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Niemals

von Rockbar
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Dirk "Bela B." Felsenheimer Jan "Farin Urlaub" Vetter
27.07.2019
23.05.2020
6
9.688
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18.08.2019 1.589
 
Am nächsten Morgen wurde Farin als Erster wach. In einem Anflug von Panik schaute er leise ins Gästezimmer. Seitdem er Simone tot aufgefunden hatte und Leonie bei ihm war, lebte er in ständiger Angst vor einer Wiederholungstat.

Die Unberechenbarkeit der Depression hatte sein Urvertrauen erschüttert und seiner Einschätzung von menschlichem Verhalten einen harten Stoß versetzt.

Berechenbar war maximal der Postbote, der morgens die Zeitung brachte. Alles andere ließ sich schwer durchschauen.

Zu seiner Beruhigung bewegte sich der Brustkorb des Mädchens gleichmäßig auf und ab. Sie schlief selig, was Jan nutzte, um mit dem Hund eine morgendliche Runde Gassi zu gehen.

Natürlich auch, weil er sich ein Bild machen wollte, wie aktuell die Nachbarn tickten. Wann sie zur Arbeit aufbrachen und wie lange die morgendliche Routine dauerte. Das waren wichtige Kenntnisse, um die anstehenden Wochen durchzuplanen.

Im noblen Berliner Vorortsvillenviertel ließen sich die Millionäre zwar ungern gegenseitig in die Karten schauen, aber besonders einige Ärzte und Unternehmer, die hier hausten hatten einen ungebrochenen Gerechtigkeitssinn, der mit Sicherheit nicht davor zurück schreckte, ein vermisstes Mädchen an die Polizei auszuliefern.

Jan grüßte freundlich, als ein Nachbar im Bademantel nach draußen trat und die Zeitung holte. Er gab sich höflich. Da er normalerweise die meiste Zeit des Jahres im Ausland verbrachte, blieb kaum die Möglichkeit enge Kontakte zu knüpfen.
Er lief die übliche Runde, legte noch einen kurzen Stopp beim Bäcker ein und zog sich dann wieder in die eigenen vier Wände zurück.
Dank seinem Architekten für Gartenbau hatte man vom Eingangsbereich keine Einsicht aufs Haus, wodurch glücklicherweise niemand bemerkte, dass Leonie genüsslich gähnend aus dem Gästezimmer trat.
Müde rieb sich der Teenager die Augen, ehe sich ihre Blicke mit Jans trafen.
Die Begeisterung des Blonden hielt sich in Grenzen, denn Leonie hatte sich dunkel geschminkt und kurzfristig die Haare frisiert.

„Jetzt guck nicht so. Du warst für den Imagewechsel.“

„Imagewechsel ja. Zombieoutfit nein“, brummte Jan und zog kritisch die Augenbrauen nach oben.

„Glückwunsch. Jetzt bringen sie dich nicht mehr in die Psychiatrie, sondern direkt in die nächste Gruft.“
Das Mädchen rollte mit den Augen und trottete in die Küche.

„Willst du bei Freund Felsenheimer punkten oder woher kam die Idee?“

„Jan, jetzt lass den Quatsch. Ich bin froh, wenn ich morgens aus dem Bett komme. Die Tabletten sind Teufelszeug. Seitdem ich die abgesetzt habe, ist mir jeden Morgen schlecht.“

„Du solltest die Pillen ja auch ausschleichen.“

„Was glaubst du, was ich gemacht habe, Herr Dr. Vetter?“

Jan seufzte nur. Nach pubertären Grundsatzdiskussionen war ihm überhaupt nicht zu mute.
Als sie dann noch an seinem alten Radio herum spielte, war die Grenze des Zumutbaren erreicht.
So erwachsen sie manchmal auch wirkte. Manchmal benahm sie sich immer noch wie ein halbes Kind.
Jan legte knurrend den Spargelschäler aus der Hand und schnellte zum Radio, das er zuletzt vor gefühlt 5 Jahren benutzt hatte.
Es war ein Weihnachtsgeschenk seiner Mutter gewesen. Der schnöde Versuch seine Abneigung gegen Medien zu revidieren.

„Jetzt lass doch mal das Ding aus“, fluchte der Sänger und hielt dann Inne, weil der aktuelle Heavy Metall Song abrupt endete.

„Wir unterbrechen das Programm für eine wichtige Meldung. Vermisst wird seit dem 20. April immer noch die 14 jährige Leonie Jeschke. Leonie ist 1,57 Meter groß, hat braune längere Haare und eine schlanke Figur. Bekleidet war sie zuletzt mit Doc Martens Stiefeln, einer Leggins mit Pythonmuster und einer schwarzen Sweatshirjacke mit der Aufschrift Rebel. Außerdem führt sie einen grünen Rucksack mit sich.  Die Polizei bittet um Hinweise aus der Bevölkerung.“

Jan schluckte hörbar und sah gebannt auf das Mädchen, das ihn kleinlaut musterte.

„Das stimmt nicht.“

„Was stimmt nicht?“, hakte er intuitiv nach. Das Mädchen rollte mit den Augen.

„Die Leggins hat ein Leopardenmuster.“

„Ist das jetzt dein einziges Problem?“

„Also, die Haare färbe ich mir jetzt doch lieber blond. Nicht schwarz. Außerdem fällt das weniger auf, weil deine Haare ja auch blond sind. Dann denken alle ich bin deine Tochter.“
Jan stöhnte theatralisch.

„Verdammt, weißt du eigentlich was das jetzt bedeutet? Bisher stand dein Fahndungsfoto nur auf der Seite der Polizei. Wenn die das jetzt öffentlichkeitswirksam machen, läuft uns die Zeit weg. Dann kann ich dich nicht mal mehr im Dunkeln mit Artemis spazieren gehen lassen.“
Das Mädchen sah den Älteren ängstlich an.

„Aber wenn ich mein Äußeres verändere, dann erkennt mich doch niemand mehr.“

„Du hast aber immer noch das gleiche Gesicht. Wir können dir ja jetzt kein Botox spritzen oder dich liften lassen.“

„Dann kann ich eben nicht mehr mit Artemis raus.“

„Das ist doch nicht alles. Wir brauchen einen neuen Plan. Wir können dich nicht mehr ewig hier behalten.“
Ihr Blick wurde entsetzt.

„Wie jetzt? Willst du mich loswerden?“

„Von Loswerden redet hier niemand. Du musst irgendwie raus aus Berlin. Vielleicht auch raus aus Deutschland.“
Jans Worte wurden vom Klingeln an der Haustür unterbrochen. Beide zuckten zusammen. Der Blonde schnellte zur Überwachungskamera und atmete innerlich auf, als er Bela vor der Tür erblickte.
Er öffnete rasant, sah sich kurz um und zog den Schlagzeuger dann hektisch ins Innere.

„Das nenne ich mal eine stürmische Begrüßung. Schön dich auch zu sehen Jan.“
Aber dem Blonden war das Lachen vergangen.

„Hast du’s schon mitbekommen? Sie suchen jetzt medienwirksam.“

„Ich habs im Radio gehört. Die Meldung läuft schon den ganzen Morgen“, bestätigte Dirk und sah dann auf das Mädchen, das zögerlich aus dem Flur in den Raum trat.
Mit ernstem Blick sah Bela auf die 14 Jährige, ehe er sie mit einer kurzen Umarmung begrüßte.
Sie wirkte angespannt. Die gute Laune war wie weggeblasen.

„Was machen wir mit dir?“, sprach Dirk das aus, was die drei beschäftigte.
Leonie zuckte mit den Schultern und sah ratlos in Richtung Fenster


_______________________________


„Doch ins Ausland? Ich weiß nicht.“

Während die Männer eine Krisensitzung in Jans Tonstudio im Haus abhielten, saß Leonie im Gästezimmer und löste provisorisch einige Matheaufgaben.  Genauer gesagt löste sie diese nicht. Sie verzweifelte eher.

„Sie ins Ausland zu bringen, würde ihr sämtliche Perspektiven nehmen in Deutschland ein geordnetes Leben zu führen.“
Dirk legte die Stirn in Falten und lachte ironisch.

„Sei ehrlich, Jan. Als ob sie das jetzt noch könnte. Die Mutter tot. Zum Vater gibt’s keinen Kontakt. Wir wissen doch beide, wie das endet. Zuerst kommt sie in die Psychiatrie und wird medikamentös eingestellt, dann wird sie von einer Pflegefamilie zur nächsten geschoben und wenn sie Glück hat, schafft sie die mittlere Reife, weil sie unter den Umständen eh keine Nerven für die Schule hat. Wenn sie Pech hat, rutscht sie in die Drogenszene ab, weil sie keinen Halt hat. Tolles Leben.“

Jan nickte finster, während er gedanklich bereits die nächsten Schritte plante.

„Ich hab Freunde in Südafrika. Du weißt schon, Ralle. Der, der bei Ärzte ohne Grenzen arbeitet. Dadurch hätte Leonie notfalls auch Zugang zu medizinischer Versorgung und außerdem  gibt’s dort deutsche Schulen. Die paar Euro hab ich dann auch noch. Außerdem hat Simone gespart.“
Bela sah erstaunt auf. Mit den Worten seines Freundes hatte er am wenigsten gerechnet.

„Schön und gut, aber wie kriegen wir die Kleine nach Südafrika? Per Flugzeug wirst du vergessen können.

„Es gibt in Hamburg Redereien, die auch Kinder und Jugendliche mitnehmen. Diana hat mal sowas erzählt. Mein Neffe wollte nach dem Abitur auf einer anheuern und wenn ich mich nicht irre, fahren die sogar bis nach Kapstadt.“

„Das wäre eine Möglichkeit. Aber dann bleibt immer noch das Problem mit dem Pass. Unter ihrem normalen Namen kann sie nicht mitfahren. Da können wir uns gleich bei der Polizei melden.“
Bela lächelte leicht und sein Schmunzeln verstärkte sich, je länger er Jan ansah.

„Ich hab da von früher noch Beziehungen. Boris, der Typ, der mit mir damals bei Hertie gearbeitet hat einen Kumpel und dessen Kumpel managed eine Firma, die auch individuelle Dokumente anfertigt und  in Computersachen versiert ist. Die haben nämlich mein Passwort gehackt, als ich meine Zugangsdaten vergessen hatte. Die könnten da bestimmt was machen.“

Jan grinste nur. Egal wie alt sie auch mittlerweile waren, aber manchmal kam in Dirk immer noch der alte Kindskopf durch.

„Bis wann könntest du die Dokumente besorgen? Die Zeit drängt. Ich rechne schon jeden Tag damit, dass hier die Bullen aufschlagen, weil uns irgendetwas durch die Lappen gegangen ist oder dieser Schuller doch Verdacht schöpft.“

„Ich bräuchte ein aktuelles Foto von Leonie.“

„Das heißt, ich fahre zum nächsten Supermarkt und besorge blonde Haarfarbe und Schminke, damit sie äußerlich verändert wirkt und du kümmerst dich um die Papiere. Sag einfach, es ist deine Nichte und die hat ihren Ausweis verloren.“
Bela nickte und holte sein Handy aus der Hosentasche, sah dann noch einmal ungläubig auf Jan.

„Wahnsinn, hätte nicht gedacht, das ich sowas je mache. Schon gar nicht mit dir. Jetzt sitze ich hier, mit dem sonst so pflichtbewussten Herr Vetter, der normalerweise nicht trinkt, nicht raucht, keine Drogen nimmt und plane die erste Auslandsentführung meines Lebens.“

„Kurzurlaub. Es wird ein Kurzurlaub, Dirk.“

„Von 4 Jahren.“

„Für sie. Nicht für mich. Außerdem leisten wir Entwicklungshilfe. Nicht mehr und nicht weniger“, sah Jan vielsagend auf Dirk, während er innerlich begann, sich an seinen kleinen Plan zu gewöhnen.

„Simone hätte auch gewollt, dass es ihrer Tochter gut geht.“

„Redest du dir das jetzt schön?“

Jan seufzte, zuckte anschließend mit den Schultern. Er wusste, dass Bela Recht hatte, aber er wollte die Wahrheit so wenig wie möglich an sich heran lassen.

„Wir können jetzt eh nicht mehr zurück. Wir stecken da alle schon viel zu tief drinnen.“

Das war die blanke Wahrheit, denn irgendwann hatte sich das Vorhaben verselbstständigt.

„Wir versuchen Schadensbegrenzung zu leisten. Das ist das Einzige, das die Sache noch retten kann.“
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