Verstandraubend

GeschichteRomanze, Fantasy / P18 Slash
Puma D. Ace / Gol D. Ace Sabo
30.07.2019
03.10.2019
10
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Hallo und <3-lich willkommen zu meiner Fanfiktion. ♥
Wie bereits in der Kurzbeschreibung angedeutet wird das hier nicht unbedingt etwas für schwache Nerven. Ich werde nicht davor zurückschrecken, auch gewaltsame Handlungen zwischen Sabo / Monster oder Ace / Rest (hehe) zu beschreiben. Und auch nicht zwischen Sabo und Ace.
Selbstverständlich wird das keine rein-brutale FF. Aber die beiden werden es definitiv nicht sanft angehen lassen – das würde auch nicht zum Umfeld und der Situation passen.
Anbei gemerkt: Ich habe einige Dinge von meinem über alles geliebten Spiel Bloodborne übernommen. Ich kann jedem nur wärmstens empfehlen, sich das Spiel mal anzusehen – wenn auch vielleicht nur per Let's Play, wenn er, wie ich, sich zu sehr bei sowas anstellt. c;

Kapitel erfolgen in abwechselnder Reihenfolge aus Sabos & Ace' Sicht.
Da ich gesagt bekommen habe, dass das von Interesse ist:
Ich höre beim Schreiben dieser FF andauernd diese Playlist auf Spotify hoch und runter, wer mag, kann sich die ja nebenbei mal öffnen. ^^

Damit wäre fürs Erste auch schon alles gesagt – ich hoffe euch wird meine Idee genauso begeistern wie mich.


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KAPITEL I – DER INSTINKT





Watching, waiting
My prey is praying
There's no escaping
My blood's pumping
I go on hunting
Are you The Hunter,
or The Hunted?




„Dein Anliegen?“
Feindselig knurrt der breitgebaute Torwächter bei meinem Anblick auf. Ich kann seine Anspannung riechen.
Meine Schritte stoppen unmittelbar vor dem Gitterzaun, der mich von dem Alten trennt. Immer noch stiert er mich prüfend nieder, als ich meinen Zylinderhut anhebe und ihn mir genauer besehe. Eindeutig ein Familienmensch mit großer Kraft und noch immenserem Mut.
Ich lächle charmant, lege den Zeigefinger meiner schwarz behandschuhten Hand an meinem Mundschutz an, ziehe das dunkle Tuch hinunter. „Schießpulver“, gebe ich ihm zur Antwort, gewähre ihm mein Gesicht ausgiebig zu analysieren.
Er hätte wohl kaum an meinen Zügen erkannt, ob ich einen Parasiten in mir trug oder von irgendeiner Seuche infiziert bin. Doch er weiß wohl, dass dieses frevelhafte Starren Werwölfe so nervös macht, dass sie aus der Haut fahren.
„Welches Blut klebt da an deinem Mantel, Bursche?“
Seine Gesichtszüge sind nahezu weich geworden, weil er erkannt hat, dass ich gerade mal volljährig sein muss. Die Menschen hinter den sicheren Mauern der Städte waren mir schon immer ein Rätsel – obwohl sie noch so viel Ehrfurcht vor den finsteren Wäldern haben und sie mit jeder Faser ihres Körpers verabscheuen, bei einem so jungen Jäger wie mir empfinden sie Mitleid.
Welch Ironie.
„Seidenharpyien“, erkläre ich, ziehe die Augenbrauen etwas in die Höhe, während ich mich halb zurück zu dem nebligen Waldgebiet umdrehe, „Ihr habt hier eine kleine Plage von den Biestern, nicht wahr?“
Er grummelt nur irgendetwas Unverständliches, setzt sich aber dann in Bewegung, um mir das Tor zu öffnen.
Ich drehe meinen Kopf wieder, lächle ihn höflich an. Er glaubt mir, denn Harpyien verbreiten keine Seuchen und somit kann er mich auch bedenkenlos hinter die sicheren Mauern lassen. Das ist gut. Ich habe nicht gelogen, aber beweisen können hätte ich es ihm nicht und ich hätte ihn ungern überwältigt.
„Ich bringe dich zu einem Feuerwaffenladen“, und sein skeptischer Blick begutachtet mich akribisch, während ich meinen Fuß durch das Gittertor hindurch setze, „und danach begleite ich dich auch wieder hierher.“
Ah, Misstrauen gegenüber Fremden. Verübeln kann ich es ihm nicht.
„Vielen Dank“, entgegne ich also vornehm, will ihm nicht noch mehr Angst einjagen, ziehe meine Mundwinkel sanft auseinander.
„Verrätst du mir deinen Namen, Jäger?“, brummt er, schreitet voran und ich laufe entspannt neben ihm her über das holprige Kopfsteinpflaster.
„Sabo“, offenbare ich schlicht, besehe mir die umliegenden Häuserreihen genauer. Die Menschen hier haben wohl noch keine allzu schlimmen Erfahrungen mit unbekannten Durchreisenden gemacht. Zwar sehe ich die feindseligen Blicke, das wilde Getuschel hinter vorgehaltener Hand, aber die blanke Verachtung und das Flüchten bleibt aus. Eine angenehme Abwechslung.
„Was führt dich in diese gottverlassene Gegend?“, fragt er, kramt aus einer seiner Manteltaschen eine Tüte Cracker, die er nun exzessiver als eine Schlingechse inhaliert.
„Ich habe einen Werwolf verfolgt, der sich seltsam verhalten hat“, überlege ich, lege meine Stirn leicht in Falten und prüfe die Innenseite meines Mantels auf die Phiolenfüllungen. Glücklicherweise hat das Nachfüllen derer noch Zeit, bis ich zurück in Goa Town bin. „Davon habe ich mich wohl ein Stück zu weit in den Süden verleiten lassen“, beende ich locker, wobei mir sehr wohl bewusst ist, dass ich inzwischen im Territorium eines anderen sein müsste.
Er schweigt und ich bin mir nicht sicher, ob ihm die Fragen oder das Interesse ausgegangen ist – oder ob er einfach nur ungestört sein Knabbergebäck in sich stopfen möchte.
So oder so habe ich das Schweigen und die Stille schätzen gelernt.
Spätestens nach der fünften Nacht, in der man von einem markerschütternden Urschrei geweckt wird, weil irgendein missgestaltetes Monster Amok läuft, ist man dankbar für die Ruhe. Und ich befinde mich weit über den fünf Nächten.
„Da drin wartet was Schlimmeres als ein Werwolf“, lacht er plötzlich, lenkt seine Schritte scharf nach rechts, sodass ich beinahe in ihn hineingelaufen wäre und er steuert zielsicher auf den Warenladen am Eck einer Gasse zu. Argwöhnisch betrachte ich das Geschäft, dessen Fassade wie bei fast allen Gebäuden bereits abblättert.
Dadans Tabak & Pulverladen
Eine helle Glocke ertönt durch den Geschäftsraum und sobald der weißhaarige Alte eintritt  folge ich ihm. Meine Anspannung steigt unwillkürlich. Und dann brüllt er los. „Opa Garp ist da!!“
Irgendein kleiner schwarzhaariger Junge schreit, will bereits flüchten, doch wird er von seinem Großvater in eine schmerzhaft aussehende Umarmung hoch gerissen. Ich zucke zusammen. Meine Güte.
„Garp du seniler Greis du erdrückst den Jungen noch!“, donnert nun eine .. sagen wir massive Dame, schlägt mit der flachen Hand auf dem Tresen auf, zu welchem ich mich auch schon hinüber flüchte. Bloß weg von diesem Tatort.
Hinter mir ertönen weitere Kampfgeräusche zwischen den beiden, während ich mich zwanghaft versuche auf die Verkäuferin zu konzentrieren, die mich aufmerksam mustert.
„Ich brauche Schwarz- und Schießpulver“, erkläre ich mich auch schon beherrscht, lege meine großkalibrige  Jägerpistole zusammen mit einem kleinen Reserve-Revolver auf der Theke ab. Sie brummt etwas, begutachtet dann nur kurz meine aufgetischten Waffen, bevor sie verstehend nickt und sich zu den Regalen dreht.
Gesammelt seufze ich tonlos. Mit mehr als zwei Menschen friedlich in einem Raum sein bringt mich in innere Unruhe. Für so etwas sind meine hochsensiblen Sinne und meine Auffassungsgabe nicht mehr gemacht.
Als die Geräuschkulisse hinter mir ausartet, drehe ich mich doch halb um, überlege mir ob man dem Jungen ernsthaft helfen sollte, doch hat er sich ohnehin gerade befreit und stürmt hinfort. Und mein Bewacher hinterher.
Meine Augenbrauen ziehen sich zusammen.
Ich dachte eigentlich, er bringt mich persönlich hierher, weil er auf mich aufpassen will. Nicht, dass er seinen Enkel terrorisieren will.
„Welche Menge genau Kleiner?“
Sofort wende ich mich wieder der Händlerin zu, die anderen beiden verschwinden nun sowieso in einem angrenzenden Raum. Sie hat mir zwei Kesselbehälter auf den Tresen gestellt und sieht mich auffordernd an.
Hah.. „Ich würde die beiden auch im Gesamten nehmen, wenn das in Ordnung ist.“
Ihr fällt vor Überraschung fast die Tabakpfeife von den Lippen. „Gesamt? Wie viel passt in deinen Mantel rein?“, wundert sie sich nun ungläubig, stiert auf meine Ausrüstung hinab, da ich keine Tasche oder Ähnliches mit mir führe. Ich kann mir das Schmunzeln nicht verkneifen. Ich selbst bin eigentlich ein wandelnder Waffenladen.
„Ich wäre Ihnen aber sehr verbunden, wenn Sie es in vier kleinere Tüten umfüllen könnten.“
Eine kurze Weile lässt sie ihren Blick über mich schweifen, aber schließlich scheint ihr das bevorstehende, für ihre Verhältnisse wohl Großgeschäft, die gute Laune zurück auf das Gesicht zu zeichnen. „Aber gerne doch!“, poltert sie, macht sich sogleich daran das Pulver abzufüllen.
Zufrieden verschränke ich die Arme und warte ab, danke mir selbst gedanklich dafür, dass ich vor wenigen Tagen den gutbezahlten Auftrag eines Adligen übernommen hatte. Mein Schillingersparnis hätte mich spätestens jetzt in Bedrängnis gebracht.
Die Glocke zur Ladentür ertönt erneut.
So kurz und leise, dass es sich fast unmöglich um einen normalen Kunden handeln kann. Da versucht sich gerade jemand unbemerkt auf leisen Sohlen hinein zu schleichen. Die Frau scheint tatsächlich nichts mitzubekommen, während ich beginne zu grinsen. Auch kein Einbrecher, denn sonst würde er sich nicht in die Richtung der Treppen zum Obergeschoss bewegen.
Ich spüre sein Adrenalin, seinen brüchigen Versuch seine Atmung flach zu halten. Den Blick, mit dem er mich interessiert von hinten begutachtet.
Und dann räuspere ich mich – rein zufällig versteht sich.
Die Verkäuferin wirft automatisch einen knappen Blick zu mir, erblickt dann den Jungen hinter mir und ich sehe mit Genugtuung wie ihre Gesichtszüge entgleisen.
Ein kalter Schauer überkommt mich plötzlich. Als hätte ich etwas Unbegreifliches losgetreten.
„Ace! Ich warte schon seit Stunden auf dich du verdammter Streuner, wo hast du dich schon wieder rumgetrieben?!“
Schmunzelnd drehe nun auch ich meinen Kopf halb, sehe wie Angesprochener entnervt seufzt und seine gebeugte Schleichhaltung aufgibt. Sein stoischer Blick streift meine Augen, er wirft mir gedanklich ein 'Verfluchter Verräter' zu, bevor er sich doch dazu entscheidet sich auf einen niederen Tisch neben der Theke zu setzen. Nein, nicht auf einen Stuhl, auch wenn welche daneben gestanden hätten.
„Hatte zu tun“, würgt er das Thema murmelnd ab, schnappt sich stattdessen eine der Traubenschalen vom Tisch.
Die korpulente Dame stöhnt genervt langgezogen, widmet sich dann wieder ihrer Arbeit. Sieht sie es nicht.. Oder will sie es nicht sehen?
Interessiert lasse ich meine Augen über den Körper des Schwarzhaarigen schweifen, besehe mir die unendlich vielen Blessuren, die wenigen, kaum auffälligen Blutergüsse.. außerdem hat er vorhin sein eines Bein mit einem schmerzvollen Ausdruck in einem seltsamen Rhythmus nachgezogen. Der Junge hatte sich mit irgendwem geprügelt und das nicht nur ein bisschen.
Seinem bissigen Ausdruck nach auch nicht sonderlich erfolgreich.
.. Immerhin ist sein Gesicht verschont geblieben, merke ich nun, erkenne die freche Schönheit seiner Konturen. Und schmunzle, als ich bei seinen rebellisch aufflammenden Augen angekommen bin, die missbilligend realisieren, dass ich ihn gerade ungeniert genau unter die Lupe genommen habe.
Unseren gebannten Blickkontakt hätte ich fast schon als etwas Abnormales beschrieben, hätte ich nicht schon genug Erfahrung mit Unnatürlichem gehabt. Da ist deutlich mehr Feuer hinter diesen Augen als ich bei irgendeinem der Bewohner dieser Stadt sehen konnte. Und sein störrischer Ausdruck, weil ich ihn noch immer selbstgefällig anlächle, macht ihn gleich noch niedlicher.
Und dann trifft ihn die zornige Faust Dadans.
„Starr unseren guten Kunden nicht so an!“
„Au!! Verdammt du alte Hexe!“, jault er auf, reibt sich mit einer Hand über den Hinterkopf und schenkt nun besagter Hexe seinen wütenden Blick. Plötzlich verspüre ich doch wieder das Bedürfnis, mich ein wenig in Zwischenmenschlichem zu üben.
„Hier in der Stadt sind wohl nicht häufig Menschen auf der Durchreise?“, hake ich höflich nach, richte meine Frage eigentlich an die Verkäuferin, doch antwortet mir Ace. „Nie“, presst er verhasst hervor, stiert den armen Tresen in Grund und Boden.
Da hat wohl jemand Fernweh. Ein Syndrom, das ich nur extrem selten sehen darf.. die meisten suchen nicht willentlich nach der Gefahr des Unbekannten.
„Das stimmt nicht, ab und an kommt hier noch ein anderer Jäger durch“, ergänzt Dadan, bestätigt mich damit in der Befürchtung, dass ich mich auf fremdem Territorium befinde. Hoffentlich muss ich mir nicht auch noch eine Auseinandersetzung mit diesem liefern.
„Ich bin bei meiner Verfolgung wohl etwas zu weit in den Süden geraten. Ich bin bald wieder weg“, entschuldige ich mich manierlich lächelnd, bemerke den sehnsüchtigen Blick des Schwarzhaarigen von der Seite. Tatsächlich. Er will weg von dieser Stadt. Wie interessant.
„Das macht dann 72 Schilling und 50 Pence.“
Schade, dass ich keine Zeit habe, mich mehr mit diesem Jungen zu beschäftigen. Ein kleines Schmunzeln, das ich sofort wieder im Keim ersticke, während ich die Bezahlung hervor krame. „Können Sie wechseln?“, frage ich, lege die 73 Schilling auf die Ladenfläche, suche aber bereits nach dem genauen Betrag in dem kleinen Beutel, weil mir diese Frage noch fast nie bejaht wurde.
Wie erwartet gerät sie in Handlungszwang, sucht ihre Taschen und die Fächer unter dem Tresen nach Münzen ab, doch hat sie wohl nicht mit einem so großen Absatz für heute gerechnet. Entgegen meiner Erwartungen zieht aber nun Ace die nötigen Groschen hervor, wirft sie mir mit Sicherheit nicht unbeabsichtigt mit durchgezogenem Arm kraftvoll entgegen.
Fasziniert sieht er zu, wie mein purer Instinkt mein Reaktionsvermögen übernimmt, ich jede der drei Münzen noch vor dem Kollidieren mit meinem Gesicht auffange. Dann senke ich meine Hand langsam wieder, besehe mir den Schwarzhaarigen eindringlich, der mir aus tiefbraunen Augen lediglich gefesselt entgegen starrt.
Wirklich interessant.
Ich lächle verschmitzt, wende mich dann nur noch mit einem kurzen „Vielen Dank“ an die verdatterte Verkäuferin, sammle meine Ware ein und drehe den beiden dann den Rücken zu.
Noch nie hat ein Blick derart interessiert und fieberhaft in meinem Nacken gebrannt.

.

Wieder draußen im nebligen Wald angekommen gehe ich meiner eigentlichen Aufgabe nach.
Die Spuren des Werwolfs stoppen hier, nicht weit entfernt von der Stadt, weswegen ich sogar kurz vermute, dass er sich dort aufhalten könnte.  Andererseits habe ich ihn bereits einen ganzen Tag lang verfolgt und demnach gehe ich nicht davon aus, dass man ihn bei seinem abgefertigten Zustand dort nicht erkannt hätte.
Zumal mir der Torwächter Garp unwissentlich bewiesen hatte, dass er seinen Posten verstand und nicht so leicht einen Werwolf hinein lassen würde.
Wenn man also davon ausging, dass er nicht in der Stadt sein kann, muss sich irgendwo in meiner unmittelbaren Umgebung seine menschliche Gestalt aufhalten. Die Sonne scheint schließlich, wenn ich sie durch die dicke Nebelsuppe auch kaum bis gar nicht erkennen kann.
Einige abgebrochene Äste wecken mein Interesse. Gefasst und leise gehe ich in die Richtung, in die vermeintlich etwas gestürzt ist. Nahe einem Hang, bei einem leicht geknickten Baum.
Und siehe da, ein Tatzenabdruck.
Nur nicht von einem Menschen, was mich stutzig macht. Ist diese Klauenspur schon älter, oder frisch?
Angespannt bücke ich mich hinab, lege mein Knie auf dem nasskalten Erdboden ab und setze zugleich meinen Zylinder ab. Dann ziehe ich ein dünnes Tuch aus meinem Mantelinneren sowie einen kleinen stumpfen Dolch.
Die Erde im Abdruck ist hart. Wäre er schon gestern entstanden, so hätte der leichte Regen und die Luftfeuchtigkeit den Boden aufgelockert.
Außerdem zeigt mir das Ablegen meines Tuchs, dass darin die Feuchtigkeit nicht so stark wie auf der umliegenden Erde ist.
Was zum..
!
Ich schnelle hoch, wirble herum, reiße meinen Arm zur Seite und entsichere damit die festgezurrte Armbrust, die sich darauf befindet. Gleichzeitig findet mein Sägebeil wie von selbst in meine rechte Hand.
Der Wahnsinn frisst sich in meinen Blick, als ich die Gegend intensivst absuche.
.. und schließlich mit einem irritierten Blick meine Angriffshaltung sinken lasse.
„Was machst du hier draußen?“, frage ich skeptisch Ace, den ich vorhin noch dachte in der Stadt zurückgelassen zu haben. „Du weißt doch wohl genau, wie gefährlich das für dich ist.“
Er sieht mich ohne Reue an, kommt nun auch die letzten Schritte zu mir und findet zu einem gezwungen lockeren Ausdruck.
„Es ist Tag und außerdem bist du auch noch hier“, erklärt er versucht nebensächlich, kann seine Nervosität nicht gänzlich überspielen. Ja, es ist Tag und die wohl aggressivsten Beutejäger – Werwölfe – sind somit keine Gefahr, aber.. ich bin kein Kindermädchen, schon gar nicht sein Beschützer und ich habe keine Lust jemanden vor jedem noch so kleinen Kratzer zu bewahren.
Denn jede noch so kleine Wunde oder Hautkontakt könnte die Infektion für ihn bedeuten, die ihn in eine beliebig widerliche und scheußliche Kreatur verwandelt. Zumindest gehe ich zurecht davon aus, dass er nicht wie ich das seltene Waidmanns-Gen besitzt.
Nun, jetzt ist er hier und ich kann auch nichts mehr daran verändern. „Na schön bleib nah bei mir“, seufze ich, wende mich wieder meinem gefundenen Tatzenabdruck zu und gehe in die Hocke.
Es freut ihn merklich, dass ich ihn gewähren lasse. Selbst wenn ihm hoffentlich auch klar ist, dass ich ihn gleich hiernach wieder zurückbringen werde. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie selten er in seinem Leben mal außerhalb dieser Mauern gewesen ist. Seinem überaus erstaunten Ausdruck nach, mit dem er sich gerade einmal um die eigene Achse dreht, ist das sein erstes Mal.
Schmunzelnd beobachte ich ihn von unten herauf. Als er allerdings vor mir und dem Abdruck stehen bleibt und sich wieder mir zuwendet, senke ich meinen Blick schnell wieder.
Leider führen mich nur immer mehr Hinweise zu dem Ergebnis, dass dieser Abdruck ganz frisch sein muss. Das bedeutet, dass hier noch etwas anderes als ein Werwolf sein Unwesen treibt und womöglich bin ich dem falschen Vieh gefolgt. Großartig.
„Wie ist es, frei zu sein?“
Nur leise, so zaghaft und sehnsüchtig hat er diese Frage an mich gerichtet.
Ich wage es nicht zu ihm aufzusehen. Sonst würde er den Schmerz und die Verletzlichkeit in meinem Ausdruck sehen. Etwas, das ich eigentlich schon vor Jahren in meinem Innersten eingeschlossen und verriegelt habe.
„Du solltest mich lieber fragen, wie es ist, jeden Tag um sein Leben zu kämpfen.“
Klinge ich verbittert?
„Für mich gibt es keinen zu hohen Preis für die Freiheit.“
So? Wenn er so unbedingt frei von den Mauern sein wollte, konnte er sich auch einfach den Strick geben. Das ist nämlich vergleichbar damit, dass er mir hier nach draußen gefolgt ist. Er ist nicht nur leichte Beute, er ist die mit Abstand leichteste weit und breit.
Ich will gerade etwas erwidern, da-..
halten wir inne.
Ein tiefes, animalisches Knurren ertönt links von uns.
Er reagiert, doch ich halte warnend meine Hand flach, deute ihm an, nur keine zu hektische Bewegung zu machen. Das kann nicht sein.
Ich kenne dieses Geräusch.
Ich kenne dieses Knurren.
Aber.. es ist Tag. Die Sonne steht hoch oben am Himmel, was..
macht ein Werwolf hier?!
Noch ein kurzes, abgehacktes Bellen, mit dem er zum Angriff übergeht. Ich kann ihn nicht sehen, weil mich das niederne Gestrüpp halb verdeckt, doch will ich mich sofort alarmiert aufrichten, ziehe meine Waffen binnen eines Wimpernschlags.
Ich bin unvorbereitet. Seit ich hier draußen den Überlebenskampf angetreten habe, bin ich nicht mehr so von etwas überrascht worden.
Noch im Versuch mich aufzurichten drückt Ace seine Hand auf meinen Kopf, mich wieder nach unten.
Und mein Blick schnellt zu ihm hoch, zu seinem erschrockenen Blick, der auf das Biest fixiert ist,
welches ihn genau in diesem Moment anspringt. Anders als ich hat er nicht ein dickes Beil aus Reflex zwischen sich und die Gefahr gebracht.
Ich kann nur noch seine Fingerkuppen spüren, die sich in Todesangst auf meinem Kopf verkrampfen und dann plötzlich hinfort gerissen werden.
Es fetzt ihn mit sich, wuchtet ihn von den Beinen, meterweit zur Seite.
Selbst sein Schrei bleibt ihm im Hals stecken.
Ein Werwolf. Ein Werwolf mitten am Tag.
Das Blut pulsiert mir aufreibend durch die Venen, sofort reagiere ich. Ich springe auf, haste nach rechts, zu dem Hang, den sie beide hinab gestürzt sind.
Ace ist an einem Baumstumpf hängen geblieben, das Biest rappelt sich gerade einige Meter weiter unten wieder auf.
Sofort fässt der Werwolf Ace wieder ins Visier, bellt rau auf und setzt zum Sprint auf den am Boden Liegenden an.
Nur diesmal bin ich schnell genug.
Der silberne Bolzen, der sich aus meiner Armbrusthalterung löst, trifft ihn zielsicher zwischen die Augen. Der Zweite, der sich aus Panik löst, bohrt sich in seine Brust und lässt ihn rücklings kippen.
Mein Atem schlägt heiß in der Luft, zeugt kleine Wolken, während ich fiebrig die Lage begreife. Das Monster rollt leblos den Hang hinab. Und meine Augen fixieren Ace.
Binnen eines Sprungs befinde ich mich bei ihm. Meine Waffen lasse ich achtlos neben uns fallen. Vorsichtig drehe ich ihn auf den Rücken herum, da er mit der Vorderseite gegen den Baumstumpf geprallt war. Akribisch suchen meine Pupillen seinen Körper ab, versuchen das schwach-zittrige Atmen und seinen glasigen Blick zu übersehen.
An seinem rechten Arm und seiner Schulter klafft eine weite Klauenwunde. So tief, dass sich bereits sein gesamtes graues Hemd dunkel verfärbt hat.
Den schwarzen Mantel, den er trägt, schiebe ich sofort von seiner verletzten Schulter.
Ich reiße die losen Fetzen des Hemdes ab, den Ärmel hinterher und beginne damit den Stoff mit Druck um seine Schulter zu wickeln, den Blutverlust einzudämmen. Der Junge versucht etwas zu sagen, sieht mir wieder klarer in die Augen, doch packt mich plötzlich eine immense Angst um ihn weil mein sonst so gerissener Verstand keinen Reim darauf findet, warum hier plötzlich ein Werwolf war.
„Ich bringe dich zurück“, bestimme ich atemlos, schiebe bereits meine Arme unter seinen Körper und will ihn hoch heben, doch- „Ey!“
Überrascht sehe ich ihm ins Gesicht, in seine vom Schmerz gezeichneten Augen, seine leicht geöffneten Lippen.
Und dann findet seine eine Hand schwach zu seinem Mantel, zieht ihn kraftlos zur Seite. Und er offenbart mir die Bisswunde auf seiner rechten Seite.
Ich verharre.
Nein, ich erstarre.
Es gibt keine Hoffnung für ihn. Keinerlei.
Er wird nicht nur sterben, er wird jämmerlich zu Grunde gehen. Seinen Verstand verlieren. Selbst zu einem Werwolf mutieren.
Und ich weiß, was ich zu tun habe.
Ich muss ihn vor diesem Schicksal bewahren. Ihm wenigstens den schnellen, schmerzlosen Tod schenken.
Meine Arme lösen sich manisch von ihm. Ich lehne mich von ihm weg. Wie in Trance starre ich ihm ins Gesicht, richte meinen linken Arm mit der Armbrust auf ihn. Er selbst weiß wohl, dass es keinen Ausweg gibt, denn er legt schwerfällig die Lippen aufeinander, schluckt dann hart.
Und er schließt die Augen, akzeptiert seinen Tod. Driftet binnen wenigen Sekunden in die Bewusstlosigkeit ab, die ihm sein Gehirn schenkt, damit er nicht mehr die immensen Schmerzen ertragen muss.

Und noch immer bewege ich mich kein Stück.
Keinen. Millimeter.
Atme heftig durch. Und ich erkenne:
Ich kann es nicht.
Ich bin nicht stark genug hierfür.

Und ich fluche über mich selbst, als ich die Armbrust zurückschnalzen lasse, nun doch meine Arme gehetzt unter seinen Körper fahren lasse und ihn hinfort trage.

Er hat sich aufgegeben, aber ich ihn noch nicht.



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