach schon!“ keucht er. „Mach schon! Diego! Diego! Diego!

Diego lächelt und gehorcht.

    -

Sie tun es einmal, zweimal, dreimal. Diego kommt in ihm und Klaus schreit seinen Namen, wie ein Stoßgebet. Er windet sich unter ihm und er bäumt ihm seine Hüften entgegen wie ein zügelloser Lustknabe.
Danach liegen sie hoffnungslos verwickelt auf Klaus‘ Bett, alle Gliedmaßen weich und gelöst. Klaus liegt auf seiner Brust, einen Arm lose um seine Taille geschlungen, und Diego spielt sanft mit seinen Locken. Eine angenehme, Erschöpfung hat sich in seinen Knochen ausgebreitet. Das Summen in seinem Kopf ist still. Das erste Mal seit langer Zeit.
Die Welt geht unter, aber es spielt keine Rolle mehr. Nichts spielt eine Rolle.
Es existieren nur er und Klaus, die weichen Haare unter seinen Fingern, Klaus pochendes Herz an seinen Rippen, die warme, schwere Stille zwischen ihnen.

„Das war schön“, murmelt Klaus verträumt.

„Es war okay“, stimmt Diego zu.

„Das war besser als okay!“

„Hm“, macht Diego unverbindlich, aber vielleicht verrät ihn das Lächeln in seiner Stimme. „Du bist… überraschend gelenkig“, fügt er hinzu und Klaus schnurrt und schmiegt sich an ihn wie eine zufriedene Katze.

Er hat recht. Es war schön. Es ist schön, und zu spät denkt Diego ‚oh nein‘, denn das sollte es nicht sein.
Das war der oberste, der wichtigste aller Gründe Wieso Nicht, und er hat ihn vergessen wie ein Idiot.
Weil es schön sein könnte. Und wo stehen sie dann?

Diego richtet sich auf. Bedauern fließt durch seine Adern, scharf und bitter, denn alles spielt wieder eine Rolle, alles zählt wieder. Die Welt existiert wieder und ihr Untergang auch. „Besprechung“, sagt er, als ob er versucht sich selbst davon zu überzeugen, dass das die Priorität ist. „Weltuntergang.“

Klaus seufzt. „Ach ja…“

„Und das hier ist nie passiert. Okay?“

Klaus drückt sein Gesicht in die Bettdecke. Seine Stimme ist dumpf. „Klar. Wegen mir. Wir müssen keine große Sache draus machen. Sieh es als kleine Aufmerksamkeit deinem Lieblingsbruder gegenüber an.“

„Du bist nicht mein Lieblingsbruder.“

Empört hebt Klaus den Kopf. „Entschuldige mal! Wie kann ich nicht dein Lieblingsbruder sein? Fünf ist ein Auftragskiller, Luther ist selbstgerechter Affenarsch und Ben ist tot! Sorry Ben. … Hey, ich reite nicht darauf rum! Ich zähle lediglich Fakten auf.“

„Okay“, revidiert Diego, während er seinen Pullover überstreift. „Möglicherweise bist du mein Lieblingsbruder. Aber nur weil die Konkurrenz so mau ist und nur weil du ausnahmsweise nüchtern bist.“

„Ya~y!“ macht Klaus und klatscht in die Hände. Gehorsam schwingt er die langen Beine über die Bettkante und angelt nach seiner Hose.

Erleichterung macht sich in Diego breit, angesichts der Vertrautheit dieses Momentes. Das hier ist altbekanntes Terrain. Mit Klaus zoffen, das kann er.
Vielleicht muss das gar nichts ändern. Nicht für die drei Tage, wo es noch eine Rolle spielt. Und vielleicht auch nachher nicht, falls es ein Nachher überhaupt noch gibt.

Er dreht sich um, um ihn nochmal daran zu erinnern, dass er keine große Sache daraus machen soll, weil Weltuntergang und Prioritäten und so, aber er erhascht einen Blick auf Klaus‘ Gesicht und bricht ab, bevor er anfangen kann.

Sein Blick ist gesenkt. Da ist ein seltsamer Schwung um seine Lippen, weich und traurig, und da ist eine dunkle Stelle in seinen Augen, wie ein uralter Schmerz.

Klaus…
Er hat den Namen seines Bruders bereits auf den Lippen, formt bereits die erste Silbe, aber sobald Klaus merkt, dass er angesehen wird, ist der Ausdruck wie weggewischt. Er schenkt Diego ein strahlendes Lächeln und wackelt provokant mit den Hüften. „Denkst du, die Hose ist zu eng für die Apokalypse?“

„Nein.“ Diego schluckt.

„Oh mein Gott, weißt du was? Es ist das erste Mal, dass der Spruch mit dem Ende der Welt funktioniert hat! Das hat noch nie funktioniert, und ich habe es weiß Gott schon oft probiert!“

„Vermutlich, weil es bisher noch nie der Wahrheit entsprochen hat.“

Klaus kreist seine Hüften nach links und nach rechts, hinreißend und schamlos wie eine Stripperin. „Du findest mich einfach unwiderstehlich. Gib es ruhig zu.“

„Ja, sagt Diego und er bringt es nicht über sich Sarkasmus zu faken.

Wortlos sieht er Klaus dabei zu, wie er sich in viel zu enge, neonfarbene Klamotten zwängt.

Er sieht sehr jung aus.
Vielleicht sind es die zerzausten Haare. Vielleicht die schmalen, nackten Hüften und der entblößte Nacken. Er sieht sehr jung aus und sehr verletzlich, und Diego wird schlagartig daran erinnert, dass alles, was Klaus sagt und tut, die ganze Parade, das ist alles nur Show. Alles nur Schaumschlägerei.
Man kann Klaus kein Wort glauben. Er lügt, wenn er nur den Mund aufmacht.

Und das schlimmste ist, dass er manchmal die Wahrheit sagt, so laut und so offensichtlich, dass niemand mitbekommt, dass es die Wahrheit ist.

    -

Das mit dem ‚nie passiert‘ geht natürlich in die Hose, weil Diego unterschätzt hat wie enthusiastisch Klaus seiner Begeisterung Ausdruck verliehen hat.
Als sie ins Wohnzimmer kommen, hat Allison die Arme verschränkt und ihr Gesicht ist eine einzige dunkle Gewitterwolke. „Danke“, sagt sie frostig. „Vielen Dank. Es gibt nichts Erfreulicheres als seiner kleinen Tochter zu erklären, was das für Geräusche im Hintergrund sind.“

Luther hat das Gesicht in den Händen vergraben und wiegt sich hin und her. „Musstet ihr?“ ächzt er. „Wirklich? Musstet ihr?“

„Ach, reg dich ab“, knurrt Diego. „Ich höre nur 'Glashaus und Steine' von dir.“
   
Luther wirft ihm einen tödlich beleidigten Blick zu. Allison wird rot und sieht wenn möglich noch gewittriger aus.

Nur Fünf zuckt gelangweilt mit den Schultern und nippt an einem Becher Kaffee. „Ich hatte ihnen gesagt, sie sollen ihre Zirkusfreakshow auf die Reihe kriegen. Wenn es das ist, was nötig war…“

„War es“, nickt Klaus und streckt sich ausgiebig, bevor er auf die Couch sinkt und zufrieden gähnt. Er zwinkert lasziv in Diegos Richtung. „Es war sehr nötig. Danke, Bruder.

Luther stöhnt.

Diego verdreht die Augen und befestigt schweigend seinen Messergürtel.  

„Das reicht jetzt. Denkt ihr, mich interessiert eure dämliche Seifenoper?“ Fünf klatscht in die Hände. „Also Weltuntergang. Harold Jenkins. Drei Tage. Zack, zack. Was ist die schnellste Möglichkeit Harold Jenkins zu finden? Nein, das war eine rhetorische Frage. Klaus, nimm die Hand runter.“  

Diego lehnt sich an eine Säule und lauscht, während Fünf anfängt seinen Plan auszubreiten. Er versucht Klaus nicht anzusehen.

Das ist nie passiert, denkt er.
Das ist nie passiert.

Sein Arm schmerzt und er reibt mit der Hand über seine Schulter, zuerst beiläufig und dann immer fester, und vielleicht, nur vielleicht ist es sein Herz.
Er kann nicht aufhören an Klaus‘ Gesichtsausdruck zu denken, oben im Schlafzimmer, als er dachte, dass Diego nicht hinsieht…


Ende?


Nachwort: Theoretisch ist es hiermit fertig. Aber möglicherweise habe ich doch noch Lust auf eine Art "Nachspiel". Deswegen habe ich erstmal "in Arbeit" angeklickt.
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