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Niemals

von Rockbar
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Dirk "Bela B." Felsenheimer Jan "Farin Urlaub" Vetter
27.07.2019
23.05.2020
6
9.688
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29.07.2019 1.767
 
„Er ist weg. Was mich das an grauen Haaren gekostet hat. Meine schauspielerische Leistung war bühnenreif“, versuchte Jan über seinen eigenen Witz zu lachen und wurde schnell wieder ernst, als er in Leonies Gesicht sah. Sie blickte gleichbleibend vor sich hin, starrte ins Leere.

„Ich kann das alles immer noch nicht glauben.“

Jan reflektierte ihren Blick und nickte verstehend, ehe er neben ihr Platz nahm.

„Ich weiß.“

Er blieb an den Wunden hängen, die sich an ihrem Handgelenk befanden. Sie musste sich bei dem Versuch der Fixierung heftig gegen die Pfleger gewehrt haben.
Der Blonde seufzte schwer.

„Das mit der Psychiatrie hätte trotzdem nicht sein müssen“, versuchte er seinem Ziehkind klar zu machen, aber Leonie lenkte sofort ein und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust.

„Du hast doch keine Ahnung, Jan. Die hätten mich auf Dauer ins Heim abgeschoben. Nach Brandenburg. Oder ich hätte bei dieser Pflegefamilie bleiben müssen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie die drauf waren. Ich meine, nur weil man sich ein Herz in den Unterarm ritzt, ist man doch kein psychiatrischer Notfall. Die Neumanns haben daraus ne riesen Sache gemacht. Als ob ich mich jeden Moment erschießen würde. “
Der Blonde rollte mit den Augen.

„Manchmal ist es trotzdem besser, wenn man die Klappe hält. Das hier jetzt ist auch nicht das Optimum“, deutete er die Lage an, was sie mit einem demonstrativen Kopfschütteln abwehrte.

„Besser als in der Klapse ist es  auf jeden Fall“, murmelte sie traurig und spielte nervös am Reißverschluss ihres T Shirts.

„Ernsthaft, du kannst dir nicht vorstellen, was da abgeht. Die pumpen da Kinder mit Valium voll.  5 Jährige. Da gibt’s Räume, da sind nicht mal Fenster. Da sind die Wände aus Gummi. Ich war zwei Tage wie auf Drogen. Als ich nach einer Woche Ausgang hatte, bin ich fast vor die U Bahn gefallen und das nicht aus Suizidgefahr, sondern wegen der Nebenwirkungen der Tabletten.“
Sie druckste herum.

„So will ich nicht leben. Ohne meine Mutter. Irgendwo bei Fremden, die ich nicht kenne.“
Der Sänger seufzte.

„Und wie soll’s dann weitergehen? Willst du jetzt 4 Jahre wie ein Kellerkind hier unten bleiben, bis du 18 bist? Ohne Schule? Nur raus gehen, wenn’s dunkel wird oder die Nachbarn im Urlaub sind?“

„Ich kann immer noch auf der Straße wohnen oder mit dir ins Ausland abhauen? Nach Süd-Amerika.“

„Ja, klar“, stöhnte der Musiker ironisch und sah dann sorgenvoll auf sein Ziehkind.

„Du weißt, was ich dir dazu gesagt habe. Das hier geht vorübergehend. Bis sich die Lage beruhigt. Das ist ne Lösung auf Zeit, aber nicht auf Dauer.“

Für einen Moment herrschte bedächtige Stille, ehe das Mädchen fortsetzte.

„Trotzdem, verstehe ich das alles nicht. Ich verstehe gar nichts mehr, Jan.“

Leonie fuhr sich müde durchs Gesicht, ehe sich ein paar Tränen den Weg nach draußen suchten.

„Sie war doch auf einem guten Weg. Sie hatte die Therapie. Sie hatte dich. Mich. Warum macht sie sowas? Sind wir ihr scheißegal gewesen?“, spielte sie auf ihre Mutter an.

Der Sänger schwieg, wollte dem Teenager die Hand auf die Schulter legen, aber Leonie schüttelte ihn weg.

„Hör auf damit. Das bringt nichts“, flüsterte er, aber ohne jegliche Vorwarnung setzte sie sich nach oben und herrschte ihn lautstark an.

„Es ist aber die verdammte Wahrheit, Jan!“, schrie das Mädchen dem Sänger entgegen, während es dem Älteren verzweifelt  entgegen sah.

„Sie hat mich allein gelassen. Wenn ich ihr was bedeutet hätte, hätte sie das nie gemacht. Verstehst du das? Sowas macht man nur, wenn einem die Anderen scheißegal sind. Sie hat nur an sich gedacht. Nur an sich“, brüllte die 14 Jährige und wollte zur Tür rennen, aber Farin holte sie ein und stellte sich versperrte ihr den Weg.  Natürlich war er viel größer als sie, weshalb sämtliche Bemühungen sich einen Weg zu bahnen, ohne Erfolg blieben.

„Lass mich durch. Geh mir verdammt nochmal aus dem Weg!“, schluchzte sie und kämpfte gegen ihn an, ehe sie mit Fäusten auf ihn einhämmerte,  schließlich kraftlos in seinen Armen zusammenbrach und leise in sein T Shirt weinte.

Jan, der einen Großteil ihres Gewichtes trug, ließ es geschehen und wiegte sie vorsichtig in seinen Armen, bis sie sich aus seinem Griff löste und ihn aufgelöst taxierte.

„Ich hasse sie dafür!“, flüsterte Leonie mit zunehmend leiser werdender Stimme, während sie der Blonde mitfühlend betrachtete und ihr stumm den Arm um die Schultern legte.

„Komm“, führte er sie zurück zur Couch, ließ sie aber nicht aus den Augen und bewegte sie dazu, kurz darauf neben sich Platz zu nehmen.

„Ich erzähle dir meine Sicht auf die Dinge.“
Niemand sagte etwas. Für einen langen Moment hingen beide ihren Gedanken nach, bevor er mit leiser einfühlsamer Stimme zu sprechen anfing.

„Weißt du, das Problem ist, dass wir diese Krankheit total unterschätzt haben. Also, du und ich. Wir dachten, wir sind stärker als die Depressionen, aber das sind wir nicht. Ich hab das auch geglaubt. Ich war davon überzeugt, dass meine Liebe stark genug ist, damit es ihr besser geht. In den letzten Nächten, als ich nicht schlafen konnte, hab ich viel recherchiert und nach all dem was ich gelesen habe, glaube ich, dass es deiner Mutter so schlecht ging, dass sie uns gar nicht mehr sehen konnte.“

Leonie weinte stumm. Die Worte des Sängers zogen sie sichtlich in Mitleidenschaft. Jan taxierte die Jüngere mitfühlend.

„Das heißt aber nicht, dass wir ihr egal waren. Dass ist eher als ob man blind ist, weil der Tumor auf den Sehnerv drückt. Man sieht nichts mehr, aber das heißt nicht, dass einem das Umfeld nichts bedeutet.“

Der Teenager sagte nun gar nichts mehr, schniefte nur leise und wischte sich mit dem Ärmel die Tränen vom Gesicht. Jan sah sie nachdenklich an. Am liebsten hätte er sie in den Arm genommen, aber er wusste nicht, ob ihr das recht war und er wollte sie nicht bedrängen.

„Versprich mir, dass du keinen Mist baust?“
Gedankenverloren starrte sie ihn an, nickte dann zögerlich mit dem Kopf.

„Wir finden eine Lösung, aber dafür müssen wir einen klaren Kopf bewahren. Keine Kurzschlussreaktionen.“
Jan reichte ihr ein Taschentuch, das er aus seiner Hosentasche fischte.

„Und wie soll das gehen?“

„Das lässt du vorerst mal meine Sorge sein. Dein Job ist jetzt erstmal zur Ruhe zu kommen und Kraft zu tanken. In der Zwischenzeit arbeite ich an einem Plan.“

Leonie schniefte lautstark.

„Warum können wir nicht aus Deutschland weggehen? Du bist doch sowieso immer unterwegs. Du könntest mich einfach mitnehmen.“
Der Blonde verneinte entschlossen.

„ Das wäre Entführung Minderjähriger ins Ausland. Schon vergessen, dass ich dich hier gerade ohne Zustimmung der Behörden bei mir vorm Jugendamt verstecke? Ich sitze jetzt schon mit einem Bein im Knast. Ich wollte es nicht noch schlimmer machen.“
Enttäuscht sah Leonie auf ihren Stiefvater.

„Was ist  eigentlich mit dem Bullen? Was hast du dem erzählt? Der war doch nicht nur hier, um dir sein Beileid auszusprechen, oder?“

„Die gleiche Geschichte, wie in den letzten 3 Monaten. Ich glaube nicht, dass der irgendwas ahnt. Der denkt, du wärst mit Eric durchgebrannt. Zumindest konnte ich ihm das relativ glaubhaft vermitteln.“
Jan zog eine schiefe Grimasse, wurde dann wieder ernst.

„Das heißt aber nicht, dass wir unser Schäfchen im Trocknen haben. Du fängst an nachlässig zu werden. Achte bitte darauf, dass du nicht immer dein Schminkzeug im Bad herum liegen lässt oder deine Flip Flops im Flur. Wenn hier unangemeldeter Besuch vor der Tür steht, muss man nicht jedes Mal einen halben Herzinfarkt bekommen.“
Jan taxierte das Mädchen ausgiebig.

„Und mit deinen Haaren müssen wir uns auch irgendwas einfallen lassen. Wenn die dich erstmal bei Aktenzeichen xy suchen, sind die nächtlichen Spaziergänge mit Artemis auch gestorben“, spielte Jan auf den schwarzen Labrador an.

„Kaufst du Haarfärbemittel im Supermarkt? Am besten schwarz oder blond. Das fällt nicht auf.“
Widerwillig nickte Jan mit dem Kopf.

„Mal sehen was sich machen lässt.“

Er seufzte schwer, sah besorgt auf das Häufchen Elend vor sich, das ihn panisch anblickte.

„Ich hab Angst, Jan. Wenn die mich finden, dann schnallen die mich  fest. Die haben mich einen Tag lang fixiert. Man will einfach nur raus und hat keine Chance. Man ist völlig willenlos. Wenn es wenigstens einen Grund gehabt hätte, aber ich hab mich einfach nur geritzt. Ich hätte mir nichts angetan.“

„Das war verfassungswidrig.“

„Ja, und? Das passiert in deutschen Psychiatrien und Altersheimen trotzdem Tag für Tag. Und das schlimme ist, die Außenwelt merkt nicht mal was davon. Ich sehe ja völlig ein, wenn jemand schizophren ist oder Andere gefährdet, aber was ist mit Fällen wie mir?  Wenn der Therapeut bei meiner Mutter genauso aktiv wie die Psychologen bei mir gewesen wären, dann könnte sie noch leben.“

Jan starrte nachdenklich auf seine Stieftochter, fuhr sich angespannt übers Gesucht.

„Hör mir nochmal zu. Ich weiß, dir ist Unrecht passiert und die letzten Wochen waren vermutlich die härtesten deines bisherigen Lebens, aber die Welt da draußen ist nicht nur schlecht, okay? Sie kann auch richtig passabel sein.“

„Sagst du das jetzt, um mich aufzumuntern?“

„Ich sag dir das, weil es die Wahrheit ist.“

Leonie sah lange auf Jan, der ebenfalls an ihren Blicken festhielt.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du das machst. Ich meine, das hier alles. Du hättest auch nein sagen können. Immerhin riskierst du deinen Hintern für mich. Wenn das rauskommt…“
Sie ließ den Satz unbeendet.

„Ich hab gute Anwälte. Außerdem wird nie jemand erfahren, wie lange du insgesamt bei mir warst, falls sie dich doch hier finden. Die Polizei geht schwer davon aus, dass du gerade irgendwo auf Trebe bist. Bei einer Entführung hätten die bisher medienwirksamer gehandelt. Bis jetzt bist du ein Teenager, der aus der Psychiatrie geflohen ist und angeblich dringend auf medizinische Hilfe angewiesen ist. Apropos“, sprach er den Sachverhalt an.

„Was ist eigentlich mit den Pillen? Hast du die jetzt runter dosiert, wie wir besprochen hatten? Du weißt, dass man Beruhigungsmittel nicht einfach absetzen kann.“

„Machst du dir jetzt Sorgen oder was?“

„Die mache ich mir die ganze Zeit, du Kellerkind“, neckte er sie und verpasste ihr einen freundschaftlichen Stoß in die Rippen.

„Es wird übrigens langsam spät. Um 22 Uhr bist du in deinem Zimmer und morgen ackerst du deine alten Schulbücher durch. Wir wollen ja nicht, dass die Bildung hier total auf der Strecke bleibt.“
Leonie lächelte traurig. Theatralisch seufzend stand sie auf und blieb dann noch einmal im Türrahmen stehen. Mittlerweile war es stockdunkel.
Auf halber Strecke hielt sie noch einmal inne.

„Jan?“, sprach sie leise, weshalb Farin nachdenklich aufsah.

„Ja?“

„Kannst du heute vielleicht da bleiben, bis ich eingeschlafen bin? Oder kann Artemis bei mir bleiben? Ich kriege im Moment echt kein Auge zu.“
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