Sunset eyes

von Valefar
GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
Aeris Gainsborough Cissnei Cloud Strife Reno Tseng Zack Fair
25.07.2019
23.05.2020
5
16.113
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23.05.2020 4.091
 
Kapitel 5
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Dress to impress?


Als Zack an sich herunterblickte stellte er sich genau zwei Fragen:

Was ist das für ein Aufzug?

Und

Warum ich?

Er konnte sich nicht daran erinnern, dass er in seinem jungen Leben jemals eine Krawatte getragen – geschweige denn gebunden – hatte und dementsprechend hatte er es nach drei verzweifelten Minuten aufgegeben und musste sich nun mit einer halb verknoteten Schlaufe an seinem Hals zufriedengeben. Der Blick in dem Spiegel offenbarte ihm eine Gestalt, die er so noch nie gesehen hatte. Hätte er sich selbst nicht ziemlich gut gekannt, hätte er tausend Gil darauf gewettet, dass hier ein reicher Schnösel vor ihm stand, der sich niemals dazu bequemen würde die Treppen zunehmen, wenn es denn auch einen Aufzug gab. Er hatte sich die beiden Strähnen, die ihm sonst immer wild ins Gesicht ragten, mühselig nach hinten gelegt, sodass sein Gesicht plötzlich viel kantiger und erwachsener aussah. Ihn schauderte es einmal.

Feststand, dass es keinerlei Indizien in seiner Reflexion gab, die aussagten, dass er in Wahrheit ein ausgebildeter SOLDAT-Kämpfer war. Was dann wiederrum hieß… Mission geglückt? Ein erfolgreicher Auftrag machte ihn normalerweise nur zufriedener.

Zu seinem Glück ließ der Rest des Outfits weniger auf Spießertum schließen. Immerhin war er erlaubt, eine relativ bequeme Hose und ein dunkles Hemd zu tragen, dass nicht an seiner Schulterpartie spannte – wie die meisten, die er sich in seinem Leben hatte aufdrängen lassen.

„Siehst doch gut aus“, meinte Kunsel nur von der Seite und nickte mehrmals mit dem Kopf. „Echt. Glaube du warst noch nie so rausgeputzt.“ Und noch ein Nicken folgte.

„Äh… wahrscheinlich“, gab Zack zu. Wozu auch? Er ging nicht auf Missionen, um dabei gut auszusehen. Obwohl er in seiner Anfangszeit auch ein paar Kollegen bei SOLDAT gehabt hatte, die sich nach jedem Gefecht erst die Haare richten mussten. Da wunderte es wohl keinen, dass besagte Personen niemals über den dritten Rang hinausgekommen waren.

„Sag mal… wozu eigentlich das Ganze? Hab‘ nur mitbekommen, dass die Turks dich wieder aufgegabelt haben, aber dass du gleich im selben Kostüm rumlaufen musst…?“

„Ja.“ Die Irritation war Zack deutlich aus dem Gesicht zu lesen. „Denkst du mir werden Fragen von denen beantwortet? Ich bin genauso ratlos wie du!“

„Wohin geht’s denn?“

„Sektor 6. Wallmarkt.“

Kunsel prustete einmal los, als hätte er nicht richtig gehört.

„Bitte?“

„Danke.“

Genau diese Reaktion seines Kumpels bestätigte ihm doch nur Eines: Dass diese ganze Hokuspokus-Geheimniskrämerei kompletter Blödsinn war, die vollkommen an seinem Einsatzgebiet vorbeiging! Also war es doch keine Einbildung, dass die Turks ihn für komplette Schwachsinnsaktionen als ihren Hampelmann verkaspern wollten.

„Ich würde dich ja fragen, was das Ganze soll. Aber ich schätze – keine Vermutungen?“

„Doch“, gab Zack schließlich zu. Auch, wenn es ihm nicht passte.

Er wusste ziemlich genau, dass all diese seltsamen Missionsplanungen begonnen hatten, nachdem er ein Erster geworden war. Natürlich bekam er immer noch Missionen von Sephiroth aufgebrummt, die der feine Herr regelmäßig von sich abwies – aber davon ab hatte er mehr mit den Turks zu tun, als jemals zuvor in seiner Karriere. Das konnte doch nicht alles daran liegen, dass Tseng wirkliche Zweifel an ihm hegte? Und warum? Wegen dieses einen Zeitungsartikels, der ihn zugegebenermaßen nicht gerade in das positivste Licht gerückt hatte, aber deswegen gleich jegliche Professionalität und Vertrauenswürdigkeit anzweifeln?! Andererseits fühlte es sich aktuell so an, als wäre genau das der Grund für… ja, für ALLES eben.

Zack wollte Kunsel gerade über seine Vermutung unterrichten, da sein Kumpel eigentlich für alles eine sinnvolle Erklärung fand. Kunsel war zwar nicht so ehrgeizig, wenn es darum ging, sich bis in die obersten Ränge zu kämpfen, aber er war ein verdammt helles Köpfchen! Zack war sich sicher, dass er einen hervorragenden Turk abgegeben hätte, aber Kunsel war eine viel zu ehrliche und direkte Haut, um sich ständig in Geheimnisse zu hüllen. Gerade wollte Zack seinen Freund um Rat fragen, als ein allzu bekannter Name auf dem Display seines Handys aufleuchtete. Sofort danach begann das Gerät wie wild zu schrillen.

„Mir gefällt dieser Fummel nicht, Tseng…“, nahm er den Anruf entgegen.

„Ich würde dir ja sagen, du hast eine Wahl… aber die hast du nicht.“

„Schon mal was von Kompromissbereitschaft gehört?“

„Ja.“

Ein Hoffnungsschimmer durchfuhr ihn. „Okay. Also wenn ich das schon anziehen muss, kann ich dann zumindest mein Schwert-?“

„Unter gar keinen Umständen.“

„Unfair!“

„Wie auch immer du es sehen willst. Also. Bereit?“

„Bereiter geht es gar nicht“, murrte Zack. Mit einem letzten, kritischen Blick in den Spiegel legte er auf.

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„Also… warum genau hat Tseng dich ausgesucht?“

„Ich weiß es nicht“, meinte Cissnei ruhig und strich sich einer der lockigen Strähnen aus dem Gesicht, bevor sie diese nachdenklich betrachtete.

„Ich kann sie dir glätten, wenn du magst“, bot Shaina an, die die kritischen Blicke der jungen Frau bemerkt hatte. „Kein Problem. Habe alles hier.“

Ohne, dass Cissnei etwas weiteres sagen musste, war Shaina auch schon aufgesprungen und zu den Spinden verschwunden. Einmal mehr fiel ihr auf, wie unterschiedlich sie beide doch waren. Während Shaina ihre Kosmetik und Klamotten in den ihr zugeteilten Schrank aufbewahrte, hatte Cissnei sich dort ein Plätzchen für Materia und Waffen geschaffen. Die andere Turk war zwar erst seit einigen Monaten zu ihnen dazugestoßen, aber sie war trotz ihres Ticks für Mode und Oberflächlichkeiten alles andere als ungeschickt, was Einsätze anging. Unter anderen Umständen hätte sich Cissnei wohlkaum mit ihr verstanden, aber durch die Arbeit hatten sie einen seltsamen Draht zueinander gefunden.

„Also nochmal…“, grinste Shaina und klapperte mit dem Glätteisen, dass sie soeben hervorgekramt hatte. „Wieso zwingt dir Tseng so eine Aufgabe auf. Das wäre total was für mich gewesen!“

Cissnei lächelte schmal. Und wie das etwas für Shaina gewesen wäre. Sich herausputzen, ein bisschen unter die Leute gehen, Spaß haben – und dabei unauffällig genug bleiben, dass man nicht vermuten würde, sie wären gerade in verdeckter Mission unterwegs.

„Das nächste Mal schlage ich dich dafür vor.“

„Wir können noch umdisponieren“, scherzte Shaina, als sie sich die erste Strähne Cissnei’s lockiger, fuchsroter Haare griff. „Ich habe mich ewig nicht mehr in Schale geworfen…“, hing sie nachdenklich an und stelle sogar für einen Moment das frisieren ein. „Wirklich ewig nicht.“

Cissnei hätte gerne erwähnt, dass Shaina  zu jedem Zeitpunkt, an dem sie ihr begegnet war, danach aussah, als hätte sie zuvor zumindest eine Stunde in ihr Aussehen investiert. Dabei wusste sie, dass Shaina vor Dienstbeginn lediglich ihr Gesicht abpuderte und ihre Haare zu einem hohen Zopf band – fünf Minuten Arbeit. Und trotz allem sah sie immer so aus, als hätten die Turks sie aus einer Modelargentur abgegriffen. Cissnei machte sich nicht viel daraus – solche Oberflächlichkeiten spielten in ihrem Leben keine Rolle. Vor allem nicht, während der Arbeitszeiten. Aber trotz allem war es seltsam, dass Shaina so viel Arbeit in Cissneis Erscheinung gesteckt hatte und dennoch, auf eine vollkommen objektive Art und Weise, weiblicher und einfach… attraktiver aussah als sie.

„Siehst doch süß aus“, kommentierte ihre Kollegin, als sie mit ihrer Arbeit fertig war.  

Cissnei hätte es eher als puppenhaft und kindlich beschrieben, aber sie lächelte ihr dennoch schmal zu und erhob sich dann, um das pfirsichfarbene Kleid glattzustreichen, welches Shaina ihr zuvor aufgedrängt hatte. Es zeigte ein wenig mehr Ausschnitt, als es ihr lieb gewesen wäre und das, obwohl es nicht viel gab, das sie hätte verbergen können. Dankbarer war Cissnei für die schwarzen Kniestrümpfe und knöchelhohen Stiefel, die das Outfit etwas alltagstauglicher und weniger aufreizend machten.

„Danke, dass du dich bemüht hast“, sagte sie ohne sich weiter im Spiegel zu betrachten. Shainas Augenbrauen schossen in die Höhe.

„Du bist wirklich zu bescheiden, Cissnei. Dabei siehst du so niedlich aus“, versicherte sie ihr und griff nach den Händen der Jüngeren. „Glaub mir, du solltest besser aufpassen, dass sich heute Abend niemand in dich verliebt.“

Cissnei’s Gedanken wanderten unmittelbar zu Zack. Sie überkam ein unangenehmes Gefühl, als sie an die gestrige Begegnung mit ihm zurückdenken musste. Wahrscheinlich würde er sie noch eher mit einem seiner Kumpels bei SOLDAT verkuppeln, als dass er sich in sie… ha, allein der Gedanke war ja wirklich ein Witz.

Sie lachte ungläubig und ihre einzige Reaktion darauf blieb ein äußerst überzeugtes: „Keine Sorge.

Shaina verdrehte die Augen, lächelte kurz darauf wieder und pflanzte sich geschmeidig auf das nächstbeste Sofa. „Ich würde mich in dich verlieben“, zwinkerte sie dann. Cissnei schüttelte den Kopf und musste schließlich doch etwas lachen. Shaina war manchmal wirklich albern, dafür, dass sie einen äußerst ernsten Job angenommen hatte. Ähnlich wie… Zack.

Ach, bitte… nicht schon wieder!

Sie schüttelte ihre Gedanken ab.

„Also… wird das eine Solo-Mission? Oder begleitet dich jemand?“

Cissnei seufzte. Sie wollte das Thema nicht weiter diskutieren, erst recht nicht, weil sie wusste, dass sie in fünf Minuten im Foyer der ersten Etage sein musste.

„Einer der Ersten…“, sagte sie also beiläufig und ohne näher darauf eingehen zu wollen.

„Sephiroth?“, hakte Shaina nach und Cissnei konnte ihr die Aufregung – und Herzchenaugen – beinahe ansehen. „Ich dachte, er wollte sich erstmal eine Auszeit nehmen?“

„Richtig.“ Jetzt musste Cissnei es also doch erwähnen. „Zack wird mich begleiten“, löste sie das Mysterium also genau in dem Moment auf, als sich hinter ihnen mit einem Kling der Fahrstuhl öffnete und Reno, den Schlagstock über seine Schulter gelegt, die Turk-Etage betrat. Natürlich waren seine Ohren wieder größer als sein Verstand und so wunderte es Cissnei nicht – so sehr sie es auch gehofft hatte, dass es nicht so wäre – dass er den letzten Satz mitgehört hatte.

„Zack Fair?“, prustete er also raus, ohne, dass er sich die Mühe machte erst einmal eine Begrüßung auszusprechen. Dann blieb er abrupt stehen, um Cissneis Kleid verwirrt zu mustern. „Hä?“, entkam es ihm wenig schlau. „Wie jetzt? Warum hast du dich so aufgebrezelt?“

Scheinbar war Reno verwirrt genug, um keine weiteren Kommentare zu publizieren, die sie mit dem Namen Zack Fair aufgezogen hätten.

„Es ist für eine Mission“, stellte Cissnei klar. Sie gab es nicht gerne zu, aber mit den abschätzenden Blicken ihrer Kollegen, wurde ihr die Situation zunehmendst unangenehm.

„Puh… dachte gerade schon, du hast ein Date mit der Schlaubirne, oder so. Ich mein‘… logischerweise nicht“, jetzt musste Reno lachen und klopfte sich einmal gegen die Stirn, als wäre der Gedanke von Anfang an idiotisch gewesen. „Der hat ja auch ne Freundin, oder?“

Cissnei blinzelte mehrmals. Sie ignorierte diese Aussage bewusst, aber es änderte nichts daran, dass sie ein leeres Gefühl durchzog. Sie ärgerte sich sogleich darüber, da es fürchterlich dumm war. Was zur Hölle sollte es sie überhaupt interessieren? Er hatte zwar gestern gesagt, dass er keine Zeit für eine Beziehung neben der Arbeit hätte – aber dann hatte er eben gelogen. Ja, vielleicht war sie einfach nur ein bisschen enttäuscht davon, da sie ihn begonnen hatte als eine Art Freund zu sehen.

Reno‘s Augen schossen zu Shaina, als würde er erwarten, dass sie noch etwas dazu zu sagen hätte.

Die Turk benötigte ungefähr zwei Sekunden, um die Situation einzuschätzen. Cissnei erkannte es an ihrem Blick, der von ihr zu Reno und von Reno wieder zu ihr zurückwanderte. Ihre Analysefähigkeit war manchmal wirklich gruselig, aber sicherlich nicht zuletzt der Grund, weshalb man sie angeheuert hatte.

„Naja, nach einer Freundin hat sich das für mich nicht angehört…“, sagte sie und überprüfte dabei erneut Cissnei’s Gesichtsausdruck. „Klang‘ eher so, als hätte er sie gerade erst kennengelernt.“

„Ja, was auch immer“, Reno zuckte die Schultern. Scheinbar ging sein Interesse für dieses Thema nicht über das Sammeln von Informationen, um Cissnei damit aufzuziehen hinaus.
„Aber jetzt mal ehrlich… bist du sicher, dass du das anziehen willst. Ich meine… du siehst gut aus. Aber das ist wirklich kurz…“

Cissnei lächelte und blinzelte scheinheilig, während Shaina ihr zustimmend zunickte.

„Ja. Ich glaube das ist genau das Richtige.“

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Cissnei war eindeutig sprachlos, als sie feststellte, dass ihr Kleid trotz Renos offensichtlich besorgten Kommentaren immer noch harmlos gegenüber dem war, was die meisten Frauen auf diesem Rummel trugen. Zack hatte ihre Aufmachung von Anfang an nur mit einem beiläufigen, aber freundlich gemeinten „steht dir“ betitelt und danach war sie dazu übergegangen die Tatsache auszublenden, dass die zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich etwas an ihrem Körper trug, das einem Partyoutfit nahe kam.

„Wow, es ist schlimmer hier als ich dachte“, grinste Zack und stemmte die Hände in die Hüften. „Wir sollten aufpassen, dass wir nicht ausversehen von der Mission abweichen und uns an eine Bar verlaufen.“

Cissnei schoss ihm einen warnenden Blick von der Seite zu.

„Vergiss es. Ich dachte du hast aus deiner letzten Eskapade gelernt?“

Zack begann zu pfeifen und wandte sich schließlich kleinlaut ab.

„Also, wo müssen wir nochmal hin?“, warf er schnell ein und steuerte dann einfach geradeaus, als wollte er der Situation entfliehen.

Cissnei schüttelte den Kopf und folgte ihm still. Sie hätte nicht erwartet, dass Zack die Sache tatsächlich unangenehm war. Normalerweise machte er immer nur blöde Scherze und nahm nichts so richtig ernst. Es beruhigte sie ein bisschen, dass er allem Anschein nach doch so etwas wie ein Schamempfinden besaß. Auch, wenn sie sie manchmal wünschte, dass er sich erst gar nicht erst in Situationen begab, die er im Nachhinein bereuen könnte.

„Wir haben kein klares Ziel. Unsere Aufgabe ist es lediglich, verdächtige Personen auszumachen, um damit weitere Ermittlungen anstoßen zu können“, informierte Cissnei ihn und versuchte dabei leise zu sprechen. Ihr Blick überfuhr die Straße, die voller angetrunkener Leute war, die sich gesellig und sehr hemmungslos ihrem Rausch hingaben.

Es könnte auffällig sein, wenn wir aus dem Muster fallen…

„Wahnsinn… und ich dachte immer, die Turks hätten super gefährliche Einsätze. Aber das ist ja echt harmlos.

„Solange alles glatt läuft.“

Denn wenn es nicht gut läuft, läuft es richtig schlecht.

Cissnei konnte sich an einige Einsätze erinnern, die nicht nach Plan gelaufen waren. Hinterhalte waren keine Seltenheit, auch, wenn die Turks stets gut vorausplanten. Die meisten ihrer Ziele waren zwar leichtsinnig, aber diejenigen, die es nicht waren, konnten brandgefährlich sein.

„Unterschätze die Situation nicht oder du wirst scheitern.“

Zack runzelte die Stirn, als würde er sich an etwas erinnern. „Du sprichst schon genauso wie Tseng“, sagte er dann.

Cissnei zuckte die Schultern. Ihre Augen hingen an den bunten Laternen, die an Girlanden befestigt über die Straßen flogen und die Szene in ein rötliches Schimmern tauchten, das sie an die Abendröte erinnerte.

„Immerhin verbringen wir auch eine Menge Zeit zusammen.“

„Hm. Stimmt auch wieder. Fast wie eine Familie, hm?“

Cissnei zwang sich ein Lächeln ab. Familie?

„Ganz so würde ich es nicht nennen.“

Zumindest hatte sie sich eine Familie immer anders vorgestellt. Nicht, dass sie viele Vergleiche ziehen konnte… Sogesehen hatte Zack nicht Unrecht. Die Turks kamen einer Familie für sie näher als alles andere an zwischenmenschlichen Beziehungen, die sie in ihrem Leben erfahren hatte. Das war sowohl eine beruhigende als auch eine bittere Erkenntnis. Die Turks hinter sich stehen zu haben war eine unheimliche Erleichterung – aber es fehlte an wirklicher Nähe. Menschlichkeit. Gefühlen. Es war kalt und professionell in ihrer Umgebung. Das perfekte Klima für einen Killer.

Jetzt wo Zack es angesprochen hatte, war sie dazu gezwungen darüber nachzudenken.

Zeitverschwendung. Du kannst es ohnehin nicht mehr ändern.

Und dann musste er auch noch gerade diese Frage stellen.

„Äh… wie lange bist du eigentlich schon bei den Turks?“

Zu lange.

„Du bist immerhin noch ziemlich jung für ne Anzugträgerin“, hing Zack noch freundlich dran.

Cissnei wusste, dass er es aus keiner bösen Absicht heraus gefragt hatte. Aber es war das denkbar schlechteste Thema, das er sich hätte aussuchen können. Sie wollte nicht darüber nachdenken. Erst recht mit niemandem darüber reden. Himmel. Niemand hatte sie jemals danach gefragt. Und wieso auch? Den meisten war es schlichtweg egal. Spielte es denn überhaupt eine Rolle? Das war ihr Leben und sie machte einen passablen Job. Man hatte es sich aus den verschiedensten Gründen ausgesucht, den Turks beizutreten. Ihr war diese Wahl abgenommen worden und danach hatte man nie mehr darüber gesprochen.

Sie entschied sich dazu, einen Schlussstrich unter dieses Gespräch zu setzen. Die Vergangenheit spielte keine Rolle. Sie war hier. Alles andere war unwichtig.

Cissnei betätigte den kleinen Knopf ihres Kommunikationsgeräts, welches unauffällig an ihrem rechten Ohr angebracht war. Ihre Haare verdeckten es soweit, dass es niemanden auffallen würde. Ein weiterer Grund, weshalb sie sich gegen Shaina’s Idee ihr eine Hochsteckfrisur aufzudrängen gewehrt hatte.

„Irgendwelche Anhaltspunkte, Tseng?“

„Hey!“ Zack hob entrüstet die Hand. „Du willst also nicht drüber reden. Schon kapiert…“

Schmollte er etwa? Das war ja schon fast wieder amüsant.

Die Verbindung zu Tseng blieb fürs Erste schlecht. Das lag nicht zuletzt daran, dass sie sich momentan in den Slums von Sektor sechs befanden, die wie jedes der anderen Gebiete unter der Platte, nicht gerade für ein starkes Netz bekannt waren.

„In der Nähe sollte es ein Kolosseum geben. Dort wurden zuletzt stark bewaffnete Anti-Shinra Einheiten beobachtet. Ihr solltet euch ein bisschen unter die Leute mischen und Informationen darüber sammeln.“

Cissnei nickte.

„Verstanden.“

„Was hat er gesagt?“, gretschte Zack dazwischen.

Sie hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen.

„Achtet darauf, dass ihr euch unter keinen Umständen mit Shinra in Verbindung bringen lasst. Solltet ihr auffliegen, könnte es sein, dass die Zielpersonen uns das nächste Mal in einen Hinterhalt locken. Oder schlimmer…“

… nicht länger auf dem Radar auftauchen.

„Ja“, stimmte Cissnei erneut zu. Sie beendete das Gespräch mit einem schnellen Knopfdruck. Ihr war bewusst, dass sie nicht leichtsinnig sein konnten. Jeder ihrer Fehltritte konnte zukünftige Missionen gefährden.

Zack sah sie nur äußerst verwirrt und ein bisschen bedröppelt an, als wäre er ein kleines Kind, dass sich nach einem Tag voller Aktion plötzlich vernachlässigt fühlte, wenn man ihm nicht mehr die uneingeschränkte Aufmerksamkeit schenkte.

„Was hat er gesagt?“, wiederholte er. Er klang immer noch euphorisch, aber ihm war ein wenig der Wind aus den Segeln genommen worden.

Cissnei lächelte und zwinkerte einmal, ehe sie nach seinem Arm griff und ihn in die nächste Seitenstraße zog.

„Es ist Zeit für was zum Trinken.“

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Der Wallmarkt wurde nicht umsonst als ein Ort voller Rumtreiber beschrieben. Zack konnte sich lediglich daran erinnern, dass es solch einen Ort gab und man, wenn man noch ganz bei Sinnen war, lieber keinen Trip dorthin machte. Das Viertel wimmelte nur so von Kleinkriminellen, was Zack zu der Frage brachte, warum Shinra nicht schon viel früher in das Gebiet eingegriffen hatte. Fest stand, dass, wenn er eine Anti-Shinra-Bande gründen sollte, er hier sicherlich keine Angst hätte entdeckt zu werden.

„Also, wo kommt ihr‘n her? Hab‘ euch hier noch nie geseh’n.“

Während ihres kleinen Ausrutschers an die Bar – der von Cissnei charmant als Tarnung bezeichnet wurde – waren sie zu einer Gruppe junger Männer gestoßen, die sich hier scheinbar einen lockeren Abend machten. Keiner von ihnen machte den Anschein, als hätte er sein Leben auf der Reihe und das hatte nichts damit zu tun, dass sie das Vokublar eines Zweijährigen besaßen. Für einen Moment bekam Zack wirklich Angst, dass Alkohol ihm dasselbe antun könnte. Unwohl schob er sein Glas von sich.

„Ja. Ist unser erstes Mal hier. Wir…“, er sagte das Erste, was ihm in den Sinn kam und erwischte sich erneut dabei, wie er an das Blumenmädchen dachte. „…kommen aus Sektor fünf. Sind auf der Durchreise.“

„Sektor fünf?“, mischte sich einer der anderen Typen ein und beäugte Cissnei dann genauer. „Wusste nicht, dass dort sowas herumläuft.“ Zack konnte seine schmierigen Augen an ihrem Ausschnitt hängenbleiben sehen und er hasste es, aus einem Grund, den er nicht benennen konnte. Offensichtlich bemerkte Cissnei seine Anspannung, denn sie klinkte sich sofort in das Gespräch ein und legte ihm beruhigend die Hand an den Arm.

„Naja, wir haben damals auf der Platte gelebt… zumindest bis wir vor Shinra flüchten mussten…“

Nun riss der Kerl seine Augen noch weiter auf. Er stieß seinem Kumpel hart in die Rippen, was diesen aufgluksen ließ und dann fuchtelte er wild mit einem Arm.

„Hier, dieser… dieser Rosewine. Der hat doch’n Hotel, da… “ Sein Kumpel nickte nur hektisch.

„Jo, jo!“

„Gehört ihr zu den'n?“

Zack und Cissnei tauschten einen schnellen, unauffälligen Blick. Einer der Kerle war indes ein wenig näher an sie herangerückt, aber solange sie keine handfesten Informationen hatten, konnten sie keinen von ihnen provozieren.

„Nein“, sagte Cissnei schnell und schüttelte den Kopf. „Wir sind wirklich nur auf der Durchreise. Aber ein Hotel für heute Abend wäre nicht schlecht…“

Dann schob sie sich ein bisschen näher an Zack und hackte sich unter seinem Arm ein. Eigentlich tat sie es nur, damit der ungepflegte, aufdringliche Kerl ihr vom Leib blieb, aber offensichtlich wurde die Szene anders interpretiert und die Fremden begannen hohl zu lachen. Einer von ihnen verfing sich dabei in einem Husten, sodass Zack dachte er würde in der nächsten Sekunde daran krepieren. Der Fall trat nicht ein. Schade.

„Achso. Wollt‘ ihr’n bisschen Zeit für euch?“

„Der Kleinen könnt‘ ich auch nicht widerstehen“, brabbelte der Zweite neben ihm.

„Ja, zeig mal das Kleid, Süße.“

Eine Sekunde reichte und die Zurückhaltung, die Zack bis dahin noch an den Tag gelegt hatte, war wie weggeblasen. Während zwei der Kerle noch immer viel zu offensichtlich gafften, hatte der Letzte von ihnen es tatsächlich gewagt seine Hand zu heben und nach dem Stoff des Kleides zu greifen, welches Cissnei sich bereits die ganze Zeit zurechtgezupft hatte, damit es so wenig wie möglich preisgab. Sein Griff lag fest um das Handgelenkt des Fremden, was diesen dazu brachte einmal aufzujaulen.

„Beruhig‘ dich mal, Alter. Ist das deine Freundin, oder was?“

Cissnei zog leicht an Zack’s Arm. Er wusste, dass er sich nicht provozieren lassen durfte. Aber er konnte es wirklich nicht leiden, wie sie über sie sprachen.

„Behalt deine Hände bei dir oder ich bringe dich dazu.“

Es war keine leere Drohung. Das hatte der Kerl nicht erwartet, aber auch Cissnei war ganz offensichtlich nicht darauf vorbereitet gewesen, dass Zack ihn – als der Typ nur lachend erneut nach ihrem Kleid greifen wollte – am Kragen packte und nach hinten stieß, sodass sein Kopf hart an der nächstbesten Wand aufschlug. Er keuchte einmal auf, konnte aber nicht schnell genug handeln, um zu verhindern, dass er ihn erneut gegen die Wand stieß, ehe er in mit einem Ruck zur Seite riss, sodass er mit den Knie zuerst auf dem Boden aufkam.

„He… Hey!“, mischte sich einer seiner Kumpels ein und machte den Anschein, als wollte er Zack fassen. Zack setzte nur einen Fuß in dessen Richtung und er zuckte automatisch zurück, bevor er sich fast selbstüberschlug und mit den anderen beiden davonlief.

„Idioten…“, murmelte Zack, als er ihnen nachsah. Er hatte seine rechte Hand noch immer zu einer Faust geballt. Cissnei neben ihm sah in für einige Sekunden an, blinzelte dann mehrmals, bevor sie vorsichtig an ihn herantrat.

„Zack…“

„Ja, ich weiß. Entschuldigung“, entkam es ihm sogleich, als er seinen Arm von ihr losriss. „Ich bin nicht für solche Missionen geschaffen. Diese Typen haben mich einfach echt aufgeregt!“

Sie strich sich eine Strähne hinter das Ohr und griff mit ihrer rechten Hand nach ihrem linken Oberarm. Es war eine Geste, die sie selbst als Schwäche empfand. Sie schloss die Augen und richtete sich wieder vollständig auf.

„Es ist in Ordnung. Aber das nächste Mal, halt dich zurück. Du musst nicht auf mich aufpassen.“

Zack sah sie an. Weniger fragend, als begreifend. Das hier war kein Treffen zweier Freunde. Es war ein Job und jeder hatte die Verantwortung für seine eigenen Taten zu tragen. Was für ihn bedeutete, dass er soeben eine Informationsquelle vernichtet hatte, weil er sich von seinen Emotionen hat übermahnen lassen.

Ts. Das war wohl die Art wie die Turks mit Missionen umgingen. Missionsziel vor dem Wohl des Einzelnen.

Natürlich war das Zack auch bei seiner Aufnahme bei SOLDAT eingebläut worden. Aber er konnte es nicht mit sich selbst vereinbaren, vor allem nicht, da er seine Kameraden nicht als Mittel zum Zweck ansah, sondern als seine Freunde.

„Tut mir leid, aber das kann ich nicht versprechen“, antwortete er Cissnei.

Sie sah ihn aus ernsten Augen an, als hätte sie diese Antwort nicht hören wollen. Aber was hatte sie auch anderes erwartet? Wenn sie ihn schon für diese Mission auswählen mussten, dann würden sie auch mit seinen Moralvorstellungen leben müssen. Es gab Forderungen Shinras, die er stupide ausführte, aber einen Kameraden hängen zu lassen, weil anderes die Mission gefährden könnte, war keine davon.

Cissnei schien verwirrt. Sie unterbrach den Blickaustauch und starrte auf ihre Schuhe. Zack konnte sich vorstellen, dass sie gerne noch etwas dazu gesagt hätte. Aber er war sich sicher, dass sie schlau genug war, um zu wissen, dass er sich ohnehin nicht bekehren lassen würde.

„Dann müssen wir wohl jedes Hotel einzeln abklappern“, stellte sie fest, als sie sich wieder gefasst hatte. Irgendetwas lag in ihren Augen, doch er konnte nicht sagen, ob es Vorwurf oder Dankbarkeit war.
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