Die 76. Hungerspiele - Raven Tree

von Eiche
GeschichteAllgemein / P12
26.07.2019
09.09.2019
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Das ist mein Beitrag für den Wettbewerb „Die 76. Hungerspiele“
Hier werde ich die Geschichte von Raven Tree, Distrikt 11, beschreiben.
Ich werde absichtlich bestimmte Fragen offen lassen, die dann im Laufe der Geschichte beantwortet werden. Auch wenn Raven sterben sollte, werde ich auf jeden Fall noch ein Kapitel hochladen.

Viel Spaß beim Lesen!

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Eine leichte Brise umstreicht mein Gesicht. Kurz lasse ich meine Lieder noch geschlossen, um den Luftzug zu genießen, dann öffne ich sie. Erst blendet mich die Sonne, doch als meine Augen sich an das helle Licht gewöhnt haben, kann ich alles genau erkennen.
Vor mir ist das Füllhorn und die anderen Tribute. Überall liegen Gegenstände, die mir das Leben hier erleichtern, oder sogar retten können. Ich sollte unbedingt versuchen, an einen Rucksack zu kommen. Mehr brauche ich nicht, mit Waffen kann ich sowieso nicht umgehen.
Ich sehe mich weiter um.
Zu meiner Rechten erstreckt sich ein großer, tiefer Urwald. Ich versuche etwas darin zu erkennen, aber die Bäume stehen zu dicht und dazwischen ist viel Gestrüpp. Trotzdem wirkt er einladend. Alles darin scheint lebendig, ist es wahrscheinlich auch. Ich liebe Planzen und Tiere. Dieser Wald ist für mich ein Paradies.
Dann wende ich mich zu meiner Linken und mir bleibt fast das Herz stehen. Wunderschöne, von Schnee bedeckte Gipfel, Schroffe spärlich bewachsene Berghänge, mit vereinzelten, natürlichen Höhlen. Einige tiefe Schluchten. Vor mir erstreckt sich ein großes, mächtiges Gebirge. Es sieht so schön aus, so magisch. Es ist ja eigentlich unwegsames, unwirtliches Gebiet, eine lebensfeindliche Gegend, aber ich kann mich gar nicht daran sattsehen. Aus irgendeinem Grund werde ich von den Bergen angezogen. Ich will dort hin, warum, kann ich nicht genau sagen. Vielleicht, weil es mich an meinen Vater erinnert.
Der Startgong ertönt und ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Ich habe ganz vergessen, dass ich mich in der Arena befinde. Es ist das passiert, wovor ich mich gefürchtet habe. Ich bin in Gedanken versunken und habe mich verzaubern lassen, von dieser wunderschönen Gegend.
Nein, ich darf nicht hier herumstehen und träumen, während die anderen sich Waffen holen, um mich zu töten. Ich muss nachdenken. Was mache ich jetzt? Hierbleiben wäre lebensmüde, ich muss hier so schnell wie möglich verschwinden, aber wohin soll ich?
Der Wald könnte meine Rettung sein. Dort werde ich sicher genug Nahrung finden, aber was ist mit den Wilden Tieren? Egal, auch wenn dort überall schreckliche Kreaturen lauern, meine Überlebenschancen sind dort am größten.
Aber dann gibt es noch das Gebirge. Dort würde ich mich geborgen und sicher fühlen. Dort würde ich einen Unterschlupf finden, aber wie soll ich an Nahrung kommen? Dort hinzugehen fühlt sich natürlich an. Mein Vater würde das sicher wollen.
Nein, mein Vater hat hiermit nichts zu tun. Ich muss jetzt eine wichtige Entscheidung treffen. Eine Entscheidung, die über Leben und Tod bestimmt. Es geht hier nur um mich. Aber wie soll ich mich nur entscheiden?
Ich bin hin und her gerissen.
Urwald oder Berge?
Sichereres Überleben oder Geborgenheit?
Mein Leben oder mein Vater?
Was soll ich nur tun?
Mein Verstand drängt mich in den Wald, mein Herz zieht mich in die Berge. Es zerreißt mich.
Ein Messer zischt nahe an meinem Ohr vorbei und auf einmal ist es ganz einfach.
Ich renne.
Schalte meinen Verstand aus und renne.
Höre auf zu denken und renne.
Es ist jetzt nur noch eins wichtig, so schnell wie möglich hier wegzukommen. Mein Überlebensinstinkt übernimmt die Führung. Ich sehe mich noch nicht einmal um. Nein, ich renne nur, direkt auf das Gebirge zu.

Keuchend klettere ich den Hang hoch. Mir ist heiß und hier bin ich nicht geschützt. Mittlerweile ist es Mittag und die Sonne brennt unbarmherzig auf mich herab. Lange werde ich nicht mehr durchhalten. Ich habe weder Nahrung, noch  Wasser. Mein einziger Besitzt sind meine Kleider, und meine Kette. Durch meine Träumerei konnte ich nichts ergattern, das ärgert mich sehr. Meine einzige Hoffnung sind jetzt die Sponsoren. Zum Füllhorn gehe ich auf keinen Fall zurück, das wäre Selbstmord. Aber ich will nicht hier sterben. Mein Überlebenswille ist groß genug, nicht so, wie der meines Vaters.
Nein, ich muss das denken jetzt einstellen. Verbissen klettere ich weiter. Es ist so anstrengend und eigentlich müsste ich jede Minute anhalten, um mich auszuruhen. Aber ich muss weiter. Das Gefecht am Füllhorn ist sicher bald vorbei. Dann bin ich hier ein leichtes Ziel.
Zum Glück bin ich sehr ausdauernd. Kein Wunder, mein Vater hat immer versucht, mich auf die Arena vorzubereiten. Deshalb kenne ich nicht nur sämtliche, essbare Planzen und alle möglichen Regeln in der Natur, sondern bin auch kräftig geworden. Jeden Tag habe ich Übungen gemacht, um Stärke und Durchhaltevermögen zu trainieren. Mein Vater hat mich immer dazu angetrieben. Ich habe deshalb immer weitergemacht, auch nachdem er gestorben ist.
Er hatte immer Angst, eines seiner Kinder in den Hungerspielen zu verlieren. Meine große Schwester wollte sich darauf nie einstellen. Sie hatte zu Vater nie ein gutes Verhältnis und hat ihn immer als Schwächling angesehen, so schätzt sie mich wahrscheinlich auch ein. Vor einem Jahr ist sie 18 geworden, aber ich glaube, selbst wenn sie es noch könnte, würde sie sich nie für mich freiwillig melden. Während mein Vater und ich immer an die anderen gedacht haben, war für sie nur ihr eigenes Leben wichtig. Vaters Tod hat sie kaum getroffen und sie hat sich vor allem seitdem sehr von der Familie distanziert. Es fühlt sich an, als wäre sie eine ferne Verwandte und nicht meine Schwester. Vermutlich ist es ihr egal, dass ich jetzt hier bin. Sie ist noch nicht einmal zu meiner Verabschiedung gekommen. Warum ist sie nur so? Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich war für sie immer nur die kleine, nervige Schwester. Manchmal hasse ich sie so sehr. Nein, ich darf mich nicht von negativen Gedanken beeinflussen lassen. Ich muss positiv denken, sonst werde ich hier verrückt.

Endlich erreiche ich den Gipfel des ersten Berges. Ich habe beschlossen, mich möglichst auf den Bergkuppen aufzuhalten, da ich von dort jeden sehen kann, der sich nähert.
Ich betrachte die Arena von oben. Sie ist in zwei Teile geteilt. Auf der einen Hälfte befindet sich der Urwald. In der Mitte von ihm kann ich etwas blaues erkennen. Ob das ein See ist?
Auf der anderen Hälfte befindet sich das Gebirge, in dem ich mich befinde. Geteilt wird die Arena durch einen Fluss. Selbst von hier oben kann ich das schmutzige Wasser erkennen. Dort kann man sicher nicht trinken. Trinken, ich muss unbedingt Wasser finden, sonst lebe ich nicht mehr lange. Vielleicht gibt es hier ja irgendwo eine Quelle.

Ich sitze vor einer Höhler, nein nicht irgendeiner Höhle. Es ist mein Zuhause für die nächsten Wochen. Ich bin froh, dass ich diesen Ort gefunden habe. Es ist ein kleiner, gut versteckter Unterschlupf und hinten habe ich eine kleine, klare Quelle entdeckt. Wasser wird nicht mein Problem werden. Außerdem bin ich weit vom Füllhorn entfernt.
Vorhin habe ich die Kanonen gehört. Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind vier Tribute tot. Ich kannte sicher keinen von ihnen, denn während des Trainings habe ich nie auf andere geachtet. Ich darf kein Mitgefühl haben, wenn ich überleben will und wenn ich jemanden gut kenne, wird es schlimmer. Es tut weh zu wissen, dass hier Menschen sterben. Ich hasse die Hungerspiele so sehr und jetzt bin ich Teil davon. Was würde mein Vater davon denken? Er fände es sicher grauenvoll, dass Menschen sterben, damit ich überlebe. Eigentlich müsste ich mich gegen all das stellen, aber der einzige Weg wäre zu sterben, oder? Aber das kann ich nicht. Mein Überlebensinstinkt ist zu groß.

Nun sitze ich vor der Höhle und betrachte, wie die Sonne hinter den Bergen untergeht. Es ist ein wunderschönes Farbenspiel. Der Himmel glüht rot, als würde er brennen. Es ist so magisch.
Auf einmal fühle ich den Arm meines Vaters, der sich um mich legt. Ich werde zurückkatapultiert, zu diesem anderen, wunderschönen Ort.

Wir sind in den Bergen gewesen, mein Vater und ich. Ich war total aufgeregt, denn wir sind endlich mal aus Distrikt 11 hinausgekommen. Meinem Vater ging es damals nicht so gut, ich selbst war aber zu jung, um all das zu begreifen. Ich habe mich einfach über einen tollen Ausflug gefreut. Damals wusste ich nicht, dass es ein Projekt war, damit es Vater besser geht.
So stolz bin ich gewesen, dass ich mitdurfte. Meine ältere Schwester wollte nicht, und so ist Vaters Wahl auf mich gefallen.
Den ganzen Tag haben wir den Berg bestiegen. Es hat mir so gut gefallen und auch mein Vater war glücklich. Es hat so gut getan, ihn lachen zu sehen. Über Nacht wollten wir in einer Hütte übernachten.
Es war Abend und wir saßen zusammen draußen. Er hat mich umarmt und gemeinsam haben wir uns den Sonnenuntergang angesehen. Keiner von uns hat ein Wort gesprochen, wir haben beide einfach nur das Schauspiel bewundert. Doch irgendwann hat er sich mir zugewendet und gelächelt. Es war das letzte Mal, dass er gelächelt hat und diesen Moment werde ich nie vergessen.

Ich betrachte meine Kette. In ihr befindet sich ein Bild meines Vaters. Ich trage sie immer bei mir. Immerhin kann ich ihm so nahe sein. Ich vermisse ihn so sehr.

Mittlerweile ist die Sonne verschwunden und die Dunkelheit bricht herein. Auf einmal ertönt die Hymne von Panem und die Bilder der heute gefallenen Tribute erscheinen am Himmel. Keiner von ihnen kommt mir bekannt vor, aber dennoch bin ich traurig.
Keines dieser Kinder wird je wieder lachen, wie sie es auf den Bildern tun. Sie alle waren noch so jung. Sie sind tot, einfach tot, weil die Bewohner des Kapitols Spaß daran haben, sie sterben zu sehen. Wahrscheinlich verstehen sie die Endgültigkeit von tot nicht. Keines dieser Kinder wird nach Hause zurückkehren. Ihre Eltern werden ihre Söhne und Töchter nicht mehr wiedersehen, nie wieder.
Erst jetzt bemerke ich, dass ich weine.
Tränen laufen mir über die Wange.
Tränen für meinen Vater.
Tränen für all die Tribute, die in den letzten Jahren ums Leben kamen.
Tränen für die vier Kinder, die heute hier gestorben sind.
Tränen für all die Tribute, die in den nächsten Wochen und Jahren sterben werde.
Werde ich auch darunter sein? Werde auch ich sterben?
Ich lasse meiner Trauer freien Lauf. Nein, keiner hier verdient es, zu sterben. Warum müssen die Hungerspiele nur stattfinden?
Ich weiß nicht, wie lange ich noch hier sitze und weine. Aber irgendwann wird mir kalt und ich gehe in die Höhle.
Hoffentlich werde ich die Nacht überleben.
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