Back home

GeschichteDrama, Romanze / P18
Gavin Reed Hank Anderson OC (Own Charakter) RK200 Markus RK800-51-59 Connor
29.07.2019
09.12.2019
70
223020
30
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Dieses Kapitel
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Hallo liebe (potentiellen) LeserInnen!

Herzlich willkommen zu meiner ersten Geschichte zu Detroit become Human und meiner ersten FF seit einer sehr langen Zeit!
Diese Geschichte spielt ca. 1 Jahr nach dem bestmöglichen Ende des Spiels. Also: Alle wichtigen Charaktere haben überlebt. Connor ist ziemlich deviant, womöglich etwas ooc. Wenn Connor ein Jahr lang deviant ist, wird er für mich immer mehr zu Bryan Dechart und bekommt seine Wuschelhaare. Fasst auch mal rein, ihr werdet sie lieben!
Action gibt es eher wenig, die Story habe ich auf P18 gesetzt aufgrund von Smut hier und da (Lemons werden im Kapitelnamen gekennzeichnet). Gavin Reed ist mit unserer 25-jährigen Jen in eine Klasse gegangen; demnach ist er in dieser FF keine 37, wie er es dem Spiel nach wäre, sondern 26.
Neben den Themen Romance / Familie / Drama gehe ich noch ab und zu auf mental health ein, da die OC Jen eine relativ instabile Persönlichkeitsstruktur und Biografie hat. Triggerwarnings setze ich ggf. an die Anfänge der Kapitel.  Meist werden die Probleme aber weggekuschelt. Wie sich das gehört.

Durch diese Story entdecke ich aktuell meine Liebe zum Schreiben wieder. Wieso hab ich das so lange nicht mehr gemacht? Ich liebe es!
Lasst mir gerne einen Kommentar oder eine DM da und sagt mir, was euch gefallen hat und was ich besser machen kann.

Zum Ende hin habe ich noch eine Playlist angelegt, mit Liedern, die mich begleitet haben, während ich mir Back home ausgedacht habe. Ohne viel vorweg zu nehmen: Es ist ein wenig 80s für Connor, Interpol für Hank, Emorock für Gavin, Indiezeugs für Jen! Ohne 'I need my girl' von The National und 'Landfill' von Daughter würde es Back home wohl so nicht geben. <3
https://open.spotify.com/playlist/2VCqZHpxFeuSqe5Er3RxEB?si=WDsl2NTVSRqkLeo5F653cA

Nun wünsch ich euch viel Spaß beim Shippen von Jennor! Auf geht's!




BACK HOME.

Fröstelnd wickle ich den Schal enger um meinen Hals und ziehe bibbernd die Schultern hoch. Schneeflocken fallen mir in die Augen.
Ungeduldig blicke ich auf die Straße. Autos brettern an mir vorbei. Die Gesichter der Fahrer werden von den Bahnhofslichtern hinter mir hell beleuchtet und ich kneife die Augen zusammen, um unter ihnen das mir bekannte Gesicht auszumachen, das mich abholen wollte. Aber ein Auto nach dem andern rauscht an mir vorbei.
Seufzend ziehe ich die schweren Koffer enger an mich und halte kurz inne. Viel hat sich verändert in Detroit, seitdem ich weggegangen bin. Der alte gemütliche Kiosk am Bahnhof hat zugemacht. Ihm ist ein moderner Supermarkt gewichen. Der Preis der Süßigkeiten muss sich dadurch so ziemlich verdoppelt haben, stelle ich fest und rümpfe die Nase.
Sonst ist ziemlich viel beim alten geblieben. Ich hatte mir bei meinem letzten Besuch geschworen, diese Stadt nicht wieder zu betreten, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Und nun seht mich an.
Von einer ebenfalls wartenden Gestalt neben mir weht Zigarettenqualm zu mir herüber. Obwohl ich nicht rauche, hat der Geruch plötzlich irgendetwas versöhnliches und tröstliches an sich. Als wolle das nasskalte Detroit mir vorsichtig die Hand reichen, um mich in seine vertrauten, muffigen aber liebevollen Arme zu nehmen.
Meine Hand findet das Handy in meiner Tasche und checkt die Uhrzeit. 22.45. Er ist also schon fast eine Stunde zu spät.
Ich atme tief durch. Ob es eine gute Idee war, mich nach all dem, was schief gelaufen ist, wieder zu diesem totalen Desaster von einem Vater zu begeben und um eine Bleibe zu bitten? Aber hatte ich überhaupt eine andere Wahl?
Plötzlich sehe ich ein Auto, das langsam am Bahnhofvorplatz entlang fährt, als hielte der Fahrer Ausschau nach irgendjemandem.
Ich schnappe meinen Koffer und trete in den Schneeregen. Ja, ich bin mir sicher. Er ist es.
Das Auto fährt langsam näher und hält dann abrupt vor mir an. Diese alte Schrottkarre kenne ich zu gut. Sie hat mich auch schon zu meiner Einschulung gefahren.
Der Fahrer, den ich nur schemenhaft erkennen kann, lehnt sich über den Beifahrersitz und öffnet die Beifahrertür.
Unsere Blicke treffen sich.
„Hi Hank“, sage ich und grinse blöd.
Hank schaut zu mir hoch. Sein Blick ist düster. Seine Augen, die so sehr den meinen gleichen, mustern meine Gesichtszüge. Eine Begrüßung bleibt er mir schuldig. „Steig ein“, sagt er knapp.
„Okay, ist der Kofferraum offen?“, brülle ich über den Motorenlärm zurück.
Hank sieht mich fragend an. Dann erst fällt sein Blick auf die beiden Koffer. „Jesus Christ“, flucht er. „Willst du bei mir einziehen oder was? So viel braucht doch kein Mensch für eine Woche!“
Verdammt. Eigentlich hatte ich ihn ruhig darauf vorbereiten wollen, dass ich länger bleiben wollte. Dass der Anblick meiner Koffer das von alleine erklärt, hatte ich in all der Hektik nicht bedacht.
„Naja, ich brauch halt viel Kram!“, sage ich nervös lachend und komme mir total bescheuert dabei vor.
Hanks Gesichtsausdruck ist noch düsterer als vorher. Er sieht meine Koffer an, dann wieder mich. Ein Auto hupt hinter ihm und er ist zum Handeln genötigt. Leise fluchend steigt er aus dem Wagen und stapft durch den Schneematsch zum Kofferraum.
Auch ich laufe zum Ende des Wagens. Hektisch findet sein Schlüssel das Schloss. Keuchend komme ich neben ihm an, zwei schwere Rollenkoffer hinter mir her ziehend. Das erste mal seit drei Jahren stehen wir wieder nebeneinander.
Ich hatte lange darüber nachgegrübelt, wie ein erstes Wiedersehen nach dieser langen Funkstille aussehen würde. Während er mit dem scheinbar klemmendem Schloss des Kofferraums kämpft, stehe ich nur Zentimeter von ihm entfernt. Hank hat zugenommen. Ich rieche Whiskey. Aber auch Sommerabende auf der Terrasse, alte Bücher mit viel zu gruselige Gutenachtgeschichten, die er mir im Licht meiner kleiner Elefantenlampe vorgelesen hatte. Spaghetti Bolognese, die er super kochen kann. Ich rieche den Weichspüler, den meine Familie seit Jahrzehnten benutzte. Aber vor allem rieche ich Whiskey.
Obwohl mich vorerst ein nostalgisches Gefühl der Liebe für meinen Vater übernommen hat, ist es seine heruntergekommene löchrige Jacke, seine ungekämmten Haare und dieser beißende Alkoholgeruch, der mich abstößt und zornig macht.
Nachdem Hank mit der flachen Hand drei mal auf den Wagen gehauen hatte (ja, was zum Teufel), springt der Kofferraum geschmeidig auf. „Na geht doch, Betty“, murmelt er und seine Stimme hat einen liebevollen Unterton.
„Hast du grade netter mit deinem Auto geredet, als mit deiner Tochter?“, patzt es aus mir heraus. Mist, ich hatte mir doch vorgenommen, es möglichst harmonisch angehen zu lassen, nun wo ich auf ihn angewiesen bin.
Hank, der gerade dabei war, meinen Koffer einzuladen, hält inne und dreht sich zu mir um. Mit zusammengekniffenen Augen sieht er mir ins Gesicht. „Dieses Auto hat mich jedenfalls noch nie im Stich gelassen“, presst er mit scharfem Blick hervor.
Fassungslos starre ich ihn an, doch er wendet sich wieder von mir ab. Ich beobachte, wie er nun auch meinen zweiten Koffer in das Auto hievt. Betty knarzt und stöhnt unter dem neuen Gewicht.
Noch immer ringe ich um eine Antwort. Ich weiß, wie ich reagieren könnte, um die Situation zu entspannen. Ich könnte einlenken, ihn beschwichtigen. Aber die Enttäuschung brodelt in mir hoch. „Auch schön, dich zu sehen, Dad!“, fauche ich also und stapfe zur Beifahrertür.
Ich höre Hank vom Kofferraum irgendetwas murmeln. Ich glaube, er nimmt das Wort „Dad“ auseinander. Ich glaube, auch das Wort „Bier“ aufgeschnappt zu haben. Was ist los mit ihm, seit wann brabbelt er so viel mit sich selbst?
Ich lasse mich in den Beifahrersitz fallen und ziehe die Tür zu. Mit verschränktem Armen warte ich auf ihn.
Mit einem Knallen fällt die Kofferraumklappe zu. Nun bin ich komplett allein im Auto. Dicke Tropfen fallen auf das Dach. Es ist warm hier drinnen und riecht nach alter Autoheizung.
Ich warte darauf, dass Hank herein kommt. Stattdessen sehe ich, dass er um das Auto herum läuft und sich mit dem Rücken an die hintere Fahrertür lehnt. Mit dem Rücken zu mir. Durch die Fenster sehe ich, wie er eine Packung Zigaretten aus seiner inneren Jackentasche zieht. Im strömenden Regen.
Ich seufze. Er hat es also nicht allzu eilig, zu mir in den Wagen zu kommen. Und ich will ihn nicht ermutigen, sich zu beeilen.
Also warte ich.
Mein Blick schweift über die ramponierte Windschutzscheibe und hoch zu dem Sonnenschutz. Ich sehe bestimmt furchtbar aus, nachdem ich den ganzen Tag in Flughäfen und Bahnhöfen verbracht habe, denke ich. Um das nachzuprüfen, klappe ich den Sichtschutz runter. Zwei Fotos fallen mir in den Schoss. Ich fühle mich ertappt und werfe einen Blick über die Schulter. Hank steht noch immer mit dem Rücken zum Wagen. Neben der Zigarette hält er nun auch einen Flachmann in der Hand. Nun denn.
Ich sehe mir die Fotos an. Das eine Foto kenne ich. Es ist ein altes vergilbtes Bild von einer wunderschönen, jungen Frau. „Mom“, flüstere ich lächelnd. Auf dem andern Foto erkenne ich mich selbst wieder. Ich erstarre. Auf dem Foto habe ich einen kleinen Jungen im Arm. Er ist etwa 6. Und er hat dieses ehrliche, unbesorgte Kinderlachen auf dem Gesicht, das viele kleine Jungen haben und das die meisten spätestens mit dem Beginn ihrer Pubertät verlieren. Selbstverständlich kenne ich diesen Jungen, der auf dem Foto neben mir in unserm Vorgarten mit mir um die Wette grinst.
Ich höre, dass Hank sich an der Fahrertür zu schaffen macht und packe hastig die Fotos ins Handschuhfach. Hoffentlich bemerkt er nichts.
Hank lässt sich ächzend auf dem Fahrersitz nieder und schlägt die Tür zu. Mehrmals. Bis sie einrastet.
Ich beschließe, dies unkommentiert zu lassen und seinen Blick zu meiden.
„So“, murmelt Hank und dreht den Schlüssel im Schloss. Betty erwacht schnurrend zum Leben. Immerhin das. Ich hatte schon befürchtet, hier eine Weile ausharren zu müssen, wenn die Karre ausgerechnet jetzt den Geist aufgeben wollen würde.
Hank beachtet mich nicht weiter, als er losfährt.
Ich betrachte mein Gesicht in dem noch immer aufgeklapptem Spiegel. Zwei graublaue Augen starren mir entgegen, mehr ist von meinem eingemummten Gesicht kaum zu sehen. Einzelne rotblonde Haarsträhnen gucken unter meiner Mütze hervor. Ich sehe aus, wie ich es vermutet habe: Total fertig.
Ich klappe den Spiegel weg, um mir den Anblick zu ersparen und beobachte die Fahrbahn.
Hank nimmt den langen Weg durch die karge Innenstadt. Vielleicht möchte er mir damit etwas gutes tun und mir ein paar Einblicke in die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, geben. Vielleicht hat es aber auch einen andern Grund. Oder er hat sich dabei einfach gar nichts gedacht.
Mit Hank ist eine furchtbare Schnapsfahne in Betty eingezogen. Mit noch immer verschränkten Armen werfe ich Hank von der Seite einen Blick zu. Ich kann kaum noch das Grübchen auf seiner rechten Wange erkennen.
Plötzlich sieht er zu mir rüber und fragt mit augenscheinlich versöhnlicher Stimme: „Wie war der Flug?“
Ich zucke zusammen und wende den Blick ab. „Lang“, sage ich.
„Hm“, antwortet er.
Wir schweigen.
„War ganz schön was los in letzter Zeit in Detroit, was?“, frage ich. Es stehen mehr Häuser leer, als ich es in Erinnerung habe. An vielen Stellen sieht man die Überbleibsel der Proteste und Kämpfe. Kaputte Autos, eingeworfene Fenster.
„Jap“, sagt Hank. „Das kann man wohl sagen.“
„Du hattest bestimmt viel zu tun, oder?“ Wir fahren an einigen Soldaten vorbei, die vor einem abgesperrtem Haus stehen, was dazu führt, dass ich fast vergesse, wie sauer ich auf Hank bin und mich diese Frage neugierig stellen lässt. „Ich meine, du arbeitest doch bei der Polizei! Konntest du viele dieser Robomenschen fangen?“
Hank zieht scharf die Luft ein und wirft mir einen fragwürdigen Blick zu. „Es sind Androiden, Jen. Keine Robomenschen.“ Er lacht trocken.
Ein Polizeiauto mit laut gellender Sirene überholt uns. Ich richte mich in meinem Sitz auf. Mir war gar nicht klar, dass hier die Post so abging. Mit meiner behandschuhten Hand wische ich die beschlage Scheibe frei und starre nach draussen. „Ja, Androiden. Was auch immer“, sage ich aufgeregt. Ich will mehr erfahren. „Ich hatte in den Nachrichten gesehen, dass sie protestiert haben. Dass es jetzt eine Revolution oder sowas geben soll.“ Ich drehe mich zu Hank um. „Aber mal ehrlich, das sind Roboter! Ich versteh nicht, wieso ihr bei der Polizei das alles nicht in den Griff bekommen habt. Hättet ihr die nicht abschalten können oder sowas?“
Hank hat sich der Straße zugewandt und schüttelt abwinkend mit dem Kopf, als plane er nicht auf meine Frage zu antworten.
Wir fahren an einem leblosen Körper vorbei, der an einem Baum sitzt. Sein Gesicht und seine Haut sind weiß. Es ist scheinbar ein Android. Er ist mit blauer Farbe besudelt. Ich kann nicht erkennen, ob er noch intakt ist.
„Erzähl mir mehr!“, fordere ich nun aufgekratzt. „Detroit ist ja jetzt scheinbar sowas wie Crime City?!“
Hank lacht trocken auf und seufzt.
„Warst du nicht auch auf Androidenjagd?“, bohre ich weiter. „Hast du mal einen umgebracht?“
Plötzlich reagiert Hank so schnell, dass ich in meinem Sitz zusammenzucke. „Jetzt halt endlich deine Klappe!“, brüllt er mich an.
Ich bin so erschrocken, dass mir die Tränen in die Augen schießen. Um keine Schwäche zu zeigen, starre ich mit zusammengekniffenen Augen aus dem Fenster zu meiner rechten. Heißer Zorn lodert in meinem Inneren. Wieso habe ich mich dazu entschlossen, ausgerechnet zu ihm zurück zu kommen? Und wie komme ich hier möglichst schnell wieder weg?
Am liebten würde ich Hank befehlen, stehen zu bleiben, die Tür aufreißen und in das nasse dunkle Detroit rennen. Ich sehe meine behandschuhten Fäuste vor unterdrückter Wut zittern. Wegzurennen wäre mit Sicherheit keine Lösung.
Aber was hätte ich tun sollen? Wo hätte ich hingehen sollen? Ich musste einfach weg von Jakob. Ich musste weg aus New Jersey. Weg von dieser Uni. Weg vom Studentenwohnheim. Weg von der Existenzangst. Und weg von allem, was in den letzten Monaten eingestürzt war. ...Zurück in mein altes Leben. Dem ich immer entkommen wollte. Das voller Verlusten war.
Noch immer kämpfe ich mit den Tränen. Meine Existenz ist grade ein Scherbenhaufen. Und ich klammere mich ausgerechnet an meinen alkoholkranken Vater mit einer wahrscheinlich posttraumatischen Belastungsstörung. Eins hatten wir wirklich gemeinsam, wir waren beide gleichermaßen kaputt.
Hank seufzte, dann sagte er hastig: „Hör zu, du hast einfach keine Ahnung, was im letzten Jahr alles passiert ist.“ Seine Stimme ist leise. „Noch immer sind die Verhältnisse in Detroit schwierig.“
Ich starre weiterhin weg von ihm und antworte nicht.
„Es gab friedliche Proteste der Androiden. Der Staat hat ihnen einige neuen Rechte eingeräumt“, brabbelt er leise. „Trotzdem ist noch lange nicht alles so, wie die Androiden es sich gewünscht haben. Es gibt viel Hass, Schießereien... viel Gewalt auf den Straßen Detroits.“ Er fährt sich durch die ungekämmten Haare, die daraufhin noch unaufgeräumter aussehen, als vorher. Er bremst an einer Kreuzung ab und wartet darauf, dass die Ampel grün wird. Vorsichtig sieht er zu mir herüber.
Ich denke nicht dran sein Geschrei von vorhin zu übergehen und wende mich wieder dem Spiegel in der Sonnenblende zu, eigentlich nur, um mit irgendwas beschäftigt zu sein. Meine Augen sind feucht und meine Wangen gerötet. Vorwurfsvoll starrt mein Spiegelbild mich an, als macht es mich dafür verantwortlich, jetzt mit einem cholerischem Alkoholiker in einem Auto zu sitzen. Und es hat Recht.
„Ich hätte nicht damit gerechnet, dass du während der Unruhen zurück kommst.“ Er stockt, dann fährt er den Wagen wieder an. „Wie lange willst du bleiben?“
Ich zucke mutlos, aber auch verärgert die Achseln.
„Ah.“ Hank hat meine Ratlosigkeit wahrgenommen, obwohl er auf die Fahrbahn achten muss. „Was ist mit der Uni? Jakob?“
Ich senke den Blick, als ich in den Augen meines Spiegelbilds Tränen erkenne. „Liegt grad auf Eis“, murmele ich.
„Willst du drüber reden?“, fragt Hank ein wenig draufgängerisch. An dem Unterton seiner Stimme erkenne ich, dass er ohnehin daran zweifelt, dass ich ihm davon erzählen will.
„Klar Daddy, nach dieser freundlichen Begrüßung erzähle ich dir gerne davon, wie meine Beziehung zerbrochen ist und wie ich die Uni geschmissen habe!“, fauche ich ihn an. Ich kann meine Gefühle nicht mehr zurück halten. Seit ich wieder in Detroit bin, torkle ich zwischen Liebe und Hass für meinen Vater, zwischen Hoffnungen für die Zukunft und Erinnerungen der Vergangenheit. Und mit Hanks Fahrstil und dem Geruch nach Schnaps und Bier wird mir zunehmend übel.
Hank hat beschwichtigend die Hand erhoben. Gerade als ich zum nächsten Rundumschlag ausholen will, fällt mein Blick durch den Spiegel auf den Rücksitz, wo auf der hinteren Bank links noch immer ein Kindersitz ist.
Dieser Anblick erwischt mich eiskalt und lässt jegliche Kraft zu streiten zusammenfallen. Mein Atem stockt.
Coles Kindersitz.
Ich kann den Blick nicht abwenden. Es ist, als würde mein Herz zerbrechen und meine Lunge zerdrückt.
Mein Blick fällt auf Hank, der mich nun doch leicht besorgt mustert. Mir wird bewusst, dass er in den drei Jahren nicht die Kraft dazu aufbringen konnte, den Sitz aus dem Auto zu nehmen. Mir wird bewusst, dass er seinen Sohn genauso verloren hat, wie ich meinen kleinen Bruder. Und dass ich nicht da war, als er mich gebraucht hätte.
„Alles okay?“ Hanks Stimme dringt an mein Ohr, eine Spur sanfter als vorher.
Ein weiterer Blick in den Spiegel bestätigt mir die Annahme, dass ich ein absolutes Wrack bin und kurz davor bin, einen Nervenzusammenbruch in Hanks Auto zu bekommen.
Ich klappe den Spiegel weg und ziehe die Nase hoch. Ich muss mich zusammenreißen. Ich wusste, dass ein Trip in die Vergangenheit nicht einfach werden wird.
„Klar“, sage ich und zwinge mich dazu, Hank anzulächeln.
Zaghaft lächelt er zurück. Er muss gesehen haben, dass ich den Kindersitz bemerkt habe. Aber er sagt nichts.
So sind wir Andersons. Wir lassen einander mit seinem Schmerz den Raum, den er haben möchte. Was das Risiko birgt, dass eben auch jeder mit seinem Schmerz alleine ist.
Als ich aus dem Fenster blicke, sehe ich den Spielplatz, auf dem ich als Kind so gerne war. Auf dem ich oft mit Cole war. Ich recke den Kopf.
Das abrupte Abbremsen bringt mich zurück in die Realität. Betty, die ihr möglichstes getan hat, säuft ab und Hank flucht leise, woraufhin er den Schlüssen zieht.
Erwartungsvoll sehe ich durch die wieder beschlagene Scheibe nach draußen. Im Dunkeln vor mir liegt das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Es sieht kleiner aus, als ich es in Erinnerung hatte. Ich fühle mich zurück in meine Kindheit versetzt und bin plötzlich dankbar, dass Hank mich trotz unserer langen Funkstille wieder zuhause aufnimmt. Auch wenn das Haus klein ist, für zwei reicht es allemal.
„Okay, home sweet home!“, sagt Hank daher und löst seinen Gurt.
Ich bin schon so weit und möchte endlich die stinkende Betty verlassen. Da hält Hank mich am Arm fest. „Jen. Bevor wir rein gehen, muss ich dir noch was sagen.“ Er spricht leise und sieht sich um, als könne uns jemand beobachten oder als würde er mir ein Geheimnis erzählen.
Erwartungsvoll ziehe ich die Augenbrauen hoch. „Und was?“
„Nun..“ Hank zögert. Dann sagt er: „Ich wohne nicht mehr alleine dort.“
Ich starre ihn perplex an. Nachdem ich auf dieser Autofahrt sämtliche düsteren Gefühle tief in mir verschlossen halten musste, dringt ein schallendes Lachen aus meinen Mund. „Wer wäre denn so verrückt bei dir einzuziehen?“, pruste ich.
Hanks Blick ist verwundert. Wahrscheinlich ist auch er überrollt von dem bunten Strauß an Gefühlen, die ich ihm in der letzten Stunde um die Ohren geknallt habe. „Hey“, knurrt er. „Tu nicht so etepetete.“
„Eine neue Freundin, ja?“, trieze ich ihn. Mom starb, als 8 war. Coles Mutter hatte sich einige Jahre nach seiner Geburt von Hank getrennt. Außer diesen beiden war mir keine Frau in Hanks Leben bekannt, allerdings war mir das Liebesleben meines Vaters auch ziemlich egal.
„Nein.“ Hank scheint mein Gekicher noch immer nicht lustig zu finden. „Ein Android“, sagt er ernst.
Er öffnet die Autotür und steigt aus Betty, während ich ihm völlig perplex und mit offenem Mund hinterher starre.
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