Friedhofsgespräche

GeschichteAllgemein / P16
29.07.2019
29.07.2019
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Evan wusste nicht mehr, wann oder warum er damit angefangen hatte. Seit er die Medikamente nahm, fiel es ihm im Generellen schwerer, sich an solche Dinge zu erinnern. An die Gründe, aus denen er mit irgendwas angefangen hatte oder an die genaue Zeit. Jetzt hatte er nur noch ein vages Gefühl davon, aber keine Erinnerung an das wirkliche Geschehen.
Allerdings konnte er sich auch nicht in dem Sinne an die Zeit erinnern, in der er die Medikamente noch nicht genommen hatte. Er wusste also nicht mehr, wie es war, sich erinnern zu können. Wahrscheinlich einfach klarer.
Er vermutete, was das hier betraf, jedenfalls, dass er irgendwann auf dem Weg von der Schule zu ihm nachhause einfach vor dem Tor des Friedhofs stehengeblieben war, um sich die Anlage dahinter anzuschauen.
Nachdem er das einige Male getan hatte, war er dann tatsächlich mal auf den Friedhof gegangen, um ihn sich auch von innen anzusehen. Und da hatte er gestanden. Auf dem kurzgemähten Rasen, der von schnurgeraden Wegen durchtrennt worden war. Um ihn herum unzählig viele Grabsteine.
Und so stand er auch jetzt da.
Er hatte eine gewisse Affinität zu diesem Friedhof entwickelt. Seit dem ersten Tag mochte er ihn und kam gerne nach der Schule hierher.
Dabei war es gar kein schöner Ort. Evan fand das perfekte Gras, von dem die Grabsteine umgeben waren, nicht schön und er mochte die geraden perfekten Wege nicht. Es gab keine Blumen.
Evan hätte es schön gefunden, wenn alles ein bisschen verwilderter gewesen wäre. Das einzig wirklich Schöne hier, waren die Grabsteine. Sie waren schön. Also sah er sich die Grabsteine an. Las Namen, Daten und gehauchte Liebessprüche. Alles eingekerbt in Stein für die vermeintliche Ewigkeit.
Heute regnete es nicht, anders als die letzten Tage. Es war nur bewölkt und Touristen hielten sich auf dem Friedhof auf, weil die dazugehörige Kapelle eine Sehenswürdigkeit darstellte.
Es waren zwar wirklich nicht viele da, aber dennoch fühlte Even sich von ihnen gestört. Er war hier schließlich viel öfter und außerdem fand er es grausam, wie man als Tourist einen Friedhof besuchen konnte. Sollte man den Toten und Angehörigen nicht mehr Respekt entgegenbringen? Was würden sie wohl davon halten, dass Reisende sie auf einen Sprung begutachteten und ein paar Fotos von ihnen schossen?
Und doch war Evan selbst andererseits auch nur ein Tourist. Ein lebender Tourist, der sich im Reich der Toten befand. Alle, die hier her kamen, waren Touristen, bis der Totengräber sie in die Erde legte.
Aber Evan war anders – das sagte er sich. Er war keiner dieser normalen Touristen, wie man sie in allen Ländern antreffen konnte. Er besuchte keine fremden Orte, nur um dort gewesen zu sein. Er besuchte diesen Ort nicht, nur um hier gewesen zu sein.
Es stimmte, dass er es hier wegen der Grabsteine schön fand und es stimmte, dass er die Blumen vermisste. Aber hier war er, weil es sich gut anfühlte. Hier fühlte er sich nicht alleine, sondern wie unter Gleichgesinnten. Hier umfing ihn eine Stimmung, die ihm angenehm war.
Er interessierte sich für dieses fremde Stück Land und ... er mochte es. Er fühlte sich hier wohl. Kein Tourist - eher einer, der mit dem Gedanken spielte, von einem Land ins andere zu ziehen.
Langsam senkte Evan seinen Kopf und betrachtete den Grabstein vor sich. Die letzten Tage hatte er ihn oft betrachtet ...
Der Stein war klein und sehr verwittert. Kaum noch lesbar stand darauf: „Connor Murphy. Geliebter Sohn und Bruder. Geboren 1971. Gestorben 1987. Alter 16.“ Er war genauso alt gewesen, wie Evan jetzt. Sechzehn Jahre. Ein furchtbar junger Mensch. Was ihm ... wohl passiert war? Krankheit, Unfall, ... Absicht. Intention. Was ...?
Geliebter Sohn und Bruder. Evan hatte keine Geschwister. Auf seinem Grabstein würde nur Geliebter Sohn stehen. Keine Freunde. Nur seine Mutter, die Tags und Nachts für ihn arbeitete, während er alleine war und auf einem Friedhof stand.
Was ... wäre so schlimm daran, wenn Absicht dahinter liegen würde? Wenn Evan hier kein Tourist mehr sein wollte? Was wäre so schlimm daran?
Langsam hob er seinen Kopf und sah eine Baumkrone, die dem Baum dahinten gehörte und bis über den Grabstein reichte, vor dem Evan stand. Wind raschelte durch die Blätter und nahm sein Haar mit.
Wenn Absicht –
Ein plötzlicher Schmerz fuhr durch Evans gesamten Körper und er spürte, wie die Luft aus seinen Lungen gedrückt wurde. Das einzige, was er wahrnehmen konnte, war das Rauschen.
„Was ... ist mit deinem Arm passiert?“ Er hörte die Stimme, aber sie erreichte seinen Verstand nicht.
Dann rang er heftig nach Luft. Mit aufgerissenen Augen fiel er nach hinten. Zumindest fühlte es sich an, als würde er fallen, aber in Wirklichkeit konnte er nur kippen, denn kurz darauf spürte er, wie er von einer Hand sanft wieder in die Senkrechte gedrückt wurde.
Durch die Hand gestützt, schaffte er es, stehen zu bleiben, aber noch immer hörte er nur das Rauschen und sah verzweifelt zu der Baumkrone empor.
Es dauerte einige Minuten, bis er sich wieder fing.
„Alles okay?“, fragte die Stimme hinter ihm schließlich. Evan wandte sich der Person zu und schluckte. Dort stand ein Mensch. Ein Junge. Er hatte zu lange Haare und seine Hand lag immer noch auf Evans Schulter.
„Ja“, antwortete dieser mit rauer Stimme und zitterte noch ein wenig. Schnell drehte er seinen Kopf wieder weg und sah auf den Grabstein vor ihnen, um nicht dem bohrend fragendem Blick des Neuankömmlings standhalten zu müssen. Er konnte zwar eigentlich gut lügen, aber die Panikattacke von eben hatte ihre Spuren hinterlassen. Bestimmt sähe man die Wahrheit in seinen Augen.
Der Junge hinter ihm – Evan schätzte ihn knapp älter ein als sich selbst – zuckte nur mit den Schultern und nahm seine Hand wieder zu sich. Dann trat er einen Schritt vor und so standen sie nun direkt nebeneinander. Seine linke Hand bewegte sich kaum merklich und etwas Rotes tauchte in Evans Blickwinkel auf. Er gab sich Mühe, das Etwas zu ignorieren, genauso wie den Menschen neben sich. Er fühlte sich durch ihn, wie durch all die anderen Touristen auch, gestört. Warum konnte er nicht weitergehen und Evan alleine lassen? Warum war er ausgerechnet dann aufgetaucht, als Evan grade eine seiner Panikattacken durchmachen musste? Warum hatte er ihn in diesem Zustand gesehen und ... war es vielleicht Evan, der ihn störte? Vielleicht war er hier der Unerwünschte. Bei einem fremden Grab. Vermutlich störte Evan. Am besten wäre es wohl, wenn er gehen würde. Jetzt sofort. Vielleicht noch ein leises Entschuldigung murmeln und dann einfach nachhause, wo er dann in seinem Bett liegen und darüber nachdenken konnte, wie unhöflich er war und dass er alle, einfach überall und jeden störte. Noch einen Vorwurf mehr, den er sich auf seine Schultern häufen konnte. Und dieses Mal sogar auf einem Friedhof ...!
Er sollte wirklich gehen. Jetzt, sofort.
Evan öffnete den Mund, um sich zu entschuldigen, doch genau in dem Moment sagte die Person neben ihm: „Kanntest du ihn?“
Überrascht sah Evan den Jungen an. Dann zog er verwirrt die Augenbrauen zusammen, denn offensichtlich war er viel zu jung, um den Menschen, der vor ihnen begraben lag, zu kennen. Aber das sagte er nicht. Stattdessen kam nur ein ganz leises „Nein“ über seine Lippen.
„Ah“, machte der Andere. „Tja, ich kenne ihn. Sozusagen.“
Evan sagte nichts. Er war ein wenig eingeschüchtert und fühlte sich unglaublich fehl am Platz.
„Mein Onkel“, sagte der Junge. Plötzlich schien alles still zu sein. Nur der Wind strich leise zwischen ihnen hindurch und brachte ihre Haare in Unordnung. Blätter raschelten.
„Der Typ hätte sich das mit dem Sterben mal besser überlegen sollen.“
Evan war von dieser Ausdrucksweise am Grab des eigenen Onkels leicht geschockt.
„Wegen ihm fühlt es sich an, als würde ich jeden Tag auf dem Weg nachhause immer an meinem eigenen verdammten Grab vorbei laufen!“
Jetzt hob Evan den Kopf. Sein Blick lag auf dem Profil des Jungen neben ihm. Dieser sah verbissen aus, wirkte aber nicht unsympathisch. Seine Haut war ein wenig zu hell und seine Augenringe zu dunkel.
Schließlich wandte auch der Junge sich Evan zu.
„Was starrst du so blöd?“, fauchte er. Evan wich schnell seinem Blick aus und murmelte ein „Nichts“. Dabei fiel sein eigener Blick auf das rote Etwas, das er vorhin ignoriert hatte. Es war eine Rose, die die prächtigste Blüte hatte, die Evan je zu Gesicht gekommen war. Und sein Stehnachbar hielt den Stiel fest umklammert. Mit der linken Hand.
Es war keine Zierrose. Es war eine richtige Gartenrose. Sie hatte Dornen. Und dieser Junge hielt sie fest in der Hand. Tat ... ihm das nicht weh?
Evan fragte nicht. Nicht nur, weil er sich nicht traute, sondern auch, weil es ihn nicht sonderlich Interessierte, wenn sich Andere verletzten.
Wie aus Reflex griff er nach seinem linken Arm und bemerkte einmal mehr den Gips darum.
„Jedenfalls war es ein ganz morbider Einfall von meinen Eltern, mich nach meinem Toten Onkel zu benennen. Und da wundern sie sich noch, warum ich nicht ganz auf der Spur bin“, schloss der Junge. Er trat einmal mit seinem Fuß gegen das Gras. Etwas Erde löste sich aus dem Boden.
Connor also, dachte Evan und sah nochmal auf den Grabstein, um sich zu vergewissern. Connor Murphy. Deswegen die Rose?
Erneut war es still zwischen den Jungen. Evan seinerseits wagte es nicht, etwas zu sagen. Er hatte Angst vor einer harten Erwiderung. Immer noch wollte er weg, nur nicht mehr so sehr wie zuvor noch.
„Also“, sagte Connor irgendwann überraschend leise, „was hast du mit deinem Arm gemacht?“ Seine Stimme wurde fast vom Wind verschluckt und Evan war ehrlich überrascht, von der Sanftheit und dem augenscheinlichen Interesse.
„Ich“, setzte er an und räusperte sich. „Ich bin von einem Baum gestürzt.“ Er sah, wie sich Connors Lippen zu einem Grinsen ausbreiteten. „Intentional“, fügte er schnell hinzu. Er wollte nicht mehr lügen. Und er hatte die Narben an Connors Handgelenk bemerkt. An der Stelle, an der der Pulliärmel zu hoch gerutscht war. Es waren keine typischen Selbstverletzungsnarben. Es waren nur ganz wenige, aber sie waren an den richtigen Stellen.
Nun lachte Connor. Kurz und kalt. Freudlos und doch irgendwie nicht.
Und dann traute Evan sich, nach der Rose zu fragen und Connor schrie ihn nicht an und sie sprachen nicht darüber, aber sie trafen sich wieder auf dem Friedhof und dann erzählten sie von der Schule und von ihrem zuhause. Sie blieben beieinander und sie blieben bei dem Grabstein und sie nahmen sich an den Händen, um weniger allein zu sein. Zwei Lebende im Reich der Toten.
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