Ein neues Leben

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16
John Gage OC (Own Character) Roy DeSoto
28.07.2019
07.09.2019
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Es war ein typischer Tag für die Männer der Einheit 51. Chet kam zu spät und musste die Toiletten putzen, John und Marco reinigten die Schläuche, Mike bereitete das Mittagessen vor und der Captain war in seinem Büro mit Papierkram beschäftigt.

Bis jetzt war es eine ruhige Schicht. Der Einsatzwagen hatte erst einen Einsatz der sich als Fehlalarm entpuppte und der Löschwagen wurde noch gar nicht angefordert. John und Marco waren fertig mit den Schläuchen und gingen zu Mike in die Küche. Roy öffnete das Tor um die Fahrzeuge nach draußen zu fahren damit er die Halle putzen konnte. Er setzte sich zuerst in den Einsatzwagen und fuhr ihn ins Freie. Als er ausstieg und zurück zur Station gehen wollte hörte er hinter sich: „Entschuldigen sie Sir.“ Roy drehte sich um und sah einen jungen Mann in Anzug vor sich stehen. „Kann ich ihnen helfen?“, fragte Roy. „Ist das Station 51?“, fragte der Mann und zeigte auf das Gebäude. „Ja. Suchen sie jemand bestimmten?“ „Arbeitet hier ein John Roderick Gage?“ „Ja. Kommen sie mit.“, sagte Roy und wunderte sich über diesen Besucher. Als Roy mit dem Fremden die Station betrat kam der Captain gerade aus seinem Büro. „Cap, das ist…“, fing Roy an zu erklären. Wurde aber von dem Fremden unterbrochen: „Mein Name ist Simon Green. Ich bin Anwalt und müsste mit John Roderick Gage sprechen. Ich habe eine Nachricht für ihn.“ Der Captain schüttelte die Hand die Mr. Green ihm entgegenstreckte. Er hob die Augenbrauen und sagte zu Roy: „Roy tu mir den Gefallen und hol John.“ An den Anwalt gewandt sagte er: „Ich bin Captain Stanley. Warum begleiten sie mich nicht in mein Büro.“ Roy und der Captain sahen sich kurz an und Roy zuckte mit den Schultern. Dann ging er in den Aufenthaltsraum um John zu finden.

Roy betrat den Raum und sah John am Herd. Er goss sich gerade eine Tasse Kaffee ein. Roy ging zu ihm und flüsterte ihm zu: „Junior, du musst sofort zum Cap ins Büro. Da wartet ein Anwalt auf dich.“ John stellte seine Tasse schnell auf den Tresen und starrte Roy ungläubig an. „Ein…ein…Anwalt?“, stammelte er und wurde etwas blass im Gesicht. „Ja. Johnny mach schon. Jetzt geh. So schlimm kann es nicht sein.“, Roy gab ihm einen leichten Klaps auf die Schulter. John schluckte hart und setzte sich in Bewegung. Sobald John den Raum verlassen hatte wurde Roy von drei neugierigen Feuerwehrmännern umringt. „Ein Anwalt? Ist er in Schwierigkeiten?“, platzte Chet hervor. „Ist irgendetwas passiert?“, fragte Marco. Roy hob abwehrend die Hände. „Jungs ich weiß nichts.“

John stand vor der geschlossenen Bürotür des Captain und atmete tief durch bevor er klopfte. „Herein.“ John öffnete die Tür und trat ein. „Sie wollten mich sehen Cap?“, fragte Johnny unsicher. „Setz dich John.“, sagte er und zeigte auf den freien Stuhl vor seinem Schreibtisch. Der zweite Stuhl wurde von einem jungen Mann benutzt. Captain Stanley wartete bis John saß und stellte ihm dann den jungen Mann als Simon Green vor. „Mr. Gage, “, ergriff dieser das Wort, „ich bin hier um ihnen etwas mitzuteilen. Kennen sie einen Gregory Adam Reese?“ Johns Augen weiteten sich als er diesen Namen hörte. Er räusperte sich und antwortete: „Ja. Ich habe nur schon lange nichts mehr von ihm gehört.“ „Ich muss ihnen leider mitteilen, dass Mr. Reese vor vier Tagen verstorben ist.“, Mr. Green nahm ein offiziell aussehendes Schreiben aus seiner Aktentasche, „Dies ist ein Schreiben der amerikanischen Botschaft in Johannesburg. Darin wird bestätigt, dass Mr. Green verstorben ist und dass es offiziell eine Untersuchung der Umständen gibt wie Mr. Reese ums Leben kam.“ John nahm das Schreiben entgegen und begann es zu lesen. Er wurde immer blasser umso mehr er las. Als er fertig war sah er Mr. Green mit Angst in den Augen an. Auf einmal schien ihm etwas einzufallen und er stieß hervor: „Jessie…was ist mit Jessie?“ „Sie meinen die Tochter von Mr. Reese?“ „Ja…ja. Wo ist sie?“, John wurde hektisch. „Beruhigen sie sich Mr. Gage. Sie ist auf dem Weg nach LA. Sie wird in ca. 2 Stunden landen. Mr. Gage, das ist ein Brief von Mr. Reese den ich ihnen übergeben soll. Ich muss jetzt von ihnen wissen ob wir Mrs. Reese zu ihnen bringen können.“ John starrte eine Zeitlang auf den Brief der vor ihm auf dem Tisch lag. Er konnte diese Frage nicht beantworten. „John…“, Captain Stanley war neben ihn getreten, „Ist alles in Ordnung?“ „Ja…ich meine ja natürlich kann Jessie zu mir kommen. Geht das Cap?“, er konnte keinen klaren Gedanken fassen. „Natürlich. Ich werde gleich den Chief anrufen und ihn um einen Ersatz bitten.“, Stanley legte eine Hand auf Johns Schulter. Mr. Green stand auf und reichte John die Hand: „In Ordnung Mr. Gage. Ich werde dafür sorgen, dass Mrs. Reese hier her gebracht wird. Damit haben sie mehr Zeit alles nötige zu regeln. Morgen müssen sie zusammen mit Mrs. Reese zu mir in die Kanzlei kommen. Die Adresse finden sie bei den Unterlagen im Umschlag.“ „Danke.“, John schüttelte die Hand. „Ich bringe Sie nach draußen.“, sagte der Captain und verließ zusammen mit Mr. Green den Raum.
Als John alleine war nahm er mit zitternden Händen den Brief und begann zu lesen: „Lieber John. Wenn du diesen Brief erhältst werde ich Tod sein. Ich weiß nicht wie es passiert sein wird. Es ist auch nicht wichtig. Ich bitte dich John. Pass auf meine kleine Jessie auf. Du weißt, dass sie es noch nie leicht hatte in ihrem Leben und ich kann mir niemand besseren für sie vorstellen als dich. Du kennst sie und ihre Geschichte. Ich bitte dich um diesen letzten großen Gefallen. Für immer. Dein Greg.“ John ließ das Blatt zurück auf den Tisch sinken und stützte seinen Kopf in die Hände. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. ‚Wie alt ist Jessie jetzt? Kann ich für sie sorgen? Ich kenne sie kaum.‘ John merkte nicht, dass der Captain gefolgt von Roy zurück in den Raum kam, „Johnny…“, flüsterte Roy und legte ihm behutsam einen Arm um die Schultern. Der Captain telefonierte mit dem Hauptquartier und schaffte es, dass eine Ablöse für John kommen würde. Er teilte es Roy mit und ließ seine beiden Sanitäter dann alleine.
„Hey Johnny. Ist alles in Ordnung?“, versuchte es Roy wieder. John hob langsam den Kopf und er konnte die Traurigkeit in seinen Augen sehen. Roy wusste, dass er John nicht drängen durfte. Er würde schon mit ihm sprechen wenn er soweit war. John stand auf und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Roy setzte sich halb auf den Schreibtisch und verschränkte die Arme. Geduldig wartete er darauf, dass sein Partner und bester Freund ihm etwas sagte. Roy versuchte sich daran zu erinnern wann er John schon mal so gesehen hatte. Plötzlich kam ihm die Situation in den Sinn als er und John zu einem Einsatz kamen und John den Verletzten als einen guten Freund erkannte. Sie konnten ihm nicht mehr helfen. Er starb im Krankenhaus. Genau in diesem Moment als Dr. Brackett ihnen sagte, dass er es nicht geschafft hatte, hatte John den gleichen Ausdruck in den Augen wie jetzt. Roy wurde nervös: „John! Was ist passiert?“ John blieb stehen. Endlich schien er Roy bewusst wahr zu nehmen. Er ließ sich auf den Stuhl fallen. „Roy…dieser Anwalt…Er hat mir einen Brief gebracht. Aus Afrika. Ein guter Freund von meinen Eltern ist Tod und es ist nicht klar wie es passiert ist. Er hat eine Tochter. Jessie. Sie ist jetzt auf dem Weg hier her und ich soll sie zu mir nehmen.“, John fuhr sich durch die Haare und Roy sah, dass seine Hand zitterte. „Wie alt ist Jessie?“, fragte Roy. „Ich…ich glaube…sie müsste jetzt 17 sein.“ „Du glaubst?“ „Ähm ja. Ich habe die beiden bestimmt seit drei Jahren nicht mehr gesehen.“, John sah Roy an und lächelte schwach. „Keine sehr guten Voraussetzungen.“, bemerkte Roy trocken. „Ich weiß.“, flüsterte John und seufzte, „Ich glaube nicht, dass ich das schaffe. Wie soll ich mich um einen Teenager kümmern?“ Roy wollte gerade antworten als Chet ins Büro stürmte: „Kommt ihr jetzt endlich essen? Ich hab Hunger.“ „Raus hier Chet.“, brüllte Roy. Chet stand wie versteinert da. Das war er von Roy absolut nicht gewohnt. „Schon gut Roy. Wir kommen gleich Chet.“, beschwichtigte John. Chet schüttelte den Kopf und ging zurück in die Küche. „Roy geh du zu den anderen zum Essen. Ich geh in den Umkleideraum und zieh mich um. Mir ist der Appetit vergangen.“ „Ok.“ Zusammen verließen sie das Büro. Roy bog in die Küche ab und John ging weiter in den Umkleideraum.
Vier Augenpaare starrten Roy an, als er in die Küche kam. Er setzte sich auf seinen Platz und nahm sich etwas vom Auflauf den Mike zubereitet hatte. „Alles in Ordnung?“, fragte der Cap und Roy wusste, dass er Johnny meinte. „Ich glaube schon.“, antworte Roy und stocherte in seinem Essen herum. „Wo ist John? Hat er keinen Hunger?“, fragte Marco vorsichtig. Bevor Roy antworten konnte ergriff Captain Stanley das Wort: „Jungs. John hat in einer privaten Angelegenheit noch einiges zu regeln. Deshalb wird Anderson für ihn einspringen. Er ist in einer Stunde da. Bitte lasst John in Ruhe.“ Den letzten Satz richtete er hauptsächlich an Chet. „Ich hatte nicht vor ihm auf die Pelle zu rücken.“, verteidigte dieser sich sofort. Marco und Mike verdrehten die Augen. Der Alarm ging los und der Löschwagen wurde zu einem Hausbrand gerufen.
Währenddessen stand John im Umkleideraum am Waschbecken und starrte in den Spiegel. Viele Erinnerungen waren mit Greg verbunden. Viele davon waren nicht angenehm. Wie sollte er seinen Freunden und vor allem wie sollte er Roy alles erklären ohne viel von sich selbst erzählen zu müssen? Er kannte Jessie schon seit sie geboren wurde. Ihr Vater und seine Mutter waren Indianer und beide hatten sich für einen weißen Partner entschieden. Lange lebten die Familien Tür an Tür bis Greg, nach dem Tod seiner Frau, sich dazu entschloss in Afrika ein komplett neues Leben anzufangen. Danach gab es nur noch Briefe, ab und zu ein Telefonat und zwei oder drei kurze Besuche. John wusste aber von seiner Tante, dass er es Greg zu verdanken hatte, dass er zu ihr kommen konnte. Wie auch immer er das geschafft hatte. John trocknete sich das Gesicht und die Hände ab und ging dann zu seinem Spind. Er hörte den Alarm und alle Muskeln seines Körpers spannten sich an. Als er hörte, dass nur der Löschwagen zum Einsatz gerufen wurde entspannte er sich und begann sich umzuziehen und seine Tasche zu packen. Er sah auf die Uhr. Es war noch mehr als eine Stunde Zeit bis Jessie da sein würde. Da ihm nichts Besseres einfiel brachte er seine Tasche zu seinem Rover und ging dann zu Roy in die Küche. Dieser erledigte gerade den Abwasch. Ohne ein Wort nahm sich John ein Handtuch und trocknete ab. „Weißt du schon wer dich ablöst?“, frage Roy und wollte damit ein normales Gespräch anfangen. Dankbar nahm John das Gespräch an: „Nein. Wer?“ „Anderson.“ „Immerhin ist es nicht Brice.“ „Oh ja. Noch eine Schicht überlebe ich nicht mit dem Kerl.“, Roy verzog das Gesicht, „Das letzte Mal musste ich mir bestimmt vier Mal erklären lassen wie man den Medikamentenkoffer richtig packt.“ „Das war bestimmt hart.“, sagte John und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Die nächste halbe Stunde verbrachten sie mit Erzählungen über ihre Schichten mit Ersatzleuten und aufräumen.
Sie hatten sich beide mit einer Tasse Kaffee versorgt und saßen vor der Station bei den Autos als sie jemanden in der Station rufen hörten: „Hallo?“ John war der erste der zurück in der Station war. Er blieb wie vom Schlag getroffen stehen. Roy sah an ihm vorbei. An der anderen Seite am offenen Tor stand eine junge Frau. Roy vermutete, dass sie Jessie war und er sollte Recht behalten. Nachdem sich John vom ersten Schreck erholt hatte ging er auf die junge Frau zu und ohne jedes weitere Wort nahm er sie in den Arm. Roy sah die einzelne Träne die ihr am Gesicht herunterlief. Er ging in die Küche um den beiden ihre Privatsphäre zu geben.

Weder John noch Jessie wusste wie lange sie so dastanden. Sie hielten sich einfach fest. Keiner von beiden war der Freund großer Worte. Schon gar nicht wenn es um ihre Gefühle ging. Als John sie endlich los ließ wischte sie sich mit dem Ärmel ihres Pullovers über die Augen und sah ihn an. „Hi John. Lange nicht gesehen.“, brach Jessie das Schweigen. „Zu lange würde ich sagen. Wie geht es dir?“, John sah, dass sie sehr blass war. „Den Umständen entsprechend würde ich sagen. Im Moment einfach nur erledigt von der langen Reise.“, Jessie seufzte. „Wie wäre es mit etwas zu trinken? Außerdem würde ich dir gerne noch jemanden vorstellen.“ „Trinken wäre super. Ich fühle mich als hätte ich ohne Wasser die Sahara durchquert.“ „Das würde ich dir sogar noch zutrauen.“, John kicherte. Dafür kassierte er einen leichten Schlag auf den Oberarm. „Aua…Nimm doch schon mal deine Tasche und bring sie zu dem weißen Rover. Das ist meiner. Ich hol dir was zu trinken.“ „Also ein Gentleman bist du jetzt nicht gerade.“ „Hey immerhin hol ich das Wasser.“ Jessie verdrehte die Augen, nahm ihre Tasche und den Rucksack und ging zum Auto.
John schlüpfte in die Küche und sah Roy auf der Couch. Er ging zum Kühlschrank, nahm eine Flasche Wasser heraus und sagte: „Hey Roy. Komm doch bitte mit nach draußen. Ich will dir Jessie vorstellen.“ „Gerne.“ Roy stand auf und folgte John nach draußen. Jessie schloss gerade die Autotür als sie das Auto erreichten. Sie streckte Roy die Hand entgegen und lächelte: „Hallo. Mein Name ist Jessica Yves Marie Reese.“ Roy nahm die Hand die Jessie ihm entgegenstreckte und erwiderte das lächeln: „Hallo. Mein Name ist Roy DeSoto. Feuerwehrmann und Sanitäter auf Station 51 und seit 5 Jahren Johnnys Partner.“ „Wie hält man das 5 Jahre mit dem aus?“, Jessie zwinkerte. „Jetzt ist aber Schluss. Hier…dein Wasser.“, John warf ihr die Flasche zu. Roy sah sich Jessie genauer an. Sie hatten den gleichen Haut Ton und die gleichen dunklen Haare wie John nur das ihre Haare ihr bis über die Schulter reichten. Aber sie hatte nicht diese braunen Augen. Ihre waren heller. Ja schon fast grün. Trotz der weiten Kleidung konnte Roy sehen, dass sie sehr schlank war. Auf ihrem dunkelblauen Sweatshirt standen die Buchstaben ASP und darunter war ein Segelschiff abgebildet. Jessie bemerkte, dass Roy sie musterte. „Was ist so interessant?“, fragte sie. „Ähm nichts.“, Roy errötete. In dem Moment fuhr ein Auto auf den Parkplatz. „Anderson…Danke das du einspringst.“, rief John ihm zu als er ausstieg. „Kein Problem Gage.“, Anderson winkte und verschwand im Gebäude. „Ok dann geh ich besser auch zurück zur Arbeit.“; sagte Roy und drehte sich Richtung Gebäude. „Hey Roy.“ „Ja.“ „Pass auf dich auf.“ „Mach ich.“

John und Jessie stiegen in den Wagen und fuhren los. „Wohin fahren wir John?“ „Zu mir nach Hause. Ich habe eine kleine Farm etwas außerhalb der Stadt.“ „Wow. Ich bin beeindruckt. Entschuldige wenn die Frage sehr privat ist, aber Roy und du ihr steht euch sehr nah oder?“ „Ja Jessie. Ich weiß nicht wie ich es erklären soll, aber Roy ist wie ein Bruder für mich und seine Kinder und Joanne, seine Frau…sie sind Familie. Auch wenn wir nicht wirklich verwandt sind. Verstehst du was ich meine?“ Ihre Antwort war kaum hörbar: „Ja…das versteh ich.“ John sah zu ihr hinüber. Jessie sah aus dem Fenster und schien tief in Gedanken versunken zu sein. Erst jetzt sah John den Verband an ihrem linken Arm. „Jessie…was ist passiert?“, John nahm vorsichtig ihre Hand und drückte sie leicht. Sofort zog Jessie die Hand weg und zog die Ärmel ihres Pullovers bis über die Hände. John runzelte die Stirn. An Jessies Reaktion merkte er, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Den Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend.

Als sie zur Zufahrt zur Farm kamen sagte John mit Stolz: „Herzlich Willkommen zu Hause.“ „Hey das sieht toll aus.“ Sie stiegen aus und gingen ins Haus. „Nicht sehr groß, aber es reicht.“ Jessie sah sich vorsichtig um: „Man sieht, das hier keine Frau wohnt, aber ich finde es super.“ „Was möchtest du zuerst machen?“ „Eine Dusche wäre toll.“ „Dann komm.“, John brachte sie in den ersten Stock. Von dem kleinen Flur gingen vier Türen ab. Die erste war das Badezimmer. Die zweite führte in John´s Schlafzimmer. Auf der Gegenüberliegenden Seite gab es ein Gästeschlafzimmer und einen leeren Raum. John trug Jessies Tasche ins Gästeschlafzimmer: „Entschuldige bitte, dass es nicht freundlicher ist. Ich habe keinen Besuch erwartet.“ Im Zimmer stand ein Bett, ein Nachttisch und eine Kommode. Mehr Möbel gab es nicht. Jessie war das egal. Sie war nur froh, dass sie nicht alleine war. Sie merkte, dass John sich schämte und beeilte sich daher zu sagen: „Hey ich habe ein Bett zum Schlafen und eine Kommode für meine Sachen. Das ist genug Luxus. Beim campen hat man wesentlich weniger.“ „Stimmt. Ich leg dir frische Handtücher ins Bad und seh dann mal nach den Pferden.“ „Pferde?“ „Jep.“, John zwinkerte und ließ Jessie alleine.
Jessie ließ sich auf das Bett sinken. Alles fühlte sich so falsch an. Sie gehörte nicht hier her. Sie kämpfte gegen die Tränen an, aber sie verlor den Kampf. Tränen der Trauer, der Angst und der Hilflosigkeit liefen ihr das Gesicht hinab. John stand vor ihrer Tür und hörte das leise schluchzen. Er wagte es aber nicht Jessie zu stören. Mit einem seufzen ging er die Treppe hinunter und zum Stall.

Er hatte gerade Kaffee aufgesetzt als Jessie die Treppe hinunter kam. Sie trug eine Jeans und ein T-Shirt. Die nassen Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden. Sie wirkte noch jünger als sie war. Etwas schüchtern betrat sie die Küche. „Brauchst du was?“, fragte John und stellte die Kaffeebohnen zurück in den Kühlschrank. „Ähm…Ja. Ich bräuchte einen neuen Verband.“, Jessie streckte ihm den linken Arm entgegen. Auf der Unterseite sah John eine lange und tiefe Schnittwunde. „Darf ich mir das etwas genauer ansehen?“, John fragte vorsichtig. Er konnte sich noch gut an ihre Reaktion im Auto erinnern. „Ja Ok.“ „Setz dich.“ Jessie setzte sich und legte den Arm auf den Tisch. John nahm einen Verbandskasten und eine antiseptische Salbe aus einem der Küchenschränke und setzte sich ihr Gegenüber. „Das ist ganz schön tief. Hat das ein Arzt gesehen?“ „Nein.“ „Na gut. Es scheint nicht entzündet zu sein. Ich mach dir Salbe drauf und verbinde es, aber wenn es rot wird oder es dir sonst irgendwie schlecht geht fahren wir sofort zum Arzt.“, sagte John streng. „Ja Sir.“, war Jessies Antwort und John merkte wie angespannt sie war. „Alles in Ordnung. Ich will nur nicht, dass dir etwas passiert. Ok?“ Jessie nickte. Er beeilte sich die Wunde zu versorgen und sagte: „Magst du auch einen Kaffee?“ „Ja gerne. Hast du Milch? „Milch? Ja, aber was willst du mit Milch und Kaffee?“ „Einen Milchkaffee machen.“, Jessie grinste, „So wie Franzosen es machen.“ John hob eine Augenbraue und sah zu wie Jessie sich eine große Tasse nahm. Dann nahm sie einen kleinen Topf und ließ darin Milch warm werden. Als diese warm war goss sie die halbe Tasse voll mit Milch und füllte den Rest dann mit Kaffee auf. „Et voilà une café au lait.“, Jessie hielt John die Tasse hin. Der nahm die Tasse trank einen Schluck und verzog das Gesicht. „Nein danke nichts für mich.“, er gab Jessie die Tasse zurück und goss sich selbst Kaffee ein, „Lass uns nach draußen gehen.“ Sie verließen das Haus durch die Hintertür und gingen über die Veranda hinaus in Richtung Stall. Neben der Stalltür standen zwei Heuballen. Sie setzten sich hin und beide lehnten sich mit dem Rücken an die Wand. Dies geschah in einem perfekten Gleichklang. Sie sahen sich an und mussten laut lachen.
Nachdem sie sich wieder etwas beruhigt hatten erklärte John wie er zur Farm gekommen war und welche Pferde er hatte. Jessie lauschte gespannt. Auf einmal wurde er ernst: „Jessie…ich würde gerne wissen was mit Greg passiert ist.“ Jessie schloss die Augen und zog die Beine nah an den Körper. Sie schlang die Arme um die Beine und legte den Kopf auf die Knie. Jessie kämpfte mit sich. Sie wollte diese Bilder nicht mehr sehen, aber sie wusste auch, dass John einen Anspruch darauf hatte die Wahrheit zu erfahren. Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrem Rücken: „Ist in Ordnung wenn du nicht darüber reden willst.“ „Doch ich will reden, “, Jessie hob den Kopf, „aber bitte lass mich nur erzählen.“ „Einverstanden.“, John nahm seine Hand weg und lehnte sich wieder gegen die Wand. Jessie atmete tief durch. „Ich bin zu Papa gefahren. Er hat mir erzählt, dass er das Haus in Afrika an unsere gute Fee übergeben hat. Damit war Sinah gemeint. Sie hat das Haus immer in Ordnung gehalten und er wollte, dass sie es gut hat. Er wollte zurück nach Amerika. Um wieder mit mir zusammen leben zu können. Wir hatten fast alles was wir mitnehmen wollten gepackt als das Telefon klingelte. Paps musste zum Hafen. Es gab Probleme mit dem Container. Ich wollte mit, aber er hat es nicht erlaubt. Ich sollte Sinah helfen. Ich war böse auf ihn. Er hat sich ins Auto gesetzt und ist los gefahren. Dann hab ich einen Schuss gehört und das nächste war ein Geräusch von Metall. Ich weiß auch nicht warum, aber ich wusste, dass es Paps war. Ich bin einfach los gerannt. Hinter der ersten Kurve hab ich ihn gefunden. Sein Auto war frontal gegen einen Baum geprallt. Ich bin sofort hin. Überall war Blut. Ich weiß gar nicht genau wo das überall her kam. Was ich aber genau gesehen habe war die Schusswunde in seiner Schläfe. Erst hat er noch gelebt, aber er hat zu viel Blut verloren. Als ich ihm helfen wollte habe ich mich an der Scheibe geschnitten. Bis die Polizei kam bin ich dort geblieben.“, Jessie sah John an, „Das war alles.“ John erkannte keinerlei Gefühl in ihren Augen. Es klang als hätte sie etwas erzählt das sie gelesen hatte. John war absolut sprachlos. Er wusste wie es war solche Sachen zu sehen und es war ihr Vater. Wie konnte sie so ruhig davon erzählen?
Plötzlich sprang sie auf und rannte ins Haus. John blieb wie versteinert zurück. ‚Wie kann sie so ruhig bleiben? Ist das wirklich alles?‘ Frage um Frage schoss ihm durch den Kopf. Er stand auf und lief unruhig hin und her. Seine Sorge um Jessie wuchs von Minute zu Minute. Er wollte schon in Richtung Haus gehen als sie auf die Veranda kam. John trat an sie heran. Sie hatte sich eine Strickweste angezogen und hielt die Arme vor der Brust verschränkt. Sie war blass und wirkte müde. John wollte sie in den Arm nehmen, aber sie trat schnell einen Schritt zurück. „Ich wollte etwas zu essen machen. Hast du Hunger?“ „Nein.“ „Ok,“, John ging in die Küche und machte sich ein Sandwich. Jessie blieb auf der Veranda und ließ sich in einen der Stühle fallen. John kam aus der Küche und stellte sich einen Teller mit einem Sandwich und beiden jeweils ein Glas mit Saft auf den Tisch. Sie sah nicht auf. Sie saß regungslos mit überschlagenen Beinen und verschränkten Armen auf ihrem Stuhl. „Erde an Jessie. Bist du noch da?“, John schnipste mit den Fingern. „Was? Ja ich bin noch da.“, Jessie rieb sich die Augen, „Ich bin total erledigt. Diese Zeitverschiebung ist krass.“ „Wie viel Stunden?“ „12 Stunden vor.“, Jessie sah auf die Uhr, „Also wäre es jetzt 6 Uhr morgens. Damit bin ich 24 Stunden auf den Beinen.“ „Willst du nicht lieber Schlafen gehen?“ „Bloß nicht. Dann bin ich heute Nacht wieder wach. Ich muss einfach wach bleiben und dann so normal wie möglich schlafen.“ „Und das funktioniert?“ „Meistens.“ „Wie kann ich dir helfen?“ „Erzähl mir was über dich.“ Damit war der Anfang gemacht. John erzählte ihr alles und sie lachten viel über die Geschichten mit Chet. Dann erzählte ihm Jessie was sie die letzten Jahre so getrieben hatte. Gegen zehn waren beide müde und gingen ins Bett.