Diagnose Liebe

von Maybe44
KurzgeschichteAllgemein / P12
Dr. Anja Licht Franz Hubert
25.07.2019
01.08.2019
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"Stichverletzung nach Messerangriff, Patient männlich, Mitte 50, nicht ansprechbar, massiver Blutverlust, aber soweit stabil." Der Rettungssanitäter schob die Trage eiligen Schrittes in die Notaufnahme des Klinikums. Eine Schwester und der diensthabende Arzt hatten sie bereits erwartet und übernahmen nun die Verantwortung für den Patienten.

"Das ist ja ein Polizist!" entfuhr es der Krankenschwester erschrocken, als sie die blutgetränkte Uniform entdeckte.

Der Sanitäter, der schon wieder im Begriff war, zu seinem nächsten Einsatz zu eilen, drehte sich noch einmal um. "War wohl ein Einsatz wegen häuslicher Gewalt. Die Situation vor Ort ist eskaliert und der Mann hat die beiden Polizisten angegriffen. Den da hat's erwischt. Scheiß Job!" Achselzuckend verschwand er durch die Tür.

Franz Hubert musste dem Mann Recht geben. Er hatte wirklich einen Scheiß Job!  Da wurden sie wegen andauerndem lautem Geschrei und Hilferufen einer Frau aus der Nachbarschaft alarmiert, eilten zur Hilfe, und schon wendete sich das Blatt. Die zuvor noch zerstrittenen Ehegatten waren sich mit einem Mal einig, dass die Polizei ihr ärgster Feind war. Der augenscheinlich stark alkoholisierte Mann war plötzlich und ohne Vorwarnung mit einem langen Küchenmesser auf ihn losgegangen und hatte ihm einen heftigen Stich in die Leistengegend verpasst. Sein Kollege Reimund Girwidz hatte glücklicherweise erstaunlich behände reagiert und den Mann überwältigt, bevor er ein weiteres Mal zustechen konnte.

Nun lag er rücklings auf einer elend kalten Bahre und wurde im Laufschritt in ein Behandlungszimmer geschoben. Oder gar in einen Operationssaal? Nein, wohl eher nicht. Der Sanitäter hatte dem Arzt zwar gesagt, er sei nicht ansprechbar, trotzdem bekam er jedes Wort mit. Und von einer Operation war bislang nicht die Rede gewesen. Ein Glück!

Die Schwester, die seine Polizeiuniform bemerkt hatte, redete halblaut auf ihn ein, während sie seine Augenlider nacheinander hochschob und mit einer kleinen Lampe hinein leuchtete um die Reaktion seiner Pupillen zu testen. "Können Sie mich hören? Hallo, Herr Polizist... Herrschaft, wie heißt der Mann denn? Schaut's doch mal nach einem Ausweis..."

Ich kann Sie hören, ich kann euch alle hören, wollte Hubert herausschreien, aber kein Laut drang aus seinem Mund. Also hörte er weiter aufmerksam zu, wie eine andere Krankenschwester aus seinem Dienstausweis vorlas. "Polizeiobermeister Franz Hubert heißt er. Was ist denn mit seinen Kollegen, kommen die noch?"

"Keine Ahnung, davon hat der Sani nichts gesagt. Ruf doch mal auf dem Revier an!"

Hubert schüttelte innerlich den Kopf. Seine Kollegen hatten gerade wahrlich genug damit zu tun, seinen tobenden, betrunkenen Angreifer zu bändigen. Während er vor Ort vom Rettungsdienst versorgt worden war, hatte Girwidz und die herbeigerufene Verstärkung, bestehend aus Martin Riedl und Sabine Kaiser höchst selbst, alle Hände voll damit zu tun gehabt, den Mann in Richtung des Streifenwagens zu bugsieren. Obgleich er von Girwidz mit Handschellen gefesselt worden war, wehrte der Mann sich noch immer heftig, verteilte Kopfstöße und biss sogar um sich. In Ermangelung eines Gewahrsams im eigenen Revier würden die Kollegen den Mann bis nach Rosenheim oder München bringen müssen. Also Nein, seine Kollegen würden hier so bald nicht erscheinen.

Zum gleichen Ergebnis war zwischenzeitlich auch die zweite weibliche Stimme gelangt. "I hab mit einer Polizistin telefoniert, einer Frau Jungblut. Die hat gsagt, sie muss auf'm Revier die Stellung halten und die Kollegen san noch unterwegs."

"Hast nach der Familie gefragt?" hakte ihre Kollegin nach.

Familie. Da war er, der Stich in seinem Herzen, der ihn mehr schmerzte, als die tatsächliche Stichverletzung, die in eben diesem Moment vom Arzt desinfiziert und untersucht  wurde. Es gab niemanden, der Zuhause auf ihn wartete. Keine Frau, keine Kinder, nicht einmal Eltern oder Geschwister.

"Der hat koa Familie." verkündete folgerichtig die Krankenschwester. "Seine Kollegin hat gesagt, er sei geschieden und seither alleinstehend."

"Eine Schande. So a fescher Mann..." ließ sich die andere Schwester in leicht schwärmerischen Tonfall vernehmen.

Ihre Kollegin kicherte, doch der Arzt erhob mahnend die Stimme. "Meine Damen, ich muss doch sehr um ein wenig mehr Professionalität bitten."

Diesem Wunsch konnte sich Hubsi nur anschließen. Selbst wenn die beiden Krankenschwestern wie zwei Topmodels ausschauen würden, er hätte kein Interesse. Seine große Liebe hatte er vor vielen Jahren verloren. Trotzdem hatte es stets nur für die Eine einen Platz in seinem Herzen gegeben.

"Anja Licht. Doktor Anja Licht. Meinst des is a Ärztin?"

Wie, was, Anja? Kaum hatte er sich einen Moment in seinen Gedanken verloren und dem weiteren Verlauf des Gesprächs keine Beachtung mehr geschenkt, wurde die Sache interessant.

"Kann doch sein. Würd ja Sinn machen als Notfallkontakt. Ich ruf sie gleich mal an."

Nein, nicht anrufen! Bitte nicht! Oder doch?! Ganz gleich, es war ohnehin zu spät und niemand konnte seine Einwände hören, dachte Hubsi resigniert. Natürlich, Rebecca hatte ganz vorschriftsmäßig auf seinen Notfallkontakt verwiesen. Und das war noch immer seine Ehefrau. Ex-Ehefrau, mittlerweile. Er hatte die Eintragung nie geändert. Wen sonst hätte er auch an ihrer statt einsetzen sollen?

"So, die Blutung ist unter Kontrolle. Ich hätte gerne schnellstmöglich ein CT vom Bauchraum. Um sicherzugehen, dass keine Organe verletzt worden sind. Schwester Steffi?"

"Ich kümmere mich drum."

Und wieder wurde er durch die langen Flure des Krankenhauses geschoben. Erstaunt erkannte Hubsi, dass er sich wesentlich weniger um die Ergebnisse der anstehenden Untersuchung sorgte, als um das Telefonat, welches vermutlich soeben von Stationszimmer aus geführt wurde. Wie würde Anja reagieren? Würde sie zu ihm eilen, oder würde sie dem Anruf keine Beachtung schenken? Immerhin hatten sie sich nach ihrem Wegzug aus Wolfratshausen schleichend aus den Augen verloren und zuletzt vor über einem Jahr miteinander gesprochen.
Was, wenn es längst wieder einen anderen Mann in ihrem Leben gab? Wieder fühlte er einen Stich in seinem Herzen. Jedes Mal, wenn er in der Vergangenheit Anja zusammen mit einem anderen Mann gesehen hatte, hatte er sich beherrschen müssen, diesen nicht von ihr wegzureißen. Beinahe körperliche Schmerzen hatte ihm ein solcher Anblick stets verursacht.

"Servus Gerti, l bring die Stichverletzung zum CT."

"Ah Steffi, Servus. Dann kommt's mal rein. Scheint ja eilig zu sein."

Also waren sie nun wohl in der Radiologie angekommen. Ein Glück würde das CT nicht ewig dauern Hubert fühlte sich so müde. Am liebsten würde er schlafen. Stundenlang schlafen....

"Ach herrje, was is das denn?"

"Zefix, das sieht nicht gut aus.... l sag schnell dem Doktor Beck Bescheid!"

Während die Schwestern mit einem Mal in hektische Betriebsamkeit verfielen, war Hubsi schlagartig wieder aufmerksam geworden. Was hatten die Schwestern nur auf den Bildern gesehen? War seine Verletzung doch schwerwiegender  als ursprünglich angenommen?
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