Winterfeuer

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
29.07.2019
12.12.2019
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Winterfeuer




I


„Steh auf.“

Sie liegt mit ihm zugewandten Rücken auf der schmalen Pritsche und regt sich nicht.
Einen Moment lang überlegt er, ohne ein weiteres Wort wieder zu gehen, sie erneut sich selbst zu überlassen, was kümmert ihn schon das Schicksal eines fremden Weibes.
Dann hört er sie tief und zitternd Luft holen und etwas in ihm verhärtet sich, seine Schwerthand ballt sich ohne sein bewusstes Zutun einen Herzschlag lang zur Faust.
Die Wunde an seinem Arm schmerzt, droht erneut unter den behelfsmäßigen Verband aufzubrechen und er öffnet seine Hand wieder, langsam, bewusst, schließt sie abermals. Lässt seine Finger knacken.
An seinem Rücken fühlt es sich klebrig an und ein neuer, hauchdünner Schweißfilm bedeckt seine Oberschenkel, der sich auf dem kurzen Weg von den Waschräumen hierher gebildet hat.
Er glaubt, den Dreck und das getrocknete Blut auch nach dem Baden noch immer auf seiner Haut spüren zu können, zäh und klebrig, jede einzelne Pore langsam erstickend.
Etwas raschelt, langsam dreht sie sich zu ihm um und setzt sich auf. Sie hebt den Kopf, sieht ihn aber nicht an.
Ihre langen, frisch gewaschenen Haare reichen in Wellen bis zu ihren kleinen, festen Brüste, haben die Farbe von geschmolzener Bronze und unwillkürlich fragt er sich, ob da nicht mit dem auf den in den ägyptischen Märkten erwerblichen Henna diesbezüglich nachgeholfen wurde.
Aber ihre Haut ist hell, fast so weiß wie frische Sahne und er erkennt das Mädchen kaum wieder, dass blutig, dreckverkrustet und misshandelt mit ihm die Hälfte der Strecke seit der Odyssee seiner eigenen Gefangennahme in Lusitania mit verschleppt wurde.

Proximo konnte es nicht lassen, hat sich erdreistet, sie ihm aufzudrängen, obwohl er gedacht hat, dass er seinen Standpunkt diesbezüglich mehr als klar gemacht hätte.

„Sie ist der Tochter einer Amazone würdig, kommt direkt aus der bretonischen Provinz“, hat er beim Frühstück ausgeführt und sich ein weiteres Stück Brot abgebrochen, dass er sogleich in seinen Mund schob. „Der Vater soll einer dieser barbarischen Pikten aus dem Norden gewesen sein, eine wahrlich exotische Mischung. Ein echtes Prachtstück von einem Weibsbild“, fuhr Proximo vernehmlich kauend fort, „wild und ungestüm, kämpferisch wie eine Raubkatze, versüßt sie meinen besten Männern die Nacht und manchmal auch die Tage.“
„Wenn sie so kampfeswild und erprobt ist“, gab Maximus mit beißender Stimme zurück und schob seine halbvolle Tonschale mit gekochter Grütze von sich, „warum drückst du ihr dann kein Schwert in die Hand und lässt lässt sie mit uns in der Arena kämpfen?“
Es war nicht das erste Mal, dass der alte Mann ihn in seine privaten Räume ohne Grund zitiert hatte, um mit seinem besten Gladiator zu frühstücken.
Jedes Mal war es dem ehemaligen Befehlshaber römischer Truppen des Reiches unangenehm, ahnte er doch, dass es beim Essen allein nicht bleiben würde.
Proximo ließ seinen Brotkanten ohne hinzusehen auf seinen Teller fallen und warf ihm einen durchdringenden Blick zu, bevor er ihm antwortete.
„Eine Verschwendung von Material“, erklärte er mit der ihm üblichen, brutalen Offenheit. „So lange sie meine Männer bei Laune hält, habe ich deutlich mehr von ihrer Existenz.“
„Ich glaube dir kein Wort“, erwiderte Maximus, welcher in den Provinzen nur als der Spanier * bekannt war. Die Männer hatten in seiner Anwesenheit nie von diesem Mädchen geprahlt, zumindest nicht diejenigen, denen er mittlerweile sein Leben in der Arena anvertraute, vertrauen konnte, weil sie sich als würdig erwiesen hatten im Kampf.
Von den anderen Gladiatoren Proximus' hielt er sich nach wie vor weitgehend fern.

Sklaven, verbessert er sich jetzt in Gedanken vor der jungen Frau in seiner Kammer, kaum älter als ein Mädchen, so wie er selbst auch einer ist.

Ein Sklave.

„Steh auf.“

Seine raue Stimme klingt härter, als beabsichtigt, aber nach einem weiterem Herzschlag voll dröhnender Stille um ihn herum und dem Rauschen seines eigenen Blutes in den Ohren kommt sie seiner Aufforderung ohne ein Wort schließlich nach.
Zögernd erhebt sie sich, bleibt mit gesenktem Blick vor ihm stehen.

„Dreh dich um.“
Er weiß nicht, was ihn reitet, auch nur einen einzigen weiteren Augenblick seine Zeit mit ihr zu verschwenden, zu vergeuden, seine Zeit, die begrenzt ist, doch er lässt sich gewähren.
Warum, kann er beim besten Willen nicht sagen.
Perfide Neugierde, vielleicht.
Zu erfahren, was sie aus diesem dreck- und blutverschmierten, gebrochenen, vogelgleichem Ding gemacht haben seit seiner Ankunft hier.

Stockend dreht sie sich einmal um die eigene Achse, dann wendet sie sich ihm wieder zu.
Ihre steifen Bewegungen haben nichts von der Anmut einer Lust- Sklavin, die diesen Namen verdient hat.
Sein Blick gleitet über ihren schmalen Körper hinweg, verweilt kurz hier und da, ehe er schließlich an ihren Augen hängen bleibt.
Groß und dunkel, zwei unergründliche Seen gleich, tief und abgründig.
Von einem so tiefen Blau, wie er sie nur von Neptuns zornigen, sturmgepeitschten Fluten her kennt. Viel zu alt für ihr erschreckend junges Gesicht und der Schmerz in ihnen zusammen mit dem Echo blutroten, verborgenen Zornes, bringt eine Saite in ihm zum klingen, die er stetig spielt, wann immer er für sich ist. Sie ist der wesentliche Teil eines Instrumentes, welches ihn aufrecht erhält, seitdem man ihm alles genommen hat.
Noch eine Gemeinsamkeit, die er mit ihr zu haben scheint.
Seine Augen wandern über ihr herzförmiges Gesicht.
Die fein geschwungenen, nachgezogenen Brauen haben die Farbe von geschlagenem Kupfer und Sommersprossen ziehen sich über ihre Nase bis hin zu ihren Schläfen, die leichte Schwellung über ihrer linken Wange.
Die Zeit dehnt sich aus, wird langsam, immer langsamer.

Er ist sich nicht sicher, ob sie ihn erkannt, ihn wieder erkannt hat.
So viele Mal ist Sol nun schon mit seinem Streitwagen über den Horizont gezogen, und diese endlosen Tage haben aus ihnen Beiden andere Menschen gemacht.
Keine ehrbaren Bürger des Reiches mehr.
Sklaven.
Besitztümer.
Sie sind nichts mehr, tausendmal Nichts.
Weniger als das.

Ohne eine erneute Aufforderung seinerseits streift sie sich plötzlich mit mechanischen Bewegungen die schmalen Trägern von ihren Schultern und leise raschelnd gleitet der Stoff ihres Kleides zu Boden.

Für einen Moment scheint die Zeit still zu stehen, bevor sie abrupt wieder voranschreitet, sich zäh und erstickend ausbreitet wie Teer, seine Kehle wird eng und das Atmen plötzlich erschwert.
Sie haben auf nahezu dilettantische Weise ihre Haut mit getrocknetem Talg, vermutlich aus der ägyptischen Provinz, bedeckt, zugeschmiert, trotzdem sieht er es, sieht sie alle, und erneut wallt irrationaler Zorn in ihm auf.
Ist das der Schutz, von dem Proximo gesprochen hat, der ihr hier gewährt würde, so lange sie unter seinem Dach verweile und nicht wie die Gassendirnen auf den Straßen Roms gar um ihr Leib und Leben fürchten müsse?
Oder waren dies noch die Blessuren, die ihr er auf ihrer langen, irgendwann gemeinsamen, elendigen Reise zugefügt worden waren?

Zeit, verdammte Zeit, an die er sich einfach nicht erinnern kann.
Wie viel ist davon vergangen, wie viele Tage, wie viele Stunden sind verronnen, seit er das erste Mal wieder klar denken und dem Wundbrandfieber entkommen war und sie nicht mehr da war, an seiner Seite?
Er glaubt sich zu erinnern, ihre Schreie im Fieber vernommen zu haben.
Schreie wie von einem Feldhasen, dem man bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren zieht.
Wie lange mag das her sein?

Einerlei, er beugt sich nach vorne, greift hinunter und wirft dann den teuren Stofffetzen aus gefärbter Seide gegen ihre Brust. Erschrocken zuckt sie zusammen, presst das hauchzarte Gewand fest an ihren plötzlich zitternden Oberkörper.

„Zieh es wieder an“, befiehlt er barsch.
Die blauen Flecken auf ihrem Körper, sie machen ihn krank.
Keine Sekunde länger kann er diesen, ihren Anblick noch ertragen.

Hastig streift sie sich das zerknitterte Kleid fahrig über ihren misshandelten Körper und ihm wird mit einem Mal klar, dass auch die nicht ehrbaren Frauen - wie er und seine Gefährten in der Arena selbst - ebenfalls ihre eigenen Schlachten zu schlagen haben, fernab von Krieg und blutigem Gemetzel.
Gleichsam Schmerz und Leid über sich ergehen, erdulden lassen müssen und bisweilen auch mit ihrem eigenen Blut bezahlen während der Inanspruchnahme ihrer Dienste von Liebhabern des besonders exotischen Lustspieles.
Mit dem Unterschied, dass keine dieser Sklavinnen jemals ein Schwert in ihrer Hand vorfinden wird, um sich wehren zu können.
Eine Lustsklavin, die sich ihres Kunden gegenüber erwehrt, bleibt so nicht lange in diesem Geschäft. Wird den Fußsoldaten zum Fraß vorgeworfen.
Irgendwann in den Gräberstraßen Roms verendend, wenn sie sogar aus den Lupamare verbannt wurde.
Ein Fest nur noch für die Krähen.

Ohne ein Wort kehrt er ihr mit einem Ruck den Rücken zu, will sogleich aus dem Raum hinaus marschieren, als ihre Stimme ihn abrupt inne halten lässt.
Sie ist so rau und kratzig, dass es ihm einen kurzen Moment in der eigenen Kehle schmerzt.
„Warte“, sagt sie mit einem fremdartigen, schwerem Akzent und klingt derart verzweifelt, dass er sich tatsächlich langsam wieder zu ihr umdreht.
„Ich...ich-du-“, sie schluckt und ringt die Hände,, „Proximo- Proximo mich verletzen, wenn du nicht-wenn wir nicht- wenn du nicht mit - du unzufrieden mit mir bi-bist- bitte!“

Unwillkürlich mahlt er mit dem Kiefer, und der prickelnden Zorn in seinem Inneren rollt wie eine Welle über ihn hinweg.
Was hat der alte Sklaventreiber sich bei dieser Farce gedacht?
Er will weder ein Weib noch einen Knaben, will nur seine Ruhe jenseits der Arena, warum also muss dieser verdammungswürdige Alte sein Gewissen mit einer ihm fremden Person zusätzlich belasten?
Reicht es nicht, dass er die Verantwortung für seine, Proximos Männer, in der Arena trägt, für ihr Leben?
Nun also will er ihr auch noch das ihre aufbürden?
Er will diese Art von Verantwortung nicht, und lügen ist ihm seit jeher verhasst.
Dennoch tut er es jetzt.

„Du hast alles richtig gemacht“, erwidert er so ruhig wie möglich und mahnt sich, seine Faust augenblicklich wieder entspannen, seine Finger zu lösen und zu entkrampfen. „Das werde ich Proximo sagen. Ich werde mit ihm reden. Proximo. Ich werde mit ihm reden.“

Erneut wendet er sich zum Gehen, aber sie stürzt nach vorne, hält ihn an seinem rechten Arm fest.
„Warte!“, fleht sie wiederholt und allmählich wird seine ausgereizte Geduld hart auf die Probe gestellt. „Zu- zu schnell- fertig.“ Augenblicklich lässt sie ihn wieder los, als sein Blick auf ihre Augen treffen, sie tritt stolpernd einen halben Schritt zurück, sieht ihm aber nichtsdestotrotz unmittelbar weiter ins Gesicht. „Bitte, noch einen Moment warten, sonst Proximo wird- wird misstrauisch.“

Er zieht eine Augenbraue hoch und fragt sich unwillkürlich, wie oft sie in einer solchen Situation schon gewesen sein mochte. Und wie viele Männer sie wohl tatsächlich unberührt zurück gelassen haben.

„Wie ist dein Name?“, hört Maximus sich selbst fragen, bevor er darüber nachdenken kann, ob er das wirklich wissen will.




A:N: * Ich weiß, dass es historisch gesehen totaler Blödsinn ist und dass man Maximus am besten noch als "Iberer" bezeichnen könnte, aber- dies hier ist nun einmal eine Gladiator FF zum gleichnamigen, immer noch grandiosem Film aus dem Jahre 2000 von Ridley Scott, und da haben sie die Figur des Maximus' nun mal eben den "Spanier" genannt. Sein vollständiger Name- Maximus Decimus Meridius- ist historisch betrachtet übrigens ebenfalls eher Banane, also- live with it. ;-) (Klugscheißermodus aus)
Diese kleine Geschichte hier hat eigentlich mal als Fingerübung und One Shot angefangen und dann ewig auf meinem Rechner vor sich hin gedümpelt, aber dann kam die Mörderhitze dieses Sommers und plötzlich hatte ich wieder richtig Laune, an dieser Story weiter zu arbeiten, nur dank meines "Gladiator-Wetters"-  und meiner wankelmütigen Muse. Nun hat sich wie immer bei mir alles ein bisschen verselbstständigt hier, heißt, es wird für diese Geschichte etwa fünf bis sieben Kapitel geben. Wer historische Fehler findet, besonders auch in den folgenden Kapiteln trotz intensiver Recherche meinerseits, darf sie behalten oder mir gerne mit Verbesserungsvorschlägen um die Ohren werfen. ;-)
Zuletzt noch einen herzlichen Dank an die liebe Askaja fürs Vorablesen des ersten Kapitel und ebenso auch an die liebe erdbeerkaktus für selbiges.
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