Unvergänglichkeit

OneshotAllgemein / P12
26.07.2019
26.07.2019
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Ich gebe zu, das ist ein wenig aufschlussreicher Text und aus dem Kontext gerissen, aber was soll ich sagen - ich hatte einfach Lust zu schreiben. Vielleicht findet jemand von euch ja doch Gefallen daran.


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Opalisierende Lichtkugeln erhellten den Alkoven in bläulichem Schein. An den Wänden tanzten die Schatten der Lustmädchen, die sich im Takt einer exotischen Flötenmusik verbogen, ihre Gliedmaßen in den unmöglichsten Verrenkungen bewegten. An ihren hauchdünnen Kleidern, die nur ihre reizvollsten Stellen notdürftig bedeckten, klingelten winzige Glöckchen, mischten sich unter Melodie und Stimmengewirr. Schweiß und der Geruch der Erregung hingen im Raum, welcher vor Extravaganz und Prunk strotzte. Dass das Etablissement in den Tiefen der städtischen Katakomben angesiedelt war, tat seinem Ruf keinen Abbruch, im Gegenteil, es war zum Bersten gefüllt. Im Gedränge blitzten geschliffene Edelsteine, Geschmeide aus Silber, Gold und Platin. Sündteure Seide raschelte an Samt, Pelzmuffe zierten die Schultern der Frauen, Ringe die Finger der Männer, die sich nach den wohlgeformten Beinen der Tänzerinnen ausstreckten. Über die polierten Marmortische rollten Würfel, gestapelte Türme aus Münzen wechselten unter lautem Getöse, Lachen und Fluchen die Besitzer. Sie schufen ein Gemälde der Extravaganz, der maßlosen Völlerei und Verschwendung, der keine Grenzen gesetzt war. Denn jene Grenzen gab es hier nicht. Weder Herkunft noch Ethnie, Streit oder Krieg, vermochte den Glanz der Bastion d’or, die goldene Hochburg trüben. Unter den tief in den Boden vergrabenen Grundfesten Cheidynhals erstreckte sich eine neue Welt.

Über all dem thronte sie, ohne sich aber an dem Gelage zu beteiligen. Sie saß verborgen, im Schutz der königsblauen Brokatvorhänge, die wie ein Wasserfall an das Balkongeländer schmiegten. Eine Lücke im gerafften Stoff – nicht mehr als zwei Handbreit – bot ihr lediglich einen beschränkten Ausblick auf das rege Treiben unter ihr, das sie aber ohnehin nur mit mäßigem Interesse verfolgt hatte. Die Aufregung, sogar die wilde Ekstase, denen sich die Feiernden hingaben, prallte wirkungslos an ihr ab. Sogar die aphrodisierenden Duftstoffe, die zuvor in der Luft versprüht worden waren, schmeckten schal auf ihrer Zunge. Dabei war sie es gewesen, die sich einst dieses kleine Imperium aufgebaut hatte, weniger als verlässliche Einnahmequelle, sondern als ihren persönlichen Zufluchtsort, und für jene, die sie als gleichgesinnt betrachtete. Die anfangs winzige Taverne hatte sich rasant in einen sprudelnden Geldbrunnen verwandelt und sich beinahe im Alleingang einen Namen gemacht, sein eigentliches Ziel aber verfehlt.
Drei Jahre, dachte sie und seufzte leise. Drei Jahre hatte sie gebraucht, um zu begreifen, dass ihre Mühen vergebens waren und es ihr nie die Erfüllung bringen würde, nach der sie sich sehnte. Dass die Vergangenheit immer ihre langen Krallen nach ihr ausstrecken, sie von Zeit zu Zeit sogar streifen würde.

»Drei lange Jahre«, murmelte sie, wippte unruhig mit dem Bein, das sie über das andere geschlagen hatte und griff nach dem Kristallglas auf dem Beistelltisch. Sie führte es zu den Lippen, hielt jedoch auf halbem Wege inne. Ihre Augen verengten sich, unter schwarzen Lidstrichen brodelte ein intensives Blau, dunkel, als würde man geradewegs in die Tiefen des Geistermeeres hinabschauen. Die fliederfarbene Flüssigkeit im Glas hatte kaum merklich zu schwanken begonnen, schlug feine Wellen gegen den Rand. Ohne übereilte Hast setzte sie sich gerader hin, streckte ihren Rücken durch.
Ihre eine Hand fasste noch immer ruhig das Glas, die andere glitt mit einer kaum merklichen Bewegung unter den Stoff ihrer Robe.
»Nicht doch«, erhob sie leise die Stimme, die durch ihr langes Schweigen ein wenig rau geworden war.
»Ihr müsst euch nicht vor mir verbergen, dazu besteht keine Notwendigkeit.«

Die Schatten verschluckten ihre Worte, ohne eine Antwort widerzugeben. Eine Antwort, derer es ohnehin nicht bedurfte. Sie war sich sehr wohl im Klaren, auf wessen Befehl die Schergen handelten. Man würde ihr kein Leid antun. Vorläufig.
Nichtsdestotrotz umfasste sie den geschwungenen Griff des Dolchs, der in einer versteckt eingenähten Tasche ruhte, genoss die Kühle und die vertrauten Gravierungen, die sich in ihre Handfläche schmiegten. Dieselbe Klinge, die sie ihm dreimal fast ins Herz gestoßen hatte. Dreimal hatte sie ausgeholt und immer hatte sie versagt, mit dem Wissen, dass sie eines Tages einen hohen Preis dafür bezahlen würde. Sollte nun etwa die Zeit gekommen sein?
Wieder raschelte der Brokat, ein leises Klicken ertönte. Einer der Schatten ließ es sich trotz seines Schweigegelübdes nicht nehmen, auffordernd mit der Zunge zu schnalzen, wie um ihr zu zeigen, dass seine Geduld bald ihre Grenze erreicht hatte.
Sie nahm den unmissverständlichen Hinweis mit einem verächtlichen Lächeln zur Kenntnis, erhob sich aber, nicht ohne das Glas noch ein letztes Mal an ihre Lippen zu setzen. Der Geschmack des mit Mondzucker versetzten Elfenwein breitete sich in ihrem Mund aus und lähmte für einen flüchtigen Augenblick ihre Zunge, ehe die belebende Wirkung der Droge einsetzte. Das Farbspektrum vor ihren Augen flammte plötzlich auf und präsentierte sich in gestochen scharfen Linien, die jedes noch so winzige Detail betonten, während ihre Ohren empfindlicher als sonst auf die sie umgebenden Geräusche reagierten. Ihr entging weder die sekundenschnelle Bewegung, die sich in ihrem Augenwinkel abspielte, noch das Staccato der kurzen Atemzüge. Letzteres brach abrupt ab, als sie ruckartig ihren Kopf in die Richtung des verräterischen Lauts drehte. Zielsicher fixierte sie die unnatürlichen Konturen hinter dem Vorhang, taxierte das unsichtbare Antlitz und streckte demonstrativ die Hand aus. Der Griff des Glases entglitt ihren Fingern und zerschellte klirrend auf den blanken Dielen. Scherben und winzige Glassplitter sausten in alle Richtungen. Im Regen der aberhunderten Kristalle schritt sie in die Reihe der Schatten.

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Scharlachrote Banner zierten die Wände des Gewölbes, in das man sie geführt hatte. Ein Totenkopf mit gekrümmten Knochenhänden grinste ihr breit und in leuchtenden Blutfarben entgegen. Im Fackelschein schienen sie feucht zu glitzern, als wären sie gerade erst auf das Leinen gezeichnet worden. Hinter den Standarden hingen an rostigen Nägeln die kümmerlichen Reste ausgefranster Wappen, die einst stolz die Mauern geziert hatten. Obwohl sie nie zuvor einen Fuß in die Festung gesetzt hatte, ergriff sie ein Hauch von Nostalgie, als ob sie selbst zu jenen Vertriebenen zählte, deren Ahnen einst als Fürsten und Könige durch diese Gänge gewandelt waren. Neugierig und nicht ohne eine gewisse Ehrfurcht strich sie über die Relikte aus uralten Zeiten, wobei sie den missgünstigen Blick des Dieners gekonnt ignorierte. Während des gesamten Fußmarschs durch das Labyrinth aus verzweigten Tunneln ließ er abgesehen von heißerem Krächzen und einem gelegentlichen Räuspern keinen Ton verlauten, doch ließ er nicht davon ab, sie in regelmäßigen Abständen mit mordlustigen Seitenblicken zu traktieren. Anfangs fand sie sogar Gefallen an seinem kauzigen Verhalten und den staksenden, ungelenken Schritten, mit denen er breitbeinig und tief gebeugt den Gang entlangschlurfte, stachelte ihn sogar mit süffisantem Lächeln dazu an, gespannt auf seine Reaktion. Dementsprechend enttäuschend war das Resultat. Er ließ sich zu keiner Äußerung hinreißen, sondern begann nur, zusätzlich nervös mit dem linken Auge zu zucken, das unter seiner herunterhängenden Stirn hervorlugte.
Als das Männchen auch noch dazu überging, pedantisch die Kordel an seiner knochigen Hüfte zurechtzurücken, hatte sie schließlich genug und setzte ihre Betrachtungen des eintönigen Wandbehangs fort. Das Motiv änderte sich nicht und der Totenschädel begleitete sie durch das unterirdische Netz, bis ein krächzender Laut ihre Aufmerksamkeit verlangte. Fragend wandte sie sich um.
Aus dem grauen Stein erwuchs eine massive Tür. Flechten überschatteten das Holz, bedeckten es fast vollständig, sodass sie kaum von der Mauer zu unterscheiden wäre, hätten nicht geschwungene Eisenbeschläge die Angeln geziert. Es bedurfte keiner Erklärung seitens des gebückten Dieners, um ihr bewusst zu machen, dass der Augenblick gekommen war, den sie gleichzeitig gefürchtet und herbeigesehnt hatte. Die stoische Ruhe, die sie bis dahin bewahrt hatte, entglitt ihr nun jäh und ließ sie mit der Unsicherheit eines verirrten Kindes zurück. Sie befühlte den Griff des Dolchs, der inzwischen in die Stofffalten ihrer weiten Trompetenärmel gewandert war, atmete durch. Schließlich schob sie sich an dem Männchen vorbei, das sich anschickte, ihr die Tür zu öffnen. Härter als es nötig gewesen wäre stieß sie diese auf. Ein Flügel schwang zur Seite, leise, ohne Knarren, wie man es bei einer jahrhundertalten Pforte eigentlich erwartet hätte. Kein Laut außer dem Hall ihrer eigenen Schritte empfing sie, als sie den riesigen Saal betrat, dessen Ausmaße in der Dunkelheit nicht zu bestimmen war. Das Keuchen und Ächzen des mitgenommenen Dieners verstummte hinter der Barriere, der Tür, die sich ebenso lautlos schloss, wie sie sich zuvor geöffnet hatte. Sie war allein und seiner Gnade ausgeliefert, ihm, der irgendwo in den Schatten auf sie lauerte.
Es gab keinen Zweifel wer das Opfer, wer der Jäger war. Aber sich ohne Kampf zu ergeben stand nicht zur Debatte und dazu war ihr jedes Mittel recht. Absolut jedes.

Unerwartet sank sie in die Knie, knüpfte mit schnellen Fingerbewegungen die Bänder ihrer Hirschlederstiefel auf, streifte sie ab, ohne die Weichheit ihres Ganges zu stören. Ihre nackten Fußballen setzten nun geräuschlos auf dem Mosaik aus schwarzen und weißen Marmorquadraten auf, über das sie selbstbewusst, aber ohne bestimmtes Ziel streifte. Der Saum ihres dunkelblauen Samtkleids fegte über die makellosen Fließen, welche blank poliert ihr Antlitz spiegelten.
Je näher sie den Schatten kam, desto klarer nahmen sie ihre Formen an, Statuen, Büsten mit steinernen, nichtssagenden Gesichtern, die ihr aus toten Basaltaugen nachstarrten. Keine einzige stellte Menschen oder Biestvölker dar, sondern verkörperten ausschließlich Angehörige der Elfenrasse. Ayleiden, begriff sie, als sie die uralten Symbole auf einer Messingtafel ausmachen konnte. Das hier war das Reich einer Kultur, die das erste Imperium geschaffen hatten und den Grundstein für das heutige Tamriel legten. Instinktiv spürte sie, dass sie in Gefilde eingedrungen war, die sie nicht duldeten. Schaudernd vollführte sie eine Drehung – und erstarrte.

»So sieht man sich also wieder, petite cey, mein kleiner Schatten.«

Aus einer Konstellation glatt geschliffener Obelisken ragten ein gezacktes Gebilde aus Obsidian. Die spitzen Ausläufer ragten bis an die Decke, verschmolzen wie Stalagnaten ineinander und flankierten, als seien sie Wächter, den Sprecher, der in der Mitte des Gebildes saß. Von oben lächelte der Altmer auf die zierliche Bretonin herab, die gefangen zwischen Statuen und dem kolossalen Thron noch kleiner wirkte als sonst. »Wollt Ihr mich etwa anschweigen? Habt Ihr nach all den Jahren, in denen Ihr von mir getrennt wart, nicht mehr für mich übrig als verächtliche Blicke?«

»Ich habe Euch nichts zu sagen.«

»Das bezweifle ich.« Er hatte ihre Lüge mühelos erkannt, wusste, dass sie nur aus reinem Trotz das Bedürfnis unterdrückte, allen Emotionen Gestalt zu geben und ihm die Worte entgegenzuschleudern. »Ihr habt Euch verändert«, stellte er fest, musterte sie aus eisigen Augen, die sie durchleuchteten.

»Drei Jahre sind eine lange Zeit.«

»Ein Wimpernschlag.«

»Für Euch vielleicht.« Ihr Blick streifte die Monumente, welche dem Wandel der Zeit strotzten. Ein Wimpernschlag, in der Tat. Im Angesicht dieses Sinnbilds der Unvergänglichkeit bedeutete ihr Leben nicht mehr als das einer Made. Ihr Staub würde den Boden bedecken, ehe auch nur ein Stein sich von dem Gemäuer lösen konnte. Sie schob das Bewusstsein um ihr eigenes, kurzlebiges Dasein beiseite und sah wieder zu der Gestalt in schwarzer Rüstung empor. Zu müde, um zu lächeln, zu erschöpft, um noch eine kokette Anspielung hervorzubringen. Sie bog ihren Arm ab, sodass der Stoff bis zu ihrem Ellbogen zurückrutschte und das Messer zum Vorschein brachte.

»Legt Ihr tatsächlich Wert auf Konversation, oder ist das lediglich ein Vorspiel für das Ende?«

»Das Ende?« Aus seinem Munde klang das Echo ihrer Worte wie ein einziger Witz, über den nur er sich zu amüsieren wusste. »Teuerste, das hier ist erst der Anfang.«


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Eine Motte flatterte einsam durch die höheren Sphären des kuppelartigen Gewölbes. Niemand hätte erklären können, woher sie kam und auf welchem Wege sie in die Festung gelangt war, in der weder natürliches Licht, noch Flora und Fauna, existierten. Hin und wieder ließ sich der Falter auf den Köpfen der Skulpturen nieder, legte seine schmutzig braunen, blass gemusterten Flügel über den schneeweißen Marmor. Weit unter ihm standen sich zwei Gestalten gegenüber, die äußerlich nicht gegensätzlicher sein hätten können und die dennoch einander taxierten, als könnten sie in des jeweils anderen Seele blicken. Dutzende fein säuberlich gehauene und geschliffene Stufen trennten ihre Körper, die Spannung zwischen ihnen überbrückte jedoch die Entfernung zwischen ihnen.
Winzige Gesten wechselten; ein Zucken, ein Blinzeln, das nur einen Moment zu lange hinausgezögert wurde. Eine stillschweigende Unterhaltung, unscheinbar wie der Flügelschlag der Motte.

Sie fand keine Worte. Welchen perfiden Plan er auch heimlich ausheckte – und das tat er, dessen war sie sich sicher – er kaschierte ihn gekonnt, mit einem Grinsen, das nur so von Arroganz und Überlegenheit strotzte. Der Anfang, sagte er, als hätte er ihre gemeinsame Vergangenheit mit einem Wink aus dem Protokoll gestrichen. Ein ganz neuer Anfang.
Aufmunternd nickte er ihr zu, zweifellos unter der Annahme, er könne allein damit ihr Misstrauen ersticken. Sie empfand eine gewisse Empörung darüber und gleichzeitig einen leichten Anflug von Befriedigung. Er kannte sie nicht mehr. Damals, ja vielleicht damals, hätte sie sich widerstandslos von ihm lenken lassen, wie das abgerichtete Schoßhündchen, als das er sie behandelt hatte. Das lag drei Jahre zurück. Und sie hatte dazugelernt. Der weiche Kleidersaum glitt unter ihre Zehen, als sie ihm mit einer Umdrehung den Rücken zuwandte.

»Wo denkt Ihr, geht Ihr hin?«
Sie gab keine Antwort, sondern behielt ihren moderaten Gang bei, ihren Kopf hoch erhoben. Ein zweiter Ruf schallte durch den Raum, diesmal bar jeder Belustigung.

»Macht Euch nicht lächerlich. Bleibt stehen, hört Ihr? Iseult!«

Er benutzte ihren Namen wie eine Waffe. Eine Methode, die ihre Wirkung verloren hatte. Das leichte Unbehagen, das sie beschlich, wirkte blass im Vergleich zudem, was es einst in ihr ausgelöst hatte. Das schien auch er zu begreifen; plötzlich ertönten Schritte, schwer und gefasst neben dem kaum hörbaren Schleifen ihrer Sohlen, nahmen ihre Verfolgung auf. Sie beschleunigte ihr Tempo nicht, war sie sich doch klar darüber, dass es aus dieser vor Schatten wimmelnden Bastion keinen Ausweg für sie gab. Immerhin war ihr Plan aufgegangen. Er hatte seinen Thron verlassen, opferte seinen entscheidenden Vorteil, um sie auf offenem Feld zu jagen. Bedächtig setzte sie einen Fuß vor den anderen, tänzelte in einer immer wiederholenden Schrittabfolge über schwarze und weiße Platten. Monochrome Reflexionen huschten über das Muster, verrieten ihr die Gefahr, noch ehe die kräftige Hand sie packte und grob zurückriss. Rüstungsplatten stießen gegen ihren Rücken, während der Arm sie unnachgiebig gegen den gepanzerten Leib drückte. Fauchend holte sie aus und ließ ihren Dolch blind zurück sausen. Obwohl sie nicht sonderlich geübt war, so war sie doch überzeugt, ihr Ziel, wenn auch nicht direkt zu treffen, zumindest zu streifen. Ein kurzes Vibrieren der sich verdichtenden Luft belehrte sie eines Besseren. Das auf den magischen Schutzschild treffende Metall kreischte hässlich, ein silberner Regen ging auf sie nieder.

Hilflos starrte sie über ihre Schulter hinweg in den glitzernden Schauer, sah die Fragmente ihrer zersplitterten Klinge in tödlicher Formation auf ihr Gesicht zufliegen. Intuitiv kniff sie Augenlider und Lippen zusammen, wappnete sich innerlich gegen den schneidenden Schmerz.

»Nun, das war ein kurzes Vergnügen«, drang ein erheitertes Raunen an ihr Ohr. Diffus riss sie die Augen auf. Lediglich eine Handbreit von ihrer Nase entfernt waberte ein gelblicher Schleier, der sich wie ein Film um eine unsichtbare Kuppel spannte, die sie umgab. Innerhalb des Nebels, wo das Gesetz der Gravitation ausgehebelt worden zu sein schien, schwebten schwerelos dutzende winzige Metallscherben, ihre Spitzen auf sie gerichtet, wie die Schnäbel eines wütenden Krähenschwarms. Sekundenlang hingen sie zwischen ihren Gesichtern in der Luft, dann klärte sich die Luft und gab die Splitter frei, woraufhin sie klirrend zu Boden fielen.

»Wollt Ihr mir erklären, welchem Zweck dieser Irrsinn diente, petite cey?«
Da sie nicht sofort eine Antwort gab, schloss er seine eigenen Schlüsse daraus.
»Oder hatte es keinen? Es ist erstaunlich, wie wenig Vernunft in dieses kleine Köpfchen passt«, konstatierte er verächtlich lächelnd. Wie ein fallengelassenes Püppchen, ein überflüssiges Spielzeug, ließ er sie los und drehte sich um. Mit einem dezenten Handwink bedeutete er ihr ihm zu folgen.

»Weshalb habt Ihr mich hierher zitiert, wo Ihr meinem Urteil doch so wenig Bedeutung beimesst?«

»Ihr seid nicht in der Position, Fragen zu stellen. Kommt nun.«

»Das bin ich sehr wohl«, widersprach sie, nicht willens, seinem Befehl nachzukommen. Auf Zehenspitzen überwand sie das Minenfeld aus Splittern und tat ein, zwei Schritte, bis sie wieder stehen blieb.
»Ihr stellt meine Beweggründe infrage. Was ist, wenn ich Euch sage, dass das eine Farce war, um Euch in die Position zu manövrieren, in der ich Euch haben wollte? Um einander auf Augenhöhe zu begegnen?«

»Ich würde sagen, Ihr seid von Sinnen. Mondzucker ist Gift für den Verstand, Teuerste. Ihr hättet besser die Finger davon lassen sollen.«

»Dasselbe gilt für Euch«, schoss sie angriffslustig zurück. Abrupt hielt der Altmer inne, sichtlich irritiert.

»Pardon, wie war das?«

»Ihr habt unser beider Zeit verschwendet, als Ihr nach mir schicktet. Während Ihr weiterhin ein sinnloses Ziel verfolgtet, habe ich mein Leben genutzt und etwas aufgebaut. Nur für mich allein.«

»Bedenkt gut was Ihr da sagt.«

»Ich bin mir sehr wohl bewusst, von was ich rede. Unsere Wege haben sich nach unserer letzten Begegnung geteilt und sind nicht dazu bestimmt, sich erneut zu kreuzen. Denn ich bin nicht länger Euer Werkzeug, Mannimarco

Ihre Stimme verlor sich in andächtiger Stille, als sie plötzlich begriff, dass es das erste Mal war, dass sie ihm gegenüber seinen Namen ausgesprochen hatte, den sie nicht einmal in seiner Abwesenheit wagte, in den Mund zu nehmen. Doch nun schien auch dieser Zauber gebrochen sein.

Der Altmer drehte sich zu ihr um. Seine Miene war starr, enthielt nichts mehr von der Überlegenheit, die er zu Schau stellte wie eine zweite Haut, sondern wirkte mit einem Mal schmerzlich entblößt.

»Einst hast du mich Meister genannt«, entließ er schließlich die Worte, die in ihr Bewusstsein sickerten, wo sie zweifellos die dunklen Erinnerungen wachrufen sollten, denen sie so lange hilflos ausgeliefert gewesen war. Aber keine Angst regte sich mehr in ihr. Erinnerungen waren plötzlich nur Erinnerungen, und die Vergangenheit lag in Scherben auf dem Marmorfußboden.

»Das ist vorbei.«

»So scheint es.« Er verankerte seine Augen mit ihren. »Und genau deshalb beschreibt dieser Tag einen neuen Anfang. Lassen wir die Vergangenheit ruhen, Iseult. Du willst mir ebenbürtig sein? Beweis es. Beweise, dass du mir würdig bist, und ich werde dir alles schenken, was du je begehrt hast.«

Die neue Vertrautheit in seinem Tonfall sandte einen Schauer durch sie hindurch.
»Ich wünsche nicht, Euch irgendetwas zu beweisen. Das liegt hinter mir. Mein Leben liegt nicht in Eurer Hand, sondern ich bestimme darüber«, entgegnete sie fest, darum bemüht, die Distanz zu wahren.

»Leben? Leben? Wieso willst du dich mit einer kurzweiligen Existenz begnügen, denselben aussichtslosen Krieg gegen die Zeit führen, den du wie jeder andere Sterbliche doch verlieren willst?« Er schnaubte verächtlich auf und trat auf sie zu, seinen Arm wie zum Schlag erhoben, doch stattdessen schmiegten sich seine Knöchel sanft an ihre Wange.
»Ich kann dir Unsterblichkeit verleihen«, murmelte er, während er hier ihre Haut liebkoste, da eine seidene Strähne ihres Haares zwischen seine Finger gleiten ließ. »Bekenne dich zu mir und ich kröne dein schwarzes Haupt mit weißem Gold.
Stehe an meiner Seite als meine Königin und ergreife mit mir gemeinsam die Unvergänglichkeit. Wir werden Götter sein, Iseult. Licht und Schatten. Die Daedra mögen in Oblivion verrotten, denn uns gehört die sterbliche Welt.«

Sie entzog sich seiner Berührung, in dem sie ihren Kopf zur Seite neigte.
»Ich verabscheue Euch.«

»Nein, das tust du nicht.« In seiner Stimme lag ein berechnendes Lächeln.  »Du verabscheust, wie ich dich damals behandelt habe, aber niemals mich, egal wie sehr du auch versuchst, es dir einzureden. Aber das spielt ohnehin keine Rolle, nicht wahr? Denn ich weiß um deine größte Angst, petite cey, erkenne sie in der Art, wie du erzitterst, wenn du mit deiner eigenen Vergänglichkeit konfrontiert wirst. Der Tod ist dir ein Gräuel, dein eigentlicher Feind, größer und bösartiger, als ich es in deinen Augen jemals sein werde.«
Sein Atem streifte die empfindliche Haut an ihrem Hals, als er sich zu ihr hinabbeugte. Er versprach Leben. Nein, mehr.

»Unsterblichkeit«, wisperte er in ihr Ohr. »Ergib dich mir und sie gehört dir. Uns.«

Nein, gedachte sie zu sagen, doch das Wort erstarb noch auf ihrer Zunge, gelähmt von dem brennenden Verlangen ihrer tiefsten Begierde.
Keine Stele mit ihrem Namen würde je ein Grab zieren, keine Maden würden sich an ihrem verwesenden Körper laben. Das Reich des Vergessens könnte nie die Erinnerung an sie von der Welt tilgen. Unendlichkeit.
Ein verträumtes Seufzen entfloh in die Luft, als ihr Haupt ergeben zur Seite sackte.

»Der Anfang, mein kleiner Schatten. Das ist der Anfang, dem kein Ende folgt«, flüsterte er und seine Lippen streiften sie, federleicht wie der Flügelschlag der Motte, die hoch über ihren Köpfen flatterte.

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