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Niemals

von Rockbar
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Dirk "Bela B." Felsenheimer Jan "Farin Urlaub" Vetter
27.07.2019
23.05.2020
6
9.688
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Dieses Kapitel
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16.11.2019 1.208
 
„Und? Wie findest du dich?“

Misstrauisch beäugte sich das Mädchen in Jans Handspiegel und legte die Stirn in Falten.

„Super. Ich sehe aus wie Nana Muskouri in blond. Zumindest von den Haaren“, brummte sie ironisch.

„Der Rest von mir sieht aus wie eine Prostituierte.“

„Ich sag’s ja. An mir ist ein Friseur verloren gegangen“, prahlte Bela. der Leonie einen flotten Haarschnitt verpasst hatte und verstummte schnell wieder, als er in die kritischen Gesichter der restlichen Anwesenden sah.

Jan sagte lieber gar nichts mehr und schnappte stattdessen nach seiner Kamera. Neben der Musik war er leidenschaftlicher Hobbyfotograf und daher dementsprechend bemüht, von Leonie ein Foto für den gefälschten Personalausweis zu schießen, auf dem sie möglichst verändert wirkte. Auf dem Wohnzimmertisch vor dem Fernseher ruhte ein Bild, das sie als 13 Jährige zeigte. Im Vergleich dazu war von dem jungen Mädchen äußerlich nicht mehr viel übrig geblieben. Sie wirkte fast wie eine Erwachsene.

„Am Tag unserer Abreise klatscht du ihr aber bitte nur halb so viel Makeup ins Gesicht, sonst haben die Typen der Rederei nach 5 Minuten den ersten Ständer in der Hose“, wandte sich Jan an Dirk, der mit den Augen rollte.

„Danke für das tolle Kompliment. Ich weiß es zu werten“, zwinkerte das Mädchen und wandte sich kurz von den Männern ab, um ihren Push up BH und das hautenge Oberteil zu richten.

Normalerweise trug sie viel lieber sportliche Kleidung und punkige Outfits, aber die kommende Situation erforderte einen gewissen Imagewechsel, mit dem sie sich nur zähneknirrschend arrangierte.
Jan zückte die Kamera und machte einige Aufnahmen, die er sich wenig später zufrieden besah.
Bela übertrug die Fotos postwendend auf sein Handy, um sie an seinen Kontakt weiterzuleiten.

Zunächst geschah für einige Zeit nichts, ehe das Smartphone die Daten übertrug und Bela die Onlinebezahlung für den Ausweis veranlasste.

Dann, nach über einer Stunde traf die entscheidende Nachricht ein.
Gebannt sah Jan auf seinen Freund, der breit grinste und zufrieden nickte.

„Und? Was ist?“

„Dimitri fragt, ob Leonie noch zu haben ist?“
Jan seufzte genervt.

„Man, Dirk. Was hast du jetzt wieder gemacht? Wir wollten einen Ausweis, keine Hostess Vermittlung.“

„Reg dich ab. War nur ein Scherz. Der Kurier bringt die Papiere heute noch zu Boris und der überreicht sie mir um 12 im Parkhaus vorm Ostbahnhof.“
Jan atmete laut hörbar ein und aus.

„Es ist schon besser, dass ich nach Südafrika mitfahre. Wer weiß, was sonst noch mit ihr passiert. Bei deinen Vermittlungskenntnissen kommt sie am Ende in Thailand an.“
Damit widmete  er sich wieder seinem Laptop, in den er die nötigen Informationen eingab. Leonie war in ihrem Zimmer. Noch ahnte sie nicht, was die Männer planten.

Jan tippte die URL der Rederei in den Browser ein und beantragte kurz darauf zwei Plätze auf dem Frachtschiff.

„Wow, 100 Euro pro Tag. Fast 3000 Tacken für eine Fahrt“, stellte Dirk überrascht fest, weil er damit nicht gerechnet hatte.

„Ich weiß. Schweineteuer, aber der einzig sichere Weg, um auch anzukommen. Ich habe vorhin ein langes Gespräch mit Ralf geführt. Er und seine Frau sind bereit, Leonie bei sich unterzubringen.“

„Und was machst du wenns Probleme gibt? Wenn sie gar nicht nach Afrika will? Ich meine, Südafrika ist ja schon ne Hausnummer.“

Jan starrte für einen langen Moment ins Leere, ehe er wieder zu seinem besten Freund blickte.

„Hat sie denn wirklich eine Wahl?“

„Du wirst es ihr schonend beibringen müssen. Hoffen wir, dass sie die Sache mit Fassung trägt.“


___________________________


„Nach Afrika? Ist das jetzt ein Witz?“

Zwei Stunden später starrte Leonie entsetzt auf ihren Ziehvater, der ihr mühevoll die Neuigkeiten vermittelte.
Bela war mittlerweile zum Treffpunkt aufgebrochen und seit über zwei Stunden unterwegs, was Jan mit einer gewissen Sorge zur Kenntnis genommen hatte.

Er schickte immer noch Stoßgebete gen Himmel, dass sich sein bester Freund nicht hatte erwischen lassen.

„Du könntest dort in Ruhe die Schule zu Ende machen. In der Nähe von Kapstadt habe ich Freunde, die gut auf dich aufpassen werden“, versuchte sich Jan auf das anstehende Gespräch zu konzentrieren, aber entgegen seiner anfänglichen Erwartungen schien seine Gesprächspartnerin alles andere als begeistert.
Nur langsam verarbeitete Leonie die ganzen Informationen.

„Und was ist mit dir?  Ich kenne die doch gar nicht.“

„Ich komm dich dort besuchen. Großes Ehrenwort.“

Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Das Gesicht verdüsterte sich.

Fassungslos sah Leonie dem Älteren mit halb geöffneten Mund entgegen.

„Du willst mich abschieben“, stellte sie dann ziemlich ernüchternd fest und schüttelte mit dem Kopf.

„Du versuchst mich loszuwerden, weil ich dir lästig werde.“
Der Blonde rollte genervt mit den Augen.

„Wir hatten doch schon darüber geredet. Außerdem warst du ganz begeistert davon.“
Abrupt erhob sie sich nach oben und schmiss ihm das neben liegende Kissen entgegen.

„Von Südamerika, Jan. Von Südamerika! Nicht von Afrika. Davon war nie die Rede.“
Fassungslos stemmte sie die Hände in die Hüften und schnellte zur Tür, die sie kurz darauf mit einem lauten Knall zuschlug, ehe sie mit der Tür des Gästezimmers gleich tat.

Jan blieb ziemlich überfordert zurück. Er hatte die Situation vorab völlig falsch eingeschätzt und war davon ausgegangen, dass sie keinerlei Einwände hatte. Müde versenkte er den Kopf in den Handinnenflächen. Der Alptraum schien kein Ende zu nehmen.

Nachdem er sich etwas gesammelt hatte, versuchte er wiederholt Bela anzurufen, bei dem sich zum unzähligen Mal die Mailbox meldete.

Verdammter Felsenheimer. Der hatte mit Sicherheit wieder Mist gebaut.

Nachdenklich ließ sich der Blonde schließlich auf seiner Couch nieder und starrte für einige Minuten ins Leere, ehe Bewegung in seinen Körper kam.
Es war Zeit für einen Song. Die Worte lagen ihm förmlich auf der Zunge. Er musste sie nur noch zu Papier bringen.
Gerade als er sich Stift und Notizbuch geschnappt hatte, ließ ihn das Klingeln des Telefons zusammenzucken. Ziemlich nervös sah er zu seinem Handy. War das Bela? Hatte Jan Recht und sein Freund hatte Mist gebaut?
Zu seiner Überraschung entpuppte sich der Anrufer als eine andere Nummer. Es war seine ehemalige Schwägerin. Leonies Tante.

Eigentlich war sie die Letzte, mit der er jetzt sprechen wollte, aber wenn er nicht abnahm, kam sie vielleicht vorbei und dann war die nächste Katastrophe vorprogrammiert.

„Hannah? Hallo“, meldete sich Jan und vernahm kurz darauf die traurige Stimme der jungen Frau.

„Hallo Jan“, begrüßte die Ende 30 Jährige den Blonden und meldete dann gleich ihren anstehenden Wunsch an.

„Ich wollte fragen, ob wir uns vielleicht treffen können, um noch einmal über Simone zu reden? Das würde mir sehr gut tun, weil ich mir immer noch viele Gedanken mache.“

Unentschlossen versuchte Jan ein Seufzen zu unterdrücken. Das passte ihm überhaupt nicht, aber er musste gute Miene zu bösem Spiel machen und um jeden Preis verhindern, dass sie persönlich vorbei kam.

„An welchen Tag hast du denn gedacht?“, fragte er frei heraus. Die Antwort kam postwendend.

„Vielleicht diesen Freitag? Im Bonanza. Natürlich nur, wenn es passt?“

Das Café war Simones Lieblingscafé gewesen. Hier hatte sie sich oftmals mit Jan verabredet, als sie sich in den Anfängen ihrer Beziehung befanden.

„Das lässt sich einrichten, aber ich würde mich einfach nochmal bei dir melden“, sagte er unverbindlich zu, was sie sofort verstand.

Kurz darauf hatten sie sich verabschiedet.

Schwer seufzend legte Jan sein Telefon bei Seite. Aktuell schienen sich die Ereignisse zu überschlagen.
Er setzte sich wieder an den Text. Die Ideen schienen zu sprudeln.
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