Willkommen im Niemandsland

GeschichteAllgemein / P16
OC (Own Character)
26.07.2019
09.09.2019
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Während der Aufzug, in dem er sich befand, langsam an die Oberfläche fuhr, hielt Aldar die Augen geschlossen. Krampfhaft versuchte er sich an bessere Zeiten zurückzuerinnern. Seine Gedanken kreisten um den Tag der diesjährigen Ernte, der schicksalhafte Tag, der ihm in diese unausweichliche Situation gebracht hatte. Doch egal auf was für eine unaussprechlich schreckliche Art dieser Tag endete, so enthielt er auch einen seiner liebsten Momente. An dem morgen der Ernte saßen Aldar und seine Eltern sowie all seine vier Schwestern an dem dunklen Akazientisch. Die Küche roch nach frischgebrühten Minztee sowie selbst gebackenen Nusskuchen, die beide aufgrund des hohen Preises nur sehr selten bei den Epworths serviert wurden. Aber es waren nicht diese Köstlichkeiten, die diesen Moment für Alder so speziell waren. Es war seit einer langen Zeit das erste Mal, dass wirklich alle Familienmitglieder an einem Tisch saßen ohne, dass ein Streit ausbrach. In diesen Moment bereute er es ein wenig das er das Buch, welches er während der ersten paaren Minuten am Tisch las, nicht früher zur Seite gelegt hatte. Das Buch half ihm der Angst vor der bevorstehenden Ernte zu entfliehen, doch jetzt so kurz vor den Spielen verstand er wieso dieser kurze, familiäre heile Welt Moment so wichtig für seine Familie und auch ihm selbst war. Immerhin war es auch der wahrscheinlich letzte gemeinsame Moment der Familie. Auch wenn er es niemals öffentlich zugeben würde so vermisste er schon jetzt jedes einzelne Mitglied.

Erschrocken öffnete er seine Augen, der Countdown war bereits auf 25 Sekunden gesunken. Egal wie sehr er sich wieder zurück in seinen Gedanken flüchten wollte er wusste, dass er sich dies unter keinen Umständen erlauben durfte. Das erste was er erblickte war das sich in der Mitte erstreckende Füllhorn in Form eines Zeltes. Hinter dem Füllhorne und weiter in der Ferne erkannte er verschieden große Berge. Des Weiteren konnte er erkennen wie sich in einige Meter Entfernung, zu seiner Seite ein Wald erstreckte. Aber wie sollte er nun vorgehen? Seine Mentorin hatte es für das beste gehalten er würde so schnell wie möglich fliehen, ohne auch nur irgendwas mitzunehmen. Aber zumindest das kam für ihn nicht in Frage, er wollte zumindest versuchen eine Kleinigkeit zu erwischen, da er sich ansonsten kaum Überlebenschancen ausrechnete. Schon während des Trainings ist er immer wieder alle möglichen Strategien durchgegangen und konnte sich doch nicht festlegen. Er selbst wusste nur dass er die Gefahren in der Arena allein bestreiten wollte. Die Angst vor einem Verrat war einfach zu groß.

Es verblieben noch 10 Sekunden. In den Blicken einiger anderer Tribute konnte er bereits Angst und Nervosität sehen. Während andere entschlossen drein blickten und es scheinbar kaum erwarten konnten das es endlich losging. Er nahm an das es sich bei denjenigen wohl um Karrieros handeln musste. Es vergingen weitere 5 Sekunden als seine Beine wieder merklich zu Zittern anfingen. „Komm schon Aldar, reiß dich zusammen“, flüsterte der Dunkelblonde sich schließlich selbst zu. Nur einen kurzen Moment dachte er an dem Protagonisten aus einem seiner Abenteuerromane, welcher sich trotz seiner Körperlichen Unterlegenheit erfolgreich einer Gruppe Soldaten entgegenstellte. Aldar versetzte sich in die Lage des Romanhelden. Sein Blick wurde daraufhin etwas entschlossener und sein zitternder Körper wurde wieder ein wenig ruhiger. In diesem kurzen Moment fühlte er sich wie der Held der Geschichte, welcher sich statt Soldaten mit den anderen Tributen messen musste, um in seinem Fall einen Messer, statt einem Artefakt wie im Buch, vom Füllhorn zu besorgen. Er hatte in der Trainingshalle mit einem Messer trainiert und er wusste das er es für einige Situationen abseits vom Kämpfen unabdingbar für sein Überleben sein würde.

Der Gong ertönte. Schnellstmöglich sprang er von der Plattform. Schnellen Schrittes bewegte er sich auf das Füllhorn zu. Er versuchte sich nur auf sich selbst und seine Aufgabe zu konzentrieren. Doch aus dem Augenwinkel konnte er bereits andere Tribute erblicken, die es ihm gleichtaten. Er beschleunigte nochmals seine Schritte, um versuchte so weit wie möglich Abstand zu den männlichen Tributen aus Distrikt 11 neben sich zu bekommen. Als er erfolgreich an den Kleinigkeiten wie Planen, Rucksäcken und Thermoskannen vorbeilief und dabei ein Fläschchen Salz mitnahm, breitete sich ein Grinsen in seinem Gesicht aus. Denn nicht weit entfernt von ihm lag auf einer der vielen Steinsäulen, die um das Füllhorn platziert waren, ein Messer mit grünem Griff.  So schnell er konnte riss er das große Messer an sich. Der männliche Tribut aus Distrikt 11, stand nur wenige Sekunden später eineinhalb Meter neben ihm, machte aber schnell kehrt als er sah das Aldar das Messer bereits in seiner linken Hand hielt. Wieder musste er kurz lächeln. Ich habe es tatsächlich geschafft, dachte er sich.

Seinen kleinen Triumph im Hinterkopf, lief er wieder Richtung Füllhorn. Doch schon kurze Zeit später hielt er plötzlich an. Ein gellender Schrei hallte durch die Arena und mit einem Mal kehrte auch das Zittern in seinen Knien zurück. In diesen Moment wusste er nur eines, er war nicht der tapfere Abenteurer, der er gerne wäre und er müsste sich so schnell wie möglich verstecken. Begleitet von dem Schuss einer Kanone, welcher den Tod eines Tributs ankündigte, begann er wieder in die Richtung seiner Ausgangsposition zu rennen. Kurz blickte er sich noch mal zum Füllhorn um, wobei er schließlich erkannte wie eine Gruppe aus frisch bewaffneten Karrieros auf die noch in der Nähe herumlungernden Tribute losstürmte. Doch was ihm kurz zusammenzucken ließ, war der männliche Tribut aus Distrikt 2, welcher mit einem Bogen bewaffnet in seine Richtung zu lächeln schien. Entsetzt schüttelte er den Kopf. So schnell er konnte drehte er sich wieder um und rannte weiter. Er konnte es sich nur allzu bildlich vorstellen, wie der Karriero in diesem Moment mit den gespannten Bogen auf seinem Kopf zielte.  „Das war es dann wohl“, flüsterte er sich selbst zu, während er weiter auf den nur noch wenige Meter entfernten Wald zu rannte und alles weitere um sich herum ausblendete. Flüsternd zählte er seine letzten fünf zu erwarteten Sekunden bis zu seinem Tod. Als er neben sich plötzlich ein in den letzten Tagen nur allzu vertraut erschienenes Gesicht auftauchen sah.

Ein kurzer Blick Wechsel. Ein verstummter Schrei. Blut. Ein fallender Körper und ein weiterer Kanonenschuss.

Aldar biss sich auf die Zunge als der hagere Körper seiner Mittributin aus Distrikt 6 mitsamt ihren gesammelten Ressourcen krachend zu Boden fiel. Ein Pfeil hatte ihr Herz durchschlagen. Wie mechanisch gesteuert, nahm er so schnell er konnte den von seiner toten Distriktpartnerin fallengelassenen Rucksack, sowie die Thermoskanne. Anschließend rannte er, ohne weiter nachzudenken in dem nur noch ein Meter entfernten Urwald. Ein Zweiter Pfeil der ihn nur knapp verfehlte bemerkte er schon fast gar nicht mehr. Es kam ihm so vor als ob jemand anderes seinen Körper steuern würde, während er nur noch ein passiver Beobachter war. Er rannte so lange weiter in dem Wald hinein bis seine Füße unter der Anstrengung nachgaben. Einige Minuten die ihm wie Stunden vorkamen blieb er einfach nur auf den grün bewachsenen Boden liegen. Der euphorische Vogelgesang um ihn herum wollte einfach nicht mit dem Bild seiner Toten Distriktpartnerin, welches sich in seinem Gedächtnis eingebrannt zu haben schien, zusammenpassen. Es kam ihm so vor als würden die Vögel ihn verhöhnen. Wenn er nicht so müde gewesen wäre so hätte er diese Vögel schon längst zum Teufel gejagt. So aber blieb er einfach nur liegen, atmete schwer und versuchte sich zu beruhigen. Seine Schulter langen Haare, welche bis vor kurzem noch in einem Zopf zusammengebunden waren, hingen ihm Wirr ins hagere Gesicht. Er fragte sich ob er den Anblick seiner toten Distriktpartnerin jemals vergessen würde. Langsam wunderte es ihn  nicht einmal  mehr das die meisten Sieger aus seinem Distrikt Morfixer waren.  Er hoffte das es ihm nachher besser gehen würde, denn zum Aufgeben war er trotz alle dem noch nicht bereit.

Doch eines musste er zugeben, was auch immer er anfangs gedacht hatte, an diesem trostlosen Ort war er nicht der triumphale Held, wie er sie in seinen Lieblings Büchern fand.
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