Incarcerus

von Keiraleth
GeschichteDrama, Fantasy / P18
24.07.2019
21.09.2019
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Kapitel 14
Vakante Posten


Kritisch betrachtete Hermione den Saum in ihren Händen, verglich das Stickmuster mit dem des gegenüber liegenden Ärmels und runzelte genervt die Stirn, ehe sie ihre Nadel wieder aufnahm und sich vornahm, die grobe Ungenauigkeit später mit einem kurzen Zauber zu beheben.
Anne summte, als sie einen flüchtigen Blick auf ihre Stickerei warf, die sich in kunstvollen, scheinbar exzellenten Formen ergoss.
Über seine Hemden würde sich Henry jedenfalls nicht beschweren können, konstatierte Hermione und ließ den Blick weiter durch den kleinen Raum schweifen.
Sie und die dunkelhaarige Hexe saßen am Fenster, weil hier das herbstliche Tageslicht besser einfiel und dies ihre minutiösen Handarbeit ergiebiger gestaltete, aber es war auch eine hervorragende Position, um die restlichen Anwesenden nicht aus den Augen zu verlieren.
Mary, Annes jüngere Schwester, plauderte mit Mark Smeaton, der soeben seine Geige abgelegt hatte und sich nun höflich der jüngeren Boleyn widmete, die bislang eher gelangweilt Annes Tätigkeit zugesehen hatte. Jetzt hallte ihr lebhaftes Lachen durch den Raum und schien auch die beiden anderen anwesenden Damen aus ihrer gesenkten Gesprächslage zu wecken, die sich ein Stück abseits hielten, vielleicht um nicht belauscht zu werden. Am Hof war man sich stets der fremden Ohren bewusst.
„Wann brecht Ihr auf?“, fragte Anne ruhig und scheinbar von ihrer Arbeit eingenommen, denn ihre Augen fuhren konzentriert über das Garn.
„Übermorgen bei Sonnenaufgang.“
„Und Ihr seid sicher, dass Ihr nicht wenigstens zu den Feiertagen am Hof erscheinen wollt, nachdem Ihr das letzte Weihnachtsfest so früh verlassen habt?“
Es lag Hermione auf der Zunge, Anne daran zu erinnern, dass sie dies ganz allein ihr zu verdanken gehabt hatten, doch ihr war klar, dass Anne dies genauso gut wusste wie sie und so begnügte sie sich mit einem: „Charles hat sich entschieden.“
Nur das sanfte Innehalten ihrer Nadel bewies, dass Anne dies nicht gefiel, und es war ein nachdenkliches Zögern, das auf ungewöhnlich persönliche Gründe verwies und nicht auf Schachzüge, die sie oder ihre Familie vorbereitet hatten. Dann sah sie jedoch Hermione ins Gesicht, lächelte gutmütig und beugte sich seicht zu ihr vor. „Ich verstehe diese Absicht. Nach dem Vorfall in der Kapelle ist es vielleicht wahrlich klüger die Wogen zu beruhigen, ehe …“ Ihr Blick flackerte. „… ehe jemand noch tatsächlich zu Schaden kommt.“
Und sie meinte, was sie sagte, das war ihrer offenen, ernsten Miene zu entnehmen. So sehr Charles Brandon ihr zuwider sein mochte, wusste auch sie, dass der Vorfall mit Pennington und den Southwells nur böses Blut verursacht hatte. Nicht einmal ihrem rücksichtslosen Vater hatte dieser blutige Kampf geschmeckt, obwohl die beiden Angreifer in seinem Namen agiert hatten.
„Natürlich werden die Southwells belangt werden. Sie werden ein Teil ihrer Ländereien abtreten müssen und eine Vergeltungszahlung an Euch entrichten“, fuhr Anne sachlich fort und setzte ihre Nadel wieder an. „Ein Mord in der Kapelle, das wäre eine Todsünde gewesen. Ein Glück, dass William Pennington sich wieder erholen konnte …“
Und wieder blitzte Charles’ Ärger vor ihrem geistigen Auge auf, sein beherrschter Groll über diese Strafe, die in seinen Augen weit zu seicht ausgefallen war und die die Boleyns mit Sicherheit selbst in die Wege geleitet hatten.
„Trotz allem hätte ich das Weihnachtsfest gerne an Eurer Seite verbracht, Lady Brandon. Master Smeaton hat eine neues Lied geschrieben, das er uns während der Feierlichkeiten darbieten will. Das Bankett wird noch größer ausfallen als das letztjährige. Außerdem …“ Erneut beugte sie sich näher zu ihr vor. „… außerdem hätte ich gerne mehr über die Traditionen unserer Gesellschaft erfahren.“
„Diese unterscheiden sich kaum von den hiesigen, Lady Anne.“ Hermione legte ihre Nadel ab und faltete das halbfertige Hemd in ihrem Schoss zusammen, dann wandte sie sich wieder der jungen Frau zu. „Aber es wird gewiss ein schönes Fest.“
„Ihr wollt nur nicht mit George tanzen“, scherzte die Marquess.
„Euer Bruder wird darüber ebenso erfreut sein wie ich.“
Anne lachte auf. „Oh, er mag kein begabter Tänzer sein, aber er weiß, dass ich Eure Gesellschaft zu schätzen gelernt habe. Er sieht Euch gerne am Hof.“
„Auch wenn das bedeutet, dass Seine Gnaden ebenfalls da ist?“
„Den König freut es, wenn Euer Gemahl zugegen ist. Es wird gesprochen werden, wenn Ihr fehlt …“ Ihre Miene wurde wieder ernster und sie legte den Kopf zur Seite. „Es heißt, Ihr und Charles Brandon wärt Euch in Calais uneins gewesen.“
„Zeitweilig“, stimmte Hermione zu, hatte es doch keinen Zweck, den offensichtlichen Streit an diesem Abend zu beschönigen. „Es war ihm zuwider, dass … dass ich bestimmte Ansichten verteidigte und er fühlte sich … Er war der Meinung, ich hätte mich zurückhalten sollen. Wir waren beide aufgebracht, haben uns aber schnell wieder versöhnt.“
„Ging es dabei um mich?“
Ihre Augen fixierten sich gegenseitig, dann nickte Hermione ruhig. „Natürlich.“
„Er wollte, dass Ihr Abstand von mir nehmt?“
„Er war verärgert. Genauso wie ich. Wir haben einander Sachen gesagt … die keinen Bestand besitzen.“
„Weiß er, dass Ihr hier seid?“
„Bei Euch? Ja. Ich versuche, Geheimnisse zwischen uns möglichst gering zu halten. Er hat sich mit unserem Miteinander arrangiert, Anne, er ist kein Narr. Charles weiß, dass ich keine Feindschaft zwischen Eurer Familie und unserer herbeisehne.“
Tatsächlich hatte er seit Calais kaum mehr ein Wort zu ihrem Kontakt zu Anne verloren. Er wusste, dass sie gerade die Tage am Hof oft in ihrer Gesellschaft verbrachte. Auch, als sie eine Woche nach Penningtons Verletzung mit Anne ausgeritten war, hatte er sie nur gebeten, Harry mit sich zu nehmen, was kaum auf seine Abneigung gegen Anne zurückzuführen war.
Vielleicht versuchte er seine zornigen Worte von Calais wieder gutzumachen, aber Hermione wusste, dass sie den Großteil seines damaligen Ärgers, verletzt in ihrem eigenen Stolz, selbst provoziert hatte und so gab sie sich ihrerseits Mühe, ehrlich zu bleiben und ihn keines ihrer Treffen mit Anne zu verschweigen. Sie hatte nicht das Gefühl, dass Calais ihnen beiden geschadet hatte. Vielleicht hatte es sie einander noch ein Stück näher gebracht, jetzt da sie auch die zornerfüllte Seite des anderen zu Gesicht bekommen hatten und nicht länger mit Samtpfoten umeinander schlichen.
„Ihr liebt ihn.“
Nein, widersprach ihr Geist ruhig und wissend, gewiss nicht.
„Ich habe Charles Brandon nicht aus Liebe geheiratet, Lady Anne“, antwortete sie ernst, während Smeaton ein neues Musikstück für Mary anstimmte, die erfreut in die Hände klatschte. „Aber ich schätze ihn, ich genieße seine Gegenwart und ich vertraue ihm. Vielleicht liebe ich ihn nicht, doch ich kann Euch versichern, dass ich … mein Leben für ihn geben würde.“ Aus mehr Gründen, als du dir vorstellen magst.
„Ist es nicht das, was man gemeinhin Liebe nennt?“
„Nein, das ist sie nicht.“ Nicht die Liebe, von der du sprichst. Nicht das, wovon man blutet und stirbt und verändert hervorgeht. Aber sie wusste selbst nicht, wo die Grenze lag; was aus dem besonnen warmen Gefühl der Zuneigung dieses tiefe, unerklärliche Glühen machte, das ein anderes Leben mit dem eigenen verschmolz und es unmöglicht machte, es ohne den anderen fortzuführen. Dieses Gefühl, das persönlichen Wandel zur unausweichlichen Bedingung machte, wenn man gezwungen war, ohne den anderen weiterzuexistieren.
Es gab andere Formen von Liebe, ja. Hermione kannte sie. Für sie musste aber erst ein Begriff erfunden werden, denn so wahr und schön und feurig sie sein mochten … sie waren nicht dasselbe. Ihre Nachbeben waren weicher, weniger verheerend.
Anne schwieg nachdenklich, während sie gegen die sinkende Nachmittagssonne hinter den Buntglasfenstern blinzelte. „Vielleicht habt Ihr recht.“
Hermione richtete den Blick zurück auf ihre Stickerei, fuhr mit den Fingern darüber und fragte sich, was es sie kosten würde, wenn Charles tatsächlich irgendwann diese magische Grenze überschreiten sollte. Sie hatte genug Erfahrungen gesammelt, um zu wissen, dass das möglich war, dass es geschehen konnte. Ich liebe ihn nicht … aber vielleicht tue ich es irgendwann. Sie wünschte es sich nicht, fürchtete es, doch darauf hatte ihr Verstand noch nie Einfluss gehabt. Man konnte sich nicht befehlen, jemanden zu lieben, und man konnte es sich auch nicht untersagen, es zu tun. Es geschah einfach, manchmal augenblicklich, manchmal wachsend und manchmal schleichend … Hermione wäre unsäglich naiv, wenn sie dies nicht als mögliche Konsequenz ihres Zusammenlebens erwartete. Und ebenso naiv wäre es zu glauben, dass der unausweichliche Abschied aus dieser Zeit dann keinen prägenden Einfluss auf sie haben würde. Weil auch Charles Brandon nur eine temporäre Konstante für sie war, so gegenwärtig er im Moment scheinen mochte. Auch er würde irgendwann wenig mehr als eine Erinnerung bleiben.
Jemanden zu verlieren, hatte sich bislang immer als qualvoll und anstrengend erwiesen, energieraubend, aber das Resultat gestaltete sich verschieden. Es gab Veränderungen, die einen dehnten, und es gab Veränderungen, die einen stählten. Beides hatte sie erlebt. Ihr logischer Verstand sagte ihr, dass es noch eine dritte Sorte gab.
Und diese wollte sie nie erleben.
Sie wollte nicht zerbrechen.
„Ich habe mich Henry hingegeben“, murmelte Anne jäh.
Schlagartig sah Hermione wieder auf.
Annes Stimme war fester, stolzer, als sie fort fuhr: „Ich habe … Es war an der Zeit. Wir mögen noch nicht verheiratet sein, aber wenn es wahr ist, was Ihr sagt, dann ist das ohnehin keine Frage des Gelöbnisses vor dem Bischof, sondern voreinander. Ihr seht … Calais hat für uns beide Veränderungen mit sich gebracht.“
Hermione wusste nicht, was sie auf diese Enthüllung antworten sollte, auch wenn ihr Henrys spürbar zufriedeneres Gemüt nun sehr viel verständlicher wurde.
„Es kann nicht mehr lange dauern …“, sprach Anne weiter. „Der König hat Cranmer zum Erzbischof von Canterbury berufen.“
Hermione erinnerte sich, dass der letzte Erzbischof vor etwa einem halben Jahr verstorben war. Thomas Cranmers Berufung in einen höheren Posten war nur eine Frage der Zeit gewesen, so viel Mühe sich die Boleyns gemacht hatten, ihn in Henrys Augen hervorzuheben. Dass er jedoch sofort dieses hohe Amt empfangen hatte, war überraschend.
Als habe Anne ihre Verblüffung erkannt, lächelte sie. „Oh ja, der Papst hat dieser Ernennung zugestimmt. Vermutlich versucht er den König mit diesem Entgegenkommen versöhnlich zu stimmen. Er hat nicht verstanden, dass Seine Majestät nichts an den Reformen zu ändern gedenkt oder an seinen Wünschen, mich zu heiraten. Der König ist und bleibt das neue Oberhaupt der Kirche von England.“
Und Cranmer wird als treuer Unterstützer der Reformen die Annullierung der Ehe mit Königin Katherina vorantreiben, stellte Hermione für sich fest. Dies wollte Henry offensichtlich nicht selbst entscheiden. Als Oberhaupt der Kirche hätte ihm das Urteil durchaus zustehen können, doch die religiösen Veränderungen und Katherinas Verstoßung brachten das Volk schon jetzt zu großen Teilen gegen ihn auf. Indem er das Urteil in die Hände des Erzbischofs legte, gab er allem einen Anschein von Gültigkeit, die nichts mit den vergangenen Reformen zu tun hatte.
Die Frage blieb nur, ob das englische Volk dieser Finte aufsaß, ob es sich nicht wunderte, wie ein Niemand jäh zum Erzbischof von Canterbury ernannt werden konnte. Ob seinen Widersachern damit wirklich der Wind aus den Segeln genommen wurde. Oder ob sie dadurch nicht noch zorniger wurden …

Es war neblig und kalt, als sie nach Westhorpe Hall zurück ritten.
Die Bäume waren kahl, die Sträucher stachlig und die nasse Luft sammelte sich in ihren Kleidern. Anders als in Mittelerde fehlte Hermione zudem die Routine des Ritts, was es nochmals anstrengender machte. Schon ihre ersten Reisen nach London und zurück hatten sie todmüde zurückgelassen und ihre Schenkel schmerzhaft aufgerieben. Charles hatte sie damals damit aufgezogen, als sie während ihrer ersten Rast sofort in den Schlaf gefallen war, und hatte ihr wiederholt angeboten, die Kutsche zu nehmen. Doch lieber ritt Hermione und stieg müde und zerschunden, aber dafür wissend ab, als sich in einer Kutsche mit ein paar Zaubern Gemütlichkeit zu verschaffen und dafür nichts von den Gesprächen ihrer Mitreisenden mitzubekommen.
Inzwischen war es ihr auch wieder deutlich vertrauter, auf dem Pferderücken zu reisen. Nicht nur die kurzen, freizeitlichen Ausflüge des vergangenen Jahres hatten sie dafür gestählt, auch ihr Körper erinnerte sich wieder der Lehre, die die Strapazen aus Mittelerde geboten hatten.
Oft dachte sie an Agalos, dem Mearaspferd, das sie nach Minas Tirith getragen hatte – so viel schneller, unerschrockener und klüger, als es ihr gegenwärtiger Fuchs konnte. Agalos, der nach ihrem Fortgang bei Legolas geblieben war, anstatt zu seinem vorigen Herrn, dem Elbenfürsten Elrond, zurückzukehren. Spätestens, wenn ihre Gedanken zu den Berichten aus Legolas’ Buch wanderten, zu dem glühenden Gefühl, das es auch jetzt noch in ihrer Brust auslöste, gestattete sie es sich nicht länger, in der Vergangenheit zu schwelgen. Doch ganz ließ es sich nicht abwimmeln, wenn sie ritt.
Ihr Kopf hörte nie auf zu denken, zu assoziieren und zu verbinden. Genauso gut hätte sie sich befehlen können, den Atem einzustellen.
Umso dankbarer war Hermione auch diesmal, als sie den Großteil ihres zweitägigen Ritts an der Seite von Ron verbrachte. Harry würde erst in einigen Tagen London verlassen. Einerseits hatte Charles ihn mit ein paar Nachrichten und kleineren Verhandlungen betraut und zum anderen hatte auch Cromwell ihn um eine weitere Unterredung im Vertrauen gebeten. Charles schien immer noch nichts von Harrys Doppeltätigkeit zu ahnen und Hermione und Ron gaben sich die größte Mühe, ihn in Fällen von unerwarteter Abwesenheit zu decken. Bislang hatte dies gut funktioniert.
„Wie geht es Sir William?“, erkundigte sich Hermione, als bereits die Dämmerung inmitten der weiten Graslandschaften nahte, die ihrer neuen, zeitweiligen Heimat Suffolk so zu eigen waren. Die Lichter des Anwesens, das sie ansteuerten, waren bereits zu erkennen. Vermutlich hatte der Hausherr seine Boten angehalten, alles bestens für das Gefolge des Herzogs herzurichten, die Kamine anzuheizen und Kronleuchter zu entzünden.
Ron warf einen Blick zurück, ihren kleinen Tross hinab, dann hob er die Schultern. „Pennington spricht noch nicht viel, aber ich glaube, dass er es gut überstanden hat.“
„Er soll auf seinen Verband aufpassen. Ich habe … ich habe keine Ahnung, wie gut seine Wunde bislang verheilt ist. Es sieht viel besser aus, aber ich könnte nicht sagen, ob sie nicht wieder aufreißen kann. Ich bin kein Arzt.“ Es war nicht das erste Mal, dass ihre Ahnungslosigkeit sie insgeheim verärgerte. Auch, weil sie unter ihren gegenwärtigen Umständen nicht viel dagegen unternehmen konnte.
„Vielleicht bist du kein Arzt, aber wen interessiert das schon? Wenn ich bedenke, was Ärzte tun … Erinnerst du dich an meinen Dad? Sie haben versucht, seinen Schlangenbiss zu … zu … zu sticken?“ Er kniff die Augen zusammen und sah konzentriert gegen den grauen Himmel.
„Sie haben versucht, den Biss zu nähen“, half Hermione ihm nach. „Ja. Und ich habe dir schon einmal gesagt, dass das bei deinem Vater nicht funktioniert hat, weil es eine magische Wunde gewesen ist. Bei Muggel funktioniert das meist hervorragend.“ Sie sprach gedämpft, fest bemüht, keines ihrer Worte für andere Ohren zu offenbaren, auch wenn Charles, der vor ihnen ritt, sich angeregt mit seinem ältesten Gefolgsmann unterhielt und hinter ihnen eine kleine Lücke klaffte, weil der Gepäckwagen nicht ganz so schnell vorankam. Pennington und die anderen Männer ritten dahinter. „Du solltest inzwischen besser von Muggelmedizin denken, Ron. Sie hat dir nach der Schlacht auf Alcatraz das Leben gerettet.“ Neben Galadriels Blättern, fügte sie für sich hinzu.
„Wie auch immer.“
Genervt rollte sie mit den Augen. „Was ich eigentlich sagen wollte: Ich denke, ich bin mehr Heilerin denn Ärztin. Ich kenne einige gute Heilkräuter, ich kenne mehrere Tränke gegen verschiedenste Beschwerden, kenne Zauber … Alles dank Hogwarts. Aber wenn es um Wundheilung geht, die ich nicht auf unsere Art vorantreiben kann, dann weiß ich nicht mehr als jeder Andere aus unserer Zeit.“
„Blödsinn“, gluckste Ron. „Deine Eltern waren doch Ärzte.“
Zahnärzte.“
Damit schien er immer noch nichts Genaueres anfangen zu können, denn er ging gar nicht erst darauf ein. „Ich bezweifle, Hermione, dass du bei irgendetwas nur genauso viel wie jeder Andere wissen könntest“, erklärte er stattdessen stichelnd. „Selbst im Quidditch wirfst du uns Fakten um die Ohren, die Harry und mich nur dumm aus der Wäsche glotzen lassen, und dabei ist das unser Fachgebiet. Pennington lebt, oder nicht? Also hast du irgendetwas richtig gemacht. Merlin, du hast ihn gerettet. Davon ist er zumindest überzeugt. Du solltest ihn abends beim Kartenspielen hören …“
Sie lächelten sich an, kurze Belustigung und vage Zufriedenheit auf beiden Seiten, dann zogen sie ihre Mäntel enger und bemühten sich um ein distanzierteres Auftreten. Manchmal war es schwer, dem treu zu bleiben.
Weder feucht, noch trocken und mit einem unangenehmen Gefühl der Klammheit kehrten sie schließlich bei ihrem Gastgeber für die Nacht ein. Sie bedankten sich, auch wenn jeder wusste, dass es eine Selbstverständlichkeit war, den Herzog von Suffolk aufzunehmen; wärmten sich in seinem Haus auf und aßen hungrig das opulente Mahl, das sicher einen Großteil seiner besten Vorräte aufgebraucht hatte. Dann ging Hermione zu Bett und fiel in den Schlaf, noch ehe Charles sich von ihrem Gastgeber loseisen konnte, ohne undankbar zu wirken. Am nächsten Morgen brachen sie wieder auf und brachten auch den Rest ihrer verbliebenen Etappe hinter sich.
Je weiter sie sich von London entfernten, desto ruhiger wurden sie alle. Sogar der Nebel lichtete sich.

„Die Salbe enthält zu größten Teilen Schafgarbe und Königskraut“, erklärte Hermione ruhig, während Joan zusah, wie sie den Blutwurz mörserte. „Akelei wäre ebenfalls hilfreich gewesen, aber ich habe nur Helenenkraut gefunden, also nehmen wir das.“
Murtlap wäre perfekt, sann sie weiter, auch wenn sie wusste, dass Murtlapessenz aus einem magischen Meereslebewesen gewonnen wurde und damit außer Frage stand.
Zusammen mit ihrem Wissen um gewisse Medizinkräuter, die auch Magier verwendeten, ihren Erinnerungsschnipsel an Aragorns und Achilles’ eindrucksvollen Heilmethoden und ihrer schnellen Recherche in Kräuter- und Medizinbüchern, die sie in der Bibliothek von Westhorpe Hall hatte ausfindig machen können, hatte sie ihre Salbe verfeinert.
Penningtons Wunde war noch nicht ganz verheilt. Die zweitägige Reise aus London hatte ihren Tribut gefordert und so hatte Hermione erneut all ihre Utensilien zusammengesammelt, bevor sich die Wunde entzünden konnte. Joan hatte sie in ihrem Kräutergarten gefunden, sie beobachtet und scheue Fragen gestellt, also hatte Hermione ihr angeboten, ihr die Zubereitung zu zeigen. Schon während des Sommers hatte sie aufmerksam all den Ratschlägen zum Umgang mit Seuchen gelauscht.
Nun standen sie dicht beisammen über die Tischplatte gebeugt, mit den wärmenden, im Feuer knackenden Holzscheiten im Rücken und umgeben von den ätherischen Düften der Pflanzen. Hermione legte den Mörser ab, fügte den nun pulvrigen Blutwurz zu den restlichen Zutaten und verrührte die Salbe, bis sie homogen wirkte.
„Es hält das Fieber fern?“, fragte Joan, die jedem ihrer Handgriffe folgte.
„Ja, aber es sorgt auch dafür, dass die Wunde schneller verheilt.“
Die junge Frau nickte langsam, roch an dem fertigen Produkt und nickte erneut. „Ihr seid … eine kluge Frau, Euer Gnaden.“
Ich hatte sieben Jahre Kräuterkunde. Lächelnd wimmelte Hermione ihr Lob ab und unterdrückte das sanfte Gefühl der Nervosität, das sie immer befiel, sobald sie das Wissen ihrer Heimat anwandte und dies staunend bemerkt wurde. „Ich lese viel, das ist alles, Lady Joan.“
Nachdenklich wischte sie sich ihre Finger ab und betrachtete die vertrauten Kräuter, während Joan über die langen Blätter des Helenenkrauts strich, als bedürfte sie der Berührung, um sich das Gewächs zu merken.
Plötzlich näherten sich schnelle, leichte Schritte, dann bog auch schon Edward um die Ecke und erschien in dem großen Raum, der sonst für gesellige, aber private Abende genutzt wurde. Blinzelnd sah er sich um und wieder wurde sich Hermione bewusst, wie sehr er sich in den vergangenen drei Monaten verändert hatte. Er war gewachsen und noch wilder und aufgeweckter geworden. Seine Locken umgaben sein Gesicht wie eine Korona und als er die beiden Frauen am Kamin entdeckte, näherte er sich neugierig, in den Händen eine Schachfigur, die er fast unbewusst umklammert hielt.
„Vater sagte, ich solle Euch nicht stören“, bemerkte er, drängte sich aber trotzdem zu ihnen an den Tisch. „Ihr heilt Sir William, sagte er.“
„Im Moment stellen wir die Salbe her, die ihn heilen wird“, erklärte Hermione und strich ihm beiläufig über den Scheitel, ehe sie sich umwandte und nach dem kleinen Behältnis griff, in das sie die Salbe zu füllen gedachte.
„Störe ich Euch denn?“
Sie schmunzelte. „Nein, Ihr stört nicht, Ned.“
Sein Blick fuhr über die Gegenstände und Pflanzen, die er gerade noch erkennen konnte, weil sein Kopf auf selber Höhe wie die Tischplatte war, dann wies er auf einige Büschel. „Das kenne ich. Das wächst im Wald.“
„Königskraut, Euer Gnaden“, antwortete Joan und lächelte stolz, jetzt da sie dessen Heilwirkung kannte. Hermione schluckte, versuchte nicht weiter darüber nachzudenken, welche Bedeutung die unscheinbare Pflanze für sie besaß, und spachtelte die Salbe in das Behältnis.
Königs-kraut“, wiederholte Edward konzentriert. „Gehört es dem König? Aber es wächst doch in unserem Wald?“
Das brachte die beiden Frauen zum Lachen und für einen Moment vergaß Hermione, wie nostalgisch es sie machte. „Es heißt Königskraut, weil es einst große Könige verwendeten. Könige, deren Hände heilende Wirkung hatten, und die … ihre Wälder und ihr Land so gut kannten, dass ihnen jeder Stein vertraut war und sie keine Karte, noch Pferd benötigten und trotzdem immer an ihr Ziel fanden. Sie wussten, dass das Kraut heilende Wirkung besaß und sie retteten damit viele Leben.“
Ned runzelte die Stirn, doch die Faszination stand ihm ins Gesicht geschrieben, wie immer wenn er ihren mysteriösen Geschichten lauschte.
„Woher wisst Ihr das, Mutter?“
Blinzelnd erstarrte Hermione. Joan schien nichts zu bemerken, denn sie zupfte an der Schafgarbe und erwiderte belustigt an ihrer Stelle: „Ihre Gnaden liest viel, Mylord. Ihr solltet also weiterhin üben, eine Feder zu halten, dann werdet Ihr eines Tages vielleicht ebenso viel wissen.“
Ehe Hermione die Tatsache ganz verdaut hatte, dass der Junge sie Mutter genannt und dabei völlig unbekümmert gewirkt hatte, trat eine weitere Person ein.
Fahrig strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht, die sich beim Zerhaken der Kräuter aus ihrer Frisur gelöst hatte, doch entgegen ihrer Erwartung war es nicht Charles oder vielleicht Pennington, der sowieso bald zu seiner Behandlung auftauchen musste, sondern Harry.
Überrascht hob sie die Augenbrauen.
„Lady Hermione, Lady Joan.“ Er neigte leicht den Kopf. „Lord Edward.”
Sie hielt sich nicht mit Förmlichkeiten auf. „Ihr seid schon zurück?“, fragte sie stattdessen verblüfft.
Tatsächlich hatte sie ihn erst gegen Abend erwartet. Prüfend besah sie sein Gesicht und etwas in dem ruhigen, aber ernsten Ausdruck seiner grünen Augen verriet ihr, dass Harry dringende Neuigkeiten mit sich brachte.
„Ich bin gerade angekommen“, antwortete er rasch. „Darf ich Euch sprechen?“
Sie nickte, wies Joan an, die unverarbeiteten Kräuter zum Trocknen zusammenzusammeln und ein Auge auf Ned zu halten, und folgte ihm in den steinernen Korridor. Sie hatten kaum eine Nebenkammer betreten und hinter sich geschlossen, da beschwor er auch schon einen Muffliato und platzte heraus: „Henry hat Cromwell das Amt des Lordkanzlers übergeben. Er ist Thomas Mores Nachfolger.“
Tief atmete Hermione aus. „Das wird Charles gar nicht gern hören.“
„Das wird halb England gar nicht gern hören“, korrigierte Harry. „Jeder weiß, dass Cromwell zurzeit mit den Boleyns an einem Strang zieht. Und jeder ahnt, dass er mit Luther sympathisiert, auch wenn er sich öffentlich nicht dazu positioniert hat. Jetzt ist er Lordkanzler. Er ist Henrys direkter Vertreter. Das wird ähnlich viel Ärger verursachen wie Annes Ambitionen, Königin zu werden.“
„Wir wussten, dass Cromwell das irgendwann erreichen würde“, erinnerte Hermione ihn unbeeindruckt, aber ernst. „Und wenn die Geschichte sich dahingehend nicht geändert hat, dann wird das Volk dies murrend akzeptieren. Sicher wird es hier und da ein paar Aufstände geben, Leute werden verhaftet werden, aber … das wird auch der Fall sein, wenn Anne gekrönt wird. Wir müssen es ohnehin geschehen lassen, weil das der Lauf der Dinge war.“
„Ich mache mir auch mehr sorgen um dich“, erwiderte Harry leise und trat auf sie zu, bis sie sich so nah gegenüber standen, dass sie den Geruch von Pferd und Feuchtigkeit vernehmen konnte, der noch seinen Kleidern anhaftete. „Kaum, dass Cromwell in seinem Amt bestätigt wurde, kam er zu mir und wies mich an, von jetzt an jeden deiner Schritte zu dokumentieren. Er will wissen, wie du so schnell Annes Vertrauen erobern konntest, obwohl Charles ihr erklärter Feind ist. Cromwell glaubt nicht daran, dass es reine Sympathie oder Friedensbemühungen zwischen euch sein sollen, denn dafür ist Anne zu clever und ihre Familie zu gerissen. Er weiß, dass es einen anderen, größeren Grund gibt.“ Harry runzelte die Stirn, bis seine blitzförmige Narbe nahezu verschwunden war. „Er will Antworten, Hermione. Und diesmal kann ich ihm keine geben.“

Sie sann immer noch über Harrys Dilemma nach, als er längst gegangen war und sie mit Charles zu Abend aß. Ihm entging ihre geistige Abwesenheit nur, weil sie in größere Runde speisten und ihr Besucher, Sir John Seymour aus Wulfhall, nach seiner langen Reise ungemein gesprächsfreudig war, obwohl Charles mit ihm bereits den halben Tag verbracht hatte. Sie lachten und scherzten und irgendwann sprachen sie auch im Licht der Kerzen über Königin Katherina, deren Exil und ihrer geteilten Abneigung gegen Anne Boleyn.
„Es ist eine Schande, was unsere Königin erdulden muss“, murmelte Seymour. Seine Finger trippelten an der kahlen Stelle seiner Schläfe, dort wo die Hofratsecken sein braunes, dünnes Haar zurückgedrängt hatten. Er war mehr als zwei Jahrzehnte älter als Charles, Hermione schätzte ihn auf Ende fünfzig, aber ihr Gedankengut schien sich trotzdem zu ergänzen.
„Eine Schande, fürwahr“, erwiderte Charles leise. „Sie war eine große und gütige Königin.“
„Und ist es noch.“
Der Herzog nickte, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und trank aus seinem Kelch. Plötzlich war nur noch das Knistern der Flammen zu hören und Hermione hob den Blick. Charles sah sie nicht an, aber sie spürte, dass ihm ihr Schweigen jäh bewusst geworden war. Um mögliche Missverständnisse sofort zu zerstäuben, räusperte sie sich und erklärte: „Ich kannte die Königin nicht lange, aber ich gebe Euch recht. Sie wirkte … stark und gerecht auf mich.“ Auch wenn sie dir deine Treue zum König angekreidet hat, Charles.
„Es ist ein Jammer, dass Ihr die Königin nicht näher kennen lernen durftet, Euer Gnaden“, nickte Seymour. „Damals war der Hof noch fröhlich und nicht so ränkisch, gespalten und verwegen, wie er es nun ist.“
„Diese Hure Boleyn hat England einen größeren Schaden zugefügt, als es irgendein Krieg unter Henrys Herrschaft je konnte. Und sie gedenkt nicht, damit aufzuhören.“
Hermione schluckte, ob Charles scharfer Worte, doch sie zwang sich, ihn nicht warnend anzusehen, noch ihr Besteck abzulegen. Stattdessen nahm sie ein weiteres Stück ihrer Forelle auf und aß weiter.
„Es ist Sir Thomas Boleyn, der wahrhaft dahinter steckt“, bemerkte Seymour ernst. „Keine Frau könnte diesen Plan alleine gefasst haben. Er hat ihr utopische Aussichten in den Kopf gepflanzt, die sie nun mit aller Härte und Verführungskunst verfolgt. Er riskierte das Leben seiner Tochter, um dahin zu gelangen, wo er nun steht.“
Zumindest Letzterem konnte Hermione uneingeschränkt zustimmen.
Letztlich wandte sich das Gespräch wieder weniger verfänglichen Gefilden zu. Als Seymour sich schließlich erhob und sich entschuldigte, um zu Bett zu gehen, musste es bereits weit nach Mitternacht sein. Harrys Dilemma war fast vergessen, stattdessen erfüllte Hermione neuer Ärger auf Charles, welcher zuletzt nur in Calais so stark aufgewallt war.
Diesmal reagierte sie jedoch besonnener.
Sie trank ihr Met zu Ende, während sie beide in das hypnotisch flackernde Feuer starrten, das ihre Gesichter rötlich beleuchtete und die scharfen Kanten darin unnatürlich gegen die sonst beherrschenden weichen Züge hervorhob, dann stellte sie langsam ihren Kelch ab und sah zu ihm.
Er erwiderte ihren Blick, ohne etwas zu sagen. Das Licht brach sich in seiner Amtskette und funkelte nahezu rhythmisch auf, wann immer er einatmete. Er sah so attraktiv aus, wie er da saß, nachdenklich und müde zugleich und doch weniger erschöpft, als es die Stunde gebot. Er musste nicht einmal lächeln, damit sie der Charme des Behagens erreichte, der ihn von Natur aus umgab. Aber es konnte sie nicht besänftigen.
„Ihr hättet nicht so offen sprechen dürfen, Charles“, begann sie ernst. „Es ist gefährlich, selbst wenn jeder weiß, was Ihr von Anne Boleyn haltet. Gesprochenes kann man nicht zurücknehmen.“
„Seymour steht auf unserer Seite, Hermione“, beruhigte er sie unbesorgt. „Er steht voll und ganz hinter Königin Katherina.“
„Gegenwärtig. Wer weiß, wie es in ein paar Monaten aussieht? Seine Loyalität kann sich ändern, aber das lässt ihn noch lange nicht vergessen.“
„Ich vergesse auch nicht.“
Sie wusste nicht, ob er das auf Seymours eigene Aussagen bezog oder auf die Taten Boleyns, aber sie entschied sich dennoch, ihren Ton zu verschärfen und sich über die Tischkante zu ihm herüber zu beugen. „Ihr spielt mit Eurem Leben, wenn Ihr so sprecht.“
Nachdenklich betrachtete er ihre Miene, dann lächelte er matt und erklärte: „Ihr macht Euch zu viele Sorgen. Der König hat noch keinen Adelsmann hingerichtet, der sich gegen Anne Boleyn ausgesprochen hat.“
„Weil sich bislang keiner offen gegen sie ausgesprochen hat“, ergänzte sie finster. „Ich weiß, dass Ihr das nicht im Sinn habt, aber seid nicht naiv, Charles.“
Tief atmete er aus, dann senkte er nachdrücklich das Kinn, als gäbe er ihr zuliebe nach, ohne sie aus den Augen zu lassen. Es überzeugte sie nicht, weil sie insgeheim wusste, dass Charles ihre Sorge um sein Leben für überspitzt hielt und seine Abneigung gegen die Boleyns durch nichts, nicht einmal ihre klaren Warnungen, zu übertreffen war.
Sie hielt seinen Blick, dann ließ sie sich wieder zurückfallen, doch er unterbrach ihre zögerliche Entfernung, indem er sich seinerseits nach vorne beugte und seine Hand hob.
Seine Finger wanderten über ihren Kiefer, vorsichtig, als sei sie zerbrechlich. „Wäre es naiv zu hoffen, dass wir uns gleich in unseren Gemächern treffen?“
„Vielleicht“, antwortete sie, nur halb besänftigt. Sie schliefen jede Nacht in einem Bett, aber das würde sie jetzt nicht eingestehen.
„So gehe ich das Risiko ein.“ Er grinste, so einnehmend wie immer, stand auf, beugte sich zu ihr herab und küsste sie einen langen, zärtlichen Moment. „Ich muss noch etwas überprüfen. Es dauert nicht lange.“
Sein zweiter Kuss war kurz und für ihre Kieferbeuge reserviert. Es sandte einen flüchtigen, wohligen Schauer ihre Wirbelsäule hinab, denn ihr Körper kannte die Konsequenz dieser Berührung und hatte sie längst zu mögen gelernt; vielleicht auch, weil Charles sich die Natur dieser Berührung mit keinem Geist ihrer Vergangenheit teilte.
Seufzend kehrte Hermione durch die vertrauten, fast heimischen Flure von Westhorpe Hall in ihr gemeinsames Gemach zurück, während er den Korridor hinab verschwand und die letzten wachen Diener in den Speisesaal wuselten, um ihre Platten und das Besteck abzutragen und das Feuer zu löschen.
Als sie letztlich durch die schwere Tür ihres Schlafgemachs trat, schrak sie fast zusammen.
Vor dem nächtlich schwarzen Fenster flatterte eine kleine Gestalt auf und ab.
Rasch verriegelte Hermione die Tür hinter sich, eilte zum Fenster und riss es auf, um die Schleiereule und einen Schwall kalter, feuchter Nachtluft einzulassen. Sam machte kein Geräusch, aber Hermione fuhr die Eule dennoch wütend an: „In Godrics Namen, du sollst doch nicht zu mir kommen!“
Das Tier beachtete ihren Ärger gar nicht, sondern landete geschmeidig auf der Fensterbank und streckte sein Bein vor, den Kopf würdevoll erhoben, als habe es das innigst geprobt.
Vermutlich hatte Sam Harry nicht erreichen können, also war Hermione seine zweite Wahl gewesen, wusste die Eule doch, dass der Brief an sie adressiert war. Schnell band sie das Pergament ab, dann öffnete Sam auch schon seine Flügel, besaß zumindest den Anstand, nicht um eine essbare Belohnung zu betteln, und verschwand wieder durch das geöffnete Fenster. Hermione schloss es, ehe sie mit hastigen Griffen das Siegel brach und den Brief entfaltete.

An Hermione Ignobilis von Theophrastus Paracelsus,

Die Berichte, die Ihr mir sandtet, waren hilfreich, doch lässt es sich nicht umgehen, meinerseits einen Blick auf Euren Freund zu werfen. Sein Gebrechen ist mir noch immer ein Mysterium.
Da ich diesen Winter ohnehin nach Britannien reise, werde ich Euch des sterbenden Januars oder des beginnenden Februars besuchen, sofern Ihr dem gewogen steht. Natürlich bedarf es dafür eines Treffpunkts, der eine genaue Untersuchung Eures Freundes ermöglicht. Ich vertraue hierbei gänzlich auf Euer Urteil.

Im Jahre 1532 unseres Herrn.


Sie las den Brief zweimal, dann schloss Hermione die Augen.
Merlin.
So weit hatten sie es gar nicht kommen lassen wollen, doch wenn sie Paracelsus glauben durfte, kamen sie nicht daran vorbei, dass Ron ihn persönlich traf. Und der Vorfall in der Kapelle hatte nur allzu gut bewiesen, wie wichtig es war, seine Flackermagie und seine magischen Eruptionen zu behandeln, anstatt zu betäuben. Von seiner verhängnisvollen Hoffnung an einer baldigen Genesung ganz zu schweigen. Das Wissen um Paracelsus’ Hilfe hielt seine Psyche beisammen, das wusste sie. Anders hätte Ron die letzten Monate nicht so überstanden, wie er es getan hat.
Wie immer verschwand der Brief auf magische Weise aus ihren Händen, als sie ihn wieder zusammenfaltete. Sie rieb sich die Stirn, verfluchte das Heilmittel für Mutanten, das so viele Opfer gefordert hatte, dann kehrte sie zur Eichentür zurück. Ihre Finger entriegelten sie fast mechanisch, doch die kurzweilige, vage Freude auf intime Zweisamkeit war wieder verflogen. Plötzlich erschien ihr diese Aussicht nur als eine weitere Anstrengung des Tages.
Während sie sich langsam aus ihrem Kleid schälte und ihre Haare löste, dachte sie darüber nach, wie komplex ihre Situation geworden war, und fragte sich, wie viel komplexer sie wohl noch zu werden gedachte.



Musik: Hurricane – Halsey

Schlussbemerkung: Am Samstag machen wir einen kleinen Ausflug und ja auch eine neue Begegnung steht uns bevor. Ich danke jedem, der bislang so fleißig kommentierte, und wünsche euch auch weiterhin viel Spannung und Unterhaltung, denn schon bald verdichten sich unsere lauernden Probleme.