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GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Gavin Reed Hank Anderson OC (Own Charakter) RK200 Markus RK800-51-59 Connor
29.07.2019
31.01.2020
95
299.833
54
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Dieses Kapitel
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30.07.2019 1.306
 
Noch immer völlig verdattert starre ich durch die Autoscheiben Hanks Rücken an, der sich langsam zu Bettys Kofferraum bewegt.
Hank wohnt zusammen mit einem Android? Kalte Panik schießt in mir hoch. Ich habe in den Nachrichten gesehen, wie emotionslos sie sich den Schüssen der Polizei entgegengestellt hatten. Ich hatte die Rede von diesem Markus im Fernsehen verfolgt. Wie hätte ich sie auch verpassen können, sie lief auf allen Sendern.
Alarmiert starre ich zum Haus. Hoffentlich ist Hanks Android nicht auch so ein Deviant, Abweichler geworden. Täglich habe ich Berichte in der Zeitung gelesen, dass Detroits Androiden völlig frei drehten und ihre Besitzer attackierten. Aber ich hätte nie damit gerechnet, dass Hank sich einen zulegt.
In Philly sind Androiden noch nicht weit verbreitet. In der Uni hat einer das Essen ausgegeben. Er war Teil eines Testlaufs und sah lange nicht so menschlich aus, wie die Androiden, die in Detroit für ihre Rechte kämpfen. Der geschlechtslose Android hatte keine Haut, sondern eine glatte, weiße Oberfläche. Und einen Kurzschluss, als er mir meine Erbsen servierte und somit quer durch den Raum schmiss.
Bei dem Gedanken fährt es mir wieder kalt den Rücken hinunter. Künstliche Intelligenzen sind einfach sowas Gruseliges. Und nun soll ich mit sowas unter einem Dach leben?
Ich sehe Hank durch den Regen zu unserm Haus stapfen. Meine beiden Koffer zieht er hinter sich her. Er kommt dauernd ins Stocken, wahrscheinlich weil die Koffer nun mal echt schwer sind.
„Hey Hank!“ Ich bin aus dem Auto gesprungen und rufe meinem Vater, der sich dem Haus nähert, panisch hinterher.
Er schaut fragend über die Schulter.
„Was zur Hölle hat dich geritten, als du einen Android gekauft hast?!“, schreie ich fassungslos durch den Regen und starre verängstigt das Haus an, wo dieser Android ja drin sein müsste.
„Ich hab keinen Android gekauft!“, gibt Hank genervt zurück. „Er ist bei mir eingezogen. Kommst du jetzt, oder willst du jetzt doch lieber in Betty schlafen?“
„Eingezogen?!“, schreie ich schrill. „Bist du jetzt total verrückt? Die Dinger greifen Leute an!“
Hank bleibt stehen und dreht sich vollständig zu mir um. Ich hole ihn ein. Nur noch wenige Meter trennen uns von der Veranda.
„Könntest du bitte still sein?“, zischt er mir zu und sieht sich beunruhigt um. Scheinbar befürchtet er, dass jemand unser Geschrei mitbekommen haben könnte. Dann sieht er mich mit scharfem Blick an. „Und du glaubst etwa diese Fake News? Durchgedrehte Androiden, die grundlos ihre ganze Familie auslöschen?“ Er verdreht die Augen. „Ich hätte einer Polizistentochter mehr zugetraut!“ Ich rieche Zigarettenqualm und Whiskey in seinem Atem.
Ich höre ein Geräusch aus dem Haus und zucke zusammen. Das Licht im unteren Fenster war angegangen.  Erschrocken packe ich Hank am Arm.
Dieser reisst sich von mir los und packt wieder meine Koffer. „Du hast also Angst vor Androiden?“, knurrt er spöttisch. Einen Koffer nach dem nächsten hebt er die Stufen zur Haustür hinauf. Er steht nun überdacht unter der Veranda. „Lächerlich“, murmelt er vor sich hin und zieht eine weitere Fluppe aus seiner Jacke.
Ich wage es nicht, mich dem Haus weiter zu nähern. Und nehme in Kauf, dass ich nasser und nasser werde.
„Wir müssen noch über die Schlafsituation reden“, sagt Hank und nimmt einen tiefen Zug. „Derzeit schläft er in...“
„Er schläft doch nicht etwa in einem Bett?!“, unterbreche ich ihn fassungslos. „Es gibt doch Ladestationen für Androiden!“
Hank wirft mir einen abschätzigen Blick zu. „Natürlich schläft er in einem Bett.“
„Er schläft???“ Hank muss völlig verrückt geworden sein. Hätte ich dieses kranke Zeug von dem Android gewusst, wäre ich mit Sicherheit nicht zurück nach hause gekommen, denke ich entschlossen.
„Naja, er simuliert manche menschlichen Verhaltensweisen“, brummt Hank und drückt seine Zigarette aus.
„Was?!“, rufe ich perplex. Mittlerweile sind meine Klamotten pitschnass.
Das Wohnzimmerlicht aus dem Haus bescheint Hanks Gesicht und gibt ihm plötzlich einen warmen Touch. „Er ist unkompliziert, Jen. Gib ihm eine Chance.“
Ohne mich weiter vorzuwarnen, schiebt er den Haustürschlüssel ins Schloss und öffnet die Tür.

„Hallo, Hank!“, höre ich eine fremde Stimme vom Inneren des Hauses sagen.
Ich mache zwei Schritte rückwärts.
„Hallo“, nuschelt Hank zurück und schiebt einen meiner Koffer vor sich durch die Tür.
Ein fremder Typ taucht auf, sagt: „Warte, ich helf dir!“ und nimmt einen meiner Koffer entgegen. Ich kann nur seine Silhouette erkennen. Er verschwindet zurück im Haus. War das etwa der Android?
Hank dreht sich um. „Verdammt nochmal, Jen!“, schreit er zu mir rüber. „Reiß dich zusammen und sei nicht so unfreundlich!“
Ich atme tief durch. Hank hat Recht, es gibt eh kein zurück mehr. Mit zusammengebissenen Zähnen nähere ich mich dem Haus, durch dessen Tür Hank verschwunden ist.
Das warme Licht aus dem inneren fällt auf meine Wangen und beruhigt mein übermüdetes, irritiertes Gemüt. Pitschnass packe ich den Koffer, der unter der Veranda steht, und knalle voll mit dem Typen zusammen, der Hank soeben den ersten Koffer abgenommen hat.
Ich zucke zusammen und schaue zu ihm hoch.
„Oh, entschuldige!“, sagt er und rückt von mir ab.
Skeptisch mustere ich ihn. Er ist etwa einen Kopf größer als ich. Er hat braune Haare und braune Augen und sieht eigentlich ganz nett aus. Nahezu unschuldig. Und ein wenig bekannt kommt er mir vor. Am meisten irritiert es mich allerdings, dass er keine LED an der Schläfe trägt. Und auch sonst nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Android aus Philly von der Mensa hat. „Bist du der Android?“, frage ich leise, um sicher zu gehen.
„Mein Name ist Connor“, erwidert er mit fester Stimme. „Ich bin..“, er scheint kurz nachzudenken, dann sagt er: „Ich wohne auch hier!“
Plötzlich fällt es mir wieder ein. „Du bist doch der Android, der diese ganze Armee angeführt hat!“, keuche ich. „Ich hab dich im Fernsehen gesehen. Du hast...“ Ich habe gar nicht gemerkt, wie ich zurückgewichen bin und stoße nun mit dem Hintern an das Ende der Veranda. Vor meinem geistigen Auge sehe ich den Android, noch in seiner Androiduniform, gefolgt von tausenden weiteren Androiden die Straße entlang marschieren. „Du hast Cyberlife infiltriert“, rekonstruiere ich und erschaudere.
Der Android sieht mich prüfend an. „Ja. Das war ich“, sagt er schlicht.
Einen Moment starren wir uns an. Ich kann nicht fassen, dass ich hier tatsächlich auf der Veranda meines Vaters mit einem laut den Medien gefährlichsten Androiden ganz Amerikas stehe. Und dass er mich dabei anschaut wie ein unschuldiger kleiner Welpe.
Hank poltert auf die Veranda. „Meine Güte, wollt ihr hier Wurzeln schlagen?“, sagt er genervt und mustert mich und den Androiden.
„Nein!“, antwortet Connor, als sei dies eine ernstgemeinte Frage und packt meinen Koffer. „Ich habe es erkannt, das war Ironie, Hank!“ sagt er stolz, während er im Haus verschwindet.
Völlig irritiert von der letzten Anmerkung starre ich Hank an und lasse den Zeigefinger vor der Stirn kreisen.
Der starrt wortlos zurück, zuckt dann die Achseln und ruft ins Haus: „Richtig, Connor, du wirst langsam besser darin, das zu erkennen!“
„Es fällt mir schwer zu sagen, ob das ebenfalls Ironie war“, höre ich Connors Stimme von drinnen. Dann streckt er den Kopf raus zu Hank und mir. „Aber zu 73% glaube ich, das war ernst gemeint und ich kann es als Kompliment werten!“
Meine Augen weiten sich, während Hank und ich uns noch immer fixieren. Mein Finger kreist immer schneller vor meiner Stirn. Ich halte die Luft an, um nicht loszubrüllen vor lachen.
Hank kennt mich seit 25 Jahren. Meinem Gesicht sieht er an, wie kurz davor ich bin die Nerven zu verlieren und loszulachen oder loszuheulen oder beides. „Richtig, Connor, es war ein Kompliment“, antwortet er, während er mich noch immer böse anstarrt.
Mittlerweile habe ich die Faust vor den Mund gepresst um nicht loszuprusten.
Hank wirft mir noch einen mitleidigen Blick zu, ehe er mein Elternhaus betritt.
Während die Männer im Wohnzimmer reden, warte ich darauf, dass mein völlig übermüdetes pochendes Herz sich beruhigt und schlurfe den beiden dann hinterher ins Haus.
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