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Ein neues Leben

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16 / Gen
John Gage OC (Own Character) Roy DeSoto
28.07.2019
21.11.2019
8
30.275
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31.07.2019 3.926
 
Am nächsten Morgen wurde John durch Geräusche aus der Küche geweckt. Langsam stand er auf und ging ins Bad. Es war eine kurze Nacht gewesen. Das Gesicht, das ihm aus dem Spiegel entgegenblickte bestätigte den wenigen Schlaf. John spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht um etwas wacher zu werden. Danach zog er sich um und ging in die Küche. Dort fand er Jessie wie sie gerade das Frühstück vorbereitete. Sie hatte das Radio eingeschaltet und summte zur Musik während sie Eier und Speck in einer Pfanne rührte. John lehnte sich an den Türrahmen und beobachtete die Szene eine Zeit lang. Als Jessie die Pfanne vom Herd nahm und zum Tisch ging sah sie John. „Guten Morgen. Ich hoffe ich habe dich nicht geweckt.“ „Guten Morgen. Nein hast du nicht. Das Frühstück sieht gut aus.“, John ging zum Tisch und schnupperte. „Ist auch fertig. Setz dich. Ich hol noch den Kaffee.“ „Vergiss es. Du setzt dich jetzt hin und ich hol den Rest. Immerhin bist du hier der Gast.“, John lächelte und nahm ihr die Pfanne aus der Hand. Jessie stutzte kurz und setzte sich dann hin. Eine ganze Zeit lang saßen sie schweigend da. John merkte, dass Jessie nur in ihrem Essen herumstocherte. „Wann sollen wir heute in der Kanzlei sein?“, unterbrach John das schweigen. Jessie zuckte zusammen. Die Frage riss sie aus ihren Gedanken. Sie überlegte kurz: „Um zwei.“ „Na dann haben wir ja noch viel Zeit.“, John versuchte die Stimmung etwas zu heben. „Hmm…“, war alles was Jessie antwortete. Sie legte die Gabel auf den Teller. Wenn sie an diesen Termin dachte wurde ihr schlecht. Der Anwalt würde ihnen das Testament verlesen. Das hatte etwas Endgültiges. Jessie wusste, dass ihr Vater wollte, dass sie bei John bleiben sollte, aber da war sie sich nicht so sicher ob das wirklich eine so gute Idee war. Der Klos in ihrem Hals wurde immer größer und ihr Magen rebellierte immer stärker. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich darauf sich nicht übergeben zu müssen.
John stand auf, kniete sich neben ihren Stuhl und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Jessie….es ist in Ordnung. Du musst hier nicht die tapfere spielen. Ich versteh dich. Es wird besser. Glaub mir das.“, John sprach leise zu ihr. ‚Wie kann er das nur sagen? Nichts weiß er. Gar nichts. ‘, Jessie wurde innerlich immer ärgerlicher auf John. „Rede bitte mit mir.“, flehte John. Jessie riss die Augen auf. John konnte die Wut darin sehen, aber darauf war er vorbereitet. Er hatte sich die ganze Nacht über Gedanken gemacht warum Jessie am Abend zuvor so Gefühllos über den Tod ihres Vaters gesprochen hatte. Ihm war eingefallen was Dr. Brackett ihm und Roy einmal über ein Traumatisches Erlebnis erzählt hatte. Es gibt Personen ddie erst Monate oder Jahre später eine Reaktion zeigen. „Was willst du hören? Das es mir leid tut für meinen Vater? Das es mir dreckig geht?“, Jessie brüllte los, „Was bringt es zu reden? Nichts!!!“ Sie sprang so schnell vom Stuhl auf das dieser nach hinten umkippte. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, der ganze Körper war angespannt und sie atmete schwer. John griff nach ihrem Arm, aber Jessie war schneller. Sie drehte sich von ihm weg und war mit ein paar schnellen Schritten durch die Hintertür verschwunden. John eilte ihr sofort nach. Schon am Stall hatte er sie eingeholt. Er hielt sie am Arm fest. „Verdammt…lass mich los!“, Jessie wehrte sich vehement gegen Johns Griff. Tränen liefen ihr das Gesicht hinunter. John zog sie näher an sich heran und nahm sie fest in den Arm. Erst wehrte sie sich dagegen. Dann fühlte John wie ihr Körper sich langsam entspannte. Sie schluchzte und die Tränen wollten nicht aufhören zu fließen. Plötzlich spürte John wie Jessie immer mehr in sich zusammensackte. „Hey…Jessie. Was ist los?“, besorgt griff er unter ihre Arme und half ihr stehen zu bleiben. Sie antwortete ihm nicht. „Jessie!“, immer noch keine Antwort. John brachte sie auf die Veranda und setzte sie auf einen Stuhl. Er griff nach ihrem Handgelenk und kontrollierte ihren Puls. Er war schwach und sehr langsam. „Es…es geht gleich wieder.“, endlich brachte sie ein Wort heraus. John brachte sie ins Wohnzimmer und jetzt schlief sie auf der Couch. Er war in der Küche und nahm das Telefon. „DeSoto“, meldete sich Roy am anderen Ende. „Hey Roy. Hier ist Johnny.“ „Hi Kleiner. Ist alles in Ordnung?“, Roy hörte, dass John angespannt war. „Ja….ich meine Nein. Ähm….ich weiß nicht.“, John stammelte. Er wusste nicht wie er Roy alles erklären sollte. „Johnny was ist passiert.“ „Jessie hatte gerade einen Zusammenbruch. Sie hat mir gestern alles erzählt und da hab ich schon gemerkt, dass sie noch nicht alles verarbeitet hat und heute Morgen ist es dann passiert.“ „John ich kann dir nicht so ganz folgen. Was ist denn mit ihrem Vater passiert?“ „Ihr Vater ist erschossen worden und hatte dann einen Autounfall. Jessie war die erste am Unfallort und hat ihren Vater sterben sehen.“ Roy schluckte. Aus Erfahrung wusste er wie schrecklich ein Anblick bei einem Autounfall sein konnte und wie frustrierend es war jemandem nicht helfen zu können, aber er konnte sich nicht vorstellen wie schlimm es war wenn es der eigene Vater war der dort lag. „Roy? Bist du noch dran?“, John riss ihn aus den Gedanken. „Ja. Ich….ich habe nur gerade versucht mir vorzustellen was Jessie gerade durchmachen muss.“ „Ich verstehe was du meinst.“ „Willst du sie zu Dr. Brackett bringen?“ „Nein im Moment denke ich nicht das es nötig ist. Roy? Kann ich sie heute Abend mitbringen? Ich wollte dir doch beim Zaun helfen und ich habe Jenny und Chris versprochen zu kommen.“ „Na klar. Überhaupt kein Problem.“ „Danke. Dann bis später.“

Jessie wachte langsam auf. Sie brauchte einen Moment um zu realisieren wo sie war. Langsam setzte sie sich auf und stellte die Beine auf den Boden. Ihr war schwindelig. Sie blieb sitzen bis der Schwindel vorbei war. Sie hörte wie jemand die Tür öffnete. „Ich wollte dich gerade wecken. Ist alles in Ordnung?“, John kam ins Zimmer und setzte sich neben sie auf die Couch. „Mir war eben etwas schwindelig, aber jetzt ist es Ok.“, Jessie antwortete ehrlich und schenke ihm ein leichtes lächeln. „Ok. Komm doch mit in die Küche. Dann kannst du noch was essen und dann müssen wir auch bald los.“ „Ich habe wirklich keinen Hunger John.“ „Ich weiß, aber zumindest ein bisschen was musst du essen.“ Jessie verdrehte die Augen und folgte ihm ihn die Küche.

Die Fahrt zur Kanzlei verbrachten beide in absolutem Schweigen. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Als John vor dem großen Bürogebäude parkte blieb Jessie im Wagen sitzen und rührte sich nicht. „Na komm schon. Bringen wir es hinter uns.“, John legte eine Hand auf ihren Arm. Er spürte, dass sie zitterte. Traurig sah sie ihn an und nickte. Dann stiegen beide aus.
Das Büro des Anwalts befand sich im fünften Stock des Gebäudes. Sie mussten nicht warten. Mr. Green trat aus einer der Türen und bat die beiden in sein Büro zu kommen. Sie setzten sich auf die Stühle auf der einen Seite des Schreibtisches. Mr. Green setzte sich auf die andere Seite.
„Sie wissen warum Sie heute hier sind?“, fragte er. Beide nickten. Er nahm einen verschlossenen Umschlag aus einer Akte und öffnete ihn. „Ich verlese Ihnen nun das Testament von Mr. Gregory Adam Reese. Ich, Gregory Adam Reese, lege folgendes fest. Einen Teil meines Vermögens geht an meine Tochter Jessica Yves Marie Reese. Ein Anteil erhält John Roderick Gage wenn er die Vormundschaft für meine Tochter bis zu ihrer Volljährigkeit übernimmt. Sollte mein Haus in Afrika sich noch in meinem Besitz befinden soll es an meine langjährige Haushälterin Sinah übergeben werden.“, der Anwalt stoppte und sah die beiden vor sich an, „Haben Sie soweit alles versanden?“ „Ja.“, kam es unisono zurück. „Gut: Das Vermögen von Mr. Reese beläuft sich auf Das Privatvermögen beläuft sich auf 70.000 $. Mrs. Reese besitzt bereits ein Teilvermögen von 50.000 $ aus einer Erbschaft. Dieses Geld ist in einem Ausbildungskonto angelegt und kann auch nur für solche Zwecke benutzt werden. Ihnen Mr. Gage steht ein Anteil von 10.000 $ zu. Des Weiteren muss ich ihnen mitteilen, dass Mr. Reese einen Antrag bei Gericht gestellt hat, dass Mrs. Reese bereits mit 18 Jahren für Volljährig erklärt wird. Dieser Antrag wird zu gegebener Zeit geprüft. Ihnen Mrs. Reese muss ich mitteilen, dass Sie nochmals nach Afrika reisen müssen. Sie müssen endgültig klären was mit den Sachen aus dem Haus geschieht. Der Transport wird von dem jetzigen Besitzer der Firma ihres Vaters übernommen. Ebenfalls müssen sie klären wie ihr Vater beerdigt werden soll. Ich habe gestern die Nachricht der Untersuchungsbehörde erhalten, dass der Leichnam freigegeben worden ist. Sie müssen in drei Tagen dort sein. Ein Flug ist bereits gebucht.“ „Einen Moment bitte. Jessie soll alleine nach Afrika? Ist das Ihr ernst?“, John war entsetzt. „Es steht ihnen frei sie zu begleiten Mr. Gage, aber sie haben im Moment noch keine Entscheidungsbefugnis. Alles was in Afrika passiert läuft über unsere Kanzlei.“, der Anwalt wirkte unterkühlt. „Ist schon gut John. Was ist mit der Vormundschaft?“, Jessie legte John eine Hand auf den Arm um ihn zu beruhigen. „Die Vormundschaft tritt sofort in Kraft wenn die entsprechenden Formulare unterzeichnet sind und das Gericht dem zustimmt. Sie werden von einer Mitarbeiterin des Jugendgerichtes geprüft werden Mr. Gage. Sie wird sich vielleicht auch mit ihrem Vorgesetzten unterhalten. Wann das stattfinden wird kann ich ihnen aber nicht sagen.“ „In Ordnung.“, John war komplett überfordert mit so vielen Informationen. „Das wäre fürs erste alles was ich Ihnen sagen kann. Alles weiter werden wir klären wenn Mrs. Reese aus Afrika zurück ist.“ John und Jessie schüttelten dem Anwalt die Hand und gingen aus dem Büro.
Wieder an der frischen Luft atmeten beide tief durch. „Wie wäre es mit einem Spaziergang. Ich muss den Kopf frei bekommen.“, fragte John mit einem Seitenblick auf Jessie. „Bin ich sofort dabei.“ Sie gingen schweigend nebeneinander her. Plötzlich ergriff Jessie Johns Hand. Wenn man die beiden so sah konnte man denken, dass sie ein verliebtes Paar waren. John grinste bei diesem Gedanken. „Was gibt’s zu lachen?“, wollte Jessie wissen. „Nichts. Komm wir setzen uns.“ „John. Willst du wirklich die Vormundschaft für mich übernehmen?“, fragte Jessie unsicher. „Ja ich denke schon, aber ganz ehrlich habe ich auch etwas Angst davor. Wir kennen uns nicht so wirklich und ich weiß nicht wie ich es schaffen soll mit meiner Arbeit. Ich bin alle drei Tage für 24 Stunden weg.“, John sah zu Boden. „Das mit deiner Arbeit ist ja jetzt nicht so das Problem. Immerhin bin ich schon 17 und kann sehr gut auf mich selbst aufpassen und wenn das mit dem Antrag klappt wäre es ja auch nicht für lange.“ „Darum geht es nicht Jessie. Wie lange es dauert ist mir egal. Ich will nur nichts falsch machen. Greg scheint viel Vertrauen in mich zu haben wenn er mir das wichtigste gibt was er hatte.“, er sah Jessie an, „Ich will ihn nicht enttäuschen.“ „Ich bin kein kleines Kind mehr John. Hier geht es um Formalien. Der Rest ist doch egal.“, verwirrt sah John Jessie an. „Sobald ich Volljährig bin werden sich unsere Wege wieder trennen. Das steht doch sowieso schon fest.“ John blieb der Mund offen. Wie konnte Jessie nur davon ausgehen, dass sie ihm so egal war. „Nein das steht definitiv nicht fest.“ Jessie sah ihn an und ihre Augen glänzten. John legte einen Arm um ihre Schultern und zog sie näher an sich heran. Jessie legte den Kopf auf seine Brust. Eine Zeitlang blieben sie einfach so stehen. „Wir müssen los. Ich will noch beim Cap vorbei und fragen ob ich frei bekomme. Dann fahren wir zu Roy.“ „Ok.“, John merkte, dass Jessie nervös war.
Als sie am Haus von Captain Stanley ankamen stieg John aus. Jessie blieb zuerst sitzen folgte ihm aber dann. Er klingelte und Emily öffnete ihm die Tür. „Hallo John. Was bringt dich hier her?“ „Hallo Emily. Ich muss den Cap etwas fragen. Ist er zu Hause?“ „Ja natürlich. Er ist im Garten. Komm doch herein.“ „Danke. Darf ich dir noch jemanden vorstellen. Das ist Jessie.“ „Hallo Jessie. Ich bin Emily Stanley.“ Die beiden Frauen schüttelten sich die Hände. „Hallo Mrs. Stanley.“ In dem Moment betrat Hank den Flur. Er hatte die Stimmen gehört. „Hallo John. Gibt es ein Problem?“ „Hallo Cap. Nein kein Problem. Nur eine Frage. Ich bräuchte die nächsten zwei Schichten Urlaub. Meinen Sie das es geht?“ Hank verstand sofort. „Ich werde Fragen, aber viel Hoffnung kann ich dir leider nicht machen. Derzeit sind viele Sanitäter krank.“ „Danke Cap. Oh….das ist Jessie.“, John hatte sie fast vergessen. „Hab ich mir schon gedacht. Hallo Jessie. Ich bin Captain Hank Stanley. Der Chef von dem Chaoten hier.“, Hank lachte als er Johns Gesicht bei diesem Kommentar sah. Auch Jessie lächelte. „Wollt ihr beiden was trinken?“, schaltete sich Emily ein. „Nein danke Emily. Wir sind auf dem Weg zu Roy. Ich habe versprochen ihm bei etwas zu helfen und die beiden Zwerge wollen mich auch unbedingt mal wieder sehen.“ „Na dann lasst euch nicht aufhalten.“, der Cap öffnete die Tür und sie gingen zum Auto.

John parkte seinen Rover vor Roys Haus. Als die beiden ausstiegen hörten sie schon die beiden Kinder im Garten. Jessie blieb stehen. Sie wusste nicht ob sie dafür bereit war. Eine glückliche Familie. Das erinnerte sie zu sehr an das was sie nicht mehr hatte. John sah sie an. „Alles in Ordnung?“ „Ja…alles in Ordnung.“, Jessie atmete tief durch. John wollte gerade klingeln als die Haustür aufflog und Jenny aus dem Haus stürmte. „Onkel Johnny. Endlich bist du da.“, sie viel John um den Hals. „Jenny…meine Süße. Wie geht es dir?“ „Gut. Ich will dir unbedingt zeigen was wir heute in der Schule gemacht haben.“ „Da bin ich gespannt drauf.“ John nahm sie auf den Arm, „Bevor wir rein gehen würde ich dir gerne noch jemanden vorstellen. Das ist Jessie. Sie ist so etwas wie meine Schwester.“ Jenny sah Jessie misstrauisch an. Jessie hielt ihr die Hand entgegen. „Hallo Jenny. Es freut mich dich kennen zu lernen.“ Jenny sah erst John und dann Jessie an und streckte ihr dann die Hand entgegen. „Hallo ich bin Jenny DeSoto.“
Joanne hatte die ganze Szene von der Tür aus beobachtet und lächelte. ‚Die beiden werden sich bestimmt gut verstehen.‘, dachte sie bei sich. „Jenny…jetzt lass John doch erst mal ankommen.“, sagte sie und nahm Jenny von Johnnys Arm, „Geh und sag deinem Vater Bescheid das John da ist.“ Jenny lief sofort los. „Hallo Jessie. Ich bin Joanne.“, ohne zu zögern nahm Joanne sie in den Arm. Jessie war absolut verdutzt. „Es freut mich sie kennen zu lernen Mrs. DeSoto.“, sagte sie etwas unsicher. „Nenn mich nicht so. Da fühl ich mich so alt.“, Joanne lachte. Jessie sah total verunsichert zu John. Auch er lachte. „Hey ihr drei. Wollt ihr da draußen Wurzeln schlagen?“, rief Roy von drinnen. „Nein wir kommen ja schon.“, Joanne verdrehte die Augen und schob Jessie ins Haus. Drinnen erwartete sie schon Chris der John sofort in Beschlag nahm. „Onkel Johnny. Du musst mir nachher unbedingt helfen ein Schiff zu bauen.“ „Mach ich gerne, aber ich hätte da einen Tipp für dich. Frag mal Jessie. Die hat mal auf einem Schiff gelebt. Wenn einer Ahnung von Schiffen hat dann bestimmt sie.“, John zwinkerte ihm zu. „Aber Onkel Johnny, das ist ein Mädchen.“, Chris sah erstaunt aus. „Chris!“, Joanne sah ihn streng an. Jessie und John unterdrückten ihr Lachen. Chris sah Jessie eine Zeitlang an und fragte dann: „Kannst du Holzschiffe bauen?“ „Bestimmt. Zeig mir doch einfach mal was du hast.“, war Jessies Antwort. Das war das Stichwort für ihn. Er lief, gefolgt von Jenny, los um den Baukasten zu holen.
Joanne ging in die Küche und John brachte Jessie nach draußen auf die Veranda. Weiter hinten im Garten war Roy damit beschäftigt eine kaputte Stelle im Zaun zu reparieren. John ging zu ihm um ihm zu helfen. Jessie blieb auf der Terrasse stehen und sah sich um. Sie spürte, dass jemand an ihrer Hand zog. Es war Jenny. Chris hatte den Baukasten geholt und auf den Tisch gestellt der auf der Terrasse stand. Zusammen machten sie sich an die Arbeit. Da Jenny zu klein war um von ihrem Stuhl richtig an den Tisch zu kommen nahm Jessie sie kurzerhand auf den Schoß. Während sie das Schiff zusammenbauten erklärte Jessie Chris geduldig wie jedes Teil des Schiffes hieß und für was es gut war. Joanne stand an der Tür der Terrasse und sah sich das ganze Schauspiel mit einem Lächeln an, dann ging sie zurück in die Küche um etwas zu trinken zu holen. Auch John und Roy beobachtete die Szene. „Die beiden sind einfach großartig.“, bemerkte John beiläufig. „Jessie ist aber auch nicht schlecht.“, sagte Roy. Die beiden sahen sich an und machten sich wieder an die Arbeit. Sie wollten schnell fertig werden. Joanne kam mit den Getränken zurück und stellte jedem ein Glas mit Eistee auf den Tisch. Dann ging sie zu Roy und John: „Wie lange braucht ihr zwei noch?“ „Gerade fertig geworden.“, war die Antwort von Roy. „Gut. Dann fang ich an das Essen vorzubereiten.“, Joanne gab ihrem Mann einen Kuss und verschwand wieder im Haus. „Papa….Onkel Johnny!!“, rief Chris, „Wir haben ein Segelschiff gebaut.“ Chris hielt stolz das Schiff in die Höhe. „Und ich habe geholfen.“, kam es voller Stolz von Jenny. „Das habt ihr beiden richtig gut gemacht.“, lobte Roy. „Ich will jetzt ausprobieren ob es auch schwimmt.“, Chris lief in Richtung Pool. Roy wollte schon etwas sagen, aber er wurde von John unterbrochen: „Schon gut. Ich geh mit ihnen.“ „Danke.“, sagte Roy und ging ins Haus um sich zu waschen.
Jessie nutzte die Chance und ging ebenfalls ins Haus. Sie fand Joanne in der Küche. „Kann ich dir etwas helfen?“ Erschrocken drehte sich Joanne um. „Oh entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken.“, sagte Jessie schuldbewusst. „Schon in Ordnung. Ich habe dich nicht gehört. Wenn du magst kannst du mir beim Gemüseschneiden helfen.“ „Gerne.“ Zusammen standen die Frauen in der Küche und schnitten das Gemüse. „Wie alt bist du Jessie?“, fragte Joanne. „17.“ „Gehst du noch zur Schule?“ „Nein.“ „Wo bist du zur Schule gegangen?“ „In Paris.“ „Und dein Vater war in Afrika?“ „Ja.“ „Das war doch sicher schwer für dich, oder?“ „Es ging. Ich war es gewohnt.“, Jessie zuckte mit den Schultern. Joanne gab es auf eine Unterhaltung mit ihr zu führen. Zum Glück kam Roy in diesem Moment in die Küche und löste Jessie ab. Jenny und Chris bestanden darauf, dass sie sich ansehen sollte wie schön das Schiff schwimmen konnte.
„Na habt ihr beiden euch etwas unterhalten?“, Roy klang fröhlich. „Naja was man so Unterhaltung nennen kann.“, Joanne schien frustriert. „Wie meinst du das?“ „Ich habe Fragen gestellt und sie hat geantwortet, aber mehr als Ja und Nein kam nicht dabei raus.“ Roy zog die Augenbrauen zusammen. Irgendwas stimmte da nicht.
Alle zusammen saßen auf der Terrasse und aßen. Joanne und Roy hatten große Mühe die vier „Kinder“ zum Essen zu bekommen. Sie wollten lieber weiter durch den Garten tollen. Beim Essen erzählte Chris alles was Jessie ihm über Schiffe beigebracht hatte und Jenny musste ihrem Onkel Johnny unbedingt von ihrer letzten Stunde in der Schule erzählen. Die einzige die während der ganzen Zeit nichts sagte war Jessie. Johnny half Joanne das Geschirr in die Küche zu bringen. Als sie alleine waren sagte Joanne: „John….Jessie ist sehr still und sie hat noch weniger gegessen als Jenny. Ich mache mir Sorgen.“ „Ja ich weiß. Ich hoffe das sich das bald legt.“, John sah zu Boden und seufzte.
Zusammen gingen sie zurück auf die Terrasse. „Jenny, Chris Zeit fürs Bett.“, Joanne scheuchte die beiden auf. „Och Mama…“, maulte Chris. „Keine Wiederworte. Los jetzt.“ „Aber nur wenn Tante Jessie und Onkel Johnny uns ins Bett bringen.“, Jenny verschränkte die Arme vor der Brust. Jessies Augen waren weit aufgerissen. Sie wollte etwas sagen, aber kein Ton kam aus ihrem Mund. „Ok, Ok.“, Joanne gab sich geschlagen. Johnny lachte und nahm Jenny auf den Arm und trug sie ins Haus. Jessie blieb mit Chris zurück. „Komm schon Tante Jessie.“; Chris nahm ihre Hand und zog sie ins Haus.
Nachdem John und Jessie die beiden ins Bett gebracht hatten kamen sie wieder zurück auf die Terrasse. Jessie blieb in der Nähe der Terrassentür stehen. „Es tut mir leid.“, sagte sie und wirkte sehr unsicher. „Was tut dir leid?“, Roy hatte eine Ahnung was los war. „Ich wollte nicht, dass Jenny und Chris mich Tante nennen.“, ihr Blick war auf den Boden gerichtet. Roy sah Joanne an, stand dann auf und legte ihr die Hände auf die Schultern. „Jessie. Es ist alles in Ordnung. Die beiden mögen dich einfach und für sie gehörst du zu John. Dann ist es nur natürlich, dass du eine Tante bist.“, er wartete bis sie zu ihm aufsah, „Die beiden sind nicht schnell zu beeindrucken, aber du hast das in nicht mal einer Stunde geschafft. Sie mögen dich wirklich.“ Ein leichtes Lächeln huschte über ihre Lippen. War aber sehr schnell wieder verschwunden. John merkte, dass die Situation langsam zu viel für sie wurde und sagte deshalb: „Wir sollten jetzt lieber fahren. Es ist schon spät und morgen haben wir noch viel zu erledigen.“ „Ich bringe euch zur Tür.“, sagte Joanne und brachte die beiden nach draußen. Sie winkte ihnen zum Abschied.

Als sie zu Hause waren verschwand Jessie sofort in ihrem Schlafzimmer. Sie war erschöpft. Dieser Tag brachte viele schmerzhafte Erinnerungen. Schnell war sie eingeschlafen. John setzt sich mit einem Glas Wasser ins Wohnzimmer. Er hatte sie beobachtet wie liebevoll sie mit Jenny und Chris umgegangen war. Er erinnerte sich an die Zeit als seine Eltern starben und ihr Vater genauso liebevoll für ihn gesorgt hatte. ‚Sie sieht zwar fast aus wie ihre Mutter, aber das Herz hat sie definitiv von ihrem Vater‘, dachte er. Eine Weile saß er noch im Wohnzimmer und hing seinen Gedanken nach. Als er schließlich auch ins Bett gehen wollte hörte er wie Jessie ins Bad rannte. Sofort lief er nach oben. Die Badezimmertür stand offen. Er sah Jessie wie sie sich über der Kloschüssel gebeugt übergab. Leise ging er hinein, holte einen Waschlappen aus dem Schrank und machte ihn nass. Als sie fertig war gab er ihr den Lappen und half ihr aufzustehen. Sie war sehr wackelig auf den Beinen. Ohne zu widersprechen bracht John sie in sein Schlafzimmer und setzte sie auf sein Bett. Dann ging er nochmals ins Bad und brachte ihr ein Glas Wasser. Mit zitternden Händen trank sie ein paar Schlucke und gab ihm das Glas zurück. Er stellte es auf den Nachttisch. „Besser?“, fragte er und setzte sich neben sie aufs Bett. Jessie nickte. „Wie wäre es wenn du heute Nacht hier schläfst?“, er wagte kaum zu fragen. Jessie sah ihn ungläubig an und schien zu überlegen. Dann nickte sie. „Dann komm.“, John hob die Decke an und Jessie legte sich sofort darunter. John zog sich aus und legte sich mit dem Gesicht zu ihr. Er hörte ihren schnellen Atem. Das erste Mal seit sie da war hatte er Zeit sie genauer zu betrachten. Ihre schmalen Wangen, die dunklen Haare und diese Augen. Ihr Haut Ton, der sofort verriet, dass sie indianischer Abstammung sein musste. Die große und schmale Gestalt. ‚Verdammt ich sehe mir gerade meine fast Schwester an und nicht irgendeine Frau mit der ich vielleicht mal was anfangen will.‘ Er merkte nicht, dass Jessie wieder wach geworden war und sich gerade die gleichen Gedanken machte.
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