Spectres

von CaroZa
GeschichteFantasy, Sci-Fi / P16
Gestaltwandler Vampire
26.07.2019
26.08.2019
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Es war kalt und nass. Nur das spärliche Licht der Straßenlaternen erhellte die Gassen in dieser vernieselten Nacht. In keinem Fenster der umliegenden Häuser brannte Licht. Die meisten Menschen würden bereits schlafen. Noch dazu war diese Gegend nahezu verlassen, die meisten Wohnungen würden also leer stehen. Genau der passende Ort.
    Weiter im Dunkeln, wo das Licht der Straßenlaterne nicht hinreichte, wartete Roves Mutter ungeduldig im Schatten, der sie fast völlig verschlungen hatte. Im Dunkeln konnte man sie zwar kaum erkennen, doch die helle Haut und das strahlend weiße Haar ließen die Konturen ihres junggebliebenen Gesichts erahnen. Rove beobachtete, wie ihre Mutter nervös von einem Fuß auf den anderen trat. Es wunderte sie nicht. Ihre Mutter war sonst nie bei derartigen Einsätzen anwesend. Doch da dies ihre Idee gewesen war und niemand davon wissen sollte, war den beiden keine andere Wahl geblieben. Selbst Rove, für die ein solcher Einsatz beinahe zur Routine gehörte, spürte eine ungewohnte Unruhe in ihren Gliedern. Es musste wohl daran liegen, dass sie diesmal die Verantwortung nicht nur für sich selbst trug, sondern auch für ihre Mutter. Im Ernstfall musste sie es schaffen, beide zu beschützen und konnte sich dabei auf keine Rückendeckung verlassen. Wenn hierbei etwas schiefging… Rove wollte die Gedanken nicht zu Ende spinnen. Es war die Entscheidung ihrer Mutter gewesen, ein direkter Befehl. Und Rove wusste zu gut, was hierbei auf dem Spiel stand.
    Sie sah hinauf in den bewölkten Nachthimmel, feine Nieselperlen regneten ihr ins Gesicht, befeuchteten Nase, Wangen und Kinn und kühlten ihre Lider. Die Straßenlaterne am Eck blendete ihr kurz die Augen, doch sie gewöhnte sich schnell wieder an die Dunkelheit. Rove richtete den Kragen ihres Mantels wieder auf. Mit der Alltagskleidung unter ihrem Mantel fühlte sie sich so leicht und frei. So leicht berührbar. Ein unangenehmer Schauer schlich sich ihren Rücken hinab. Sie hoffte, dass es nun nicht mehr allzu lange dauern würde. Ihr Blick überprüfte noch einmal die beiden Gassen, doch bisher regte sich noch immer nichts. Wie lange würde er wohl auf sich warten lassen? Würde er überhaupt auftauchen? Vielleicht war der Köder nicht gut genug. Wenn das hier schiefging, steckten sie und ihre Mutter in noch mehr Ärger, als sie ohnehin schon haben dürften. Sie ließ die Uhr einblenden, die im Monitor ihrer Kontaktlinsen einprogrammiert war. Nur noch drei Stunden, dann hätten sie den Auftrag als gescheitert beenden müssen. Das durfte nicht passieren.
    Erneut sah Rove zu ihrer Mutter, deren Nervosität deutlich zu erkennen war. Vielleicht wirkte sie ruhig, wenn ein Fremder sie ansehen würde, doch Rove kannte ihre Mutter und konnte ihre Maske durchschauen. In einer anderen Situation wäre sie vielleicht zu ihr gegangen, hätte ein paar Worte mit ihr gewechselt, um ihr einen Teil der Anspannung zu nehmen. Inmitten eines Auftrages verzichtete sie darauf. Jetzt zu ihr zu gehen, könnte das Versteck ihrer Mutter verraten. Rove konnte sie aus ihrer Position zwar gut ausmachen, doch das war auch der einzige Winkel, aus dem ihre Mutter zu erkennen war.
Rove atmete einmal tief ein und wieder aus. Ihr Atem wurde zu einem feinen Nebel, der sich schnell in die kühle Nachtluft verflüchtigte. Sie legte den Kopf in den Nacken und sah den feinen Nebelschwaden hinterher, bis sie sich vollständig aufgelöst hatten. Da war er plötzlich neben ihr. Sie hatte nichts gehört oder gesehen – er stand einfach da. Sie wunderte sich nicht. Immerhin war es für einen Vampir ein leichtes, unbemerkt an seine Opfer zu gelangen. Er stand genauso still wie sie und musterte sie mit unergründlicher Miene.

    Für einen Moment schien sie wie erstarrt. Es war keine Furcht, die sie eingenommen hatte. Eine Art von Ungläubigkeit? Als sie dem jungen Mann ins Gesicht sah, schien er für einen Moment zu leuchten, als wäre tief in ihm ein Licht, das bis nach Außen strahlte und ihn umgab. Ein Gefühl von Wärme breitete sich in ihrer Brust aus. Wärme und tiefer Frieden… Er ist es. Was war das? Das konnte nicht richtig sein. Was sie glaubte gesehen zu haben, verschwand so schnell, wie es gekommen war. Dennoch konnte sie den Blick noch nicht von seinen schwarzen Augen abwenden. Was war das gewesen? Hatte der Vampir sie bereits in seinem Bann? Sie bemerkte erst nach einigen Sekunden, dass sein Gesicht einen Ausdruck von milder Überraschung angenommen hatte. Seine Stirn lag in sanfte Falten, während seine Augen die ihren suchten. War auch in ihnen eine Frage zu sehen? Schweigend und regungslos verharrten sie weiterhin voreinander, als sie bemerkte, wie sich ein Schleier über seine Augen zu legen schien. Die vermeintliche Frage verschwand, zurück blieb nur…Leere. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie die Luft angehalten hatte. Das Einatmen wollte ihr nicht gelingen, irgendetwas schnürte ihr die Kehle zu. Tiefer Schmerz erfüllte ihre Brust und drückte auf ihr Herz. Waren das Tränen, die sie in ihren Augenwinkeln spürte?
    Wie lange sie sich so verharrt war, konnte sie hinterher nicht mehr sagen. Erst, als ihre Mutter aus ihrem Versteck herausbrach und sich ihnen unerwartet eine Rauchwolke rasant näherte, konnte sie den Blick abwenden. In gleicher Alarmbereitschaft wandte sich auch der junge Mann um. Das vorher so ruhige Gesicht war nun verzerrt zu einer hässlichen Fratze, mit glühend roten Augen und gebleckten, spitzen Reißzähnen. Es war nichts mehr übrig von dem jungen Mann und was immer Rove geglaubt hatte zu sehen spurlos verschwunden. Mit einem Satz sprang er nach vorne, direkt zu auf Roves Mutter.

    Soledad hatte keine Zeit um auszuweichen. Gegen die übermenschliche Geschwindigkeit des Monsters ihr gegenüber, hatte sie nicht den Hauch einer Chance. Seine Hand umfasste ihren schlanken Hals, hinderte sie am Atmen oder Schreien. Die Versuche seinen stählernen Griff zu lösen waren sinnlos, sie konnte nicht das Geringste bewirken. Seine andere Hand, die Finger von scharfen Krallen besetzt, schnellte auf ihr Gesicht zu. Das war es – ihr Ende.
Bevor sein Hieb ihr Gesicht erreichte, wurde sie mitsamt ihm zu Boden gerissen. Sie schlug hart auf dem Boden auf, konnte aber den größten Teil des Falles mit den Armen abfangen. Bei dem Sturz hatte sich sein Griff um ihre Kehle gelöst. Keuchend und hustend schob sie sich rücklings mit allen Vieren von ihm. Hinter ihm nahm sie verschwommen die Umrisse einer jungen Frau wahr. Ihre Tochter, die den tödlichen Hieb verhindert hatte. Rove schenke ihr keine Beachtung, sondern jagte dem Vampir nach, der sich bereits wieder aufgerichtet hatte. Seine Aufmerksamkeit lag nun nicht mehr auf Soledad, sondern auf ihrer Tochter. Mit gefletschten Zähnen und glühend roten Augen setzte er zum Angriff an. Soledads Augen waren furchterfüllt. Sie hatte das alles schon unzählige Male gesehen. So oft schon die Angst um ihre Tochter durchlebt. Doch diesmal war es anders. Diesmal war sie nicht zu Hause und wartete auf eine Nachricht von Rove. Auch nicht im Quartier, um sich Aufnahmen und Protokolle ihrer Missionen anzusehen oder zu lesen. Diesmal stand der Horror direkt vor ihren Füßen und es fühlte sich ganz anders an. Ihr eigener Herzschlag hämmerte ihr laut in den Ohren, sie spürte wie ihr Blut im Rhythmus ihres wild schlagenden Herzens durch ihren Körper jagte und sich jede Faser ihrer Muskulatur in Anspannung zusammenzog. Ihr Körper schrie nach Flucht.
    Das Adrenalin pumpte durch ihren Körper und drohte, ihren Verstand zu vernebeln. Alles typische Symptome einer Panikattacke. Es kostete sie alle Kraft, ihren Verstand klar zu behalten und nicht ihrem Instinkt nachzugeben. Soledad suchte mit dem Blick nach ihrer Tochter, die sich im Kampf mit dem Monstrum aus ihrer Sicht entfernt hatte. Zum ersten Mal seit ihrer Idee zu dieser Mission fragte sie sich, ob es wirklich nötig gewesen war, sie beide dieser Gefahr auszusetzen. Sie hätte es besser wissen müssen. Sie hätte sie beide Beschützen müssen. Das war ihre Pflicht als Mutter. Stattdessen hatte sie sie beide in diese Lage gebracht. Nein. Das war die Angst, die aus ihr sprach. Sie musste sich zusammenreißen. Diese Situation war einkalkuliert.

    Rove versuchte den Vampir tiefer in die sich bereits auflösenden Rauchschwaden zu locken. Das war ihre einzige Chance, die Sache möglichst unbeschadet zu überstehen. Doch er hatte bereits bemerkt, was sie im Schilde führte. Anstatt ihr zu folgen, entfernte er sich von dem Rauch, der ihn husten und röcheln ließ. Hatte die bereits erfolgte Aussetzung im Rauch sogar schon ausgereicht? Für einen Moment, als der Rauch ausgebrochen war, hatte er sie beide völlig verschlungen. Während der Rauch für Vampire gefährlich wirkte, war das einzige, das er bei Menschen auslöste, eine erschwerte Sicht, bis er sich wieder aufgelöst hatte. In Kampfbereiter Haltung fixierte sie den Vampir. Er hustete und röchelte noch immer, bemüht, die brennenden Augen offen zu halten, um Rove nicht aus dem Blick zu lassen. Feine Blutstropfen vielen von seiner Nasenspitze. Ein leises Knurren entfuhr seiner Kehle. Für einen Moment lassen seine Augen von ihr ab und schauen zu seinen Seiten. Er will fliehen. Das durfte sie nicht zulassen. Geistesgegenwärtig griff sie nach ihrer Pistole und schoss ihm ohne zu zögern ins Schienbein. Wenn er ihnen jetzt einfach entkäme, wäre die Mission gescheitert. Geschwächt durch den Rauch gelang es dem Vampir nicht schnell genug, dem Schuss auszuweichen. Ein Schalldämpfer unterdrückte das knallende Schussgeräusch, nur ein Schmerzensschrei, der dem Vampir entfuhr durchbrach die Stille der Nacht. Er sackte in die Knie. Wut funkelte wild in seinen Augen. Er wollte sich aufrappeln und weiter zurückweichen, doch Rove schoss erneut auf ihn. Mit einem weiteren Aufschrei bohrte sich die nächste Kugel tief in seine Schulter. Rove hielt die Pistole auf seine Brust gerichtet, als sie mit zielstrebigen Schritten auf ihn zukam. Wie zuvor ihre Mutter, versuchte er sich rücklings von ihr davonzuschieben. Sie war nun nah genug um zu erkennen, wie seine Wunden bereits langsam begonnen hatten zu heilen. So schnell. Rove ließ sich nicht beirren. Sie blieb weit genug von ihm entfernt stehen, dass er sie nicht packen oder ihre Waffe wegtreten konnte und nah genug, um den Abstand schnell genug zu überbrücken, falls er erneut versuchen sollte, zu fliehen.
    „Was wollt ihr?“, zischte seine vom Husten heißere Stimme zwischen den scharfen Reißzähnen hervor. Seine glühenden Augen fixierten die Ihren, wurden aber von mehrmaligem blinzeln unterbrochen. Blutige Tränen liefen langsam entlang seiner Nase nach unten. „Informationen“, antwortete Rove kühl. „Wir vermissen einige unserer Leute.“ Für einen kurzen Moment, als sie ihn so am Boden kauern sah, kam ihr das vorige Bild wieder in den Kopf. Sorgsam verstaute sie es unter einer Mauer. Sie befand sich in einer Mission. Das Leben ihrer Mutter hing davon ab, dass sie sie meisterte. Der Vampir musterte sie mit funkelnden Augen. „Du gehörst zu den Rebellen“, stellte er zischend fest. Bis zu dem Rauchangriff hatte ihre Tarnung durchgehalten. Nun war mehr als offensichtlich, dass es sich bei ihr nicht um eine einfache Zivilistin handelte.
    „Gibst du uns die Informationen freiwillig, oder müssen wir nachhelfen?“
    „Woher glaubt ihr zu wissen, dass ich euch helfen könnte?“, entgegnete der Vampir. „Was lässt euch glauben, ich wäre bereit, meine Familie zu verraten?“
    „Du wirst keine andere Wahl haben.“
    Der Vampir verzog seine Mundwinkel zu einem abfälligen Lächeln, das jedoch binnen Sekunden wieder verschwand. Was war das? Innerhalb eines Atemzuges stand er plötzlich vor ihr. Sie hörte, wie ihre Waffe irgendwo seitlich von ihr scheppernd auf dem Boden aufkam. Im Bruchteil von Sekunden spürte sie die Veränderung in ihrem Körper. Ihr Herz trommelte laut und schnell in ihrer Brust, ihre Muskulatur zum zerreißen angespannt. Unwillkürlich wurde ihre Atmung schneller. Ihre Sicht wurde deutlicher. Das Adrenalin pumpte durch ihren Körper und versorgte sie mit genügend Energie. Es fühlte sich an wie ein Rausch, ein wilder Sturm inmitten ihrer selbst. Und inmitten des Sturms lag eine tiefe Ruhe. Um sie herum wurde alles langsamer. Sie lächelte, doch von Außen war ihr Lächeln nicht zu sehen. Ihr Körper war bereit. Sie sah, wie er nach ihr greifen wollte. Fast instinktiv machte Rove einen Schritt zur Seite um sich dann mit voller Kraft, Schulter voraus, gegen ihn zu werfen. Die beiden Hände zu Fäusten geballt, die Arme schützend vor dem Gesicht.
    Ihre Schulter traf ihn hart im Brustkorb und er taumelte zurück. Seine glühenden Augen weit aufgerissen, kein Laut entwich seinem offen stehenden Mund. Er stolperte nicht wieder zu Boden, seine Wunde im Schienbein war also bereits gut genug verheilt. Sein Heilungsprozess war durch den Rauch nicht so stark beeinträchtigt, wie Rove es sich erhofft hatte. Er schnellte zur Seite, zu schnell um ihm mit ihren menschlichen Augen zu folgen. Das war nicht weiter schlimm. Sie hatte genug Zeit und Möglichkeiten, sich zu verteidigen. Erneut drehte sie sich zu Seite, jene, in die sich der Vampir geneigt hatte, bevor er aus ihrer Sicht verschwunden war. Arme und Hände hielt sie dabei weiterhin schützend vor ihrem Gesicht. Über eine bestimmte Fingerbewegung aktivierte sie die Kampfsicht ihrer Kontaktlinsen. Der Monitor spielte sich sofort ein und lud die verschiedenen Anzeigen hoch.
    Wie vermutet entdeckte sie den Vampir an der Seite, zu der sie sich ebenfalls gedreht hatte. Erneut verschwand er innerhalb von Sekunden, doch das Visier ihres Monitors hatte ihn erfasst und verriet ihr, wohin er wollte. Es gab nur eine Sache, die in Rove Unsicherheit aufkommen ließ. Sie würde es vielleicht eine Zeit lang schaffen, dem Vampir auszuweichen, doch ohne Waffe würde sie diesen Kampf niemals überstehen. Ihr Blick huschte zu ihrer Pistole, die unweit entfernt von ihnen auf dem Boden lag. Doch sie hätte es nicht schaffen können, sie zu erreichen, ohne gleichzeitig dem Vampir ausweichen zu können. Das Display zeigte eine weitere Person innerhalb ihres Blickfeldes an – ihre Mutter. Auch der Vampir wurde auf die Bewegung im Schatten aufmerksam und ließ für einen Moment von Rove ab. Sie Verstand, was er vorhatte. Noch bevor er in Richtung ihrer Mutter davon verschwinden konnte, warf sie sich auf seinen Rücken. Wütend schnaubend versuchte er sie abzuschütteln, griff mit beiden Händen nach ihr und versuchte sie von sich herunterzureißen. Als es ihm nicht gelang, warf er sich rücklings gegen eine der umliegenden Hauswände. Durch den dumpfen Schmerz, der ihr den Atem raubte, fuhr ein stechender, der ihr durch die Wirbelsäule bis in ihre Augen blitzte. Doch sie ließ nicht los. Erst, als er sich ein zweites Mal gegen die Wand geworfen hatte, löste sich ein Teil ihrer Umklammerung. Gerade gut genug, damit er sie vor sich ziehen konnte. Sie versuchte die Arme und Hände wieder vor ihr Gesicht zu bekommen, doch er bekam beide zu fassen und hielt sie fest.
    Ihre Hände und Arme lassen sich unter seinem Griff keinen Millimeter bewegen. Mit seinem Körper hielt er sie gegen die Wand gedrückt. Sein Gesicht kam ihrem so nahe, dass sie seinem Atem auf ihren Wangen spüren konnte. Ihr Herzschlag wurde schneller, sie konnte das Blut in ihren Adern rauschen spüren. Ihre Kehle schnürte sich zu, gleichzeitig schnappte sie nach Luft. Kalter Schweiß rann ihren Nacken herab.
    Erneut schien die Welt für einen Moment still zu stehen. So nah hatte sie wieder eine klare Sicht auf seine Augen. Das glühende Rot überlagerte noch immer seine zuvor schwarzen Augen und lösten eine Furcht aus, die sich durch Fleisch und Blut bis in die Knochen grub. Sie konnte jeden winzigen Teil seiner Irisstroma erkennen. Das feine Blutrot und die Glut, die seine Augen zum Leuchten brachten, die in feiner Struktur um seine verengten Pupillen lagen. In ihnen lag eine scheinbar unendliche Tiefe, vor der sie einen kurzen Atemzug lang befürchtete, sie könne hineinstürzen. Dein. Trügerisch. Hilfe. Ein dumpfes Gefühl machte sich in ihrer Brust breit, dass sie nicht ganz zuordnen konnte. Sie versuchte zu verstehen, was sie wahrnahm, doch je mehr sie versuchte etwas zu erkennen, desto weiter verschwand es. Die Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf. Was passierte hier?
Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sein Kopf sich bewegte und sein Gesicht dem ihren noch näher kam. Sie spürte schon fast, wie sich seine Reißzähne in ihren Hals bohrten, als er inne hielt. Sie spürte seine Nase an seinem Hals, die feinen Luftzüge, als er ein und ausatmete. Mit einem Ruck zog er seinen Kopf zurück und musterte sie für einen Moment mit verwirrtem Blick. Sie wollte seine Verwirrung ausnutzen und versuchte erneut, sich loszureißen. Binnen einer Sekunde wandelte sich erneut der Ausdruck in seinem Gesicht. Die Verwirrung war verflogen, die Wut war zurückgekehrt und ohne weiteres Zögern gruben sich seine Zähne tief über ihr Schlüsselbein in ihre Haut. „Nein“, hauchte sie leise. Sie nahm all ihre Kraft zusammen, versuchte wieder und wieder ihn von sich zu stoßen, während sie spürte, wie ihr das Blut aus den Adern gesaugt wurde. Nein, nein, nein.
    Der Druck auf ihrem Körper verschwand abrupt, der Griff um ihre Hände wurde unverhofft gelöst. Während der Vampir nach hinten taumelte, stolperte sie nach vorne. Sie japste nach Luft, bemerkte erst jetzt, dass sie sie angehalten hatte. Mit einer Hand drückte sie auf die Wunde, die der Vampir hinterlassen hatte und suchte nach der Ursache für den abrupten Abbruch. Sie sah ihre Mutter hinter dem sichtlich benommenen Vampir auftauchen. Eine leere Spritze fiel aus zittrigen Händen auf den Boden. Ihre Mutter trat einige Schritte zurück. Mit geweiteten Augen starrte sie auf den Vampir, der ihr in diesem Moment sehr ähnlich sah, als rechne sie damit, dass er sich augenblicklich auf sie stürzen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen taumelte der Vampir nur von einem Bein auf das andere, sichtlich um sein Gleichgewicht bemüht. Das rote Glühen in seinen Augen war erloschen. Rove musste die Gelegenheit sofort nutzen. Sie trat nach vorne und packte den Vampir am Kragen, schleuderte ihn gegen die Wand, an der er eben noch sie festgehalten hatte. Immer noch völlig benommen wehrte er sich nicht. Wie lange die Droge wohl anhalten würde? Der Rauch hatte schon nicht so viel ausgerichtet, wie sie sich erhofft hatte. Sie musste ihn nicht festhalten, damit er nicht weglaufen konnte. Offensichtlich kostete es ihn alle Mühe, auf den Beinen zu bleiben.
    „Was…was habt ihr...mit mir…“ stotterte er kaum hörbar.
    „Ich sagte dir bereits: Du wirst keine andere Wahl haben“, antwortete Rove. „Und jetzt: Sind unsere Leute noch am Leben?“
Zuerst am keine Antwort. Rove rüttelte an seinen Schultern. „Zwing mich nicht, dir noch mehr weh zu tun. Sind unsere Leute noch am Leben?“
Ein kaum merkliches Nicken war die Antwort. Rove und ihre Mutter atmeten beide gleichermaßen erleichtert aus. „Gut. Und wo sind sie? Was habt ihr mit ihnen vor?“
    „Was passiert mit mir…?“
    „Konzentrier dich. Beantworte meine Fragen.“
    „Ich weiß es nicht“, brachte er leise hervor. Ein Gurgeln drang mit seinen Worten nach Außen, gefolgt von Blut, dass über sein Kinn in dicken Linien hinabfloss. „Aber ich kann euch helfen… sie zu finden.“
    Rove stieß scharf ihren Atem aus. Das war doch nur ein Angebot, damit sie ihn jetzt am Leben ließen. „Ich weiß es nicht… das ist die Wahrheit“, setzte er noch leise hinzu. Rove hatte eine ihrer Hände zu Fäusten geballt und setzte an, ihm diese ins Gesicht zu schlagen, hielt aber inne. Wahrheit. Ein kurzes Auflodern in ihrer Brust. Was ist das? Das kann nicht sein…oder?
    Die Lippen des Vampirs bewegten sich, als wolle er noch etwas sagen, doch seine Worte blieben lautlos. „Was ist los? Weißt du doch etwas?“, hakte sie nach und rüttelte ihn noch einmal. War das Mittel etwas sogar zu stark gewesen? Würde er jetzt sterben, bevor sie wussten, was sie brauchten? „Sag es mir und ich werde dich gehen lassen.“ Sie fixierte ihn mit festem Blick, versuchte in seine Augen zu sehen.
    „Was hast du vor?“, hörte sie ihre Mutter im Hintergrund fragen. Bitte nicht. Jetzt war der denkbar schlechteste Zeitpunkt, sie in Frage zu stellen.
    „Tornum“, hörte sie die belegte Stimme des Vampirs.
    „Wie bitte? Sind sie dort?“
    „..letzte Aufenthaltsort… von dem ich weiß…“
    „Weißt du auch, was sie mit ihnen vorhaben?“
    „Was… passiert…mit... m…“
    „Hey, reiß‘ dich zusammen! Wir haben uns nicht die ganze Mühe gemacht, dich zu finden und hierher zu bringen, damit du uns nicht weiterhilfst!“
    „Ich kann… euch helfen…“
    „Vielleicht reicht das schon“, fügte ihre Mutter an. „Wir haben den Namen einer Stadt. Dort können wir ansetzen und weitersuchen.“
     Rove sah zu ihrer Mutter, die einige Schritte entfernt stand. Ihr Blick haftete auf dem Vampir, als fürchte sie, er würde jeden Moment wieder angreifen. Sieh hin. Ein kurzes Aufflammen in ihrer Brust. Rove wandte ebenfalls den Blick zurück zu dem Vampir. Auf eine Art hatte sie Mitleid mit ihm. Wie er dastand, hilflos und kraftlos, verängstigt. Mit einem Mal wirkte er nicht mehr wie ein Monster, das sie jagte, sondern wie ein armer Junger Mann, der in eine Sache gezogen wurde, für die er sich nicht entschieden hatte. „Lasst mich… gehen…“
    Ein drückender Schmerz umfasste ihr Herz. Rove ließ mit einem leisen Seufzen die Schultern fallen und trat einen Schritt zurück.
    „Gut. Dann geh. Ich werde dich nicht aufhalten.“
    „Was tust du? Am-“
    „Schluss Mutter. Lass ihn gehen“, fiel sie ihrer Mutter ins Wort und trat einen Schritt zwischen sie und den jungen Mann, während ihr Blick auf ihm haften blieb. Kaum merklich nahm sie ein kurzes Nicken wahr, bevor er einen vorsichtigen Schritt nach vorne trat.
    Er hob seinen Kopf und sah sie ein letztes Mal direkt an, bevor er im Nichts verschwand.
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