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GeschichteDrama, Romanze / P18
Gavin Reed Hank Anderson OC (Own Charakter) RK200 Markus RK800-51-59 Connor
29.07.2019
31.01.2020
95
299.833
50
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Dieses Kapitel
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29.11.2019 1.824
 
Als ich erwache, ist es dunkel.
Ich hebe den Kopf und taste neben mich. Ich bin allein in meinem Bett. Kein Connor.
Völlig verpeilt versuche ich mich daran zu erinnern, was sich abgespielt hatte, bevor ich eingeschlafen war. Düster erinnere ich mich. Ich war in der Klinik. Ich hatte den Abbruch nicht gemacht. Ich hatte mich mit Hank gestritten. Connor hatte mich in mein Zimmer gebracht. Ich erinnere mich dran, wie sein Gesicht aussah, als er vor dem Bett gehockt und zu mir runter geschaut hatte. Er hatte diesen vertrauten Ausdruck in den Augen, den ich so gut von ihm kenne. Dieses sich Sorgende, Liebevolle. Er sah so zufrieden aus, als er in mein erschöpftes, verheultes Gesicht blickte. Und dann muss ich weggepennt sein.
Ich atme tief durch. Das Mini. Ich hab es noch. Ich setze mich auf und schaue an mir runter. Ich starre meinen Bauch an. Herrje, das alles hier wird ernst und passiert wirklich. Unsicher sage ich zu meinem Bauch: „Hey... du? ...Alles klar bei dir?“
Niemand antwortet.
„Solltest du mich nicht wenigstens treten, oder so? Du blöder Parasit“, motze ich und greife nach meinem Handy.
Klar, ich weiß, dass man in dem Stadium nichts von dem Nachwuchs spürt. Trotzdem finde ich es ungerecht, wie viel Ärger ich wegen dem Mini in den letzten Tagen hatte und in nächster Zeit haben werde, während es einfach in meinem Bauch rumliegt und chillt!
Es ist erst halb 9. Also hatte ich doch gar nicht so lange geschlafen. Hatte Connor mir nicht angeboten, dass er mich mitnimmt, wenn er nach Sumo sieht? Na super, ich Schlafmütze hatte meine Chance verpennt.
Wahrscheinlich ist zu allem Überfluss Hank auch noch im Haus. Na herzlichen Dank für deinen Beistand, Connor. Aber ich sollte nicht so unfair sein. Ohne Connor hätte Sumo uns schon verzweifelt in die Wohnung geschissen.
Da entdecke ich Connors Nachricht auf dem Display meines Handys. Es ist die erste, die ich wieder von ihm bekomme, seit ich ihn nach unserer räumlichen Trennung so zugespammt hatte. Scheinbar sind wir tatsächlich auf einem guten Weg. Kaum zu fassen, dass mein verwirrtes Herz wenigstens dazu in der Lage ist, die Beziehung zu meinem Exfreund oder Freund oder was auch immer zu reparieren. „Hey Jen. Ich bin ins Maison gegangen und schaue nach Sumo. Morgen früh muss ich arbeiten. Aber falls du irgendwann wach wirst und dich einsam fühlst: Ich bin zuhause. Zwinkersmiley. LG Connor. Kleinerdrei“
Feuer und Flamme atme ich durch. Dieser Zwinkersmiley! Okay, er will rummachen. Das kann er haben!
Ich stolpere aus dem Bett, suche ein paar Klamotten zusammen, dusche fix, schnappe mir noch mein iPad, um als Notfall den obligatorischen Filmabend einzuleiten und stürze die Treppen hinunter.
Ich bin so abgelenkt, dass ich direkt meine Tasche fallen lasse, als ich plötzlich Hanks Stimme vom Sofa aus höre. „Jenny.“
„Alter!“, pruste ich und hebe meinen Kram auf. „Was ist denn mit dir los?! Warum sitzt du hier im Dunkeln?“
Tatsächlich hatte Hank kein Licht angemacht. Er sieht zu mir rüber und ich kann sein Gesicht nicht erkennen. Nachdem er vor wenigen Stunden noch so rotzevoll war und so furchtbar rumgebrüllt hat, lege ich gerade überhaupt keinen Wert darauf, mit ihm hier alleine zu sein.
Lahm hebt er den Arm. Es scheint ihm so schwer zu fallen, dass es aussieht, als hingen 25 Kilo an seinem Ellenbogen. „Setz dich doch ein bisschen zu mir“, sagt er mit heiserer Stimme.
„Das kannst du vergessen!“, fauche ich und drücke mich am Küchentisch an ihm vorbei zur Haustür.
Hanks Arm sinkt langsam wieder hinab. „Gut“, sagt er leise.
Ich stutze, weil er so lethargisch ist. „Alles... ähm... okay bei dir?“
Hank seufzt tief. Wegen der Dunkelheit kann ich sein Gesicht noch immer nicht erkennen. Er ist so ruhig, im Vergleich zu vorhin. Es ist unheimlich. Aber ich bin auch froh drüber.
„Es tut mir Leid, dass ich sowas vorhin gesagt habe“, murmelt er so undeutlich, dass es wahrscheinlich die wenigsten Leute auf der Welt verstehen könnten. Zum Glück gehöre ich zu diesen Leuten.
Ich antworte nicht.
„Du musst nicht ausziehen“, knurrt er leise. „Natürlich nicht. Bleib hier, so lange du möchtest.“ Er sieht zu mir auf und lächelt friedfertig. „Du bist doch meine Jenny.“
Ich seufze. „Naja, es gehört halt einfach mehr dazu, dass ich gern hier wohne, als dass du dich bei mir entschuldigst, nachdem du mich dermaßen angeblökt hast“, sage ich beleidigt. „Das ist halt auch kein schönes Miteinander, dass du dauernd deine Launen an mir auslässt.“
Hank schweigt. Mit der Hand fährt er über die Sofagarnitur. Dann sagt er: „Das stimmt.“
Ich will gehen, doch ich zögere. Nun tut mein Vater mir wieder unglaublich Leid.
Ich ziehe mich auf den massiven Küchentisch rauf und schaue zu ihm rüber. Ich möchte meinen Abstand wahren. Aber ich kann ihn hier nicht so verklatscht sitzen lassen, ohne kurz sein Befinden abgecheckt zu haben.
Kurz erwäge ich, ihm nun von dem Mini zu erzählen, verwerfe es dann aber sofort wieder. Trotzdem. Früher oder später muss er es erfahren. Es ist zu spät, um es loszuwerden. Und wenn ich es schon mal aus mir rausgepresst haben werde, will ich es dann auch wieder nicht in eine Pflegefamilie abgeben. Doch, dann will ich es schon behalten, nach all der Mühe. Also wird Hank wohl oder übel mit ihm oder ihr Bekanntschaft schließen.
Rausgepresst. Au weia. Eine Geburt. Das ist gerade einfach das letzte, womit ich mich beschäftigen will oder worauf ich Bock habe. Gut, kaum jemand hat Lust auf eine Geburt. Aber ich hatte eigentlich nicht damit gerechnet, mich in den nächsten drei Jahren damit auseinandersetzen zu müssen, 3,5 Kilo aus mir rauszupressen.
Ich bin so in meinen verstörenden Gedanken vertieft, dass Hank mich zwei mal ansprechen muss, ehe ich reagiere. „Jenny? … Jenny!“
Verwirrt hebe ich den Kopf. „Sorry, was?“
„Ob Connor wieder zurück kommt, hab ich gefragt!“, antwortet Hank. Noch immer ist seine Stimme verlangsamt und verwaschen.
Ich schüttele den Kopf. „Genau hat er nichts gesagt, aber er ist halt eben erst da eingezogen.“
Hank grunzt resigniert.
„Ich denke, er will seinen Freiraum behalten, nachdem das mit uns etwas... problematisch war“, murmele ich. Wieder grunzt Hank.
„Aber es läuft wieder besser mit uns“, informiere ich ihn. „Ich denke, wir könnten das hinkriegen. Also, Connor und ich. So... zusammen.“ Ich erröte. Dann sage ich mit fester Stimme: „Ich gebe mir jedenfalls Mühe!“
Hank nickt, legt die Arme auf die Sofalehne und sagt: „Tja, Jen. Du weißt ja. Sex regelt.“
Ich verdrehe die Augen. „Dad, bitte.“
Hank grinst kurz.
Ich grinse verlegen zurück.
Eins verbindet uns halt nach wie vor, unser Sinn für Humor und unsere Vorliebe für dumme Sprüche.
„Er kann nach wie vor das Zimmer haben. Von Cole, mein ich“, sagt Hank. Mit dem Kopf deutet er auf die Möbel. „Ich kann mich die Tage dran machen, doch endlich das Zimmer zu entrümpeln und das Zeug aufzubauen. Auf der Arbeit brauch ich mich jedenfalls erst mal nicht blicken lassen. Was meinst du?“
Ich seufze. Dann sage ich vorsichtig: „Ich glaube, Connor will gerade wirklich ein wenig Abstand von uns. Auch, wenn er noch für uns da ist. Aber... wir haben uns beide echt viel genommen von ihm. In letzter Zeit.“
Hank schweigt. Dann sieht er besorgt zu mir rüber. „Ich will den Jungen nicht auch noch verlieren“, sagt er.
„Ach“, sage ich. „Ich glaub, der bleibt uns erhalten.“ Zuversichtlich nicke ich. „Aber eins musst du zugeben: Wir sind beide schon echt anstrengend. Ich wollte auch nicht mit uns beiden zusammen in einem Haus wohnen. Ich würde nach 'nem halben Tag ausrasten.“
Hank grinst wieder. „Du hast Recht. Ich will das auch nicht.“
Wir beide grinsen vor uns hin, während ich die Beine baumeln lasse. So ein versoffenes Arschloch er auch ist – er ist und bleibt mein Vater.
„Wenn du ihn nicht verlieren willst, biete ihm doch an, die Möbel in seine Bude zu fahren“, schlage ich vor.
Hank sieht mich fragend an.
„Er hat da einfach gar nichts“, erkläre ich. „Nur zwei Matratzen.“
„Was???“, fragt Hank. Er ist nicht nur entschlossen, sondern total erzürnt.
„Da könnte er deine Hilfe bestimmt gebrauchen“, nicke ich.
Hank nickt gedankenverloren. „Er kann das Zeug gerne haben“, sagt er aufopferungsvoll und mustert die Pakete. „Ist ja sowieso für ihn.“
„Dann stellen sie wenigstens nicht mehr das Wohnzimmer voll“, sage ich erleichtert.
Hank grunzt. „Und du? Gehst jetzt zu ihm hin, oder was?“
Ich grinse. „Jop.“
Hank grinste ebenfalls. „Ihr Turteltauben. Vergiss nicht, was ich dir geraten habe, Jenny“, sagt er freundlich.
Ich nicke. „Ja, ich weiß doch. Sex regelt“, antworte ich lachend.
Hank lacht ebenfalls und streckt mir sitzend die empor gereckte Hand hin.
Ich zögere. Dann lasse ich mich vom Tisch plumpsen, tapse zu ihm rüber und klatsche ein. „High Five darauf!“, sage ich und lasse mich neben ihn auf das Sofa fallen.
Wir kommen kichernd zur Ruhe. Wir saßen hier ewig nicht mehr nebeneinander auf dem Sofa, fällt mir ein. Tatsächlich saß Hank dort oft mit Randy oder alleine mit seinem Bier, während ich am Küchentisch hockte. Oder ich war bei Connor auf der Couch, während Hank in der offenen Küche saß. Eigentlich ist das unheimlich schade. So wirklich zusammen sind wir eigentlich nie. Obwohl wir doch Vater und Tochter sind.
Ich schaue unsicher zu ihm rüber, er schaut zurück.
Er ist mein Vater. Er ist auf seine Art genauso kaputt, wie ich. Wieso machen wir alle es uns so schwer? Ich habe keine Lust mehr, dauernd mit ihm rumzustreiten. Bald habe ich mich um ganz andere Dinge zu kümmern und muss mir meine Kräfte einteilen.
Also schlage ich ihm vor: „Hey, wir könnten einen Deal machen. Wir trinken beide einfach ein halbes Jahr nicht mehr.“
Verdutzt schaut er mich an. „Was?“, faselt er.
„Wir trinken keinen Tropfen Alkohol mehr, für ein halbes Jahr“, wiederhole ich und strecke ihm die Hand hin. „Deal?“
„Was ist das denn für eine doofe Idee?“, fragt Hank verwirrt. „Bist du völlig bescheuert? Wieso schlägst du mir sowas vor? Bist du schwanger und darfst deshalb eh nichts trinken, oder was?“
Wir starren uns an. Die Panik steigt in mir hoch.
Dann beginnt Hank schallend zu lachen. Unsicher stimme ich in sein Lachen ein.
„Ich mach doch nur Spaß, Jenny“, sagt er keuchend.
Ich lache gezwungen und hoffe, es fällt nicht auf. Scheiße, das war knapp!
„Wie sollte ich auch... ich meine...“, stottere ich und rappele mich auf.
Hanks Lachen erlischt und er sieht skeptisch zu mir hoch. „Alles okay?“
Ich schaue hektisch auf die Uhr. „Ja, aber ich... ich muss dringend los!“, plappere ich und schlüpfe in meine Schuhe. „Mach's gut, Hank, sauf nicht so viel. Und wir kriegen das hin, mit Connor.“
„Sagst du ihm bitte, dass es mir Leid tut?“, bittet Hank mich leise.
Ich drehe mich zu ihm um, während ich schon den Türknauf in der Hand halte. „Sag's ihm selbst“, schlage ich achselzuckend vor, zwinkere nochmal und mache mich auf in die klare Nacht, um Connor zu besuchen.
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