Der Kaiser und seine Leibwächterin

von Hobbit91
KurzgeschichteRomanze / P16
Lan Fan Ling Yao
28.07.2019
28.07.2019
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Lan Fan wanderte durch die Korridore des prachtvollen kaiserlichen Palastes, vorbei an den auf Sockeln stehenden unbezahlbaren Vasen. An den Wänden hingen Gemälde, welche hauptsächlich die Gesichter ehemaliger Herrscher zeigten. Diese schienen die junge Frau nun mit ihren grimmigen Mienen zu beobachten. So etwas konnte auf manche Menschen durchaus einschüchternd wirken, aber bei Lan Fan war das nicht der Fall. Sie ging weiter, bog schließlich um eine Ecke und war auf einmal verschwunden.

Natürlich hatte sich die junge Frau nicht wirklich in Luft aufgelöst, sondern sich lediglich für eine Abkürzung entschieden, um ihr Ziel schneller zu erreichen. Inzwischen war sie nämlich mit sämtlichen Geheimgängen des Palastes vertraut. Sie schlüpfte durch eine gut getarnte Tür und fand sich nun in einem schmalen Gang wieder. Diesem folgte sie, bis sie zu einer steilen Treppe gelangte. Nachdem sie diese erklommen hatte, stieß sie auf einen weiteren Gang, dessen Decke so niedrig war, dass einem nichts anderes übrig blieb, als auf allen Vieren hindurchzukriechen. Genau das tat auch Lan Fan.

Scheinbar endete der Gang in einer Sackgasse, aber dies war eine Täuschung, denn die vermeidlich feste Wand konnte man ganz einfach zur Seite schieben. Als dies erledigt war, gelangte Lan Fan in die privaten Räumlichkeiten des Kaisers. Eben dort hatte sie hingewollt.

Nachdem sich die junge Frau wieder aufgerichtet hatte, ließ sie ihren Blick durch das Zimmer schweifen, welches nun seit einem Jahr ihrem Herrn gehörte. Dabei kam sie nicht umhin, erneut den schönen Wandteppich zu bewundern. Es war ein echtes Kunstwerk. Darauf zu sehen waren drei Drachen, die miteinander kämpften. Die Leiber der mächtigen Wesen waren teilweise ineinander verschlungen. Der eine Drache versuchte seinem Gegner in den Hals zu beißen, während der zweite mit den gewaltigen, schwarzen Flügeln schlug. Drache Nummer drei, eine Kreatur mit roten Schuppen und gelben Augen, hatte das Maul weit aufgesperrt und spuckte Feuer.

Lan Fan ließ jene Darstellung ein paar Sekunden auf sich wirken, ehe sie die Augen auf ihren Herrn richtete, welcher ihre Anwesenheit noch nicht einmal bemerkt zu haben schien. Ling Yao, der junge Kaiser, saß an seinem Schreibtisch und war offensichtlich gerade dabei einen Brief zu verfassen. Zu seinen Füßen lagen ein paar zusammengeknüllte Papiere. Vermutlich handelte es sich dabei um missglückte Entwürfe von jenen Brief, an dem Ling Yao gerade arbeitete.

Lan Fan wartete noch solange, bis der Kaiser den Brief unterzeichnet hatte. Erst als sie sah, wie er die Feder weglegte und sich mit einem erleichterten Seufzer zurücklehnte, ergriff sie das Wort.

„Ihr habt mich darum gebeten, Euch heute Abend noch einmal aufzusuchen“, sagte sie.

Der junge Kaiser zuckte leicht zusammen. Dann drehte er sich zu ihr um und rief: „Lan Fan! Ich habe dich gar nicht bemerkt. Wie lange bist du denn schon hier?“

„Seit etwa fünf Minuten, Majestät. Ihr wart noch beschäftigt. Da wollte ich Euch nicht stören“, erwiderte die junge Frau.

„Komm doch ein bisschen näher“, bat Ling Yao. „Und bitte: Sprich nicht so förmlich, wenn wir zwei unter uns sind!“

„Entschuldige!“ Lan Fan näherte sich dem Schreibtisch. „Du wolltest mit mir reden...?“

Ling Yao lächelte sie an. „Schon besser. Ja, das stimmt. Es gibt da etwas, das ich dir unbedingt sagen muss.“

So ganz bereit schien er dann aber doch noch nicht zu sein. Jedenfalls stand er plötzlich auf und ging auf das bodentiefe Fenster zu. Mit den Händen auf dem Rücken stand er da und schaute den Mond an.

Lan Fan dagegen hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Sie schaute ihren Herrn einfach nur an und wartete ab. Für die junge Frau war es nicht schwer zu erkennen, dass Ling Yao noch etwas Zeit benötigte. Vermutlich war er gerade dabei, sich die richtigen Worte zurechtzulegen. Sie hatte nicht vor, ihn zu drängen. Sollte er sich doch ruhig noch einmal alles ordentlich durch den Kopf gehen lassen. Was immer er ihr auch erzählen wollte...

Nach einer Weile sagte der junge Kaiser: „Du hast sicher mitbekommen, dass man mich gerade ein wenig unter Druck setzt. Sowohl Familienangehörige, als auch meine Berater sind der Meinung, es wäre langsam an der Zeit, dass ich heirate.“

„Das ist mir bekannt“, erwiderte Lan Fan. Wie hätte ihr das auch entgehen können? Als seine persönliche Leibwächterin, hielt sie sich natürlich häufig in seiner Nähe auf. Sie war ebenfalls dabei gewesen, als man Ling Yao einige Damen vorgestellt hatte. Alle waren sie bildschön gewesen und stammten aus einflussreichen Familien. Dennoch schien Ling Yao an keiner von ihnen ein besonderes Interesse zu haben.

„Es ist nun einmal so, dass ich keine der Frauen, mit denen man mich bekanntgemacht hat, heiraten kann“, erzählte Ling Yao weiter.

„Vielleicht ist ja die Richtige einfach noch nicht dabei gewesen“, wagte Lan Fan zu vermuten.

„Irrtum“, sagte Ling Yao. „Die Richtige habe ich bereits gefunden. Ich habe sie schon lange vor meiner Thronbesteigung kennengelernt. Es ist ein Mädchen, dass mir unendlich viel bedeutet. Sie kann eine eiserne Entschlossenheit an den Tag legen, ist stark, unglaublich mutig und noch dazu schön wie der Morgen. Ein wundervolles Mädchen! Manchmal glaube ich, dass sie selbst noch nicht einmal weiß, wie wundervoll sie ist.“

„Wer ist sie?“, hauchte Lan Fan.

Ganz langsam drehte sich der junge Kaiser zu ihr um und schaute ihr tief in die Augen.

„Was...“ Mehr brachte sie nicht heraus. Sie war auch nicht in der Lage, sich zu bewegen, als Ling Yao auf sie zutrat.

„Ich liebe dich, Lan Fan“, gestand er ihr. „Und ich möchte, dass du für immer an meiner Seite bleibst. Jedoch nicht als meine Leibwächterin und auch nicht weil du dich zu irgendetwas verpflichtet fühlst.“

„Du weißt, dass das nicht möglich ist“, sagte Lan Fan mit schwacher Stimme.

„Wahrscheinlich wird es Menschen geben, die dagegen wären. In diesem Punkt stimme ich dir zu. Trotzdem bin ich hier der Kaiser und wenn ich mich dafür entscheide, das Mädchen zu heiraten, mit dem zusammen ich bereits das größte Abenteuer meines Lebens bestanden habe... Wer weiß, wie weit ich ohne dich gekommen wäre? Ohne deinen heldenhaften Beistand. Du hast so vieles auf dich genommen. Für mich und für unser geliebtes Reich.“ Während er dies sagte, streichelte er ihr den künstlichen Arm. Dabei sah er sie traurig an. „Wir zwei haben viel zusammen erlebt. Auch schon vor unserem Aufbruch nach Amestris. Du bist diejenige, die ich mir zur Gemahlin wünsche, Lan Fan.“

Ling Yao lächelte und rieb sich verlegen den Hinterkopf. „Ich weiß, dass das jetzt sehr plötzlich kommt. Das tut mir leid. Allerdings musste ich dir das jetzt einfach sagen, obwohl ich noch nicht einmal sicher bin, was du überhaupt für mich empfindest. Ich weiß einfach nicht, wie ich es einschätzen soll. Ist es bei dir nur so ein Pflichtgefühl oder bedeute auch ich dir etwas? Ich verspreche dir, dass ich ein guter Ehemann sein werde. Jedoch werde ich dich nur heiraten, wenn du meine Gefühle auch wirklich erwiderst. Ich zwinge dich zu nichts und werde dich auch nicht drängen. Ich für meinen Teil bin mir bezüglich meiner Gefühle absolut sicher und weiß, was ich will. Du musst für dich selbst entscheiden, ob du diesen Weg gemeinsam mit mir gehen möchtest oder nicht. Ich werde dir so viel Bedenkzeit geben, wie du brauchst und wenn du mich zurückweisen solltest, dann werde ich das akzeptieren und nicht noch einmal damit anfangen, selbst wenn es mir noch so schwer fällt. Auch das verspreche ich dir.“

Für einen winzigen Moment fragte sich die junge Frau, ob sie wohl gerade träumte. Als ihr dann aber aufging, dass dies kein Traum, sondern die Realität war, durchstörmte eine wohlige Wärme ihren Körper. Sie bekam Herzklopfen, als sie ihm in die Augen blickte und sein leicht verunsichertes Lächeln bemerkte.

„Ling, ich...“ Lan Fan spürte, wie sie allmählich die Kontrolle verlor. All die Gefühle, die sie bisher erfolgreich unterdrückt hatte, waren gerade dabei an die Oberfläche zu dringen. „Ich liebe dich doch auch. Du bedeutest mir alles, aber...“

Sie wollte den Blick abwenden, doch als sich eine Hand an ihre Wange legte, sah sie ihn wieder an und im nächsten Moment passierte es: Sie küssten sich hingebungsvoll.

Lan Fan schloss die Augen und genoss diesen Moment, der dafür sorgte, dass sich plötzlich ihre große Hoffnung erfüllte. Wie lange sie sich danach gesehnt hatte und wie oft sie sich immer wieder aufs Neue gesagt hatte, dass es dazu niemals kommen würde, weil es schlicht und ergreifend nicht sein durfte! Schließlich war Ling Yao ihr Herr. Ein Mädchen wie sie konnte sich doch nicht einfach in diesen jungen Mann verlieben! Sie hatte geschworen, ihn zu beschützen. Tiefere Gefühle durfte sie nicht für diesen Mann entwickeln. Bis heute war es ihr gelungen, jene Gefühle erfolgreich in den Hintergrund zu drängen. Sie war ihm stets eine hervorragende Leibwächterin gewesen, doch jetzt, wo sie seine Lippen auf ihren spürte, ergriffen diese Gefühle von ihr Besitz. Die Schmetterlinge im Bauch der jungen Frau hatten hin und wieder zögerlich, ja fast schon schüchtern, mit den Flügeln gezuckt, wenn sie mal mit ihm allein gewesen war. In der Regel hatte Lan Fan dies immer ignoriert. Jetzt aber begannen die Schmetterlinge wie verrückt mit den Flügeln zu schlagen und wild umherzuflattern.

Sie liebte diesen Mann. Ling Yao war manchmal ein wenig unbeholfen, was Lan Fan irgendwie niedlich fand. Er hatte sie stets gut behandelt, war mit ihr umgegangen, wie mit einer guten Freundin. Was die Art und Weise betraf, wie er regierte, so hatte sich gezeigt, dass es ihm hier und da noch etwas an Erfahrung fehlte. Allerdings bemühte er sich immer gerecht zu sein. Man sah ihm an, wie wichtig ihm sein Volk war und wie sehr ihm das Wohl der Menschen in diesem Reich am Herzen lag. Diejenigen, die ihm wichtig waren, würde er niemals im Stich lassen. Darauf konnte man sich verlassen. Während einer brenzligen Situation in Amestris hatte er sich strikt geweigert, sie zurückzulassen.

Jener Mann, der für sie stets unerreichbar zu sein schien, hatte ihr gerade seine Liebe gestanden. Aber nicht nur das. Er hatte sie sogar gefragt, ob sie seine Frau werden wollte.

„Ling“, hauchte Lan Fan, nachdem sie sich von ihrem Herrn gelöst hatte. „Ich... sollte jetzt wohl besser gehen.“

Der junge Kaiser bemerkte, dass die Wangen seiner Leibwächterin auf einmal einen leichten Rotschimmer aufwiesen. So etwas hatte er noch nie zuvor an ihr gesehen. Das Leuchten in ihren Augen war ihm bis dato ebenfalls vollkommen unbekannt gewesen. Die Kleine sah gerade richtig süß aus. Schade, dass er sie jetzt würde gehen lassen müssen.

„In Ordnung“, sagte Ling Yao und in seiner Stimme schwang leichtes Bedauern mit. „Ich habe das eben ein bisschen überstürzt, oder?“

„Mach dir deswegen keine Gedanken, Ling! Auch mit mir sind gerade etwas die Pferde durchgegangen.“

„Wirst du drüber nachdenken? Du weißt schon, was ich meine.“

„Das werde ich. Also: Gute Nacht, Ling!“

„Schlaf gut!“

Die Leibwächterin drehte sich um und verließ das Zimmer auf dieselbe Weise, wie sie es betreten hatte. Ling Yao blieb stehen, wo er war. Unschlüssig. Mit klopfendem Herzen.



Lan Fan huschte ungesehen in ihr eigenes Zimmer. Es war ein hübsch eingerichteter Raum. Natürlich war hier alles bei Weitem schlichter gehalten, als bei Ling Yao, aber für Lan Fans Bedürfnisse reichte das vollkommen aus. Sie besaß ein gemütliches Bett, ein großes Fenster, das zum Garten hinausging, einen Schreibtisch, ein kleines Bücherregal und genügend Platz, um Kleidungsstücke und Waffen unterzubringen.

Als persönliche Leibwächterin und Freundin des Kaisers hatte Lan Fan natürlich eine Sonderstellung im Palast. Sie hatte mehr Freiheiten, als das übrige Personal. Zum Beispiel hatte sie die Erlaubnis, die kaiserliche Bibliothek zu besuchen und sich Werke ihrer Wahl mit aufs Zimmer zu nehmen. Außerdem durfte sie bei Beratungen und Audienzen dabei sein, auch wenn sie da lediglich als Hintergrundfigur fungierte. Des Weiteren ließ man sie während der Mahlzeiten an der großen Tafel speisen. Zwar hatte sie auch eigene Diener, aber da Lan Fan sich lieber selber um ihre Angelegenheiten kümmerte, hatten die nicht sonderlich viel zu tun. Dennoch hatte es sich eine der Dienerinnen irgendwann angewöhnt, auch ohne direkte Befehle zu handeln.

Erst vor Kurzem hatte sich wieder jemand in ihrem Zimmer zu schaffen gemacht, ohne dass sie etwas dergleichen angeordnet hatte. Der Boden war gefegt und die Oberfläche des Schreibtischs gesäubert worden. Man hatte das Bett neu bezogen und ihr frische Handtücher hingelegt. In einer Ecke des Zimmers befand sich ein mit Wasser gefüllter Behälter und auf dem kleinen Nachtschränkchen lag ein Stück Seife.

Die junge Frau beschloss das freundliche Angebot anzunehmen.

Als sie später, nachdem sie sich gewaschen hatte, ins Bett ging, fühlte sie sich wunderbar erfrischt. Zugleich war sie aber aufgrund des vergangenen Ereignisses noch immer ein wenig verwirrt. Wieder und wieder dachte sie darüber nach, was vorhin zwischen ihr und dem Kaiser vorgefallen war.

„Er liebt mich“, murmelte sie staunend vor sich hin, während sie sich noch mehr in ihre nach Blumen duftende Decke kuschelte. Es war noch immer zu schön, um wahr zu sein.

Ling Yao liebte sie!

Auf einmal beherrschte dieser Gedanke alles und sorgte dafür, dass sie sich unbeschreiblich glücklich fühlte.



Auch der junge Kaiser war inzwischen zu Bett gegangen. Er lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und war kurz davor einzuschlafen. Während er so vor sich hindöste, stellte er sich immer wieder Lan Fans Gesicht vor. Dabei versuchte er sich noch einmal so genau wie möglich an den Kuss von vorhin zu erinnern.

Mit zwei Fingern begann er seine Lippen nachzuzeichnen, was ein angenehmes Kribbeln bei ihm auslöste. Heute hatte er das Mädchen, das er liebte geküsst, hatte ihre zarten Lippen spüren dürfen, nachdem er ihr endlich seine Liebe gestanden hatte. Ling Yao war klar, dass er ihr schon viel früher hätte sagen sollen, was er für sie empfand, aber das hatte er sich dann doch nie getraut. Zu groß war die Angst vor einer Zurückweisung gewesen. Außerdem hatte er sich davor gefürchtet, es zu verpatzen und sich somit lächerlich zu machen.

Lan Fan war nun einmal etwas ganz Besonderes. Sie unterschied sich stark von den anderen Mädchen, die er bisher kennengelernt hatte und mit den Damen, die als Hochzeitskandidatinnen für ihn herhalten sollten, hatte sie schon mal gar keine Gemeinsamkeit. Er hatte Lan Fan bereits kurz nach ihrer ersten Begegnung bewundert. Damals hatte er ständig irgendetwas versucht, um sie zu beeindrucken, was in der Regel damit geendet hatte, dass sie ihn hatte retten müssen, was extrem peinlich für den Jugendlichen gewesen war. Einmal hatte er ihr zum Beispiel zeigen wollen, was für ein toller Kletterer er doch war. Schlussendlich hatte er sich dann aber nicht mehr von diesem blöden Baum heruntergetraut.

Irgendwann hatte er mit jenen waghalsigen Dingen aufgehört und sich Gedanken darüber gemacht, wie er wohl am Besten ihr Herz gewinnen könnte. Leider war er auch hier nicht wirklich weit gekommen. Das Problem war, dass er einfach keine guten Ansätze hatte. Er konnte ja noch nicht einmal genau sagen, über was sich Lan Fan vielleicht freuen würde. Mochte sie Blumen? Hatte sie einen Lieblingsort? Sah sie sich gerne Sonnenuntergänge an? Sollte er sie vielleicht mal fragen, ob sie Lust auf einen gemütlichen Spaziergang hätte?

Diese Fragen waren schwer zu beantworten, da sich Lan Fan so gut wie nichts anmerken ließ. Sie nahm ihre Aufgabe als Leibwächterin stets sehr ernst, hielt immer nach möglichen Feinden Ausschau. Wenn sie sich um ihn gekümmert hatte, hatte sich Ling Yao oft vorgestellt, sie würde sich wirklich Sorgen um ihn machen, da sie ihn mittlerweile als Freund betrachtete, aber stimmte das auch?

Ein weiteres Problem war gewesen, dass er und Lan Fan nur in den seltesten Fällen unter sich waren. Stets war noch eine andere Person in ihrer Nähe gewesen, womit immer die Gefahr bestanden hatte, dass jemand im falschen Moment dazwischen funken könnte.

Dann kam der Tag, an dem Ling Yao zusammen mit seinen Leibwächtern nach Amestris aufgebrochen war und diese Reise hatte ihn und Lan Fan sogar noch mehr zusammengeschweißt. In jenem fremden Land hatte Lan Fan große Tapferkeit bewiesen und um ein Haar hätte er sie verloren.

Während des großen Abenteuers, hatte Ling Yao keine Gelegenheit gehabt, mit ihr über seine wahren Gefühle zu sprechen und auf dem Rückweg konnte er erst recht nicht damit anfangen, wo doch seine Liebste einen so schweren Verlust erlitten hatte. Bei der Schlacht war Lan Fans Großvater getötet worden und obwohl sie sich große Mühe gegeben hatte, sich ihre Trauer nicht anmerken zu lassen, so gelang es ihr doch nicht gänzlich Ling Yao etwas vorzumachen. Er spürte, dass sie litt.

Ihm war klar, dass sie jetzt ganz dringend jemanden brauchte, der ihr beistand. Also hatte er sie eines Abends einfach in den Arm genommen und versucht, sie zu trösten. Ihre Schultern hatten leicht gezittert und dann und wann war ihr ein leises Schluchzen entwichen.

„Kämpfe nicht dagegen an, Lan Fan“, hatte Ling Yao geflüstert und ihr dabei den Rücken gestreichelt. „Lass es zu!“

Im nächsten Moment brachen alle Dämme und die junge Frau begann bitterlich zu weinen.

Er hielt sie an sich gedrückt, ließ sie auch dann nicht los, als irgendwann keine Tränen mehr kamen.

An diesem Abend hatte sie ihm zum ersten Mal gezeigt, wie es in ihrem Innern aussah und heute hatte er wieder eine ganz andere Lan Fan kennengelernt. So wie heute wollte er sie noch öfter erleben.

Ob er auch die richtigen Worte gewählt hatte? Was machte Lan Fan wohl gerade? Ließ sie sich noch einmal alles in Ruhe durch den Kopf gehen? Würde sie seinen Antrag annehmen?

Wenn er doch jetzt nur bei ihr sein könnte...



Lan Fan ließ ein paar Tage verstreichen, ehe sie Ling Yao ihre Entscheidung mittelte. Dafür schlich sie sich wie gewohnt in seine privaten Räumlichkeiten. Dort angekommen näherte sie sich auf leisen Sohlen dem jungen Herrscher.

Ling Yao saß auf seinem zum Fenster hingedrehten Stuhl und war ganz offensichtlich tief in Gedanken versunken. Dennoch schrak er kaum zusammen, als jemand ihn plötzlich von hinten umarmte. Der eine Arm war künstlich. Er bestand aus Metall, fühlte sich hart und kühl an. Der andere Arm war menschlich. Ein schlanker Arm mit einer zarten Hand.

„Ich habe mich entschieden“, flüsterte ihm eine vertraute Stimme ins Ohr.

„So?“, fragte Ling Yao vorsichtig. „Und wie lautet deine Antwort?“

Sie küsste ihn zärtlich, ehe sie zwei Worte hauchte: „Ich will.“

Mit diesen Worten machte sie Ling Yao zum glücklichsten Mann dieser Welt. Er war so überwältigt, dass er es zunächst kaum fassen konnte und als sie sich kurz darauf voller Leidenschaft küssten, glaubte er fast, er könnte vom Boden abheben.



In dieser Nacht kehrte Lan Fan nicht mehr in ihr Zimmer zurück, sondern blieb bei ihrem zukünftigen Mann. Sie schliefen in dem wundervollen Himmelbett. Beide halb nackt und eng umschlungen.

Als Ling Yao am nächsten Morgen erwachte, schlummerte Lan Fan noch immer friedlich vor sich hin. Der Kaiser schenkte seiner Liebsten ein liebevolles Lächeln. Wie schön sie doch war.

Er streichelte ihren Kopf. Dann hauchte er ihr einen Kuss auf die Stirn. Daraufhin regte sich Lan Fan ein wenig, wachte aber nicht auf. Die Augen blieben geschlossen, die Lippen verzogen sich zu einem sanften Lächeln. Sie sah glücklich aus. Allerdings wirkte sie auch etwas verletzlich, wenn sie schlief. Das hatte er vorher nie so richtig registriert.

„Ich liebe dich, Lan Fan“, flüsterte Ling Yao leise vor sich hin. „In meinem Leben bist du der wundervollste Mensch. Ich will für immer bei dir bleiben und dich beschützen, meine Liebste. Das verspreche ich dir. Wir werden uns gegenseitig beschützen und füreinander da sein.“

Heute hatte er vor, seine Verlobung mit Lan Fan bekannt zu geben. Vermutlich würde das zunächst ein ziemliches Theater geben, aber im Grunde war er diesbezüglich guter Dinge. Er und Lan Fan gehörten nun einmal zusammen. Irgendwann würden die anderen das sicher verstehen. Aber bis zur Tagesbesprechung war ja noch etwas Zeit. Er beschloss also noch ein bisschen mit seiner Angebeteten zu kuscheln und dabei noch etwas vor sich hin zu dösen...
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