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Arthurs Misere

von Jedermann
GeschichteMystery / P12
Arthur Hamilton Emily Clark Henry Harper Olivia "Liv" Silber
29.07.2019
02.09.2019
6
6.619
2
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29.07.2019 1.371
 
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"Scheint, als hätte Secrecy mal wieder Recht behalten.", seufzte Amanda Morgan.
Emily kannte sie nur flüchtig, weil sie für die Reflexx mal ein Interview mit ihr geführt hatte.
"Ich kann nicht fassen, dass Mrs Lawrence nicht zurück kommt und wir mit FatFat in die Prüfungen müssen."
"Naja, so schlimm ist die ja jetzt auch nicht.", antwortete das Mädchen mit dem rotem, kurz geschnittenem Haar. Diese kannte Emily nicht namentlich.
Emily starrte in ihr Buch ohne zu lesen. Sie hatte im Juni ihre A-Levels gemacht und ein für allemal mit der Frognal abgeschlossen. Wenn sie jetzt nicht dieses Praktikum im Leadenhall Building für ihr baldiges Studium hätte, könnte sie ihre Ferien mit ihrem geliebten Conquest of Paradise für das nächste Turnier trainieren. Dann würde sie jetzt nicht in dieser U-Bahn sitzen. Das hätte ihr zwar besser gefallen, aber das Praktikum war wichtig für ihre Zukunft und sie hatte Glück, dass ihr Vater einen kannte, der einen kannte, der es ihr überhaupt ermöglichte.
Andererseits war ihr die Endgültigkeit, der Abschied von der Frognal, erst bewusst geworden, als die Ferien und damit ihr Praktikum begonnen hatten. Seitdem musste sie mit sich ringen, nicht durch einen verklärenden Schleier auf ihre Schulzeit zurück zu blicken. Sie hatte sich schon gut ablenken können, doch dann waren diese Mädchen in die Bahn eingestiegen und hatten sich auf den leeren Doppelsitz vor ihrem Platz gesetzt. Die Schuluniformen hatte sie schon durchs Fenster am Bahnsteig erkannt. Damit hatten sie Emily direkt erinnert, dass die Schule heute wieder angefangen hatte, das erste Jahr ohne sie.
"Dir hat sie ja auch kein C Minus gegeben. Mrs Lawrence hätte mir sicher ein B gegeben.", sagte Amanda hochmütig.
"Wie es der wohl geht?", meinte die Rothaarige. "Ich meine, von Secrecy erfährt man ja nichts mehr."
Emilys Hände verkrampften sich ein wenig um ihr Buch. Secrecy war nun wirklich kein Thema auf das sie gut zu sprechen war. Nie hätte sie sich gedacht, dass ihr eigener Bruder...
"Hast du in den Ferien ihren Blog verfolgt? Voll das langweilige Zeug. Die Hochzeit der Spencers und Brianna Longhammers Jahrestag mit ihrem Freund Dave Hudsen."
"Ich hab seit der Spencer-Hochzeit nicht mehr in den Tittle-Tattle-Blog geschaut.", sagte die andere. "Ich dachte es wäre vielleicht Florence Spencer wegen der ganzen Insider-Informationen von der Hochzeit, weißt du. Dieser ganze Harmonie-Kitsch würde, glaube ich, auch zu ihr passen."
"Aber vorher hatte es sie doch auch selbst paarmal übel erwischt. Weißt du noch, wie Secrecy gelästert hat, als Florence sich mal bei der Schülerzeitung beworben hatte und ausgerechnet von Emily Clark abgewiesen worden war?", warf Amanda ein.
Emily machte sich klein in ihrem Sitz. Jetzt wünschte sie sich statt einer Taschenbuch-Ausgabe von >Hotel New Hampshire< lieber eine große Tageszeitung dabei zu haben, um sich besser zu verstecken. Das war zwar eigentlich nicht ihre Art, aber nachdem sie sich von allen so verraten gefühlt hatte - Grayson, Sam und auch Florence – hatte sie sich ein wenig abgekapselt.
"Das schon. Meine Theorie ist ja, dass Florence herausgefunden hat, wer Secrecy wirklich ist. Sie hat sie enttarnt und gibt sich jetzt als Secrecy aus, um diesen Alle-haben-sich-lieb-Scheiß zu verbreiten."
Wenn die wüssten, dachte Emily. Sie jedenfalls war fertig mit der Spencer-Familie. Als ihre Haltestelle näher kam, stand Emily auf, gerade, als Amanda ihre Freundin fragte, wen sie in Verdacht hätte, die ehemalige Secrecy gewesen zu sein. Emily wählte extra den langen Weg zur hinteren Tür, um nicht an den beiden vorbei zu müssen. Sicher würden sie sie erkennen. Sie schämte sich. Wie tief war sie gesunken?
Die Bahn kam zum Stehen und Emily warf ihren braunen Pferdeschwanz zurück. Sie sah noch einmal zu den beiden Mädchen in den einheitlichen Schuluniformen, doch die hatten sie nicht bemerkt. Genau genommen konnte sie von ihrem jetzigen Standpunkt auch nur den uniformierten Ellbogen und etwas rotes Haar erkennen. Dann öffnete sich die Tür und sie ließ sich von einer kleinen Menschengruppe hinaus schwemmen.

Eigentlich war Emily froh gewesen einen Haken hinter diesen Tag zu setzen. Es war zwar nichts allzu Schlimmes passiert, aber sie hatte den ganzen Tag ordentlich zu tun gehabt. Sie war immer eine gute Schülerin gewesen. Nun musste sie feststellen, dass zwischen Schule und dem, was danach kommt, ein himmelweiter Unterschied bestand. Aber sie wäre nicht Emily Clark, wenn sie nicht auch nach der Schule mit beiden Beinen auf der Erde stehen würde und super mit ihrem Leben klar kam. Auch wenn sie nun allein war.
Sie straffte ihre Haltung und verließ die U-Bahn-Station.

Olivia Silber war aller Welten Untergang gewesen. Bevor sie im letzten Jahr an die Frognal kam, war Emilys Leben strukturiert und perfekt gewesen. Sie hatte mit Grayson Spencer einen der begehrtesten Typen der Schule zum Freund gehabt und passte einfach hervorragend in seine Familie. Seine Schwester Florence war ihre allerbeste Freundin gewesen und selbst die Grandma der beiden hatte sie einfach sofort ins Herz geschlossen. Emily war eines der beliebtesten Mädchen an der Frognal und außerdem Klassenbeste gewesen. Doch dann waren diese Amerikaner aufgetaucht, allen voran Liv Silber!
So, wie ihre Mutter Graysons Vater den Kopf verdreht hatte, hatte sie es bei Grayson getan, dabei hatte ihr Interesse vor allem Henry Harper gegolten. Sie hatte die "Vier Musketiere der Frognal" auseinander gerissen. Arthur Hammilton, der mit Abstand hübscheste Junge, den die Frognal je gesehen hatte, war aus einem Grund, den niemand kannte mit einem Mal von Henry und Grayson gemieden worden, während Jasper für das letzte Trimester nach Frankreich gegangen war. Nie hätte sie sich denken lassen, dass eine so unantastbare Freundschaft, wie die der vier Jungs so leicht zerbersten konnte. Sie seufzte. Andererseits war es ja mit ihrer eigenen besten Freundin nicht anders gewesen. Unterbewusst hatte sie gewusst, dass ihr eigener Bruder Sam, den sie immer unterstützt hatte, ein Teil von Secrecy war. Doch er hatte – wohl um ihre Wut abzufedern – auf Florence und Pandora Porter-Peregrin verwiesen, die sich gemeinsam mit ihm hinter diesem Pseudonym verbargen und dämliche Gerüchte verbreiteten, sowie pikante Geheimnisse preisgaben.
Eigentlich wollte sie mit all diesen Falschspielern und unechten Freundschaften nichts mehr zu tun haben, trotzdem wünschte sich Emily, es wäre alles wie vor einem Jahr, als Livs Familie noch nicht existierte – zumindest in ihrer Welt – und alles noch in Ordnung gewesen war. Auch wenn es unfair sein mochte. Sie gab Liv Silber die Schuld. Mit ihr hatte der ganze Stress angefangen und mit ihr hatte Emilys schönes, sorgenfreies Leben geendet.
Na gut, das war jetzt vielleicht ein bisschen viel Drama. Emily schlenderte durch die Straßen, ohne sich wirklich auf ihren Heimweg zu konzentrieren. Ihre Füße fanden auch in den steifen, neuen Schuhen, ganz allein ihren Weg.

Mitten in der Bewegung blieb sie stehen. Sie musste den ganzen Mist aus ihrem Kopf bekommen. Sicher würde etwas Musik sie ablenken. Aus einem kleinen Fach ihrer neuen Tasche holte sie ihre Kopfhörer und zog ihr Smartphone hervor um sie anzustecken. Doch als sie auf ihr Display blickte, hielt sie in der Bewegung inne. Eine Nachricht von Arthur. Sie hatte seine Nummer nur, weil sie mal eine Klassenfahrt mitarrangiert hatte und die Nummern ihrer Mitschüler dafür zu der Zeit in ihrem Telefonbuch abspeicherte.
Das Seltsame war, dass sie, bevor sie die Nachricht öffnete, wusste, dass Arthur entgegen Secrecys Behauptungen nicht in Australien war.
Eigentlich konnte Emily Arthur Hamilton nicht leiden. Er war zweifellos unfassbar gutaussehend, aber auch ziemlich arrogant und das ihr gegenüber. Er hatte diesen überlegenen Blick.
Obwohl Emily sich eigentlich sicher war, dass Arthur sich verwählt hatte und nicht wirklich was von ihr wollen konnte, schaute sie nach, was er schrieb.
"Wenn du immer noch an dem Passwort für Graysons Tür interessiert bist, solltest du ins >Green Clover< kommen."
Irritiert schaute sie auf und zu besagtem Pub auf der anderen Straßenseite. Eigentlich war Emily Clark nicht die Person, die einen solchen Pub besuchte, aber vor dem Laden stand ein Motorrad. Die Person in Motorradkluft mit dazu passendem Helm schaute zu ihr, schien dann zu nicken und ging hinein.
Arthur?
Und was meinte er mit der Tür? Er konnte doch unmöglich wissen...?
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