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GeschichteDrama, Romanze / P18
Gavin Reed Hank Anderson OC (Own Charakter) RK200 Markus RK800-51-59 Connor
29.07.2019
31.01.2020
95
299.822
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Dieses Kapitel
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01.12.2019 1.974
 
Eine halbe Stunde später sitze ich in der U-Bahn, um zu Connor zu fahren. Eigentlich wollte ich ihn mit meinem Besuch überraschen (es hätte ja auch sein können, dass ich bis zum Morgen schlafe), aber da es mal wieder irgendeine Signalstörung gibt, bin ich noch viel länger unterwegs, als ich es sowieso schon zum Rande von Detroit gewesen wäre. Gelangweilt schreibe ich ihm also, dass ich auf dem Weg bin und warte ungeduldig darauf, dass wir endlich weiterfahren und ankommen.

Von der nächsten U-Bahnhaltestelle muss ich dann noch 20 Minuten bis zum alten Hochhaus am Schrottplatz laufen. Ich bin genervt, weil es dunkel, kalt und die Wege vereist sind, aber was tut man nicht alles?
Umso erleichterter bin ich, als ich endlich am Maison ankomme und dieses mal ohne zu zögern beim RK800 im obersten Stockwerk klingele. Ich bin ganz aufgeregt, als die Freisprechanlage surrt und mich einlässt. Was auch immer er behaupten mag, dies ist verdammt nochmal ein Date. Und ich werde ihn snacken, ob er das will oder nicht.
Ich betrete das modrige Haus und bin trotz seines Zustands direkt froh, wieder hier zu sein. Mein Herz hämmert in meiner Brust. Dieses mal ist meine Aufregung, Connor wieder zu sehen, eine ganz andere, als noch gestern Abend. Ich freue mich unheimlich, und dass ich von ihm die Nähe bekommen werde, die ich nach all der Aufregung brauche, beflügelt mich noch mehr.
Ich bin so in Gedanken an Connor und alles, was ich heute Nacht mit ihm nachholen will, dass ich in den Fahrstuhl stürme, als dieser ankommt, und eine junge Frau über den Haufen renne, die im Erdgeschoss aussteigen will.
„Sorry!“, rufe ich erschrocken und mache einen Satz nach hinten. Es ist dunkel im Gang, doch das Licht im Fahrstuhl funktioniert und bescheint hell die blonden Locken der Frau, die noch versucht, ihr Gleichgewicht zurückzubekommen.
Sie starrt mich an. „Jen?!“, fragt sie überrascht.
„Jo!“, japse ich.
Meine beste Freundin, mit der ich seit Tagen keinen Kontakt mehr habe, steht mir gegenüber und hält sich an den Wänden des Fahrstuhls fest, weil ich sie fast umgeworfen habe.
„Was machst du denn hier?!“, fragt sie und kommt wieder mit ihrem vollen Gewicht auf ihren Füßen an. Irritiert wischt sie sich eine Locke aus den Augen. Sie ist dick eingemummelt und ihr Schal bedeckt ihren Mund, weswegen ihre Worte nur gedämpft an mein Ohr dringen. Sie will ja auch nach draußen und dort ist es kalt.
„Ähm. Connor“, sage ich nur.
„Ihr redet wieder?“, fragt sie skeptisch. Ihr zweifelnder Ton macht mich wütend. Wieso urteilt sie dauernd über mich? Nachdem sie sich einfach Tage nicht bei mir gemeldet hat?
„Ja?!“, gebe ich patzig zurück.
„Okay“, sagt Jo und lacht unsicher. „Das ist doch toll, oder nicht?“
„Ist es“, murre ich. „Machst du mir jetzt bitte Platz? Ich bin verabredet.“
„Was ist denn los mit dir in den letzten Tagen?“, fragt Jo irritiert und bewegt sich kein Stück.
„Das sollte ich wohl eher dich fragen!“, gebe ich genervt zurück.
Die Fahrstuhltür schließt sich automatisch.
Jo und ich versuche, die Tür aufzuhalten und reißen beide an dem Metall. Während ich mich gegen die Tür stemme, presst Jo hektisch einen Knopf im Inneren. Die Tür fährt wieder zurück.
Keuchend lassen wir vom Fahrstuhl ab. Unsere Finger hatten sich berührt. Und das war für meinen Geschmack schon zu viel Nähe.
Jo stellt sich in die Aufzugtür, damit diese sich nicht mehr schließen kann. Ein wenig kichert sie wegen unserm Kampf mit dem Fahrstuhl, doch als sie mein wütendes Gesicht sieht, wird sie wieder ernst.
„Ich verstehe dich nicht“, sagt Jo. „Nur, weil du dich mit Connor zerstritten hast, streichst du gleich jeden aus deinem Leben, auch mich? Oder was?“
Verwirrt sehe ich sie an.
Sie verbessert mich: „Ach ja, alle außer Gavin natürlich.“
„Was?“, fauche ich. „So denkst du also über mich? Schönen Dank.“
Jo schüttelt den Kopf. „Du hast dich seit Tagen nicht gemeldet! Wie soll ich da sonst von dir denken?“
„DU hast dich nicht gemeldet!“, erwidere ich und verschränke die Arme. „Und vorher hast du mir noch vorgeworfen, dass ich mich mit Connor gestritten habe. Ich mein, geht dich das irgendwas an? Und hast du vielleicht mal drüber nachgedacht, dass es mir damit auch nicht wirklich gut ging?“
Jo ist noch immer verwirrt. „Warte“, sagt sie und zückt ihr Handy. Dann hält sie mir wie zum Beweis unsern Chatverlauf vor die Nase.

Jo: Wie war dein Weihnachten? Wieso ist Connor heute schon ins Maison eingezogen anstelle nächster Woche? Er will es mir nicht sagen. Ist was vorgefallen?
Jo: Ach vergiss es, ich kann es mir langsam denken.

„Ähm...“, stottere ich.
„DU hast nicht geantwortet“, sagt Jo und steckt ihr Handy weg.
Irritiert ziehe ich mein eigenes Handy um mich nochmal zu vergewissern, auch wenn es lächerlich ist. Aber sie hat Recht. Tatsächlich.
„Oh... ähm... Ich dachte irgendwie, dass von dir nichts mehr kam“, murmele ich.
Jo stemmt die Hände in die Hüften und sieht mich abwartend an.
„Deine letzte Nachricht war aber auch... übelst judgy!“, verteidige ich mich.
„Ja, sorry!“, erwidert Jo gereizt. „Aber in der Regel bist du es halt, die verkackt, und nicht Connor! Darum hab ich ja gefragt!“
„Es hat mir nicht den Eindruck gemacht, als würdest du mich unterstützen“, murmele ich. Aber sie hat Recht. Ich hatte scheinbar nicht geantwortet. Und sie in meinem Kopf dafür gehasst, dass sie sich nicht meldet. Ich hatte ihr nicht mal frohe Weihnachten gewünscht. Uff.
Jo seufzt. „Gut. Hätten wir das wohl geklärt.“
Ich lasse die Schultern hängen. „Sorry“, murmele ich. „Meine letzte Woche war sehr turbulent.“
Jo mustert mich aufmerksam. „Aber mit Connor ist alles wieder okay?“, hakt sie nach.
„Ich glaube schon. Ich hoffe es“, murmele ich.
„Das mit Gavin war übrigens super dumm, aber auch super geil, Jen“, grinst sie. „Sowas kannst auch nur du bringen.“
„So geil war es nicht, er hätte mich fast... zu Sachen gezwungen“, nuschele ich.
„Ach Fuck, dieses Arschloch“, flucht Jo wütend. „Das tut mir echt Leid, Jen.“ Sie kommt auf mich zu, breitet die Arme aus und zieht mich an sich.
Ich bin noch immer verwirrt darüber, dass ich selbst für unsere Funkstille verantwortlich war, ohne es zu merken. Ich Idiotin. Sie war also gar nicht die ganze Zeit über sauer auf mich gewesen. Und sie hätte mir bestimmt eine Stütze sein können, als ich allein und verloren war.
Ich genieße die Umarmung und spüre ihre Wärme durch unsere Jackenschichten hindurch. Ihre Locken kitzeln meine Nase. Aber das gehört dazu, wenn man Jo umarmt.
Ich schniefe, als ich mich von ihr löse. „Da ist noch was“, sage ich leise.
Jo sieht mir forschend in die Augen. Sie erkennt, dass irgendetwas bei mir überhaupt nicht in Ordnung zu sein scheint. „Schieß los“, sagt sie leise und umklammert meine Arme mit ihren Händen.
Ich sehe mich um, um sicherzugehen, dass wir alleine sind, währen der Fahrstuhl sich neben uns schließt und wir im Stockfinsteren stehen. Dann sage ich leise: „Ich bin schwanger.“
„WAS?“, schreit Jo so laut und so plötzlich, dass ich taumele. Doch Jo hält meine Ärmel fest und zieht mich wieder vor sich. „Verarschst du mich???“
Endlich mal eine Reaktion, die ich einordnen kann!, denke ich erleichtert. Noch immer bin ich verstört darüber, dass Connor einfach überhaupt nicht überrascht war, und komischerweise hatte ein ganz winziger Teil in mir befürchtet, dass es Jo genauso ging. Das wäre natürlich vollkommener Quatsch gewesen, aber die Aktion mit Connors Röntgenblick hatte mich nachhaltig verstört und alles in Frage gestellt.
„Ich wünschte!“, stöhne ich, erleichtert darüber, dass ich es ausgesprochen habe.
„Aber...“, ruft Jo enthusiastisch, „von wem?“
„Jakob natürlich, von wem sonst?“, frage ich genervt. „Als ob ich mich in den letzten Monaten wild durch das Land gevögelt hätte!“
„Och nein!“, stöhnt Jo, „Ausgerechnet von dem?“
Ich zucke die Achseln. „Ich hätte auch keinen Wert auf ein rothaariges Kind gelegt, aber jetzt ist es dafür auch zu spät.“
„Du kriegst es?“, fragt Jo aufgeregt.
„Sieht so aus“, nuschele ich.
Jo hüpft auf und ab. „Wie geil das ist, Jen!“ Sie schließt mich wieder in die Arme und kann nicht damit aufhören, zu quieken.
Auch, wenn mich ihre Freude verunsichert, bin ich auch positiv überrascht von ihrer Reaktion.
Sie lacht und sieht mir wieder in die Augen. „Seit wann weißt du es? Wer weiß es noch?“
„Nur Connor und erste ein paar Tage“, murmele ich.
„Ach deshalb warst du so durch den Wind?“, fragt Jo lachend. Sie quiekt wieder. „Mensch Jen, das ist einfach die beste Nachricht zum Jahresabschluss! Ich freu mich so sehr für euch!“, ruft sie strahlend.
„Für uns?“, frage ich verwirrt.
„Na, du wolltest doch unbedingt ein Kind oder nicht?“, fragt Jo.
„Jetzt doch noch nicht!“, jammere ich.
„Aber hast du dich nicht immer darüber beschwert, dass du mit Connor keine Kinder haben kannst?“, lacht Jo. „Das hätte sich ja jetzt erledigt.“
Unsicher starre ich vor mir hin. Ja, sie hat ja Recht. Anfangs war das mein größter Kritikpunkt an einer Beziehung zu einem Androiden. Aber ich hatte eher mit Nachwuchs in einigen Jahren gerechnet. Und nicht jetzt.
Jo bemerkt meinen nachdenklichen Blick. Wieder legt sie ihre Hände an meine Arme und sagt: „Freu dich doch einfach! Du wirst eine Mom! Und Connor ein Dad! Wie süß das ist!“
„Moment, was???“, rufe ich. „Jetzt mach aber mal halblang. Das war fast erledigt zwischen uns. Wir müssen erst mal gucken, wie es weiter läuft. Also...“ Ich lege den Kopf schief. „Sprich von uns nicht als... Mom... und Dad. Das ist total bescheuert.“
Jo lacht. „Ach Jen. Ich denke, du musst einfach etwas erwachsener werden und Verantwortung übernehmen. Dann wird das schon mit euch zweien.“ Sie räuspert sich und korrigiert sich: „Oder besser gesagt... Mit euch dreien.“ Sie grinst vielsagend.
Jammernd wende ich mich ab. Was Jo da sagt, macht mir Angst. Gleichzeitig ist es mehr, als ich zu hoffen wage. Und es ist es das, was Connor auch schon vorgeschlagen hat. Familie.
Der Gedanke daran wärmt meinen noch immer schlotternden Körper auf eine angenehme Art und Weise von innen aus. Und doch bin ich mir irgendwie sicher: Ich werde das alles irgendwie verkacken. Ich verkacke immer alles. Zwar habe ich Connor dieses mal doch noch irgendwie von mir überzeugen können, jedenfalls fürs erste – doch kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass dies auf Dauer sein kann. Zu schön und zu magisch ist der Gedanke daran, mit ihm zusammenzuwohnen und eine Familie zu gründen.
Ich werde das schon irgendwie verkacken. Darauf vertraue ich mehr, als auf sonst irgendwas in der Welt.
Jo hat mein besorgtes Gesicht gemustert. Wieder nimmt sie meine Hände in ihre. „Jen, du hast alle Unterstützung von mir, die du dir wünschen kannst und die der Job zulässt“, sagt sie zuversichtlich.
Dankbar brumme ich zustimmend. Die Vorstellung, mit Connor und einem kleinen Jungen oder Mädchen zusammen den Riverside Park zu besuchen, wie ich es mit Cole früher immer gemacht hatte, schwebt mir vor und verschwindet einfach nicht mehr aus meinen Gedanken. Das wäre echt unrealistisch. Aber auch sehr, sehr schön.
„Wir kriegen das alle zusammen hin!“, ruft sie zuversichtlich. „Du hast doch Rückhalt. Auch hier im Maison hast du doch Freunde gefunden!“ Sie sieht auf die Uhr. „Du, ich muss wirklich los. Noch was für die Party morgen Abend besorgen.“
Ich nicke benommen.
„Du kommst doch auch?“, fragt sie und drückt mich nochmal an sich.
„Ja“, sage ich. „Alice hat mich eingeladen.“
„Ach, Alice, nicht Connor?“, fragt Jo lachend. „Das wird aber hart für dich, Silvester ohne Alkohol?“
„Erinnere mich bloß nicht daran!“, jammere ich. „Hatte ich das letzte mal mit 12 oder so!“
Jo lacht. „Tut dir bestimmt mal ganz gut!“
Ich nicke grunzend.
„Wie auch immer, wir quatschen morgen Abend nochmal, ja?“, sagt Jo und läuft zur Haustür. „Viel Spaß mit Connor.“ Sie zwinkert mir zu.
„Danke“, nuschele ich verwirrt, beobachte, wie sie geht und rufe den Fahrstuhl, um zu Connor zu fahren.
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