Incarcerus

von Keiraleth
GeschichteDrama, Fantasy / P18
24.07.2019
30.09.2020
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16.09.2020 5.334
 
Anders aufgeführte Anführungszeichen ("'..."') weisen ein Zitat aus der Showtime Serie „Die Tudors“ auf (Executive Producer: Michael Hirst, Produzenten: James Flynn and Gary Howsam, Drehbuch: Michael Hirst, Erscheinungsjahr: 2007-2010)


Kapitel 120
Der Spiegel von Dover


Die beiden Silhouetten der Männer, die das Zelt bewachten, rührten sich nicht, wie sie es all die vergangenen Stunden nicht getan hatten, und doch fixierte Hermione sie mit einer verbissenen Entschlossenheit, die schlichtweg durch die Zeltwände strahlen musste.
So dankst du es mir also.
Seit Stunden schon war niemand mehr erschienen.
Nachdem Charles Surrey noch am Rande des Feldlagers befohlen hatte, sie in dieses Vorratszelt zu bringen, mit nichts mehr als zwei Decken, einem Krug schalem Bier und den zwei Wachposten vor ihrem Eingang, hatte Hermione ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen. Hatte sie zu Beginn noch angenommen, dass es eine harsche Methode war, sie von sämtlichen Nachbesprechungen über die Vorfälle im Wald und den kommenden Strategien gegen die unverhofft einfallsreichen Franzosen fernzuhalten, hatte sich spätestens mit Einbruch der Nacht ihr Verdacht als hinfällig erwiesen. Spätestens da hatte sich auch das winzige Schuldgefühl aus ihren Gedanken verabschiedet, das sie bis dahin noch für ihren Wortbruch empfunden hatte.
Ungeduldig war Hermione bei wachsender Dämmerung auf- und abgeschritten, umgeben von nichts mehr als dutzenden Fässern und Kisten, einem Regal mit reichlichem Vorrat an frischen Kerzen und mehreren aufeinander gestapelten Holzeimern und schweren Säcken, bis irgendwann ein sachter Ärger in ihr herangewachsen war, der sich schließlich nur erhärtet hatte, als sie sich auf dem Boden mit ihren zwei Decken eingerichtet und gegen eines der Fässer gelehnt eingeschlafen war.
Als sie wieder erwacht war, mit ächzendem Rücken, schmerzendem Nacken und wirrem Haar, blieb von Charles weiterhin keine Spur. Obwohl der Ärger inzwischen offen in ihr glomm, wagte Hermione es trotz allem nicht, das Zelt einfach auf eigene Faust zu verlassen, obwohl das Verlangen danach mit jeder weiteren Stunde empfindlicher in ihr zu kitzeln begann.
Bitter blieb sie also auf dem Boden hocken, lauschte mit einem gewispertem Sonorus an dem fernen Kanonenbeschuss und all den schnaubenden Pferden und grummelnden Männern vorbei, versucht irgendetwas zu erhaschen, das sich nicht um Aborte oder die Hundehitze unter den Rüstungen drehte, und versprach sich grollend, es Charles heimzuzahlen, wenn er sich endlich dazu herabließ, sie aufzusuchen.
Ich habe dir das Leben gerettet, knurrte eine mordslustige Stimme in ihr, als gegen Vormittag auch ihr Magen lautstark zu protestieren begann. Ein Danke hätte genügt, du verdammter-
Als sich etwas vor dem Zelt rührte, schoss ihr Blick empor.
"'General."'
Die ergebenen Stimmen der beiden Wachposten waren kaum verklungen, da wurde die Zeltwand auch schon zurückgeschoben und ihr Ehemann trat ein. In der Rechten hielt er eine Holzschale, gefüllt mit einer breiigen Suppe, doch es war sein Blick, der trotz ihres inzwischen beträchtlichen Hungers all ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Strafend langsam trat er ein, verharrte eine lange Sekunde vor dem Zelteingang und musterte Hermione, ohne die geringste Miene zu verziehen, dann sah er in die Schale hinab, als erwäge er ein letztes Mal, ob er ihr ein Mittagessen wahrhaftig zugestehen wollte, und setzte sich in Bewegung. Ohne sie aus dem Blick zu lassen und ohne ein Wort zu sagen, umrundete er betont langsam den Zeltpfahl, der sie trennte.
Ungerührt blieb Hermione auf ihrer Decke sitzen.
Ihr entging keineswegs, wie seine Augen über ihre Hose strichen und seine Mundwinkel zucken ließen. Tatsächlich hatte er sie noch nie in Hosen gesehen. Es musste ihm ordentlich gegen den Strich gehen, dieser Premiere ausgerechnet in einem Lager voller Männer beizuwohnen, die ihm unterstanden. Es war diese Erkenntnis, die Hermione ausreichend Genugtuung bereitete, um die desinteressierte Fassade ihrer Miene auch über seine betont vorwurfsvolle Annäherung hinweg aufrecht zu erhalten.
"'Ich bringe Euch etwas zu essen"', erklärte er endlich, nicht weniger ernst und ungerührt, denn sie vorgab zu sein.
„Mir ist der Appetit vergangen.“
Eine schwere Kanone erschallte, doch ihr Beben verklang im Hintergrund, während Charles langsam nickte und wissend den Kopf neigte. Mit einer Hand schob er sein Schwert beim Knauf zurück, als er sich ungeniert entspannt auf einem kargen Scherenhocker ihr gegenüber niederließ.
„Ihr habt Euer Wort gebrochen, Hermione“, sagte er. „Doch Ihr seid unversehrt und das erscheint mir im Moment wohl das Wichtigste.“
Bedächtig stellte er die Suppenschale zwischen ihnen auf den Boden.
Misstrauisch verharrte Hermione. Seine unerwartet gefällige Ruhe irritierte sie, doch noch mehr tat es sein langer, fester Blick, als er seine Hände zusammenlegte, als habe er alle Zeit der Welt mitgebracht, um ihren Stursinn auszusitzen.
"'Ihr solltet essen."'
Entschieden ließ sie die Ellbogen von ihren Knien sinken.
„Wieso habt Ihr mich in dieses Zelt bringen lassen?“, knurrte sie, ohne der Suppe auch nur einen Funken Beachtung zu schenken.
„Ihr wisst, wieso.“
Ihr Ehemann sah auf seine Hände, während sein Daumen bedächtig über den Hügel seiner Mittelhand fuhr.
„Wenn ich mich an Eure Anweisung gehalten hätte, Charles, wärt Ihr jetzt tot. Und um ehrlich zu sein, erscheint es mir außerordentlich undankbar von Euch, mir vorzuwerfen Euer Leben gerettet zu haben.“
Ein sachtes Schmunzeln wanderte über sein Gesicht.
„Nun.“ Hermione richtete sich ein Deut auf. „Werde ich hier noch länger wie eine Gefangene festgehalten oder lasst Ihr mich endlich aus diesem verdammten Verschlag heraus?“
Vage amüsiert sah Charles auf. "'Damit Ihr weiterkämpfen könnt?"'
„Ja.“ Sie funkelte. „Damit unsere Söhne noch etwas von Euch haben, wenn wir nach England zurückkehren.“
Ein leises Lachen stieg in seine Kehle, doch nun war es nicht länger nur Belustigung, jetzt war da auch Ärger.
„Nein, mein Herz.“ Ernst wie das ferne Beben der Artillerie hielt er ihren Blick. „Ihr seid meine Ehefrau, kein Soldat.“
Ich stand in Mordors Pfeilhagel auf den Mauer von Minas Tirith. Ich war Soldat, lange ehe ich Ehefrau war, du Narr. Verärgert hielt sie seinem strafenden Blick stand, strich sich ihr buschiges Haar aus dem Gesicht und verschränkte herausfordernd die Arme.
„Vielleicht sollte ich Euch mit dem nächsten Schiff zurückschicken, wie ich versprach.“ Charles hob beide Brauen, seine Daumen nach wie vor bedächtig kreisend. „Ich täte es, wenn ich sicher wäre, dass es noch eine sichere Überfahrt gäbe. Dessen könnt Ihr gewiss sein.“
„Aber die gibt es nicht“, verstand sie triumphierend.
„Und wenn ich Euch befähle auf demselben Weg zurückzukehren, auf dem Ihr hierher fandet, lachtet Ihr mich ohnehin nur aus. Also sehe ich ein, dass ich Euch vorerst im Lager behalten muss.“
Ihr selbstzufriedenes Lächeln weitete sich.
„Freut Euch nicht zu früh, Hermione.“ Seine Finger hielten abrupt inne, als er seinen Kopf mahnend zurücklehnte. „Übergeht Ihr ein weiteres Mal unsere Vereinbarung, stecke ich Euch nicht nur dauerhaft in ein gesondertes Zelt wie dieses, sondern lasse Euch zudem fesseln und dort bis zu unserer endgültigen Abreise verharren und daran wird mich ganz gewiss kein einziges französisches Kriegsschiff hindern. Habt Ihr das verstanden?“
Sie schwieg.
„Antwortet, mein Herz.“ Sachte tippte er gegen das Holz unter seinem Bein. „Diesen Hocker habe ich nur zu einem einzigen Zweck hierher bringen lassen und das war gewiss nicht der, darauf zu sitzen. Wollt Ihr den Zweck kennen lernen?“
Schlagartig verfinsterte sich ihr Blick wieder.
„Nein.“ Die Augen nun gärend auf seine Hände geheftet, schluckte sie ihre züngelnde Empörung hinab. „Ich habe verstanden.“
Zufrieden hob Charles die Suppenschale wieder vom Boden, ohne ein weiteres Wort über die Vorfälle im Wald zu verlieren. Als er sie ihr reichte, nahm Hermione sie entgegen, aber sie tat es mit so viel unterstrichenem Vorwurf, dass ihre Empörung trotz allem unmissverständlich blieb.

Zwei Wochen befand Hermione sich schon im Lager, als sich die stille Sehnsucht nach ihrer Familie schließlich mit brennenden Blüten zu entfalten begann.
Obwohl sie mithilfe von Scamander sorgsamen Kontakt zu William hielt, ihn über die Vorgänge im Lager informierte und im Gegenzug die stete Versicherung erhielt, dass Henro wohlauf war, abgesehen von seinen wiederkehrenden Fragen nach ihrem Verbleib, wagte Hermione es nicht auch nur für einen kurzen Moment nach London zurück zu apparieren, um nach ihm zu sehen. Im Lager war es voll, unstet und nichts blieb irgendwem verborgen. Eine Rückkehr wäre unmöglich, ohne dabei ertappt zu werden, magische Wege zu nutzen, solange sie nicht über den angrenzenden Wald zurückkehrte, den Charles ihr tunlichst zu betreten verboten hatte.
Und so sehr es ihr auch gegen den Strich ging – sie konnte ihn verstehen.
Der Überfall der Franzosen hatte die Engländer überrascht und ließ sie in ihrer Zuversicht wanken, mehr noch, als das Graben in den Tunneln von schwerem Gestein erschwert wurde und die Kanonen nicht den desaströsen Schaden an den Mauern von Boulogne hinterließen, den die Konstruktionskarten hatten erwarten lassen.
Also beließ es Hermione vorerst bei ihren herzschwangeren Briefen und konzentrierte sich darauf, zumindest Ashton wieder vernünftig auf die Beine zu helfen.
Ihr Eingriff ins Kampfgeschehen war dennoch nicht unbemerkt geblieben. Im Lager hatten sich sowohl ihre Bogenkünste wie auch ihr Ungehorsam herumgesprochen und eine seltsame Mischung aus respektvollem Amüsement und kopfschüttelndem Urteil für die Ehefrau des Generals und Herzogin von Suffolk hinterlassen, die die Hosen eines Mannes angezogen und Franzosen auf eigene Faust gejagt hatte. Doch lieber war Hermione eine solche Form der Belustigung in der allgemeinen Lagerkolik denn jede Skepsis und offene Ablehnung, die daraus genauso hätte erwachsen können.
„Henry nannte es den Grund, weshalb eurer Ehe Funke nie verlösche“, amüsierte sich auch Ron, als sie ihn in einem passenden Moment im Schatten der Zelte abfing und leise nach der Meinung des Königs zu dem vergangenen Ereignis befragte. „Kein Mann hätte Augen für eine andere Frau, wenn die eigene immer neue Wege fände, seine Säfte in Wallung zu bringen.“
„Es missfiel ihm demnach nicht, dass ich gegen Charles’ Befehl verstoßen habe?“, bohrte Hermione finster.
„Nein, es beschäftigte ihn kaum.“ Ron zuckte mit den Achseln und zog Culpeppers schwere Augenbrauen zusammen, was ihn vermutlich feindselig aussehen ließe, würde in seinen Pupillen nicht der wohlbekannte Weasley Glanz schimmern. „Eigentlich glaube ich ohnehin nicht, dass es unseren Möchtegern-Kriegshelden besonders überraschte. Er schien fast mit so etwas gerechnet zu haben. Und solange es ihn nicht stört und bloß amüsiert …“
Hermione verstand, was er andeutete. Solange es ihn nicht stört, empfindet er genug Wohlwollen für mich, um mich auch vor allen Ratgebern im Lager zu schirmen, die eventuell etwas anderes davon halten.
Und doch – Henrys Launen schlugen um, wie sich der Wind über einem Berggipfel drehte. Seine damalige Mahnung in York, Charles gut und ehrlich zu behandeln, lag ihr immer noch in den Ohren, obwohl sie bis heute nicht wusste, ob es eine echte Bedingung ihrer beider Frieden oder nur ein schlicht persönliches Anliegen gewesen war. Vermutlich wusste er es selbst nicht.
„Wenn es diesmal einer ausbaden muss, dann tippe ich auf Treviso.“
„Der Tunnelarchitekt?“ Hermione verschränkte die Arme. „Wieso?“
„Sie behaupten, er liege nicht im Zeitplan, eigentlich weit davon entfernt, und habe Henry noch kein Wort davon anvertraut. Du weißt ja, was geschieht, wenn Seine Majestät sich die Zukunft bereits golden und ruhmvoll ausgemalt hat, nur um dann zu erfahren, dass es in Wahrheit eher mau für ihn aussieht. Am liebsten würde ich Treviso raten, sich aus dem Staub zu machen, solange er es noch kann, aber irgendwie scheint er fast besessen von diesem Projekt ...“
„Die Tunnel sind nötig, um Boulogne einzunehmen“, bemerkte Hermione wachsam. „Die Wälle sind sehr viel robuster, denn die Karten vermuten ließen. Charles hofft zwar immer noch auf einen Durchbruch, was den Kanonenbeschuss anbelangt, aber selbst er hat erkannt, dass es allein mit Artillerie nach neuesten Berechnungen Monate dauern wird, Boulogne zu Fall zu bringen. Monate, die wir nicht haben – es ist schon fast August.“
„Dann hoffen wir lieber, dass er zufällig einen lockeren Backstein trifft, denn ich sage dir, Treviso schwitzt schon jetzt in Henrys Gegenwart mehr als Neville, wenn Snape sich über seinen Kessel beugte. Dabei möchte man meinen, das bisschen Küstensonne, das wir hier abbekommen, lässt einen Italiener nur müde schmunzeln …“

Ashton ging es indes zunehmend besser.
Obwohl kräftigere Bewegungen immer noch Schmerzen in ihm auslösten, die ihn regelmäßig auf sein Lager zurücksinken ließen, war sein Fieber endgültig gewichen und seine Augen wurden mit jedem Tag klarer. Eine Heilung, die der Wundarzt mit faszinierten Worten des Staunens und stetem Kopfschütteln verfolgte.
Wann immer er da war, um seinen Zustand zu überprüfen und erneut in Verblüffung über den vermeintlich Todgeweihten zu versinken, sahen Ashton und Hermione sich nur an, wortlos in dem Wissen vereint, dass die Wahrheit zwischen ihnen bestehen blieb wie ein Mauscheln im Kerzenschein. Bemüht, seine Fassade aus Anstand und unnachgiebiger Mannhaftigkeit auch in Krankheit aufrecht zu erhalten, behielt Ashton seine Empfindungen jedoch weiterhin für sich, ob nun Dankbarkeit oder Unverständnis in ihm schwellten.
Je länger Hermione bei ihm saß, seine Genesung verfolgte und ihn in belanglose Gespräche verwickelte, die sie in einer festen Ruhe bestritten, all den fernen Hufen und Schüssen und Kanonen zum Trotz, desto bewusster wurde ihr, wie viele seiner Facetten denen Boromirs glichen. Auch Ashton besaß diese schmalen, stechenden Augen und harten Mundzüge, wenn er schwieg oder in Gedanken versank. Er besaß seine Haltung und seinen Gang, wacker und zugleich geprägt von den Waffen und Schilden, die er zu tragen pflegte. Aber es war vor allem seine stolze, regungslose Art, die in kurzen, gewichtigen Worten mehr ausdrückte als manche Redner in hunderten Sätzen und, ganz besonders, dieser stille, schwellende Hort an Emotionen, direkt unter seiner Fassade, der Hermione nicht länger zu täuschen vermochte – nicht mehr seit Boromir und sie gemeinsam zerzaust und schockiert im Laub am Amon Hen gesessen und begriffen hatten, ihr Feuerholz noch wild um sie verteilt und die trampelnden Schritte der Uruk-Hais nur wenige Augenblicke, nur wenige Sekunden der Ahnungslosigkeit, von ihnen entfernt.
Wir hätten einander Freunde werden können, wenn der Ring nicht gewesen wäre – wir hätten einander verziehen.
Als einer der Ersten war Boromir in den Tod für sie gegangen; auch er ein verbissener Beschützer ihres Lebens bis zum Schluss, nicht minder denn Ashton oder William es heute waren. All die Pfeile hatte er für Merry, Pippin und sie aufgefangen. Vergeblich. Sie haben uns trotzdem bekommen, sie haben mir trotzdem meine Zuversicht genommen, meinen Mut, meine Furchtlosigkeit.
Die Tortur dieser Gefangenschaft hatte ihr Leben verändert, wie es viele Jahre später der Tower erneut getan hatte. Boromir hatte sie davor zu bewahren versucht, hatte verbissen gekämpft, all seine Kraft geopfert, hatte diesen feinen Faden ihres Schicksals in seinen Händen gehalten und mit seinem Schwert dafür gefochten, ihn zu erhalten, nur um letztlich in der Gewissheit zu sterben, dass es ihm trotz allem nicht gelungen war.
Manchmal verharrte Hermione selbst nach all der Zeit noch an diesem Punkt; an der Erkenntnis, dass sein Tod der Scheitelpunkt ihres Lebens geworden war – jede Qual und Pein danach nur ein später Ausläufer eben diesen Moments. Dann fragte sie sich, wie lange er sie wohl schon in Bruchtal zwischen Brücken und Terrassen beobachtet hatte, ehe sie sich dereinst bei den Bruchstücken Narsils begegnet waren. Wie viele lange Momente hatte er darüber zugebracht, über sie nachzusinnen, über ihre Herkunft und ihre Energie und ihr Lachen im Tosen der fallenden, schäumenden Flüsse an Seiten der Hobbits? Sie fragte sich, ob etwas anders verlaufen wäre, wenn sie einander dereinst nicht an Aragorns Seite kennen gelernt hätten; ob der Ring trotz allem seine Sinne vernebelt und ihn so unbarmherzig in Besitz genommen hätte oder ob sie vielleicht am sicheren Flussufer verweilt wären, statt im Laub miteinander zu ringen; ob er Minas Tirith jemals wiedererblickt hätte, ihre weißen prächtigen Mauern und ihren goldenen Fanfarenklang …
Hermione wusste sehr wohl, dass sie diese Antworten nie bekommen würde. Was das anging, konnten ihr nicht einmal Legolas Beschwichtigung verleihen.
Nein, diese Antwort konnte sie lediglich erahnen, wenn sie Menschen wie Ashton gegenüber saß und mit ihm den Kanonenschüssen in der Ferne lauschte und sich schwor, ihn nie vor eine Wahl wie die am Amon Hen zu stellen. Denn sie wusste, er würde dieselbe Entscheidung treffen. All die Pfeile würde er erneut empfangen. Boromirs Herz schlug in seinem.

Ein schwerer, prasselnder Wolkenbruch entlud sich über dem Lager, als Hermione schließlich in einbrechender Dämmerung in ihr Zelt zurückkehrte und Charles grübelnd vor seinem Kartentisch antraf, zurückgelehnt sitzend, einen Kelch Wein nachdenklich in der Rechten und den Kopf zur Seite geneigt, als studiere er gerade die äußersten Ränder des auf den Mappen verzeichneten Waldes aus einer ihm dürftigen Perspektive.
Sein Wams war unordentlich geöffnet; für Hermione das stille Zeichen, dass er keinen Besuch mehr erwartete und die Strategiebesprechungen des Tages für ihn als erledigt galten.
Von irgendwo schallte die beschwingte Melodie eines Flötenspiels, gerade laut genug gegen den festen Regen erhoben, um Hermione ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Sachte schob sie die transparenten Stoffbahnen beiseite und trat näher.
„Ich frage mich, wie sie so schnell und unbemerkt in den Wald gelangen konnten“, bemerkte Charles langsam, als käme ihr Eintreten einer stillen Aufforderung gleich, sich zu erklären. „Gibt es ein geheimes Tor, von dem wir nichts wissen? Einen Kanal? Diese Karten trogen uns schon, was die Stärke ihrer Mauern betraf, vielleicht …“
Bedächtig schob er sie auseinander, behielt den sorgenvollen Gedanken für sich und ließ seinen Blick über weitere Teile der Zeichnungen gleiten. Hermione trat näher, warf ihrerseits einen langen Blick auf die vielfachen Skizzierungen und runzelte die Stirn.
„Bryan besorgte sie“, wandte sie ein. „So lästig er mir auch sein mag, er wird scharf darauf bedacht gewesen sein, Karten zu finden, die verlässlich genug für diese Belagerung sind. Ein Geheimtor gehört sicherlich nicht dazu. Eine solche Falle wäre ihm nicht entgangen. Er hat seine … Methoden.“
Charles sagte nichts, doch sie sah, dass er ihr recht gab.
Einen langen Moment grübelten sie beide, er den Kelch an seine Wange gedrückt und Hermione gegen den sechseckigen Tisch zurückgelehnt, dem fernen Flötenspiel lauschend, als sei es ein Echo aus Mittelerde oder gar Hagrids fröhlicher Geist und nicht nur die zärtliche Bemühung eines Soldaten, ein wenig Sorglosigkeit zu verbreiten.
Schließlich glitt Charles’ Blick hinauf, über ihr auberginenrotes Kleid und den weinroten, bestickten Aufschlägen ihrer Ärmel hinweg und blieb an ihrem sachte gelösten Flechtzopf hängen, der ganz uncharmant über ihrer Schulter lag wie eine kampfzerrupfte Katze.
„Es wäre mir lieber, Ihr brächtet auf“, erklärte er leise und ließ seufzend seinen Kelch auf seine Armlehne zurücksinken.
Mahnend hob sie eine Augenbraue.
Der Anblick rang ihm ein mattes Lächeln ab, dann nahm er einen schweren Schluck Wein und fuhr sich mit Zeigefinger über Nase und Augenwinkel. Er seufzte.
„Nun, wenn Ihr bleibt, habt Ihr wie jedermann in diesem Lager etwas zu meiner Zufriedenheit beizutragen.“
„Tue ich das nicht bereits? Ich behandle Eure Soldaten.“
Erst als sie den Blick hob und in sein Gesicht zurücksah, verstand sie, dass etwas Amüsiertes in seinem schweren Ton mitgeschwungen hatte, das sich in einem leisen Schmunzeln endgültig entfaltete.
„Oh …“
Hermione neigte den Kopf, das Prasseln der Tropfen plötzlich brütend klar in ihren Ohren – inzwischen laut genug, um sogar die Flötenmusik zu verschlucken. Gemessen strich sie mit den Fingerspitzen über die rauen Pergamentkarten, vorbei an all den handflächengroßen Positionsfiguren und wieder zurück an die Tischkante, wachsam verfolgt von seinen sich verdunkelnden Pupillen.
„Nun“, bemerkte Hermione spöttisch, „wäre Euch mein Beitrag lieber als strategische Stellung, die ich Euch … auf diesem Tisch darlege … oder …“ Sie löste sich von der Tischkante, trat auf ihn zu und sank provozierend langsam vor ihm nieder. „… oder erwartet Ihr, dass ich vorher auf die Knie gehe und … womöglich Euer Siegel küsse?“
Sachte ließ sie ihre Hand an der Innenseite seines Stiefels empor wandern, bis sie die tiefe Wärme seiner Kniekehlen in ihrer Handfläche spürte. Etwas in seiner Muskulatur spannte sich an, obwohl Charles nach wie vor den Gelassenen mimte, sichtlich vergnügt von ihren belustigten Anspielungen.
Schelmisch lächelnd lehnte er sich vor, näherte sich herausfordernd dicht ihrer Halsbeuge, ließ seine Lippen an der pulsierenden Fläche ihrer Halsschlagader bis unter ihr Ohrläppchen vorbei streichen, nicht mehr denn eine flüchtige, kaum merkliche Berührung, und raunte: „Eines nach dem anderen …“ Er grinste und schluckte, zerrissen zwischen Vergnügen und jäh schwellender Lust. „Zunächst würde ich gerne erfahren, welche Gangart Ihr im Sattel wählt.“
Noch ehe sie ganz begriff, was seine Andeutung umschrieb, hob er sie mit fest entschiedenem Griff vom Boden zu sich empor und ließ sie auf seinen Schoß sinken. Ihr Herz verdichtete seinen Schlag, während er gemessen, fast gemächlich, ihre Röcke zurückschob und seine Handflächen warme Straßen auf ihren entblößten Beinen und Schenkeln hinterließen. Nicht eine Sekunde ließ er sie aus den Augen.
Dann waren seine Hände jäh unter ihrem Gesäß, schoben sie empor und zogen sie entschieden dichter an ihn heran. Ihre Nerven flatterten auf, kaum dass sie sich seines harten Schoßes bewusst wurde, der sich gegen ihre Schenkel bemerkbar machte.
„Charles …“, mahnte sie leise.
Hatte das dicht besiedelte Lager ihn bislang von jeglicher Form der Annäherung abgehalten, die über einen Kuss hinaus ging, schien es jäh keine Rolle mehr zu spielen. Vielleicht war es dem vermeintlichen Unwetter verschuldet, das sowohl ihre Geräusche verschlucken als auch etwaige Besucher vorerst fernhalten würde, doch Hermione wusste, dass selbst ein abrupter Abbruch des Regengusses das fiebrige Pochen kaum noch zu unterbrechen vermochte, das nun aus seinen Pupillen strahlte.
Hermione stockte, dann beugte sie sich vor, erfüllte seinen unausgesprochenen Wunsch und begegnete seinen Lippen in einem stillen, herben Kuss, gefolgt von ihrer beider mattem Seufzen, das gänzlich im Prasseln der Tropfen über ihren Köpfen unterging.
Entschieden löste Charles seinen Gurt und die Schnüre seiner Hose, zog sie tiefer zu sich zurück und küsste sie erneut, fester nun und begierig. Entschlossen seinem Verlangen entgegen zu kommen, nahm Hermione sein Gesicht in beide Hände, plötzlich entsetzlich ausgehungert und schier bereit.
„Ich habe es kaum mehr erwarten können“, knurrte er zwischen festen Küssen und der bissigen Erkundung ihrer bar liegenden Haut an Schlüsselbein und Schulter. „Schon seit Ihr eingetroffen seid … Gott, habe ich Euch begehrt, Hermione …“
Seine Finger schoben ihr Kleid zurück, doch nur soweit es ging, bis der Stoff gegen ihre Schultern protestierte und Charles grimmig zu ihrer Halsbeuge und den Ausläufen ihres Kiefers zurückkehrte.
„Ich war so kurz davor, Euch … Euch einfach in den Wald zu bringen, gegen den nächsten Baum zu drücken und … aber … diese verfluchten Franzosen …“
Hermione gluckste, ehe sie jäh nach Atem rang, denn seine Hände waren in ihre Kniekehlen zurück gekehrt, zogen sie drängend tiefer hinter sich, gruben sich in die Unterseite ihrer Schenkel und dann, plötzlich, spürte sie ihn zärtlich fest in sich.
Geschüttelt von dem schieren Beben ihrer Zusammenkunft, dem mahnenden, harten Gefühl seiner Lust in ihrer, als sie ihm bereitwillig entgegen sank, schloss sie die Augen, lehnte die Wange gegen seine Stirn und zerbiss ihre Unterlippe. Sein heißer Atem stieß in ihren Nacken, ließ die Schweißperlen darauf prickeln wie Champagner, bis er tief genug war, um ihre Finger fester in seine Schultern zu bohren und ihren Rücken in einen gespannten, unnachgiebigen Bogen zu zwingen. Wieder und wieder trafen sie einander, bis Hermione nichts länger wahrnahm, außer dieser Kraft zwischen ihren Schenkeln, die dichter wurde mit jeder Begegnung.
Dann überwältigte sie das Zittern, das schier entrückte Beben, und es war alles wieder vorbei und sie saßen nur noch keuchend beieinander, ihre Stirn sachte aneinander gelehnt und ihre Lider einhellig geschlossen. Immer noch regnete es auf das Zeltdach hinab, ein steter, hämmernde Strom aus kühlen Grüßen des Atlantiks.
„Zu Euren Diensten, Euer Gnaden“, neckte sie ihn leise, während ihre Finger immer noch sachte mit dem strengen Haarknoten in seinem Nacken spielten.
Charles stieß ein grummelndes Lachen aus. Es vibrierte in ihrer beider Brust nach. Mild wie Abendluft setzte es sich darin fest.

Der Juli glitt in den August über und zog sang- und klanglos an Harrys Geburtstag vorbei, ohne dass der Beschuss von Boulogne oder die Grabungen in den Tunneln unterbrochen wurden. Das schlechte Wetter hielt an. Zwar verwandelten sich die schwer prasselnden Tropfen in dünne Strahlen, die wie Strähnen aus Glas vom Himmel herab glitten, aber es genügte, um die Bedingungen im Lager erheblich beschwerlicher zu gestalten denn zuvor. Das Schießpulver durchnässte und musste ins Trockene gebracht werden, was zur Folge hatte, dass die Kanonen weniger Schüsse abgaben, während der wachsende Schlamm die Fäkalien und das Blut und Erbrochene der Verletzten mehr und mehr durch die Gassen des Lagers schob. Nebel gesellte sich schon bald hinzu. Auch er roch unrühmlich nach Keimen und brütender Erde, bis er mit neuerlichen Regengüssen durch die Zelte der Soldaten gespült wurde.
Obwohl sich inzwischen einige Dirnen im Lager niedergelassen hatten, verrann die Stimmung der Männer im Dreck ihrer Schufterei. Wer nicht untertage in Erde und Geröll wühlte und abends schlammverschmiert und mit brennenden Knochen zu Bett ging, harrte stundelang in der Nässe aus, umhüllt von sommerlicher Milde, unter dem Blech ihrer Rüstung unweigerlich frierend und schwitzend zugleich. Die schlechte Sicht machte es überdies fast unmöglich die Franzosen auf den dunklen Mauern der Stadt zu erspähen und zu erschießen und so stieg die Zahl der täglichen Toten auf ihrer Seite, während sie auf der der Franzosen schleichend sank.
Nicht nur dank des unseligen Wetters schienen sich die Machtgewichte der Belagerung neu zu verteilen. Hermione sah dem Ganzen mit unverhohlener Sorge zu.
Während das Lager nach und nach im Schlamm und Dreck versank und die Stimmung im Kriegsrat schleichend kippte, brachen erste Fälle der Roten Ruhr aus.
Die aufkommende blutige Durchfallerkrankung ließ ihre Alarmglocken spätestens schrillen, als der Wundarzt Henry nach den ersten zehn Toten verkündete, dass er einen Ausbruch im ganzen Lager für längst unausweichlich hielt, was der König mit nur allzu finsterer Miene aufnahm, jedoch unkommentiert ließ.

Irgendwo wurde ein Eimer geleert. Das Platschen seines Inhalts klatschte mit den dreckigen Pfützen zusammen und grummelte unlieblich in Hermiones Magen auf, als sie sich sachte im Kerzenschein der zahlreichen Kronleuchter ihres Zeltes über Charles’ Arm beugte und der zunehmend verdrießlichen Lage der Soldaten einmal mehr bewusst wurde.
„Wie ist das passiert?“, fragte sie ruhig, während sie den scharfen Einschnitt und die verkrusteten Ränder der Achselwunde betrachtete und widerwillig zu ihrem Sud aus Schafgarbe griff, um sie vorsorglich zu säubern.
„Ein Streifschuss“, antwortete er knapp. „Leland erschoss den Mann, aber er konnte seinen Bolzen noch abgeben.“
Gemessen biss er die Zähne zusammen, kaum dass der warme Sud seinen Arm hinabtropfte.
„Ihr solltet Eure Rüstung tragen, wenn Ihr an der Front seid“, bemerkte Hermione finster. „Hier im Zelt nützt sie Euch nichts.“
„Ihre Bolzen reichen für gewöhnlich nicht so weit.“
„Gelegentlich schon.“ Ungeniert wies sie auf seine Wunde. „Genügt das nicht?“
Er grinste matt.
„Scheint, als müsse ich diesem Leland danken“, fuhr Hermione fort, zückte ihren Stab und begann das Gewebe mit einem konzentrierten, langsamen Episkey zu verschließen. „Sonst müsste ich mir jetzt vielleicht einen Grabspruch für Euch überlegen. Wie gefällt Euch dieser? Gewöhnliche Bolzen reichen nicht so weit, wie der, der ihn erwischte. Recht treffend, denkt Ihr nicht?“ Böse funkelte sie ihn an, was ihn nur noch mehr zu belustigen schien – das erste müde Lächeln, das sie in Tagen an ihm sah. „Das Ganze noch in Latein und Ihr klingt fast wie ein Held und nicht wie ein übermütiger Keiler.“
„Nennt mich noch einmal einen übermütigen Keiler, Hermione, und Ihr lernt einen kennen.“
Seine Hand schob sich in ihren Rücken und wanderte gerade die Linie ihrer Wirbelsäule hinab, mahnend und innig zugleich, als jäh Surrey ins Zelt trat, einen großen, eisernen Krug in der Hand und eine blecherne Miene auf den Lippen. Regentropfen glitzerten auf seinem Wams und seinem karg bewachsenen Kopf.
Er machte keine Anstalten umzukehren und so ließ Hermione ihren Stab beiläufig verschwinden, beugte sich wieder über Charles’ Arm und verband bedächtig seine magisch verschlossene Wunde, ehe Surrey noch auf die Idee kommen konnte, einen Blick darauf zu werfen.
Charles zog sich gerade wieder sein Wams über und Hermione beseitigte die Habseligkeiten ihrer kleinen Behandlung, als der Graf sich endlich dazu entschloss, etwas zu sagen, anstatt nur missfällig um sich zu sehen und drei Becher zu füllen.
„Ich hoffe, ich störe nicht.“
Ihr Ehemann kommentierte dies nicht, vielleicht weil er wusste, dass es Henry Howard ohnehin nicht wirklich interessierte.
„Wollt Ihr Karten spielen?“
Griesgrämig hob Surrey die Achseln. „Wieso nicht?“
Weitestgehend wortlos ließen sich die beiden Männer am Tisch nieder und begannen die Karten zu mischen, während Hermione eine Weile ins Lager hineinlauschte, aus dem nach wie vor Plätschern und Stöhnen hallte und das von keiner merklichen Verbesserung der Situation zeugte. Sie kehrte zu den beiden zurück.
Die beiden Männer sprachen von Leland, dem Soldaten, der sich scheinbar als einer der besten Schützen dieser Armee entpuppt hatte und der auch durch seinen Ehrgeiz bestach, ehe sie erneut in grimmig schwerer Stille versanken, unfähig den schleichenden Rückschlag dieser Belagerung weiter zu ignorieren, der sich schon seit dem Gefecht in den Wäldern über ihren Köpfen zusammenbraute und mit dem Ausbruch der Seuche einen neuen Katalysator gefunden hatte.
Die Fackelschalen vor ihrem Zelt warfen längst tanzende Schatten an die sachte flatternden Wände, als Hermione sich schließlich erhob und ihre Becher mit dem satten Wein nachfüllte, den Surrey ihnen mitgebracht hatte.
"'Lasst mich Euch etwas fragen"', bemerkte der Graf endlich, die Augen auf seinen Fächer Karten gerichtet und die Stirn tief gewölbt. "'Was haltet Ihr von unserem italienischen Gentleman, Señor Treviso, dem Tunnelbauer?"'
Charles sah auf. "'Was meint Ihr?"'
"'Ich meine, vertraut Ihr ihm?"'
"'Warum sollte ich ihm nicht vertrauen?"'
"'Ich hörte zufällig, dass er vor einiger Zeit behauptete, er könne einen Spiegel bauen, der so groß sei, dass Ihr darin von den Klippen von Dover aus den Hafen von Boulogne sehen könntet und in der Lage wäret zu beobachten, wie sich dort drüben die Schiffe der Franzosen bewegen."'
Charles zog die Brauen zusammen.
Seine Hände schoben seine Karten zu einem dichten Stapel zusammen, als Surrey mit dunklem Blick dem seinen begegnete. "'Versteht Ihr, was ich meine, Euer Gnaden?"'
Bedächtig verschränkte Hermione die Arme.
"'Ihr denkt, er sei verrückt?"'
"'Es ist nur eine Vermutung."' Surrey blinzelte nicht. "'Aber andererseits …"' Seine Pupillen wanderten zu ihr hinauf und sanken dann wieder zu denen ihres Mannes. "'… er wäre nicht der Einzige."'
Charles stieß die Luft aus, während Surrey ungebrochen zu ihm hinüber stierte, so fest und stählern von seinem Verdacht überzeugt, dass sowohl der König als auch Treviso dem Wahnsinn anheim gefallen waren, dass sein Blick ihnen beiden eine scharfe Gänsehaut bescherte.
Müde lehnte ihre Ehemann sich zurück. Seine Finger fuhren über seine Nasenwurzel, als er die Mutmaßung im Raum stehen ließ; eine stille, gefährliche Wahrheit, die an ihrer aller Nerven zerrte und die sich lange schon vor Boulogne bewiesen hatte.
Plötzlich so ruhelos wie am Morgen vor ihrer Überfahrt nach Sparta und schlichtweg gespalten, löste Hermione ihre Arme wieder. Langsam schritt sie zum Zeltausgang.
Charles senkte die Hand. „Wo wollt Ihr hin?“
„An die Luft.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, schob sie die Zeltwand beiseite und trat hinaus auf den Holzsteg. Die Fackelschalen knisterten und hüllten sie in einen vagen Wärmekranz, während sie dastand, in die blaue Dämmerung stierte und den wachsenden Gestank auszublenden versuchte, der über den Zelten lag wie ein weiteres tödliches Omen.
Kurz erwog sie, Harry einen Besuch abzustatten, dann verwarf sie den Gedanken wieder, wusste sie doch nicht, ob er womöglich gar nicht sprechen konnte. Schließlich wandte sie sich nach links und wanderte langsam den Steg hinab, weiter und weiter, bis er jäh endete und nur noch Schlamm unter ihren Schritten schmatzte. Das Pochen in ihrer Brust blieb bestehen und als ihr Blick irgendwann auf den Hochstand ihres Feldlagers fiel, verwandelte es sich in ein bebendes Grollen.
Umgeben von Nachtdunst und sinkender Schwärze stand Henry Tudor da, beide Hände fest in die Balustrade gedrückt, seine stählernen Augen unbeugsam auf Boulogne gerichtet. Alleine, beinahe prächtig in Kettenhemd und schwarzem Leder, trug er den finsteren Blick eines Eroberers, der sogar Riesen und Drachen trotzte. Und Hermione verstand, verstand ohne zu zweifeln, dass ein Rückzug für ihn niemals in Frage kommen würde, weder heute, noch morgen, noch in Tod und Feuer.
Wenn sie Boulogne jemals wieder verlassen wollten, dann gab es nur einen Weg, dann mussten sie siegen.


Musik: All I Want – Dawn Golden

Schlussbemerkung: Ich hoffe, ihr habt noch nicht genug von Boulogne, denn ja, so bald werden wir nicht aufbrechen. Feedback und Gedankenspielereien sind immer gern gesehen. :)