Niemals

von Rockbar
GeschichteAllgemein / P12
Dirk "Bela B." Felsenheimer Jan "Farin Urlaub" Vetter
27.07.2019
23.05.2020
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27.07.2019 1.700
 
Zunächst möchte ich mich für die chaotische Kurzbeschreibung entschuldigen. Ich habe die Handlung geträumt. Offenbar hat mein Hirn sich kreativ mit dem Song "Kein Zurück" auseinandergesetzt.

Inspiriert hat mich Farins Interview, in dem er sagte, dass er mit einer schwer depressiven Frau zusammen war.
https://www.facebook.com/watch/?v=1894267387312996
Mich hat erstaunt, dass er mit der Thematik so offen umgeht.
Ich verfolge mit dieser Handlung das Ziel, über die Problematik von Depressionen aufzuklären und die Tücken und Gefahren der Erkrankung deutlich zu machen.

Bitte seht es mir nach, wenn ich Farin manchmal unrealistisch darstelle. Es ist einfach unsagbar schwer diesen Mann zu durchschauen, weil er oft sehr unberechenbar erscheint.

Ich wünsche euch trotz der ernsten Handlung viel Spaß!


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„Herr Vetter?“

Jan steckte zögerlich den Kopf durch die halb geöffnete Tür. Seine Überwachungskamera hatte den Besuch bereits angekündigt. Er war dementsprechend vorgewarnt und hatte gerade noch die nötigen Sicherheitsvorkehrungen treffen können. Sichtlich begeistert schien er nicht. Dennoch machte er gute Miene zu bösem Spiel.

„Schuller mein Name. Ich bin von der Kripo“, hielt der glatzköpfige Mann, der aufgrund der Temperaturen sichtlich schwitzte, Jan seine Dienstmarke entgegen. Es war ein heißer Sommertag. Der Klimawandel zeigte seine Auswirkungen in voller Pracht.

„Ich würde Sie gern nochmal zum Fall  Leonie Jeschke befragen. Darf ich kurz reinkommen?“
Jan setzte ein gekünsteltes Lächeln auf, ehe er die Tür komplett öffnete.

„Wenn es sich nicht vermeiden lässt. Von mir aus“, murmelte er bemüht widerwillig, um einen gequälten Eindruck zu hinterlassen.

Langsam führte er den Kommissar in das Innere des Hauses.  Über  Monate hatte er die kleine Lüge perfektioniert, die sich immer wieder auf dem Prüfstand befand.
Jan führte den Mann ins Wohnzimmer und bat ihm einen Stuhl an.

„Wasser?“, fragte er bemüht freundlich, erhielt aber nur ein Kopfschütteln. Natürlich hatte er sich schon denken können, dass ihm der Polizist bei der Befragung besser kein Getränk abnahm. Schon gar nicht, wo er allein war.

Der Kommissar sah sich im Raum um, ehe sein Blick für einen Moment an dem auf dem Teppich liegenden Labrador hängen blieb, der unbekümmert gähnte und dann wieder den Kopf senkte.

„Immer noch nichts Neues?“, fragte Jan interessiert. Der Polizist verneinte entschlossen.

„Es sind jetzt drei Monate. Von Leonie fehlt immer noch jede Spur. Wir gehen davon aus, dass sie sich nach dem Suizid Ihrer Freundin in Berlin abgesetzt hat. Mittlerweile gibt es Spuren ins Ausland.“
Kritisch zog Jan die Augenbrauen nach oben. Sein Grübchen zuckte.

„ Warum sind Sie dann hier? Glauben Sie allen Ernstes, ich habe Leonie auf dem Dachboden versteckt?“, quetschte Jan bemüht sarkastisch hervor und lachte über seinen angeblichen Witz.
Der Kommissar verneinte entschlossen. Eine Geste, die Jans Blutdruck  senkte.

„Ich möchte sicherstellen, dass wir nichts bei den Ermittlungen vergessen haben und würde Sie bitten, mich noch einmal durch den Tag der Tat zu führen. Laut Protokoll haben Sie Ihre Lebensgefährtin leblos zu Hause vorgefunden. "
Jans Blick verfinsterte sich. Er goss sich selbst ein Glas Wasser ein, nickte stumm. Mittlerweile konnte er nicht mehr zählen, wie oft die Behörden den Vorfall durchgekaut hatten.
Es brauchte einige Minuten, bis er mit leiser Stimme zum Reden ansetzte.

„Simone hatte nicht auf meine Handynachricht reagiert und ihr Telefon ausgeschaltet. Das sah ihr nicht ähnlich.“

„Sie wussten, dass Ihre Freundin depressiv war?“
Der Musiker nickte zögerlich.

„Nachdem sie auch auf die 2. Nachricht nicht reagiert hatte, bin ich zu ihrer Wohnung gefahren. Ich hatte ja den Zweitschlüssel. Ich hab also aufgeschlossen, bin durch den Flur zum Schlafzimmer gegangen und auf einmal lag sie da. Mit aufgeschnittenen Pulsadern und mehreren leeren Tablettenschachteln. Da war sie aber schon kalt.“

„Und Leonie? Wann ist die gekommen?“

„Die war da noch gar nicht zu Hause. Das war kurz nach 13 Uhr. Da war sie noch in der Schule.“

„Wann haben Sie das Mädchen zum ersten Mal nach dem Suizid ihrer Mutter  gesehen?“
Jan dachte angespannt nach, zuckte mit den Schultern.    Er war kein besonders guter Schauspieler, aber über die Jahre hatte er seine Fähigkeiten perfektioniert.

„Keine Ahnung. Nach vier Tagen, als die Wohnung wieder freigegeben war und ich Simones Sachen zu ihrer Tante nach Tempelhof gebracht habe.“

„Also kurz vor Leonies Psychiatrieaufenthalt?“
Jan tat als ob er angespannt überlegt, bewegte dann den Kopf nach vorn.

„Kann schon sein, ja.“
Misstrauisch sah Jan den Kripobeamten an. Der Mann war ihm nicht geheuer und er ahnte schon, dass diese Denkweise auf Gegenseitigkeit beruhen würde.

„Wissen Sie, ich verstehe, dass Sie ermitteln müssen, aber wenn eine 14 Jährige aus der Kinder und Jugendpsychiatrie abhaut, obwohl sie dort festgehalten werden sollte und akute Suizidgefahr besteht, weil  sich ihre Mutter zuvor schon das Leben genommen hat, dann frage ich mich, warum Sie sich zur Abwechslung nicht mal an das dortige Personal wenden. Die haben massiv ihre Aufsichtspflicht verletzt“, versuchte der Blonde dem Beamten möglichst glaubwürdig zu vermitteln.

„Wenn das Mädchen sich jetzt was antut, dann zeige ich die wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht an“, fügte er noch hinzu, worauf der Kommissar aber nicht reagierte.

„Können Sie sich denn vorstellen, dass Leonie bei Freunden untergekommen ist? Sie scheint ja auf der Flucht zu sein. Wäre das denkbar?“
Jan zuckte mit den Schultern und versuchte nach wie vor seriös zu wirken.
„Möglich. Mit der Aussicht auf Psychiatrie oder Heimunterbringung? Was würden Sie denn machen?“

„Hatte Sie denn einen Freund oder gute Freundinnen?“

Jan ließ einige Minuten verstreichen, nickte dann ernst.

„Da war mal einer. So ein kleiner Punker. Eric Teschner. Den hatte sie mal mitgeschleppt, als wir japanisch essen waren und ansonsten diese Paula. Paula Schindler. Ja, ich glaube so hieß die.“

„Wissen Sie, wo dieser Eric wohnte?“
Jan machte eine abflachende Geste.

„Keine Ahnung. Ich meine, Leonie ist fast 15. Das ist ja jetzt auch kein Alter, in dem man noch viel mit Mama oder Papa macht. Ich weiß ja nicht, wie Sie früher waren, aber ich bin in dem Alter schon allein nach London gefahren. Und wenn ichs mir Recht überlege“, Jan kratzte sich am Kopf.

„Ich bin mir nicht sicher, ob der überhaupt eine Adresse hatte. Deshalb hat sich Simone ja auch regelmäßig aufgeregt. Wegen dem schlechten Einfluss auf Leonie. Der Kleine hat wohl auf der Straße gelebt.“

Der Kommissar seufzte. Ein Zeichen, das Jan bestätigte, dass er seinen Job gut machte.

„Können Sie sich vorstellen, dass Leonie die Tat Ihrer Mutter wiederholt? Für wie suizidal halten Sie Ihre Stieftochter?“
Jan legte ungläubig die Stirn in Falten und hatte Mühe ein sarkastisches Lächeln zu unterdrücken.

„Soll das jetzt ein Scherz sein? Das fragen Sie ausgerechnet mich? Derjenige,  der nicht mal den Suizid seiner Freundin vorher sehen konnte, soll jetzt eine Prognose über die Wahrscheinlichkeit über den Selbstmord seiner Stieftochter abgeben? Für wen halten Sie mich eigentlich? Für Uri Geller?“
Der Mann ruderte zurück.

„Herr Vetter, das mit Ihrer Lebensgefährtin tut mir leid, aber wir machen uns große Sorgen um Leonie.“

„Hören Sie“, wurde Jan langsam ungehalten und verschränkte die Arme vor der Brust, ehe er dem Beamten sichtlich nahe kam.

„Wenn ich gewusst hätte, was Depressionen anrichten, dann hätte ich meine Freundin an diesem Abend nie alleine gelassen.“
Jan kämpfte mit den Tränen. Eine Emotion, die zum ersten Mal des Tages nicht gespielt war.

„Ich hab gedacht, wir kriegen das schon hin. Dass ich für sie da bin und dass das alles schon irgendwie wird. Ich hab das komplett falsch eingeschätzt. Ich dachte, wenn ich ihr zeige, dass das Leben auch schön sein kann und mit ihr rede, dann wird alles gut.“
Der Kommissar sah überfordert auf den blonden Sänger.

„Vermutlich hab ich mit meinem Verhalten alles noch viel schlimmer gemacht.“

„Was meinen Sie damit?“
Jan, der schon mit der Frage gerechnet hatte, druckste herum.

„Ich wollte ihre Krankheit einfach weg reden. Ich dachte, das wäre wie bei einem Beinbruch. Dass es mit Zeit und Fürsorge wieder wird.“

„Und Leonie? Wie hat die das alles verkraftet?“
Der Blonde senkte seinen Blick, hob und senkte die Schultern.

„Ich fand sie eigentlich immer sehr widerstandsfähig. Sie hat so ihr Ding gemacht  mit Freunden und war wenig zu Hause. Vermutlich haben wir sie auch überschätzt. Die Jahre zuvor war sie ja eher wie die Mutter ihrer Mutter.“

„Inwiefern?“

Jan wirkte nachdenklich, setzte dann stockend fort.

„Simone hatte gute und schlechte Phasen. Als wir uns kennen lernten, hatte sie gerade ein Hoch, aber davor hat sich ihre Tochter wohl oft um sie kümmern müssen. Sie hat den Haushalt geschmissen und ist mit dem Hund spazieren gegangen, wenn Simone nicht aufstehen konnte.“
Jan wirkte sichtlich überfordert.

„Herr Schuller, ich weiß nicht wo sie ist. Aber bitte, versuchen Sie alles, um das Mädchen zu finden. Sowas darf auf keinen Fall noch einmal passieren.“
Der Hauptkommissar sah den Sänger mitfühlend an und nickte angespannt, ehe er sich nach oben erhob.

„Danke, Herr Vetter. Das wars soweit. Wenn Leonie bei Ihnen auftaucht oder Ihnen doch noch etwas einfällt, dann rufen Sie bitte sofort bei mir an.“

Er schob seine Visitenkarte über den Tisch, ehe sich Jan ebenfalls nach oben erhob und den Polizisten nach draußen brachte.

„Wenn irgendwas ist, dann melde ich mich. Versprochen.“
Der Kommissar gab ihm die Hand und lächelte traurig, ehe er sich in Richtung seines Wagens bewegte.
Als Jan nur wenige Sekunden später die Tür schloss, fiel ihm ein Stein vom Herzen.

Bewusst verzichtete er darauf, durchs Fenster zu spähen, um sich nicht verdächtig zu machen, ließ stattdessen einige Minuten vergehen und bewegte sich zum Wasserkocher, um alles für den Tee vorzubereiten.
Erst als eine viertel Stunde vergangen war und er sicher schien, dass der schwarze Mercedes den Parkplatz vor dem Haus verlassen hatte, lief er zum Kelleraufgang, nahm die Treppen hinab und fasste hinter das Buch seiner Bibliothek, ehe sich die Zwischenwand bewegte und dahinter ein kleiner Gang sichtbar wurde. Er schloss die Tür, drückte die Klinke zum neben stehenden Raum hinunter  und sah erleichtert auf den Dauergast, der es sich auf einem ausgesonderten Sofa bequem gemacht hatte.
Ängstlich sah der Teenager nach oben auf, ehe er die Teetasse ergriff, die ihm der Ältere entgegen reichte.

„Er ist weg. Was mich das an grauen Haaren gekostet hat. Meine schauspielerische Leistung war bühnenreif“, versuchte Jan über seinen eigenen Witz zu lachen und wurde schnell wieder ernst, als er in Leonies Gesicht sah.
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