Die 76. Hungerspiele - Raven Tree

von Eiche
GeschichteAllgemein / P16
26.07.2019
09.09.2019
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14.08.2019 1.842
 
Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist es kalt, eiskalt. Ich wickle mich noch fester in meine Jacke ein, aber es wird nicht viel besser. Zitternd liege ich da.
Ob diese Kälte ein Trick der Spielmacher ist? Ich vermute es. Sie wollen uns also jetzt schon das Leben schwer machen. Anders habe ich es auch nicht erwartet.
Mein Blick fällt auf die Wasserquelle. Zum Glück plätschert das klare Wasser noch leise in das natürliche Becken. Es hätte auch einfrieren können, dann wäre ich verloren.
Ich stehe auf und verlasse die Höhle. Meine Finger sind taub und der Rest meines Körpers fühlt sich nicht viel besser an.  Hoffentlich kann ich mich durch ein bisschen Bewegung aufwärmen. Draußen sehe ich mich um.
Mein Blick fällt auf etwas silbernes im Gebüsch. Ist das etwa? Nein, das kann nicht sein, ich träume sicher. Langsam gehe ich näher heran, vielleicht ist es eine Falle.
Nein, ich habe mich nicht geirrt. Dort im Gebüsch hat sich ein Fallschirm zwischen den kargen, gefrorenen Ästen verhakt. Daran hängt ein Brotlaib. Ich kann es kaum glauben.
Ich, das einfache, schwache Mädchen aus Distrikt 11, habe ein Sponsorengeschenk erhalten.
Glücklich beuge ich mich hinunter und befreie das Brot aus seinem hölzernen Gefängnis. Es ist relativ klein, aber das ist mir egal. Ich habe etwas zu Essen bekommen. Aber warum?
Es kann eigentlich nur eins heißen, wenn mein Mentor mir Essen schickt. Hier werde ich wahrscheinlich keine Nahrung finden. Warum sollte er mich denn mit etwas versorgen, an das ich selbstständig gelangen kann?
Das bedeutet aber auch, dass ich mit diesem einen Brotlaib lange überleben muss. Wer weiß, ob ich noch einmal etwas erhalte.
Seufzend gehe ich in die Höhle zurück und lege das Geschenk in den Fallschirm gewickelt an die Höhlenwand. Auch wenn mein Magen knurrt, ich muss mit diesem Vorrat sparsam umgehen.
Es ist sowieso überraschend, dass ausgerechnet ich etwas erhalten habe. Gibt es überhaupt einen Grund, warum ich Sponsoren haben sollte?
Weder bei der Parade, noch beim Interview, bin ich wirklich aufgefallen. Im Einzeltraining habe ich auch nur eine vier bekommen. Und meine Tränen gestern werden sicher auch niemanden beeindruckt haben. Mein Mitgefühl ist ein Hindernis beim Überleben, lässt mich eher wie ein Schwächling aussehen. Das wird sicher kein Beweggrund gewesen sein.
Naja, ist ja eigentlich auch egal, warum mein Mentor dieses Brot kaufen konnte, wahrscheinlich werde ich es nie erfahren. Außer ich komme hier lebend hinaus, was trotz des Geschenkes sehr unwahrscheinlich ist.
Was wohl mein Vater von alldem denken würde?
Vermutlich fände er es einfach ungerecht. Alle anderen müssen mit dem, was sie ergattert oder gefunden haben überleben und ich bekomme einfach so etwas zu Essen, ohne etwas dafür zu tun. Aber seit wann waren die Spiele denn fair.
Wieder verlasse ich die Höhle.
Wahrscheinlich wird die Kälte weiter anhalten. Vielleicht hilft es ja, wenn ich den Boden meiner Höhle mit Blättern bedecke. In der Nacht wäre es darauf sicher wärmer und zusätzlich auch bequemer sein, als auf dem kalten Steinboden. Die meisten Planzen sind zwar karg und mittlerweile auch gefroren, aber vielleicht finde ich noch etwas.
Außerdem könnte ich nebenbei nach Nahrung suchen. Auch wenn ich nicht damit rechne, vielleicht verbirgt sich doch irgendwo eine kleine, essbare Pflanze.
Ich beschließe den Berg, in dem sich meine Höhle befindet, zu besteigen. Wenn die Sicht gut ist, kann ich vom Gipfel aus vielleicht bis zum Füllhorn sehen. Außerdem habe ich von hier die Möglichkeit, die Umgebung zu betrachten. Vielleicht gibt es in der nähe ein grünes Tal, man weiß ja nie. Gestern habe ich auf so etwas gar nicht geachtet, wollte nur so viel Strecke zwischen mich und das Füllhorn bringen wie möglich. Aber jetzt muss ich einen Platz finden, an dem ich lange überleben kann, meiner Höhle ist viel zu unsicher.
Langsam mache ich mich an den Aufstieg.
Die ganze Zeit muss ich daran denken, was mein Vater hier machen würde.
Er würde die anderen Tribute aufsuchen und ihnen helfen, da bin ich mir sicher. Wenn es nötig wäre, würde er sogar sterben. Sicher wäre es für ihn die größte Qual, zu gewinnen. Schon immer waren die anderen wichtiger als er. Sein Glück stand an letzter Stelle.
Ich selbst bin nicht so. Zwar sind mir andere wichtig und ich helfe sehr gerne, aber ich bin nicht ganz so selbstlos, wie mein Vater es war.
Ich selbst könnte mir jetzt einreden, dass ich nur für meine Familie und meinen Distrikt gewinnen will.
Wäre ich der Sieger, würden sie alle mehr zu Essen bekommen. Und was soll meine Mutter ohne mich tun?
Aber das sind nur einfache Ausreden, das ist mir klar. Den anderen Tribute geht es ja genauso. Ich bin eigentlich um keinen Deut besser als sie, denn ich lebe noch. Was wäre, wenn ich jetzt einfach stürbe? Es wäre so einfach. Ich könnte einfach…

Ein Kanonenschuss reißt mich aus meinen Gedanken. Also ist ein weiterer Tribut tot. Eigentlich sollte ich mich doch freuen, oder? Ein weiterer Gegner weniger, der zwischen mir und dem Sieg steht. Aber wie kann ich glücklich sein, wenn jemand stirbt? Wer es wohl war? Wie er wohl gestorben ist?
Nein, ich sollte mich jetzt auf mich konzentrieren. Das Überleben geht jetzt vor. Ich muss aufmerksam sein, nicht, dass ich auf einen Tribut treffe. Und ich habe eine Aufgabe.

Endlich erreiche ich den Gipfel. Beim Laufen ist mir warm geworden. Immerhin etwas, worüber ich mich freuen kann. In meinem Distrikt ist es eigentlich immer Sommer, das hier ist eine ziemliche Umstellung, aber bis jetzt komme ich klar.
Pflanzen habe ich nicht wirklich viele gefunden. Die wenigen Blätter, die ich sehen konnte, waren erfroren. Trotzdem werde ich sie auf dem Rückweg einsammeln, es sei denn, ich finde etwas besseres. Wenn ich es schaffe, die Blätter aufzutauen und zu trocknen, wären sie die perfekte Unterlage.
Nun stehe ich also oben auf dem Berg und blicke hinunter.
Wie gehofft ist die Sicht gut und ich kann sogar den Dschungel sehen. Über ihm kann ich seltsame trübe Schleier erkennen. Es sieht so aus, als würde es dort regnen. Wahrscheinlich ist dies die Gemeinheit, die sich die Spielleiter für diese Hälfte der Arena ausgedacht haben, wie bei uns die Kälte. Um das Füllhorn herum sieht es ruhig aus, aber ich kann sowieso nicht viel erkennen, dazu bin ich viel zu weit weg.
Dann suche ich in der Nähe nach einem Tal, kann aber nichts entdecken, das darauf schließen würde. Dann muss ich es halt in meiner Höhle aushalten und hoffen, dass ich die Kälte überstehe.
An einem Hang sehe ich viele Vögel. Ob das Raben sind? Ich vermute es. Wie sehr ich diese schwarzen Tiere liebe, nach denen ich benannt wurde. Ich habe zwar kein schwarzen Haar, aber mein Körperbau und insgesamt meine Natur ähnelt ihnen.
Diese Vögel zu sehen gibt mir Kraft. Es ist wie als hätte ich ein Stückchen Heimat hier in der Arena. Unwillkürlich muss ich lächeln.
Ein Kanonenschuss durchbricht die Stille und das Lächeln friert auf meinem Gesicht ein. Noch ein toter Tribut.
Mir wird ganz kalt, als ich beobachten muss, was dann passiert.
Die Raben fliegen davon. Dann kommt ein Hovercraft und nimmt irgendetwas mit, vermutlich einen gefallenen Tribut. Mir wird schlecht. Die schwarzen Vögel, die mir gerade noch das Gefühl von Sicherheit gegeben haben, haben sich als Monster herausgestellt. Sie haben ein Kind getötet. Vermutlich waren es Mutationen, aber das tröstet mich nicht. Es war sicher eine Falle der Spielmacher. Diese Gegend muss ich unbedingt meiden.
Ich kann das Bild nicht vergessen. Ob das ein Zeichen war?


Werde ich mich auch als Bestie herausstellen, wie die Raben es getan haben?
Werde auch ich andere Tribute töten?
Werde ich mich verändern?
Werde ich es schaffen, anderen wehzutun, wenn ich weiter überlebe?
Werde ich in dieser Arena zu einem Monster?

Diese Gedanken machen mir Angst. Ich will niemanden töten, will niemanden leiden sehen. Ich will mich nicht ändern. Ich will in diesen Spielen nicht weiter mitmachten. Aber ich habe keine andere Wahl, denn ich will überleben. Und in diesen Spielen mitzumachen ist die einzige Möglichkeit, zu überleben.
Ich muss einfach vergessen, so schwer kann es doch nicht sein, oder? Ich darf einfach nicht mehr an die anderen Tribute denken. Natürlich werde ich das nie schaffen, das weiß ich.
Warum kann ich das Denken nicht einmal einstellen? So wie ich es kurzzeitig gemacht habe, als ich auf die Berge zugeraunt bin? Irgendwie muss es mir doch gelingen können, oder? Ich sollte einfach weitermachen und zurück zu meiner Höhle gehen. Heute habe ich noch viel zu tun.
Seufzend mache ich mich wieder an den Abstieg. Auf dem Weg nehme ich so viele der gefrorenen Blätter mit, wie ich tragen kann.
In der Quelle in meiner Höhle versuche ich die Pflanzen aufzutauen. Es klappt überraschend gut.
Danach lege ich sie zum Trocknen vor die Höhle. Mittlerweile ist es später Nachmittag. Hoffentlich hat die Abendsonne noch genug Kraft. Notfalls muss ich halt auf nassen Blättern schlafen. Sie draußen liegen zu lassen, wäre wahrscheinlich sinnlos. Sie würden nur wieder einfrieren. Dann wäre all die Arbeit umsonst.

Mit einem Stück Brot setze ich mich vor die Höhle. Mit den Blättern habe ich einen kleinen Teil der Höhle bedeckt. Hoffentlich geht mein Plan auf und ich habe nicht irgendwo einen Denkfehler gemacht.
Genüsslich beiße ich in das Brot. Es schmeckt gut, sehr gut. Erst jetzt merke ich, was für einen Hunger ich den ganzen Tag über hatte. Aber das bin ich ja gewöhnt.
Ich habe beschlossen jetzt doch ein wenig zu essen. Was bringt es, mir alles aufzusparen, wenn ich morgen schon tot sein kann? Außerdem muss ich bei Kräften bleiben.
Der Sonnenuntergang ist ein genauso schönes Spektakel wie gestern.
Als es dunkel ist, erklingt die Hymne und die Tribute, die im Laufe des Tages gestorben sind, werden gezeigt.
Wer von ihnen wurde wohl von den Raben umgebracht? Ich habe keine Ahnung, wie soll ich es auch erkennen?
Wenn ich gewinne werde ich es sehen, wenn ich mir den Film der diesjährigen Hungerspiele ansehen muss. Aber will ich wirklich gewinnen? Eigentlich nicht, aber wenn ich überleben will, muss ich gleichzeitig auch gewinnen, das eine geht mit dem anderen einher. Es gibt leider keine andere Möglichkeit.
Der letzte der Tribute, die gezeigt werden, ist der Junge aus meinem Distrikt. Auch wenn ich ihn nicht kannte tut es weh, zu wissen, dass er die wunderschönen Obstplantagen unseres Distriktes nie wieder sehen wird, die manchmal wirklich magisch sind. Und auch seine Familie und seine Freunde wird er nicht mehr treffen.
Wieder beginne ich zu weinen. Es tut so weh, die Gesichter der gefallenen Tribute zu sehen. Warum tu ich mir das eigentlich an? Warum verstecke ich mich eigentlich nicht in meiner Höhle?
Ich weiß die Antwort auf diese Fragen nicht, aber ich weiß, dass es falsch wäre. Ich muss den gefallenen Tributen meinen Respekt zollen, auch wenn ich sie nicht gekannt habe. Deshalb weine ich auch für sie und für all das, was sie alle durch die Spiele verloren haben.
Alles hier ist so falsch. Und ich bin Teil davon, spiele mit.
Selbsthass überkommt mich.
Was habe ich überhaupt für ein Recht zu leben?
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