Erschütternde Erkenntnisse

von Varlet
GeschichteDrama, Romanze / P12
James Black Jodie Saintemillion / Starling Shuichi Akai Vermouth
28.07.2019
17.11.2019
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Vermouth saß in ihrem schwarzen Ford und beobachtete das Haus der Familie Starling. Sie krallte sich mit der linken Hand in das Lenkrad und betrachtete dann das Foto des Agenten, welches an ihrem Rückspiegel hing. Sein Gesicht war mit einem roten Kreis umrandet und verunstaltet. Sie war wütend und schämte sich zu gleich.
Ihre Schauspielkarriere hatte Jahre zuvor begonnen. Anfangs war sie jemand, an dessen Namen man sich nicht erinnern musste. Sie, ein kleiner Fisch im großen Haifischbecken. Und dann trat die Organisation in ihr Leben. Eigentlich hatte sie Anokata für ihre Pläne benutzen und ihm und seiner Organisation den Rücken kehren wollen. Aber so leicht ließ er sie nicht entkommen. Nach und nach fügte sie sich ihrem Schicksal und übernahm alle möglichen Aufträge.
Mit der Zeit wurde sie nicht nur in Amerika sondern auch Japan berühmt. Regelmäßig flog sie zwischen den Staaten und Japan hin und her, baute sich ein zweites zu Hause auf und richtete sich unter verschiedenen Namen verschiedene Wohnungen und Häuser ein. Käme es hart auf hart, hätte sie untertauchen können. Sie war sich sicher, dass nicht einmal Anokata ihren Aufenthaltsort hätte herausfinden können. Aber immer wenn sie plante die Organisation zu verlassen, ließ ihr diese eindeutige Zeichen zu kommen. Sie konnten immer ihre Pläne herausfinden und hatten überall ihre Leute.
Obwohl sie von Anfang an einen hohen Stellwert in der Organisation hatte, kannte sie nicht jedes Mitglied. Gerade die japanischen Anhänger vertrauten ihr noch nicht gänzlich. Und sie sollten recht damit haben. Insgeheim sammelte Vermouth  Unterlagen gegen ihren Boss, während sie parallel Männer in den Vereinigten Staaten für die Organisation rekrutierte. Aber Anokata nahm nicht jeden. Gut zwei Drittel der Männer die Vermouth als passabel ansah, wurden umgebracht. Das restliche Drittel durfte mit niederen Aufgaben ihre Loyalität unter Beweis stellen. Anokata hielt sie an der kleinen Leine. Sie würde sich trotz allem weiterhin beweisen müssen. Vor allem jetzt.
Nachdem ihr Leibwächter sie vor einem Angriff schützte, war er auf eine tägliche Krankenversorgung angewiesen. Sowohl ihr Manager – der auch ein Mitglied der Organisation war – als auch Anokata kümmerten sich um Ersatz. Und so trat Ryan Matthews in ihr Leben. Er wurde von oben bis unten durchleuchtet und schließlich als geeigneter Kandidat für die Aufgabe ausgewählt. Er war immer in ihrer Nähe und schützte sie aus dem Verborgenen heraus. Mehrere Monate verbrachte sie mit ihm in Japan und fing an ihm zu vertrauen. Es schien, als würde er genau wissen, welche Knöpfe er bei ihr drücken musste, damit sie plauderte wie ein altes Waschweib. Aber das reden tat ihr gut. Alles von der Seele sprechen…
Dennoch ging Ryan nie auf ihre Avancen ein. Es spornte sie an und sie fühlte sich immer mehr zu dem Mann hingezogen, der sich nicht für sie interessiere – bis sie erfuhr, warum. Manche würden es einen glücklichen Zufall oder Schicksal nennen, für sie aber war es Verrat.
Sie hatte in Japan eine private Angelegenheit zu regeln und ließ Ryan bereits vorfliegen. Wäre sie nicht ungeplant zwei Tage zuvor nach New York gekommen, wäre alles anders verlaufen. Während sie im Taxi saß, ging er mit seiner Frau spazieren. Zuerst hatte sich Vermouth nichts dabei gedacht, aber als sein Kind nach seiner Hand griff, begriff sie, dass etwas Faul war. Und dann fiel sein Kartenhaus langsam in sich zusammen. Jetzt war er ihr Verdächtiger geworden und es brauchte nicht lange, bis sie seine wahre Identität herausfand. Sie spielte ihm wochenlang etwas vor, nutzte seine kurzen Abwesenheiten um seine Sachen zu durchwühlen und stellte gezielt Fragen, die sie langsam ihrem Ziel immer näher brachten. Irgendwann war sie seiner Frau nach Hause gefolgt, hatte sich verkleidet und ihr als Staubsaugenvertreter Fragen über ihren Mann gestellt. Mit einer winzigen Information hatte sie die Antworten schließlich schwarz auf weiß. Ryan Matthews war in Wahrheit FBI Special Agent Starling.  
Vermouth blickte in die Einfahrt zum Haus der Starlings. Sie würde sich nicht nur um ihn kümmern, auch seine Frau hatte es verdient zu leiden. Zuerst sie, dann er. Seine Tochter sollte als Waisenkind in Furcht weiterleben. Anokata hatte ihr versichert, dass das Mädchen bei einer Freundin war und sie somit freie Hand hatte. Er würde nicht einmal mit ihr rechnen. Offiziell befand sie sich in einem Wellness-Hotel und ließ es sich gut gehen.

Agent Starling betrat sein Haus und hing seine Jacke an den Kleiderständer. Auf Zehenspitzen marschierte er in die Küche. „Da bin ich“, sagte er und drückte seiner Frau einen Kuss auf die Wange. „Schläft Jodie schon?“, wollte er wissen.
Die junge Amerikanerin schüttelte mit dem Kopf. „Sie wartet im Wohnzimmer auf dich. Wollte dir unbedingt noch Gute-Nacht sagen. Du kennst ja unsere Tochter. Wenn sie sich mal etwas in den Kopf gesetzt hat…“
Starling lächelte. „Die Sturheit hat sie von mir.“
„Daddy!“ Jodie kam in die Küche gelaufen und umklammerte sofort seine Beine. „Du warst heute nicht beim Abendessen“, fing sie an. „Wir haben gewartet und gewartet, aber dann hatte ich großen Hunger und hab alles von meinem Teller aufgegessen.“
Der Agent hob sie nach oben. „Gomen nasai“, antwortete er. „Das ist japanisch und heißt: Es tut mir leid“, erklärte er. „Ich bin noch ein paar Wochen in diesen Fall eingespannt. Aber wenn er erst einmal abgeschlossen ist, muss ich nicht mehr so lange weg sein.“
„Versprochen?“, wollte die Siebenjährige wissen.
Starling nickte. „Und was hör ich da, du möchtest nicht schlafen gehen?“
Jodie schüttelte sofort vehement den Kopf. „Nicht solange ich dir nicht Gute-Nacht sagen durfte.“
„Was hältst du davon, wenn du jetzt nach oben in dein Zimmer gehst, dir deine Schlafsachen anziehst und ich dann vorbei komme und dir eine Gute-Nachtgeschichte vorlese?“
„Das wäre toll!“ Die Augen des Mädchens strahlten.
Der Agent lächelte. „Das habe ich von meiner Kleinen erwartet.“ Er ließ sie wieder nach unten und Jodie lief sofort aus der Küche. „Vergiss das Zähne putzen nicht“, rief er ihr nach. Starling schüttelte den Kopf. „Unsere Kleine ist schon eine Wucht.“
„Sie weiß, wie man jemanden um den Finger wickeln kann“, antwortete seine Ehefrau. „Hast du Hunger?“
„Tierischen. Ich muss noch einmal kurz ins Arbeitszimmer. In etwa einer Stunde kommt James zur Besprechung.“ Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Lippen und ging nach oben.
Die Frau des Agenten stellte das Essen auf den Küchentisch und goss den letzten Rest Orangensaft in ein Glas. Morgen früh würde sie neuen kaufen.
Ein Knarzen aus dem Wohnzimmer ließ sie aufhorchen. Ohne sich der Gefahr bewusst zu sein, begab sie sich in das angrenzende Zimmer. „Liebling?“
Vermouth blickte ihr überrascht in die Augen.
„Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?“, wollte sie wissen. „Mein Mann…“ Sie verstummte als sie die Waffe in der Hand der fremden Frau sah. Und ein Schalldämpfer. Niemand wird etwas hören, schoss es ihr in den Kopf. Oh Gott…Jodie…
„Wenn Sie nicht wollen, dass Ihnen etwas passiert, bleiben sie jetzt still“, entgegnete die Schauspielerin.
Sie erkannte die Lüge in den Augen ihres Gegenübers. Sie hatte ihr Gesicht gesehen und würde die Nacht nicht überleben, außer es geschah ein Wunder. Die junge Frau biss sich auf die Unterlippe. Sie war zwar gut, wenn es darum ging sich selbst zu verteidigen, aber wie konnte sie ihre Familie aus der Schusslinie bringen und ihren Mann warnen?
„Braves Mädchen“, gab Vermouth von sich. „Und jetzt gehen wir gemeinsam nach oben.“ Das Organisationsmitglied bewegte sich nach vorne.
Es tut mir so leid, Jodie. Die Frau des Agenten begab sich in den Flur. Würde sie jetzt nach oben gehen, würde sie ihre Tochter in Gefahr bringen. „Es tut mir so leid“, wisperte sie leise und lief in das Badezimmer im Erdgeschoss. Auch wenn es ihr Ende werden würde, musste sie nur genügend Lärm machen, damit sich ihr Mann und ihre Tochter in Sicherheit bringen konnten.
Vermouth folgte ihr und drückte ohne zu zögern ab. Ein Handtuch wurde nach ihr geworfen, dann erfolgte ein Schrei und die Frau des Agenten lag auf dem Boden in ihrer Küche. „Du dummes Ding“, antwortete das Organisationsmitglied. Sie fühlte den Puls der Toten und schüttelte den Kopf. „Wie töricht du doch gewesen bist.“
„Liebling?“ Der Agent stand im Flur der ersten Etage. „Ist alles in Ordnung?“
Vermouth richtete sich auf. „Ja, alles bestens“, imitierte sie die Stimme der Toten. „Ich hab mich nur gestoßen.“
„Ich komme gleich runter“, kam es wieder von dem Agenten, der kurz darauf in sein Arbeitszimmer zurück kehrte. Dieses Mal ließ er nur das Licht seiner Tischlampe an. Der Agent setzte sich an seinen Computer, notierte die neusten Erkenntnisse in Bezug auf die Organisation und druckte den Bericht aus. Er streckte sich. „Hoffentlich ist es bald vorbei“, murmelte er.
„Das wird es, Ryan.“
Agent Starling sah nach oben. Seine Augen weiteten sich. „Sharon…wie kommst du…“ Er stand auf und griff nach seiner Waffe.
„Das würde ich an deiner Stelle nicht tun. Du möchtest doch nicht, dass ich Jagd auf dein kleines Töchterchen machen werde.“
Der Agent knurrte. „Lass sie aus dem Spiel.“
„Unter einer Bedingung. Sag mir wo die Akten sind.“
„Im Büro“, antwortete er.
„Treib keine Spielchen mit mir“, begann sie wütend. „Du weißt ganz genau, dass ich dort meine Leute habe. Du wärst dumm, wenn du dort Akten lagern würdest. Also? Wo sind sie?“
Der Agent verengte die Augen. „Wenn ich dir sage, wo ich die Informationen aufhebe, lässt du Jodie und meine Frau dann in Ruhe?“
„Bei deiner Frau kann ich es nicht mehr versprechen“, entgegnete die Schauspielerin.
Agent Starling ließ sich unweigerlich in seinen Stuhl zurück fallen. „Du hast…du hast…sie…“
„Aber deinem kleinen Töchterchen muss es nicht so ergehen. Gib mir die Informationen und ich lass sie in Ruhe.“
Der Agent schluckte. „Sie sind im Keller“, murmelte er. „Der Zugangscode ist 1-6-0-5.“ Er würde ihr alles geben, wenn sie Jodie nichts antäte. Eigentlich schien Vermouth Kinder zu mögen, aber was würde sie tun, würde sie Jodie auf dem Flur oder im Haus antreffen? Starling hoffte inständig, dass seine Tochter in ihrem Zimmer bleiben und warten würde.
„Danke sehr. Du bist ein schlauer Mann, du weißt, dass ich zurück komme und dein Kind jagen werde, wenn deine Informationen falsch waren“, antwortete Vermouth und drückte ab. „Jetzt brauch ich dich aber nicht mehr.“
Der Agent sackte in sich zusammen und rutschte vom Stuhl.
„Sayonara“, murmelte sie. Jetzt war es vollbracht, jetzt war sie von ihm befreit. Sie ging zu ihm, nahm ihm seine Brille ab und drapierte sein Gesicht in die richtige Position. Die Brille war eine Trophäe, die sie immer an diesen Verrat erinnern sollte.
Langsam öffnete sich die  Tür des Arbeitszimmers. Ein kleines Mädchen, mit Teddybären in der Hand, blickte mit großen Kulleraugen auf die Schauspielerin. „Wer sind Sie?“
Vermouth war überrascht, fing sich aber schnell. „Das ist ein großes Geheimnis. Ich kann es dir nicht verraten….“
„Das ist Papas Brille“, kam es von dem Mädchen.
„Oh. Entschuldige“, sagte sie. „Hier, nimm sie.“
Jodie sah zu ihrem Vater. „Was ist mit ihm? Ist er eingeschlafen?“, fragte sie in ihrer kindlichen Art. „Dabei hat er mir eine Gute-Nachtgeschichte versprochen.“
„Es tut mir leid. Bleibst du an seiner Seite, bis er wieder aufwacht?“
„Ja“, nickte Jodie und lief zu ihm. Sie setzte sich neben ihren Vater. „Können wir die Tischlampe anlassen? Ich habe Angst im Dunkeln.“
„Natürlich“, antwortete Vermouth. In dem Licht würde das Mädchen die Verletzungen ihres Vaters nicht wahrnehmen.
Langsam verließ die Schauspielerin den Raum und ging nach unten. Aus dem Wohnzimmer holte sie ihre Tasche und einen Kanister mit Benzin. Danach ging sie in den Keller. Die Kombination stimmte und als sie die vielen Akten sah, war sie überrascht. Hatte Starling so viel über sie und die Organisation herausgefunden? Mit den Fingerspitzen strich sie über den Ordnerrücken. Sie hatte keine Zeit um die Informationen zu prüfen und tränkte die Räume mit Benzin. Sollten sie doch wissen, dass die Organisation dahinter steckte. Es wäre ihnen eine Lehre und ein Versprechen zugleich.
Vermouth verließ den Keller und bereitete auch das Erdgeschoss entsprechend vor. Sie warf einen Blick auf die Treppe und zögerte. Die Schauspielerin zog ihr Handy heraus und wählte die Nummer die sie einst auswendig gelernt hatte. Es war ihnen verboten diese zu speichern und in der Anrufliste zurück zu lassen.
„Wie weit bist du?“, wollte die Stimme am anderen Ende der Leitung wissen.
„Fertig. Warum hast du mich belogen? Das Kind ist hier“, zischte sie.
„Hast du etwa Skrupel? Bring es zu Ende!“
Bevor Vermouth etwas erwidern konnte, wurde aufgelegt. Sie sah ein weiteres Mal nach oben und verfluchte den Tag. Zwei Treppenstufen auf einmal nehmend, begab sie sich in den oberen Flur und öffnete die Tür des Arbeitszimmers.
Jodie hockte weiterhin neben ihrem Vater und döste. Etwas in ihr hatte sich geregt.
„Jodie?“, fragte die Schauspielerin leise.
Das Mädchen setzte sich richtig auf und rieb sich die Augen. „Mhm…wo ist meine Mama?“, wollte sie leise wissen.
„Sie schläft“, antwortete Vermouth. „Was hältst du davon, wenn wir deine Eltern schlafen lassen und ihnen morgen einen Tag nur für sich allein lassen?“
„Und was ist mit mir?“, fragte das Mädchen.
„Du kannst heute Nacht mit zu mir kommen. Ich hab eine große Wohnung.“
Jodie überlegte. „Papa sagt, ich darf nicht mit Fremden mit gehen.“
„Aber ich bin keine Fremde, ich bin eine Freundin deines Papas. Wollen wir ihn wecken und fragen?“, kam es von der Schauspielerin.
„Au ja“, sagte Jodie sofort. Sie sah zu ihrem Vater hoch. „Papa…“, begann sie und rüttelte an seiner Hose.
„Du darfst ruhig mit ihr gehen“, antwortete Vermouth mit der Stimme ihres Vaters. „Sie wird auf dich aufpassen. Sei ein braves Mädchen und tu, was sie dir sagt, ja?“
„Jaaaa“, kam es von Jodie. Sie stand auf und nahm ihren Teddybären. In der anderen Hand hielt sie immer noch die Brille ihres Vaters. „Ich komm morgen wieder. Versprochen. Dann kannst du mir die Gute-Nachtgeschichte vorlesen.“
„Das werde ich. Schlaf gut, ich hab dich lieb.“
„Ich hab dich auch lieb, Papa“, sagte das Kind und umarmte ihren Vater.
Vermouth schluckte. Dafür würde Anokata bezahlen. Irgendwann. „Gehen wir.“ Sie ging wieder zur Tür und als Jodie ihr folgte, marschierte sie nach draußen zu ihrem Wagen. Vermouth setzte das Mädchen nach hinten. „Warte hier. Ich muss noch meine Tasche holen.“
Jodie nickte und legte sich auf die Rückbank. Sie schlief schnell ein.
Vermouth ging zurück zum Haus, zog eine Schachtel Streichhölzer hervor und zündete eines an. Sie betrachtete die Flamme, ehe sie das Streichholz in den Hausflur warf. Sofort setzte sich das Feuer in Gang und folgte den Spuren des Benzins. Die Schauspielerin lief zurück zu ihrem Wagen und setzte sich auf den Fahrersitz. Sie warf einen flüchtigen Blick auf Jodie, ehe sie los fuhr. Das würde sie Anokata erklären müssen.
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