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GeschichteDrama, Romanze / P18
Hank Anderson OC (Own Charakter) RK800-51-59 Connor
29.07.2019
11.11.2019
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Eine neue Empfehlung! Danke, du unbekannter, netter Mensch ;____;








Am nächsten Mittag stehe ich mit einem furchtbaren Kater vor dem alten Hochhaus am Stadtrand von Detroit, an dessen verlassener Boutique im Erdgeschoss noch immer der leuchtende Schriftzug MAISON prangt. Mit zusammengekniffenen Augen studiere ich das ellenlange Klingelschild.
Anders als noch letzter Woche stehen in der alten Boutique Farbeimer, Renovierungsuntensilien und Leitern. Scheinbar sind die Androiden fleißig dabei, das Haus wieder auf Vordermann zu bringen. Ich zweifele nicht im geringsten daran, dass sie den Zustand ihres ersten richtigen Zuhauses innerhalb weniger Wochen signifikant verbessern werden. Denn viele der Bewohner sind auf Arbeiten spezialisiert, die nützlich sein werden für die Instandsetzung eines verlassenen Gebäudes. Gärtner, Mechaniker, Elektriker, Maler – die Fähigkeiten der Androiden sind bunt gemischt.
Ich sehe mich um. Der Vorgarten wurde schon umgegraben und mit kleinen Bäumchen bepflanzt. Ich verstehe absolut gar nichts von Pflanzen. Aber spätestens im Frühjahr wird hier mit Sicherheit ein wunderschöner kleiner Garten gedeihen.
Lächelnd betrachte ich ein kleines aus Brettern zusammengebautes Häuslein, das an einen alten, dicken Baum gelehnt ist. Das gibt bestimmt ein Baumhaus für die Androidenkinder. Ich bin ein wenig neidisch auf sie. Wäre ich klein, würde ich gerne in sowas spielen, wenn es dann erst mal in die Baumkrone genagelt wurde.
Nervös wende ich mich wieder dem Klingelschild zu. Ich werde Markus hier nie finden.
Scheinbar waren die Androiden so stolz darauf, ihre eigenen Wohnungen beziehen zu können, dass sie sich der Beschriftung der Klingelschilder mit als erstes gewidmet hatten. Blöderweise haben sie keinen Wert auf eine menschengerechte Kennzeichnung gelegt. Da Androiden keinen Nachnamen haben, stehen Seriennummern hinter den Klingeln. Die bringen mir tatsächlich reichlich wenig. Ich weiß noch nicht mal Connors Seriennummer. Sie hatte mich auch nie interessiert. Ich kann mich dunkel dran erinnern, dass Connor ein RK800 ist. Ich weiß auch, dass er ganz oben wohnt, denn das hat er mir noch vor kurzem erzählt. Tatsächlich ist er scheinbar auch der einzige RK800 im Haus. Jedenfalls erkenne ich seine Klingel am oberen Rand. „RK800 #313 248 317“ steht da. Okay. Dann wird es für mich vielleicht mal Zeit, mir diese Nummer zu merken. Sie bedeutet ihm bestimmt irgendwas. 'Vielleicht kann ich ihn ja beim nächsten Mal so begrüßen, so ganz nebenbei, um ihn zu beeindrucken?', denke ich. Und dann wieder: 'Oh Jen, hör einfach auf, über Connor nachzudenken. Du bist wegen anderen Dingen hier.'
Tatsächlich ist Connor der letzte, dem ich jetzt gerade begegnen möchte, wo ich total aufgelöst, verkatert und angespannt vor dem Maison stehe und mit Markus besprechen will, wie ich nun am besten mit den Beweisen umgehen soll, die ich von Gavin geklaut hatte.
Von Gavin selber habe ich selbstverständlich nichts mehr gehört. Wie auch, sein Handy befindet sich noch immer in meinem Besitz. Wahrscheinlich ist er noch immer im Krankenhaus. Unter dem Gesichtspunkt ist Eile geboten. Ich muss all das auflösen, allein für meinen Seelenfrieden, so lange klar ist, wo Gavin ist und solange ich sicher sein kann, dass er nicht plötzlich vor meinem Fenster steht.

Gestern Nacht war ich gemeinsam mit Hank nach hause gefahren. Was hätte ich auch sonst mit ihm tun sollen? Wir waren beide lattenstramm, als Jimmy uns schließlich ins Taxi schob.
Mir fiel währenddessen ein, dass ich mich nun an unseren Vorsatz halten sollte: Kompletter Kontaktabbruch Hank gegenüber, wenn er wieder betrunken auftaucht. Nicht sein selbstzerstörerisches Verhalten akzeptieren, sondern ihn komplett ablehnen. Ihm keine Unterstützung in jeglicher Form bieten. Und ich sollte schleunigst ausziehen.
Das wäre natürlich die ideale Vorgehensweise. Aber auch in meiner aktuellen Situation absolut nicht durchsetzbar und ein weiteres Thema, dem ich mich später widmen werde. Nämlich dann, wenn ich verarbeitet hatte, dass ich meinen Exfreund in den Penis gebissen hatte, um ihn bei der Polizei anzuschwärzen.

Jammernd wende ich mich wieder dem Klingelschild zu und fahre vorsichtig mit dem Finger über die Aufschrift RK800 #313 248 317. Wieder und wieder spreche ich mir sehnsüchtig die Ziffern vor. Ich könnte jetzt einfach klingeln, und mit ihm reden. Ich könnte aber auch einfach klingeln und ihn nur fragen, wo ich denn Markus finde, zu dem ich ja tatsächlich auch will. Doch diesen Gedanken verwerfe ich schnell wieder. So aufgeschmissen ich gerade bin, ich werde jetzt endlich Haltung bewahren und an meinen Prinzipien festhalten. Schließlich wird er demnächst von mir erfahren, dass ich den Penis meines Exfreundes an den Lippen hatte und vorher mit ihm rumgeknutscht hatte. Noch immer bin ich völlig ahnungslos, wie er darauf reagiert. Aber ich will es nicht drauf ankommen lassen, und ihn noch mehr abnerven, ehe er diese frohe Botschaft erfährt. Das würde die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass er mir wohl für immer den Laufpass gibt. Und das ist alles andere als mein Ziel.
Ich versuche mich daran zu erinnern, welches Modell Markus hatte. Ist er nicht ein Pflegeandroid? Aber hatte Connor mir nicht auch erzählt, dass er ein spezielles Modell war, weil er mal ein Geschenk von irgendeinem Kamski an Mister Manfred war? Ich bin mir nicht sicher, und wieder wird mir bewusst, wie egoistisch ich eigentlich die ganze Zeit war. Mein Gehirn hatte so oft auf Durchzug geschaltet, wenn Connor mir irgendwas von Androiden erzählt hatte. Ein echtes Armutszeugnis, eigentlich. Und nur zu verständlich, dass er meine Ignoranz nicht länger hinnehmen wollte.
Langsam fröstele ich. Ich stehe jetzt schon 10 Minuten vor dem Maison und weiß nicht, ob und wo ich klingeln soll. Ich bin ungeduldig. Ich bin aufgeschmissen. Und ich bin selbst Schuld daran.
Kurz befürchte ich, gleich die Fassung zu verlieren und wild einfach überall zu klingeln.
Beim Studieren des Klingelschilds fällt mein Blick auf den 15. Stock, wo der einzige Vor- und Nachname zu finden ist. Josephine Goodman & PJ500 #293 231 356. Okay. Da wohnen also Jo und Josh. Mein Finger zittert vor Jos Klingel. Doch irgendwie kriege ich es nicht hin, den Knopf zu drücken. Sie ist sauer auf mich, weil ich Connor vergrault habe. Und ich bin sauer, dass sie nicht mal für mich da ist, jetzt wo ich sie brauche.
Ich erwäge gerade, die ganze Mission abzubrechen, einfach zurück nach hause zu gehen, wo Hank wohl noch immer kotzt oder schnarchend im Bett liegt und mich zu verkriechen, bis das neue Jahr angefangen hat, da geht die Tür auf.
Ein kleines Mädchen öffnet mir. Überrascht sieht sie zu mir hoch und weicht zurück. Ich stehe schließlich wie der letzte Creep vor ihrem Haus herum und begaffe das Klingelschild.
Wir sehen uns an. Sie wirkt schüchtern und verängstigt. Doch als wir uns kurz gegenseitig gemustert hatten, erhellt sich ihr Blick.
„Ich kenne dich! Du warst auf der Beerdigung!“, stellt sie freudig fest.
Ich nicke verpeilt. „Stimmt, wir haben gemeinsam geklatscht, richtig?“, frage ich vorsichtig. Ich hoffe einfach, sie ist dasselbe Androidenmädchen, das damals so zuversichtlich zu mir rüber gestrahlt hatte, und nicht ein anderes Mädchen mit demselben Erscheinungsbild. Ich bin ziemlich vorsichtig geworden, seit ich Daniel für Simon gehalten hatte.
„Ja!“, ruft sie und lächelt mich auf eine mitreißende Art und Weise an. „Ich bin Alice. Und du?“
„Jen“, stelle ich mich verlegen vor.
„Willst du rein?“, fragt mich Alice.
Ich nicke. „Ich suche Markus“, sage ich. „Kannst du mir sagen, wo ich ihn finden kann?“
„Klar“, antwortet sie und hält mir die Tür auf.
Erleichtert folge ich ihr ins Innere und pralle fast mit einer jungen Frau zusammen.
„Woah, sorry“, murmele ich verwirrt und hebe den Kopf.
Eine Androidin war Alice gefolgt. Sie trägt kurze, dunkle Haare und hat einen offenen, vertrauenserweckenden Blick. „Oh, kein Problem.“
Alice wendet sich an die junge Frau. „Ich geh ihr eben zeigen, wo Markus wohnt, okay, Kara?“, fragt sie und wippt auf ihren Zehen auf und ab.
„Natürlich! Aber komm gleich wieder runter, okay?“, erwidert die Androidin und schaut Alice hinterher, die zum Treppenhaus läuft. „Wir wollen zum Spielplatz“, erklärt sie mir lächelnd. „Ich glaube, wir haben uns einander noch nicht richtig vorgestellt. Ich bin Kara.“
Noch verunsicherter lächele ich. „Ich bin Jen“, sage ich.
Kara scheint mich ebenfalls wieder zu erkennen. Schließlich hatte sie mich ja auch auf der Beerdigung gesehen. „Richtig, du bist doch...?“
„Die Tochter von Hank Anderson, genau“, nicke ich, weil ich nicht auf Connor zu sprechen kommen will.
„...und die Freundin von Connor, nicht?“, sagt sie und lehnt noch immer an der geöffneten Tür, um das Gespräch mit mir weiter zu führen.
Keine Ahnung? Bin ich das noch? Was soll ich darauf sagen? 'Wüsste ich auch gern, aber er ghostet mich seit ein paar Tagen'??? „Äh, ich...“, stottere ich und weiß nicht, was ich sagen soll.
„Oh, das tut mir Leid – ich wollte nicht indiskret sein“, sagt Kara und ihr ist wohl wirklich peinlich, dass die Frage mir peinlich ist.
Naja, was soll's, denke ich. „Doch, genau, Connor ist mein Freund“, sage ich selbstgefällig. Es fühlt sich ziemlich gut an, das irgendjemandem zu sagen. Denn wenn ich es so von mir ausgesprochen höre, bin ich fast schon selbst davon überzeugt, dass unser Beziehungsstatus derzeit eben doch nicht für mich undurchschaubar und unklar ist, sondern dass wir eine stabile und feste Partnerschaft führen.
„Ah, dacht ich's mir doch“, sagt Kara und scheint mittlerweile auch etwas verlegen zu sein.
„Jen?“, ruft Alice vom Treppenhaus und ich bin froh, Kara stehen lassen zu können.
„Ich... folge ihr mal?“, stottere ich.
„Klar, geh nur!“, nickt Kara, als ich mich abwende.

Alice hat einen Affenzahn drauf, als sie vor mir die Treppen hinauf rast.
Im vierten Stock angekommen bleibe ich keuchend stehen und halte mir den Bauch. Ich habe Seitenstechen. „Geht der Aufzug noch immer nicht?“, rufe ich zur Alice hinauf, die schon zwei Etagen über mir angekommen ist.
„Nö!“, ruft Alice zu mir hinunter.
„Dann schalt mal 'nen Gang runter, 'ne alte Frau ist kein D-Zug!“, rufe ich nach Luft schnappend zu ihr hoch.
Ich hatte mit 9 Jahren bestimmt nicht so eine Energie, wie diese junge Dame hier!
„Ist gut“, gibt sie zurück und wartet ab, bis ich bei ihr angekommen bin.
„Wohnst du auch hier?“, frage ich sie heftig atmend, als ich endlich bei ihr angekommen bin.
Alice schüttelt den Kopf. „Nein. Ich wohne mit Luther und Kara in Canada. Wir sind nur zu Besuch hier.“
Wer auch immer Luther ist? Ich bin zu erschöpft, um nachzufragen. „Okay, cool“, keuche ich also, während ich versuche, meine Kräfte zu sammeln. Meine Kopfschmerzen bringen mich fast um und mir ist speiübel. Aber das soll Alice beim besten Willen nicht mitkriegen.
Kurz stehen wir gemeinsam vor der Tür zum 6. Stock, während ich versuche, zu Atem zu kommen.
Erschöpft hebe ich den Kopf. „In welchen Stock müssen wir?“
„12“, antwortet Alice entschuldigend.
„Oh nein“, jammere ich.
Da wird plötzlich die Tür aufgerissen und ein blonder Android steht vor uns. Er ist so in seine Selbstgespräche vertieft, dass er beinahe über Alice gestolpert wäre. „Ralph muss einen Menschen finden. Ein Mensch muss Ralphs Burger probieren. Ralph wird für Menschen kochen. Menschen werden Ralphs Essen lieben. Ralph muss Jo Goodman finden. Jo Goodman ist ein Mensch. Jo Goodman muss essen.“
Alice macht erschrocken einen Schritt zurück und prallt gegen mich.
Ich fange ihre kleinen Schultern mit meinen behandschuhten Händen auf und spüre sofort eine Art Beschützerinstinkt für das Androidenmädchen in mir aufflammen. Huch, was ist das denn? Hormone, Jen! Du meine Güte!
Der blonde Android hebt den Blick. „Alice!“, sagt er freundlich.
Alice drückt sich enger an mich. „Hey Ralph“, sagt sie leise.
Als er uns ansieht, fällt mir sofort seine tiefe Narbe auf, die sich von seiner  Stirn über sein linkes Auge bis zu seinem Mundwinkel hinab zieht. Androiden können sich doch selbst heilen, warum tut er das nicht?
„Ralph freut sich sehr, das kleine Mädchen hier wieder zu sehen!“, sagt er freudig und hebt die Arme zur Begrüßung.
Alice wendet sich verschüchtert ab und drückt sich an mich.
Ralph registriert Alice' Ablehnung und streckt ihr ungeduldig die Arme entgegen. „Ralph möchte das kleine Mädchen gerne zur Begrüßung in den Arm nehmen!“, sagt er fordernd zu Alice.
Unsicher schaut Alice zu mir hoch und schiebt sich hinter meinen Rücken.
Der Android reckt ihr immer wieder abwartend die Hände entgegen.
Wow. Ich habe noch nie einen Androiden getroffen, der so eine große Schraube locker hat, wie dieser hier.
„Sie will das aber nicht“, erwidere ich kalt.
Alice hält sich an meiner Hüfte fest und schaut unsicher zu dem Androiden, dessen prägnante, blaue Narbe sich quer durch sein Gesicht zieht.
Der blonde Android sieht mir verärgert ins Gesicht. „Ralph... kennt das kleine Mädchen“, erklärt er mir scharf mit leiser Stimme. „Ralph... freut sich, das kleine Mädchen wieder zu sehen. Ralph hat... gemeinsame Erlebnisse. Mit dem kleinen Mädchen.“
Ich spüre, wie Alice kleinen Finger sich in meine Seite bohren.
„Sie will dich nicht umarmen, also akzeptier das“, sage ich wütend und baue mich vor ihm auf.
Alice hat spätestens nach unserm jetzigen Zusammentreffen mein Herz im Sturm erobert. Und ich werde mich, wenn nötig, auch mit diesem durchgedrehten Android prügeln, um ihr eine Umarmung mit ihm zu ersparen. Aber ich bin ja sowie mittlerweile zu allem fähig. Um an Beweise zu kommen, hatte ich meinem Ex schließlich in den Penis gebissen, denke ich erhaben.
Der blonde Android sieht mich bedrohend an. Seine Augen verengen sich. Ich befürchte, dass er sich gleich total vergisst. Was zur Hölle ist los mit dem Typen? Sein Blick durchbohrt mich. Doch plötzlich reißt er begeistert die Augen auf. „Die verärgerte junge Frau ist auch ein Mensch!“, ruft er heiter und reißt erneut die Arme empor. „Die verärgerte junge Frau kann mein Essen testen!“ Seine Laune hat sich von einer Sekunde auf die nächste geändert.
Ich schaue mich um und halte Ausschau nach eine verärgerten, jungen Frau. Dann fällt auch endlich bei mir der Groschen. „Moment, du meinst mich?!“, rufe ich.
Der Android namens Ralph nickt eifrig. Ich kann gar nicht so schnell gucken, wie er mich am Arm gepackt hat und mich in den 6. Stock zieht. „Die verärgerte junge Frau muss die Burger probieren!“, ruft er ausgelassen, während ich ihm hinterher stolpere. Alice, die meine Hand umklammert, stolpert kreischend hinter mir her. „Sie wird schon sehen. Sie sind köstlich. Köstlich!“
„Hey, warte!“, schreie ich und kann mich in diesem Moment wirklich nicht besser beschreiben als eine verärgerte, junge Frau. „Ich hab grade keinen Bock auf Burger und außerdem muss ich zu Markus!“
„Markus kann warten“, sagt der Android entschlossen und führt uns in eine große Küche. „Markus kann warten, aber Burger können nicht warten, sie werden kalt. Menschen essen kalte Burger nicht so gerne, wie warme Burger“, sagt er stolz über sein Wissen und bugsiert mich zu einem großen Tisch hinüber. Scheinbar ist dies eine Art Gemeinschaftsküche, die aber wohl kaum benutzt wird, da Androiden nun mal nicht essen können. Er drängt mich zu einem Stuhl und drückt meine Schultern hinab, sodass ich mich wohl oder übel hinsetzen muss.
„Jen!“, ruft Alice hilflos von der Tür aus zu mir rüber.
Mir wird langsam klar, dass ich Ralph nicht werde abschütteln können, wenn ich nicht sein Essen probiert habe und gebe mich geschlagen. Vielleicht kann ich den Androiden ja beschwichtigen, indem ich eine Kleinigkeit koste, vielleicht wird es ja auch gar nicht schlecht schmecken. Und vielleicht werde ich noch etwas über Androiden lernen und mich mehr auf sie einlassen können.
Meine Meinung ändert sich schlagartig, als Ralph mir einen Teller mit einem Burger vor die Nase stellt. Erwartungsvoll lässt er sich gegenüber von mir auf den Stuhl sinken, wären Alice erschrocken die Augen aufreißt. „Ralph hat diesen Burger gekocht. Ralph hat extra ein kleines Wildschwein erlegt und...“
Ich schaue allarmiert zu Alice rüber, die entsetzt die Augen aufreißt.
„...Ralph hat es den ganzen Weg hier her gezogen“, sagt er stolz und wippt vor Aufregung vor und zurück. „Ein... gezogenes Schwein“, fügt er hinzu. „Pulled Pork. Menschen essen das gerne, sie...“
Ich glotze ihn an. „Das ist halb roh und halb verbrannt!“, antworte ich fassungslos und begutachte den Burger. „Und wieso hast du da ein Bund Minze und Apfelmus drauf getan?!“
Die Begeisterung in Ralphs Augen verschwindet augenblicklich. „Ralph hat das Schwein extra für Menschen getötet, damit sie es essen“, sagt er. „Es ist unhöflich von Menschen dies auszuschlagen, wo Ralph doch extra...“
„Das ist super eklig!“, erwidere ich angewidert. „Alter, lass das einfach mit dem Kochen! Echt!“ Mir wird nur noch übler, als ich ein halb gehäutetes Wildschwein auf der Anrichte erblicke.
Ralph sieht mich schweigend an.
Alice an der Tür hat mittlerweile die Hände vor den Mund geschlagen.
Der blonde Android ballt die Fäuste. Er atmet tief durch. „Ralph... darf sich jetzt nicht aufregen“, murmelt er leise vor sich hin. „Ralph hat Probleme mit seiner Impulsivität, er darf jetzt nicht...“ Vorsichtig blickt er zu mir hinüber. „Will die verärgerte, junge Frau nicht mal wenigstens probieren? Ralph hat extra...“
Genervt schüttele ich den Kopf. „Das ist einfach ungenießbar.“
Plötzlich haut Ralph die Faust auf den Tisch und funkelt mich wütend an. „ISS!“, schreit er.
Erschrocken springe ich auf. Der Stuhl knallt hinter mir auf den Boden. „Ich werde das garantiert nicht essen!“, rufe ich allarmiert und weiche von ihm.
Jetzt bekomme ich es doch mit der Angst zu tun. Ich schaue zur Tür, doch Alice ist weg. Stattdessen betritt Kara die Küche. „Was ist denn hier los?“, fragt sie.
„Er... ich soll...“, stammele ich und weise abwechselnd auf den ekligen Burger und auf den durchgedrehten Android.
„Die verärgerte, junge Frau möchte mein Burger nicht probieren!“, schreit Ralph Kara entgegen, die eingeschritten ist und ihn an den Schultern packt. Scheinbar ist Kara erschienen, weil das mit Alice und mir so lange gedauert hat. Ich bin froh darum.
Sie wirft mir einen entschuldigenden Blick zu, dann erklärt sie Ralph: „Hör zu, Ralph. Menschen essen kein rohes und auch kein verbranntes Fleisch.“
„Aber Ralph hat sich Mühe gegeben!“, erwidert er bockig und wirft mir einen bösen Blick zu.
„Du bist doch völlig verrückt!“, rufe ich ihm wütend zu.
Kara dreht sich zu mir um. „Jen, Ralph möchte gerne Koch werden“, sagt sie beruhigend, während sie den enttäuschen Ralph noch immer festhält. „Er ist begeistert davon, dass Menschen essen, und er...“
„Vielleicht sollte er einfach bei seinem Job bleiben“, erwidere ich mürrisch. „Was ist er denn eigentlich? Ein Pfleger? Mechaniker?“
Alle schweigen. Bis Ralph schließlich leise und gekränkt sagt: „Gärtner.“
Ralph und Kara haben beide innegehalten und sehen mich an.
Ich bin mittlerweile genervt zur Tür getrottet und betrachte nun angeekelt die Wildschweinreste und das Blut in der Spüle.
Ich will den Raum verlassen, da sagt Kara: „...Das würde bedeuten, dass wir für immer in dem Beruf gefangen sind, für den wir hergestellt wurden, Jen.“
Ich drehe mich um und erwidere ihren Blick.
Kara und Ralph sehen mich nun beide abwartend an. Als sei ihnen wirklich wichtig, dass ich als Mensch ihnen mein Verständnis entgegen bringe.
Ich überlege, was ich da eben so daher gesagt hatte. Puh. Wenn ich noch immer den ersten Beruf ausüben müsste, den ich je gemacht hätte und mich nie hätte ausprobieren und verändern dürfen, wäre ich wohl noch immer Babysitterin. Dabei kann ich mit Babys doch überhaupt nichts anfangen! Selbst heute ist mir nicht klar, wie es beruflich mit mir weiter gehen soll. Es wäre fatal, wenn ich mein Leben lang auf das Hüten von Kindern festgelegt gewesen wäre.
Ich beginne zu verstehen, was Kara gesagt hat. Und verurteile sofort meine mangelnde Weitsicht.
Beschämt lasse ich die Schultern hängen. Mal wieder habe ich bewiesen, dass ich einfach keine Empathie aufbringen kann, wenn es um Androiden geht. Einfach, weil ich viel zu egoistisch bin und nur an mich denke. Viel zu emotional sage ich: „Du hast total Recht. Das war echt Scheiße, was ich da grade gesagt habe.“ Ich bemerke, dass ich fast am weinen bin und ziehe erschrocken die Nase hoch. Verdammt, wieso bin ich schon wieder so unfassbar emotional?
Kara lässt von Ralph ab. Beide sehen mich nun verwundert an. Es verdutzt sie, dass ich plötzlich so aufgelöst bin. „Jen, ist alles okay?“, fragt Kara.
Ich versuche mich zusammenzureißen und nicke. „Ja!“, sage ich bestimmt. „Ich habe grade Scheiße gelabert!“ Ich laufe zu den Androiden rüber und reiße Ralphs blutige Hand an mich. „Ralph! Werde Koch! Zeig es allen! Tu einfach, was du willst!“
Ralph und auch Kara werden mit jeder Sekunde verwunderter über meinen plötzlichen Sinneswandel.
Wortlos starren die beiden mich an.
„Übe einfach weiter!“, sage ich, schaue entschlossen zu Ralph hoch und drücke seine Hand. „Du kannst es schaffen. Du wirst besser werden. Und irgendwann hast du deine eigene Kochshow!“
Ralph und ich starren einander an. Er sagt nichts. Es ist mir so unangenehm, dass ich seine Hand loslasse und vorsichtig wieder zwei Schritte von ihm weg tue.
Es ist eine unangenehme Stille eingetreten.
Peinlich berührt wische ich mir die Tränen aus den Augen. „Naja... Bis bald mal“, stottere ich. „Danke fürs intervenieren, Kara.“ Ich lächele sie schräg an.
„Kein Problem“, erwidert Kara langsam. Ihre Stimme ist noch immer unsicher und verwundert. „Sag Alice, ich hole sie gleich, okay? Du schaffst es sicher allein bis in den 12. Stock?“ Kara will wohl noch kurz mit Ralph sprechen, um ihn zu beruhigen. Scheinbar ist er ein echt besonderes Exemplar von einem Android, dem wohl schon übel mitgespielt wurde. Die Narben in seinem Gesicht erzählen ihre eigene Geschichte. Noch immer wundere ich mich darüber, dass er sich nicht einfach mit Thirium heilt. Aber vielleicht ist es ähnlich, wie mit dem, was Connor über die LEDs erzählt hat. Vielleicht möchte er, dass die Narben Teil seiner Identität bleiben. Da auch sie zu seiner Vergangenheit gehören.
Ich nicke. „Ja, klar. Danke.“ Plötzlich ist mir einfach alles unheimlich unangenehm. Ich tapse zur Tür. Ich habe den Raum fast schon verlassen, da sagt Ralph plötzlich leise, aber hektisch: „Kara. Die verärgerte, junge Frau sagt, ich werde eine Kochshow haben. Hat Kara das gehört?“
Im gehen drehe ich mich zu ihm um und weise cool mit beiden Zeigefingern auf ihn. „Und wenn nicht, wirst du einfach 5 Sterne Koch. Bleib einfach am Ball und übe! Und wenn du mal wieder wen zum Probieren brauchst, sag Bescheid“, grinse ich.
Enthusiastisch winkt er mir zum Abschied. „Ralph wird das tun! Ralph wird üben! Die verärgerte, junge Frau wird staunen!“
„Jen!“, rufe ich lachend über die Schulter. „Nenn mich bitte Jen!“
„Jen“, höre ich Ralph plappern, während ich ihn und Kara in der Küche zurück lasse. „Jen wird staunen. Ralph wird weiter üben!“
Grinsend verlasse ich die Küche und mache mich auf dem Weg zu Markus.





Leute! Ich bin so aufgeregt! Am Montag kommt das nächste Kapitel!
Ihr werdet nicht erraten, wer endlich mal wieder auftaucht! <3
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