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Wo die Toten schlafen

KurzgeschichteDrama, Familie / P12
28.07.2019
28.07.2019
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Hey zusammen :)
Dieser Oneshot entstand für das Sommerwichteln auf belletristica.com, nun möchte ich ihn aber auch hier mit euch teilen. Viel Spass beim Lesen!


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Gierig sog er die kühle Nachtluft in seine Lungen. Zum ersten Mal seit Wochen hatte es geregnet und den Gestank von Leid und Tod wenigstens für den Moment verdrängt. Er warf einen Blick nach rechts und links, die Strassen waren wie leergefegt. Intuitiv schlug er eine Richtung ein und folgte dieser. Die Bewegung lenkte ihn ab. Wenn auch nicht genug um die Bilder zu vergessen, die sich für immer in sein Gedächtnis gebrannt hatten.

Seine Mutter hatte ihn immer mon rayon de soleil genannt - ihren kleinen Sonnenschein. Das letzte Mal als sie ihn so genannt hatte, war ihr Körper bereits von schwarzen Pusteln bedeckt gewesen. Zwei Tage später war sie gestorben. Womit sie aber immer noch länger durchgehalten hatte als sein Vater. Dieser war der Pest als einer der ersten zum Opfer gefallen, drei Jahre zuvor. Maurice erinnerte sich nicht mehr genau an ihn. Allgemein erinnerte er sich an weniges, was vor diesem Grauen lag. Dennoch versuchte er weiterzukämpfen. Er wollte leben. So schrecklich alles im Moment wirken mochte, er wusste, dass es nicht immer so gewesen war. Irgendwann wurde es schon besser. Das musste es.

Ohne es recht zu bemerken, hatte er den Stadtrand hinter sich gelassen. Die Häuser lagen hier weniger dicht beieinander. Auch diese Gegend rief eine Erinnerung in ihm hervor. Lebte hier nicht die Schwester seiner Mutter? Wahrscheinlich war sie auch schon längst fort. Tot oder geflüchtet. Maurice wünschte, er könnte auch flüchten. Alleine hätte er das vielleicht auch getan, aber Mireille war noch zu klein um sie mitzunehmen. Es war schon ein Glück, dass seine kleine Schwester und er überhaupt ein Obdach gefunden hatten. Ihr Glück war das Leid anderer gewesen. Fast zeitgleich mit dem Tod ihrer Eltern hatten ihre Nachbarn ihre Kinder an die Pest verloren. Mireille und er brauchten Eltern und besonders ihre Nachbarin Adelais brauchte etwas, um die entstandene Leere in sich zu füllen. Alles in allem also hätte er sich glücklich schätzen müssen. Doch Adelais war nunmal nicht seine Mutter, Jean nicht sein Vater. Und er traute sich nicht, den beiden das Vertrauen und die Zuneigung zu schenken, die sie eigentlich verdient hätten.

Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete er die Umgebung. Sehen tat er nicht wirklich etwas, doch von weitem hörte er ein Scharren... Er war im Begriff darauf zuzugehen, als er auch hinter sich etwas hörte. Mit zitternden Finger tastete er nach dem fast stumpfen Brotmesser, welches er immer bei sich trug. Ihm war klar, wie nutzlos das Ding war, aber vielleicht reichte es ja, um seinem nächtlichen Verfolger Angst einzujagen. Wenn nicht, konnte er immer noch wegrennen.

"Maurice?", vernahm er eine dünne, unsichere Stimme und steckte das Messer sofort wieder weg. "Mireille! Was tust du hier, du solltest schon längst schlafen!" Er war schockiert, wie lange sie ihm gefolgt war, ohne, dass er sie hörte. Was wäre nur geschehen, wenn sie ihn aus den Augen verloren hätte? Hätte sie den Weg nachhause überhaupt wieder gefunden?

"Du auch", konterte sie. Nun da sie sich sicher war ihren Bruder vor sich zu haben, war von Unsicherheit nichts mehr zu spüren. Ob er mit vier Jahren auch schon so selbstbewusst gewesen war? Maurice bezweifelte es.
"Du solltest nicht hier sein", fuhr er fort.
"Du auch nicht", war ihre Erwiderung. Es hatte keinen Sinn mit einer Vierjährigen zu diskutieren. Zumal sie Recht hatte. Versöhnlich nahm er die Hand seiner kleinen Schwester, jetzt wo der Mond hinter den Wolken zum Vorschein gekommen war, konnte er seine Umgebung besser erkennen.

"Lass uns nachhause gehen." Sie waren noch nicht weit gegangen, da hörten sie wieder dieses Geräusch. Diesmal auch Stimmen.
"Was ist dort?", fragte seine Schwester und verrenkte sich fast den Hals während sie in die Dunkelheit stierte.
"Ich weiss es nicht."
"Lass uns nachschauen." Ehe er auch nur den Mund öffnen konnte um Worte des Protests auszustossen, marschierte Mireille auch schon los. Mit Maurice im Rücken war sie sogar noch etwas forscher als gewöhnlich und da er eigentlich ja selbst sehen wollte was da vor sich ging, folgte er ihr dicht auf den Fersen. Sein Herz schlug schneller, aber nicht vor Angst, sondern wegen einer Aufregung, die er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Früher hatte er es geliebt durch die Strassen zu streifen, alles zu beobachten, Neues zu sehen. Seit sie bei Adelaise und Jean lebten, gab es das nicht mehr. Zu gross war ihre Angst, dass die Kinder sich mit der Pest infizieren könnten und so blieben sie fast immer drinnen. Für Mireille war das nicht ganz so schlimm, sie hatte ihre Puppen, mit denen sie sich tagein tagaus vergnügte. Für ihn stand sie Sache schon etwas anders. Er half im Haushalt und wenn Jean ihm ein Stück Holz nachhause brachte schnitzte er. Ja, manchmal liess er sich in seiner Langeweile sogar dazu hinreissen mit Mireille und ihren dummen Puppen zu spielen. Doch etwas interessantes erlebt? Das hatte er sicher schon zwei Jahre nicht mehr.

Hinter einer halb eingefallenen Mauer blieben sie stehen. Vor ihnen breitete sich eine kleine Ebene aus, die neben dem Mondlicht von einem halben Dutzend Laternen beleuchtet wurden. Ungefähr ebenso viele Männer waren bei der Arbeit.

Leichte Nebelschwaden zogen vorüber und verdeckten einen Teil, doch Maurice hatte längst entdeckt um was es ich handelte. Noch schlimmer: Auch Mireille konnte es nicht entgangen sein. Und wie die Eigenart der Kinder eben so war, dauerte es nur einen Moment, bis die erste Frage aus ihrem Mund schoss. "Was ist das?" Fieberhaft suchte Maurice nach einer Lüge, die er ihr präsentieren konnte. Er log sie nicht gerne an, besonders, weil sie selbst in ihrem jungen Alter intuitiv wusste, wenn er ihr nicht die Wahrheit sagte. Trotzdem musste er es versuchen. "Die graben bestimmt nach einem Schatz."

Mireille runzelte die Stirn. "Gräbt man einen Schatz denn nicht aus? Schau mal was der da macht!" Sie deutete auf einen Mann, der einen in Leinentuch eingewickelten Körper in sein kaltes Grab zerrte. Und dann noch einen. Und den nächsten. Maurice packte seine kleine Schwester an der Hand und setzte sich mit ihr auf den Boden, allerdings so, dass sie die Ebene im Rücken hatten. Alleine das Geräusch der Erde, welche auf die toten Körper gehäuft wurde, bereitete ihm schon eine Gänsehaut.

"Was machen die da, Maurice?" Er wusste nicht ob es an seiner eigenen Unruhe lag die sie spürte, oder ob sie doch selbst etwas ahnte, auf alle Fälle war Mireille auf einmal den Tränen nahe. Und nichts quälte ihn so sehr wie sie weinen zu sehen. "Weisst du..." Er rang nach den richtigen Worten. "Wenn Menschen sterben, muss man sie beerdigen. Das ist wie... Wie wenn Mama dich früher ins Bett gebracht hat. Du hast ja auch nicht einfach irgendwo geschlafen. Du hattest deinen Platz."

Mireille war ganz ruhig, er konnte fast sehen, wie es in ihrem Hirn arbeitete. "Dann schlafen die Toten also nur? Wann wachen denn Mama und Papa wieder auf?" Schnell wischte er sich eine verräterische Träne weg. "Gar nicht. Sie schlafen so tief, dass sie gar nicht mehr aufwachen." Nicht wissend, wie sie ihren Bruder trösten sollte, schlang sie ihre Arme um ihn. "Aber schlafen die Toten sonst nicht auf einem Friedhof? Ich habe keine Grabsteine gesehen." Manchmal wünschte er sich, seine Schwester wäre etwas einfacher gestrickt. Stattdessen überlegte er sich eine Erklärung, bei der sie hoffentlich nicht gleich in Tränen ausbrach. Und er gleich mit dazu.

"Die Friedhöfe sind voll. Es ist so, als würden sie sich ein Zimmer teilen." Damit gab sich Mireille tatsächlich zufrieden und lange herrschte Schweigen zwischen den beiden Geschwistern. Den einen Arm hatte er um Mireille geschlungen, mit der anderen zupfte er Grashalme aus dem Boden.
"Maurice?"
"Hmm?"
"Wenn wir sterben... Will ich mir mit dir das Zimmer teilen." Ihre Worte kamen aus tiefstem Herzen und auch wenn das Thema ihres Gesprächs alles andere als heiter war, musste er lächeln. Selbst in der dunklesten Stunde wusste sie sie die richtigen Worte, um ihm wieder Mut zu machen.
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