Incarcerus

von Keiraleth
GeschichteDrama, Fantasy / P18
24.07.2019
22.01.2020
53
424516
22
Alle Kapitel
163 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Hinweis: Dies ist der FÜNFTE TEIL einer Crossover-Saga, die sich die „Timeturner-Saga“ nennt. In sich gesehen, gibt es aber natürlich in jedem Teil einen Anfang und ein Ende.

Hier geht es zum ersten Teil "Arresto Momentum"

Kenntnisse über die Showtime Serie Die Tudors sind NICHT erforderlich. Alles, was es zu wissen gibt, erfahrt ihr wie gewohnt entlang des Weges.

Klappentext:
Sie waren ihrer Gegenwart so nah gewesen, doch der Zeitumkehrer kennt kein Erbarmen.
Immer noch beeinträchtigt von den Nachwirkungen der Schlacht auf Alcatraz und dem lang ersehnten Anblick ihres Ehemanns, brechen Hermione und ihre Freunde in eine neue Zeit auf, um den Annullierungsfluch zu bekämpfen. Aber auch Logans Worte klingen noch in ihrem Kopf nach, erinnern sie daran, dass es keinen anderen Weg gibt, als diese Mission weiter zu tragen.
Als das Trio schließlich im England der frühen Neuzeit eintrifft und Hermione sich gezwungen sieht, einen fremden Platz einzunehmen, wissen sie noch nicht, welch neuerliche Gräueltaten und allzu menschliche Monster sie erwarten.

Schneller, als Hermione lieb ist, erkennt sie, dass sie lange schon die Fesseln einer Auserwählten trägt. Und diese sind so unzerbrechlich und gefährlich wie Adamantium selbst.

Disclaimer:  Ich besitze keine Rechte an der "Harry Potter"-Reihe, dem „Der Herr der Ringe“, „Troja“, „Fluch der Karibik“-Reihe oder der „X-Men“-Reihe, der „Tudors“-Serie von Showtime und verdiene mit dieser Geschichte auch kein Geld.
Bekannte Sequenzen der Geschichte entstammen dem Drehbuch der Serie „Die Tudors“. Ich habe mir vorbehalten, diese bei Bedarf entsprechend meiner eigenen Handlung zu modifizieren. Dieser Eigenanteil entspringt dann meiner Feder.

Vorwort:
Viele der Figuren, die in Incarcerus erscheinen, basieren auf Menschen, die es tatsächlich gab und teilen auch ihren Namen, doch es sind nichtsdestotrotz fiktive Figuren. Das bedeutet, dass Incarcerus keine Charakterstudie historischer Persönlichkeiten darstellt, sondern eine Erzählung, eine fiktive Geschichte, in der Figuren so gezeichnet sind, dass sie meiner persönlichen Geschichte dienen und trotzdem ein Gefühl für die Zeit der Tudors vermitteln. Spätestens wenn Hermione fuchswilde Kanarienvögel beschwört, sollte dies ersichtlich werden. Damit sei auch gesagt, dass ich keinen potentiellen Nachfahren etwaiger Persönlichkeiten (von denen ich weiß, dass sie existieren!) auf den Schlips treten möchte. Incarcerus ist eine Fanfiktion, eine historische Fantasygeschichte, aber vor allem und in sehr vielen Aspekten eine Tragödie. Was nicht bedeutet, dass ihr nicht auch euren Spaß und eure Freuden haben werdet.
Gab es Recherche? Ja, ungeheuerlich viel davon. Ohne sie wäre Incarcerus vermutlich schon auf halbem Wege gescheitert.
Bin ich von den Ergebnissen dieser Recherche abgewichen? Ja, wenn es der Serie Die Tudors zuwider lief, die ebenfalls sehr viele Freiheiten genoss und auf der Incarcerus maßgeblich basiert, oder – noch sehr viel dringlicher – wenn es der Entwicklung von Incarcerus selbst im Weg stand.
Die Alterbeschränkung liegt bei FSK 18, hat das einen Grund? Glaubt mir, ich habe mich sehr schwer damit getan, eine vernünftige Altersbeschränkung zu wählen und auch wenn Incarcerus nicht immer diesem FSK entspricht, gibt es doch einzelne Kapitel, die es mehr als rechtfertigen. Nehmt es also ernst, wenn ich die Alterbeschränkung im Vergleich zur bisherigen Saga anhebe, denn es gibt Winkel dieser Geschichte, in denen lauern Monster ganz feizügiger und auch böser Natur.
Zu guter letzt: Ich weiß, es sind fünf Jahre seit Incendio vergangen, in denen ich nahezu pausenlos an Incarcerus gearbeitet habe. Ich hoffe, diese Fortsetzung erreicht auch viele alte Fans, die vielleicht die Hoffnung fast aufgegeben hatten, jemals wieder von unserem Trio zu lesen. Aber hier bin ich, zurück, putzmunter und feurig bereit mit euch loszulegen. Die nächste Etappe unserer Freunde, der nächsten Meilenstein in dieser Saga.
Wird es eine lange Reise? Oh ja, verdammt, das wird sie.





Incarcerus





Incarcerus: [lat. incarcero = einkerkern] Zauber, mit dem man einen anderen in Fesseln legen kann





----------------------------------------------------------------------------------------------------------


“History is herstory, too. “
Author Unknown


“The love is a sound we can not hear, yet, within our hearts, it's as loud as thunder.”
Author Unknown


“Now this is not the end. It is not even the beginning of the end. But it is, perhaps, the end of the beginning.”
Winston Churchill


----------------------------------------------------------------------------------------------------------




„I don't think anything, but I imagine everything.”

The Tudors, Season 1



Prolog
Solange wir atmen


Er ist es.
Der Gedanke erfüllte ihren Kopf, ihr Herz, und schien in jeder Unze Luft zu vibrieren, die sie einatmete, doch ihr Verstand konnte es nicht begreifen. Nach all der Zeit, nach all den Jahren der Trennung, nachdem sie ihn aufgegeben hatte und sein Bild in ihrem Inneren verblasst war, nur um ihre Hoffnung kurz darauf wieder zu finden, sein Buch zu finden, und schließlich zu begreifen, dass er lebte, dass er auf sie wartete, es bis in ihre Zeit geschafft hatte – nach all den Höhen und Tiefen war es surreal ihn tatsächlich lebendig und wahrhaftig vor sich zu sehen.
So nah, dass auch nur ein leiser Ruf seine Aufmerksamkeit auf sie zu ziehen vermochte; so gegenwärtig.
Erst, als ihr schummrig wurde, erkannte Hermione, dass sie die Luft anhielt.
Legolas fuhr mit den Fingern seiner linken Hand über die harte Rinde des kahlen Baumes, unter dem er seine Tasche aufgehoben hatte, und sah ungewahr ihrer Anwesenheit durch den lichten Wald die wenigen Meter zur Klippe herüber, hinter der das schwergraue Meer schimmerte.
Er war derselbe geblieben, den tausenden Jahren zum Trotz, die sie von ihrer gemeinsamen Zeit in Mittelerde trennten, und doch fielen Hermione jetzt, da sie ihn intensiver in Augenschein nahm, seichte Veränderungen auf. Sein immer noch rückenlanges, hellblondes Haar trug er zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden, ganz wie es Rons ältester Bruder Bill Weasley zu tun pflegte, und zusammen mit den unauffällig gewöhnlichen Kleidungsstücken, erschien er vollkommen verwoben mit dieser neue Ära. Eine Entwicklung, die er vermutlich schleichend und ohne es ganz wahrzunehmen über die Jahrtausende vollzogen hatte.
Wüsste sie nicht, dass dieser Mann ein Elb aus einer Kultur gänzlich fern dieser Zeit war, hätte sie auch annehmen können, dass ihr ein gewöhnlicher magischer Siedler der Wälder gegenüberstand – vielleicht ein weiter Nachfahre einer Veela oder eines anderen magischen Geschöpfs, das mit Zauberern und Hexen in Kontakt getreten war.
Und doch … All seine Züge, all seine Bewegungen entsprangen der Welt, in der sie ihn gefunden und die sie für eine kurze Zeit mit ihm geteilt hatte. Bruchtal, Lothlórien, Edoras und das Feldlager am Pass zum Dimholt sprachen immer noch aus ihm, weil Legolas sich nicht verändert hatte, nicht wirklich. Alles an ihm erweckte diese Erlebnisse in frischen, mächtigen Farben.
Hermione wollte seine Stimme vernehmen, ihre sicherlich längst verfälschte Erinnerung korrigieren. Sie wollte den melodischen Klang seiner Worte ergründen, wollte hören, wie er ihren Namen aussprach, in Zuneigung, in Wärme, in Belustigung, in Ernst, in Stolz und in Liebe.
Sie sehnte sich nach nur einer winzigen Berührung, seine Arme auf ihren Schultern, das kurzen Schmiegen ihrer Lippen, die prickelnde, kurze Hitze seines Atems, die über ihr Ohrläppchen strich. Es verlangte sie, einfach zu ihm herüber gehen, zu vergessen, was sie zurückhielt, und einzufordern, was ihr nun schon so viele Jahre verwehrt geblieben war.
Oh, sie wollte … schlicht alles, was sie nicht haben konnte.
Ihn nur zu sehen, reichte nicht mehr – nicht jetzt, da alles in offener Griffweite vor ihr lag. Nicht nur eine Berührung oder ein Wort, nein, ein ganzes Leben.
Nur noch Meter trennten sie, keine Jahrtausende, keine unbestimmten Orte und trügerischen Annahmen. Nur diese zehn arglosen Schritte.
Aber dieselbe Macht, die sie damals befähigt hatte, seine Hand loszulassen, hielt sie auch jetzt zurück.
Ihr Herz pochte so fest gegen ihr Innerstes, dass es Hämatome davonzutragen drohte, und doch wusste Hermione, dass auch das nicht genug war, um all den Mächten zu beweisen, dass sie ihn immer noch abgöttisch liebte und dass sie einander verdienten, all den Anomalien zum Trotz, die sie zusammengebracht hatten und nun voneinander zu trennen gedachten.
Aber er wird sterben, wenn ich mich ihm zu erkennen gebe. Calypso hat es nicht zugegeben, aber sie hat es auch nicht widerlegt. Und wie sonst soll ich ihre Worte deuten?
So ehrlich ihre Gefühle zu Achilles gewesen waren, so sehr sie Logan geliebt und gewünscht hatte, mit ihm einen gemeinsamen Schlussstrich zu ziehen, ja, so wahr und ungebrochen sie ihn auch jetzt noch liebte – an das, was sie für Legolas in diesem winzigen, atemlosen, einzigen Augenblick empfand, kam all dies nicht heran. Als habe jemand einen schlafenden Drachen in ihrem Inneren erweckt, als sei die Glut zwischen ihren Rippen in ihrer vollen Intensität mit ihm wiederauferstanden.
„Ich habe ihn aufgegeben.“
„Nein, das hast du nicht. Das wirst du nie, solange ihr beide atmet.“

Und Logan hatte es gewusst. Er hatte sie hierher zurück geschickt. Zurück zu ihm.
Als sich ihr Ehemann wieder sanft in Bewegung versetzte und langsam den Pfad hinab schritt, der von ihr fort führte, schoss ihr Puls vor jähem Schreck in die Höhe.
Instinktiv setzte Hermione einen unbedachten Schritt hinterher und sofort erstarrte Legolas.
Ihre Schultern hatten keinen Ast berührt, ihre Schuhe kein Steinchen verrückt und doch hatte er sie vernommen, denn nach wie vor besaß er das Gehör eines Elben.
Sie hielt die Luft an, während Legolas seinen Blick vorbei an ihrem desillusionierten und von einer hohen Eiche geborgenen Körper durch den Wald schweifen ließ. So konzentriert und vorbereitet, wie sie es nur allzu gut von ihm kannte, prüfte er die friedliche Stille und doch erschien er dabei weit unbesorgter und sehr viel leichter als in ihrer fernen, dunklen gemeinsamen Zeit in Mittelerde.
Für eine unendlich lange Sekunde schien sein Blick an einem Punkt nahe ihres Körpers zu verharren und die jähe Furcht, dass er die seltsam verbogenen Farben ihres Desillusionierungszaubers nicht als flirrendes Licht oder eine Spiegelung des Meeres interpretierte, sondern folgerichtig als Magie erkannte, überspülte sie mit starrem Schreck.
Urplötzlich war es so still zwischen ihnen, dass Hermione ihr eigenes Herz hören konnte. Und es tanzte, denn irgendetwas in ihrem Inneren sehnte sich fast danach, dass er sie tatsächlich sah.
Dann hob Legolas jedoch den Blick zum unbelaubten Geäst über ihren Köpfen, ein vages Schmunzeln wanderte über seine Lippen – eines, das ihr Herz erneut vor Sehnsucht glühen und protestieren ließ – und er schritt weiter.
Er entfernte sich mit der geflissentlichen Leichtigkeit der Elben. Stumm folgte Hermiones Blick seiner Gestalt, bis er gänzlich im winterlich kargen Dickicht verschwunden war.

„Brauchst du Hilfe?“
Prüfend spähte Harry in die von Rauchschwaden erfüllte Küche, die gegenwärtig klar nach Baldrian und Johanniswurzel roch, weil sie nur Minuten zuvor die beiden Zutaten fein zerhakt in den brodelnden Trank hatte gleiten lassen.
„Ich … warte einen Augenblick.“
Obwohl Hermione ihre Haare zusammengebunden trug, kräuselte sie sich bereits in der wachsenden Feuchtigkeit des Raumes. Weil die benebelnden Dämpfe des Beruhigungstranks lange schon zu intensiv geworden waren, hatte sie erst kurz zuvor die Fenster weit aufreißen müssen, ehe sie in Tagträume hatte verfallen und darüber ganz ihren beiden köchelnden Projekte vergessen können. Dennoch kostete es sie einiges an herber Konzentration, sich nicht von Harrys Auftauchen überrumpeln zu lassen.
Bedächtig rührte sie deshalb die wohlduftende Flüssigkeit um, zählte die Sekunden, bis sich die Dampfschwaden von einem blassen Silber in ein weiches Gelb wandelten, dann sah sie zufrieden auf, senkte die Feuerkraft unter dem leicht ramponierten Kessel und widmete ihrem besten Freund endlich ihre Aufmerksamkeit.
„Der Beruhigungstrank braucht noch zwei gepresste Schlafbohnen und eine Unze Aalaugen. Du musst den Saft mit den Aalaugen vermengen, ehe du beides hinzufügst.“
Rasch wies sie auf die Zutaten, die sie systematisch auf der Theke verteilt hatte, um den Überblick zu wahren, und trat dann geschäftig zu ihrem zweiten Kessel herüber, in dem ein weit wichtigerer Trank nun schon seit einer geschlagenen Stunde köchelte.
„Schaffst du das allein?“, erkundigte sie sich skeptisch. „Ich muss mich jetzt eigentlich um das Gegenmittel zu ungängigen Giften kümmern.“
Harry lächelte. „Ich denke, das bekomme ich gerade noch hin“, erwiderte er, hob Tante Muriels altes Tränkemesser auf und begann pflichtschuldig ihre Anweisungen auszuführen, so sehr es ihm auch zuwider sein mochte, an sein altes Hassfach aus Schultagen erinnert zu werden.
Immer noch waren sein Lächeln nur halbwahrer Natur, denn auch nach nun bereits zweieinhalb Wochen, die sie in Shell Cottage verbracht hatten, saß ihm Rogues Tod noch immer elend tief in den Knochen. Aber er zog sich nicht mehr zurück. Er hatte geweint, geleugnet und geschrieen und nun konnte es nur noch besser werden. Hermione spürte, dass es ihm besser ging.
Rogues Tod würde ihn noch lange verfolgen, dagegen konnte keiner von ihnen etwas unternehmen, und auch Hermione würde wohl immer daran denken, wie nahe dran sie gewesen war, sie zu retten. Wenn Logan aufgetaucht wäre, wenn er sie gehört hätte, wenn Mystique sie nicht angegriffen und unterbrochen hätte … Aber letztlich machte es keinen Sinn darüber nachzusinnen, ob die Zeit Rogue umgebracht hatte, weil sie Harry geliebt hatte, oder ob es Teil ihrer Mission gewesen war oder gar einfach nur ihr ganz persönliches Schicksal. Manchmal änderte der Faktor nichts am Ergebnis und manchmal änderten Gründe nichts am Verlust.
Entscheidend war, dass ihr Opfer nicht umsonst gewesen war. Dass kein Opfer umsonst gewesen war.
Und deshalb hatte Hermione sich, kaum dass sie aus Plymouth zurückgekehrt war, an die Arbeit gemacht. Ja, sie hatte einen ganzen Abend in Gedanken geschwelgt, hatte ihre Begegnung mit Legolas wiederholt inhaliert, das kleine Bündel Königskraut betrachtet, das sie als Trost mit sich genommen hatte, und war schließlich todunglücklich und selig zugleich in den Schlaf gesunken.
Aber als sie am nächsten Morgen erwacht war, hatte ihr erster Gedanke nicht ihm oder Calypsos Prophezeiung gegolten, sondern dem letzten Menschen, der ihre Lippen berührt hatte. In einem morgendlichen Anflug von Amnesie hatte sie nach seinem vertrauten Arm getastet und sich für eine winzige Sekunde darüber geärgert, dass Logan offensichtlich längst ohne sie aufgestanden war. Doch noch während sie die Lider geöffnet hatte, war der grummelnde Ärger verflogen und hatte klammheimlicher Traurigkeit Platz gemacht.
Auch für sie hatten die letzten Wochen das Verwinden einer Trennung bedeutet, denn besonders in der glimmenden Stille des Morgens wurde ihr bewusst, was ihr fehlte.
In ihren vom Schlaf noch warmen Laken hatte Hermione erneut an seine Worte gedacht, an seine barsche Vehemenz, sie zurück in die Vergangenheit zu schicken, und schließlich war sie aufgestanden und hatte begonnen, ihre weitere Reise zu planen und ihre verbliebene Zeit in Shell Cottage sinnvoll zu nutzen.
Sie hatte ihre Tränkevorräte aufgefüllt, indem sie mit Harry von Zaubern getarnt in die Winkelgasse appariert war, und hatte sich dort mit Tüten voller Tränkezutaten eingedeckt, die sie sich zuvor systematisch zusammengesucht hatte. Alle Tränke, die sie auf ihren Ausflügen bisher verbraucht hatten, hatte sie frisch gebraut und verkorkt – auch den Präventionstrank, denn inzwischen wusste sie, dass sie nie vorhersehen konnte, was auf sie zukam.
Während sie in Dunst und Schwaden über dem Kessel gearbeitet und Pergamente vollgekritzelt hatte, hatte sie immerzu an Logan denken müssen, an seine grimmigen Zweifel, seine amüsierten Seitenhiebe und ja, auch seine schweigend zusichernde Gestalt in ihrem Rücken und als ihr schließlich klar geworden war, dass sie sich zwar mehr als alles andere an Legolas’ Seite sehnte, aber im Moment nichts anderes wünschte, als die kurze und besänftigende Nähe des Kanadiers, die ihr erst so frisch entrissen worden war, hatte sie verstanden, dass der Besuch in Plymouth seinen Sinn erfüllt hatte.
Sie wusste, dass es Legolas gut ging, hatte damit ein unermessliches Geschenk erhalten und war nunmehr bereit, sein Leben zu bewahren und ihre Reise fortzuführen.
Und immer noch liebte sie sie beide, Logan und Legolas, die Zukunft und die Vergangenheit, zwei Männer, die verschiedener nicht sein könnten. Den einen mehr und den anderen genug, den einen wahrhaftig und den anderen innig.
„Ron wollte eigentlich auch vorbeisehen, aber er hat Sorge, dass er … dass er etwas verderben könnte“, bemerkte Harry, während sie Weinrautenessenz mit Honig verdickte, ein paar Inkantationen sprach und die nun sirupartige Flüssigkeit langsam in den Kessel tropfen ließ.
„Seine Magieausbrüche sind seltener geworden …“, begann Hermione, ließ den Satz aber unbeendet.
„Er hat schon recht; es ist wohl besser, wenn wir das hier ohne Verzögerungen fertig bekommen. Immerhin könnte es jedem Moment soweit sein.“ Auch seine Stimme wurde zum Ende hin dumpfer und es war nicht schwer zu erraten, was ihn an einer baldigen Weiterreise besonders auf den Magen schlug.
„Ich denke, das Beruhigungsmittel könnte Wirkung zeigen“, erklärte sie deshalb rasch. „Rons Körper leidet unter den abrupten Abfällen und Anstiegen seiner Magie, aber der Trank könnte den Stress, der diese Eruptionen auslöst, etwas besänftigen. Das ändert nichts daran, dass es weiterhin Ausfälle für ihn geben wird, aber er kann dann wieder kontrollierter mit Magie umgehen. Er wird uns nicht … schlagartig und ungewollt durch eine Eruption enttarnen oder eine Gefahr für irgendjemanden darstellen.“ Sie runzelte die Stirn, überzeugt von ihrer Theorie. „Ron wird den Trank auch nur stark verdünnt zu sich nehmen, wir wollen ihn ja nicht komplett sedieren.“
Harry sah über die Schulter zu ihr zurück und nickte zu ihrem zweiten Kessel. „Und das Gegengift?“
Sie biss sich auf die Unterlippe. „Hier bin ich mir nicht so sicher, aber ich glaube, dass es dennoch einen Versuch wert ist. Ich habe das Gefühl, dass er das Serum von Alcatraz langsam abbaut, und wenn dem so ist, dann wirkt es vermutlich als eine Art Gift auf ihn. Ich habe ein bisschen in unseren Tränkebüchern geblättert und dieser Trank wirkt gegen verschiedenste ungewöhnliche Gifte – mit ein wenig Glück könnte es auch gegen das seine wirken und ihn heilen.“
Nachdenklich runzelte Harry die Stirn, während seine Brille mit Dampf beschlug, dann strich er sich durch die Haare und wandte sich wieder den Aalaugen zu.
Eine Sekunde beobachtete Hermione ihn, ehe sie  das teure Graphorn-Pulver mit dem frischen Salamanderblut vermengte, sich über ihre feuchte Schläfe rieb und sich lautlos selbst versicherte, dass alles gut werden würde.
Ron, die Zeit und auch die Welt.

„Ich habe darüber nachgedacht.“
Ron schnippte mit seinem Stab, doch nichts geschah. Verärgert steckte er ihn wieder ein und richtete seine Aufmerksamkeit auf seine Freunde zurück, die am Tisch saßen und bedächtig diskutierten. Obwohl Hermione Harry zuhörte, beobachtete sie den rothaarigen Zauberer aus dem Augenwinkel und als ihre Blicke aufeinander trafen, ließ es sie beide beschämt fort blicken.
„Bisher ist es immer in eine Richtung gelaufen und zwar – seit Mittelerde – immer weiter in Richtung Zukunft“, fuhr Harry fort, ohne ihrer beider kurze, geistige Abwesenheit zu bemerken. Willkürlich wühlte er durch die gestohlene Ministeriumsakte über den Zeitumkehrer, ohne die einzelnen Pergamente wirklich anzusehen. Seine Gedanken weilten in eigenen Sphären. „Also müssen wir wohl davon ausgehen, dass es uns diesmal noch weiter in die Zukunft führen wird.“
„Es findet sich zwar nirgendwo ein Hinweis darauf, dass der Zeitumkehrer in dieser Weise funktioniert, aber das liegt vermutlich einfach nur daran, dass ihn noch nie jemand verwendet hat“, stimmte Hermione unzufrieden zu.
Matt legte Harry die wertvollen Pergamente wieder aus der Hand. Kaum, dass sie die Tischplatte berührten, begann sie sie eilig zu sortieren und sorgsam in die Mappe zurück zu legen. „Ich denke auch, dass er linear vorgeht“, fuhr sie fort. „Allerdings müssen wir auf alles gefasst sein. Wir haben Vermutungen und Anhaltspunkte, aber wir können nicht darauf setzen.“
Ron schnaubte, was sie veranlasste, ihm einen strafenden Blick zuzuwerfen. Abrupt wandte er sich ab und stierte zum Fenster hinaus.
Harry seufzte. „Tja, bringt er uns zurück in die Vergangenheit, hätten wir wohl ein noch größeres Problem.“
Dumpf nickte Hermione. Ron knurrte: „Warum ein größeres?“
„In die Vergangenheit zurückzukehren, würde bedeuten, dass wir unserem Ziel noch ferner sind als bislang gedacht“, erklärte sie versucht sachte. Rons ungewisser magischer Zustand hatte ihn längst dauerhaft gereizt gemacht. „Geht der Zeitumkehrer schlicht linear vor, sollte es noch ein bis zwei Aufenthalte in der Zukunft geben, aber letztlich sollte sich der Einfluss von Voldemorts Fluch so weit ausgedünnt haben, dass unsere Anwesenheit nicht mehr von Nöten ist. Vor unserer Gegenwart gab es schließlich auch nur drei Aufenthalte und betrachten wir das ganze rein stochastisch, sollte die Anzahl der Aufenthalte in der Zukunft vergleichbar aussehen. Kehren wir jedoch in die Vergangenheit zurück, dann … wäre alles, was wir bislang erlebt haben, nur eine Phase gewesen. Eine von mehreren.“
„Ein Zyklus“, stimmte Harry ihr düster zu.
„Und keiner kann sagen, wie viele Zyklen uns noch bevorstehen“, verstand Ron nachdenklich. „Das würde dann allerdings auch die großen Sprünge zwischen den Zeiten erklären.“
Fragend hoben Harry und Hermione die Brauen.
„Habt ihr euch nie auch gewundert, wieso die verschiedenen Zeiten, in denen wir waren, so weit auseinander lagen?“
„Ja, aber …“
„Na, wenn es einen Zusammenhang zwischen diesen vier Zeiten gab, wenn gewissermaßen eine Art historisches Passspiel dazwischen existiert, das nur auf einem einzigen, speziellen roten Faden beruht, dessen Existenz oder Nichtexistenz von Bedeutung ist, dann würde es das erklären, oder nicht? Ich meine, auch im Schach braucht man mehrere Züge, um eine Figur vom Feld zu fegen, bevor man sich um die nächste kümmert. Dann wäre mit dem Ende dieses … Zyklus, oder wie auch immer ihr das nennen wollt … ein veränderter Bestandteil unserer Zeit gerettet.“
„Und der nächste würde auf uns warten“, nickte Harry langsam. „Das würde mögliche Zyklen erklären. Sollte das ganze nicht linear verlaufen.“
„Theoretisch.“
Hermione kam nicht umhin diese logische Schlussfolgerung zu bewundern. „Das ist … das ist genial, Ron.“
„Ja, nicht? Aber keine sonderlich blumige Aussicht.“
„Noch wissen wir nicht, wo wir landen werden“, beschwichtigte Harry.
„Es macht ohnehin keinen Unterschied.“ Hermione schloss die Schnalle der dunkelblauen Mappe. „Wir machen so oder so weiter, bis wir am Ziel ankommen oder …“
Die zweite Möglichkeit beließ sie in der Schwebe. Oder bei dem Versuch umkommen.
Ron hob die Achseln. „Wir kommen an, oder nicht? Zumindest diese Gewissheit haben wir Xavier und Logan zu verdanken. Sie haben uns nach unserer Mission getroffen. Jedenfalls ist es die einzige logische Erklärung, weshalb wir wieder Kontakt mit ihnen aufgenommen haben.“
Aber nur, wenn dieses Wissen nicht bereits das Ende verändert hat. Vielleicht war selbst das genug, uns anders handeln zu lassen. Außerdem wissen wir weder, ob wir Voldemort tatsächlich besiegen, noch ob wir unsere Zeit wiederherstellen konnten. Vielleicht haben wir verloren.
Hermione verkniff es sich, diese pessimistische Aussicht mit ihren Freunden zu teilen, da sich ihre Gesichter seicht aufgehellt hatten. Stattdessen vertraute sie auf ihre Zuversicht und auf die Logans.
„Ihr werdet das schaffen.“
Sie schluckte, dann lächelte auch sie, mehr gezwungen denn wahr, aber es fiel ihren Freunden nicht auf.

Die Fläschchen klirrten sachte, als Hermione sie endgültig verkorkte und in ihre Halter steckte, ehe sie einen Spruch gegen ihre Zerbrechlichkeit wisperte und sie schließlich in die Tiefen ihres magisch erweiterten Rucksacks gleiten ließ, wo sie zwischen den Büchern, Umhängen, Decken, Kleidung und Mitbringsel anderer Zeiten verschwanden.
Dann sammelte sie auch die großen Phiolen ein, die Rons Beruhigungstrank beinhalteten und einen Vorrat für Wochen, wenn nicht gar Monate bilden würden. Ron hatte bereits eine Dosis zu sich genommen und den gesamten Tag war ihm kein unkontrollierter magischer Ausbruch widerfahren. Das machte nicht nur ihm Hoffnungen, es erleichterte auch Harry und ihr die Aussichten auf ihre nächste Reise.
Wenn das Gegengift wirkt, wird selbst der Beruhigungstrank unnötig. Dann wird er wieder ganz gesund.
Die Dielen knarrten und durchbrachen ihre Gedanken, als Harry auf dicken Socken in die Küche zurückkehrte.
„Ich habe ihm Bescheid gesagt. Er zieht sich nur um, dann kommt er.“
In seiner Stimme vibrierte die Anspannung, die Hermione selbst schon seit dem Morgen verspürte, an dem der Trank gegen ungängige Gifte fertig geworden war.
„Wenn es nicht funktioniert, finden wir einen anderen Weg“, beharrte sie. „Jetzt hat er den Beruhigungstrank, das macht es erheblich leichter. Außerdem sind die Symptome geringer geworden, vielleicht erholt sich sein Körper letztlich auch ganz von allein.“
Harry nickte. „Er weiß, dass du alles versuchst, Hermione. Das wissen wir beide.“
Er trat zur Spüle.
Schweigend faltete Hermione ihre elbischen Umhänge aus Mittelerde neu und verstaute sie zwischen den Fläschchen. Harry beobachtete sie, während er sich ein Glas Wasser eingoss und trank und der kalte, begonnene Dezember winzige Eiskristalle an die Fensterscheiben von Shell Cottage wehte. Es war kein richtiger Schnee, aber es prasselte leicht und sammelte sich auf der schmalen Fensterbank zu zierlichen Dünen.
„Wirst du noch mal nach Plymouth gehen?“, fragte er jäh in die Stille.
Langsam sah Hermione auf, legte ihren Zauberstab ab und atmete tief durch. „Nein, ich denke nicht.“
Sie musste ihn nicht daran erinnern, dass sie nicht zu Legolas zurückkehren konnte, ohne sein Leben in Gefahr zu bringen, und deshalb war es auch unnötig zu erklären, dass jeder weitere Besuch nur bittersüße Erinnerungen wecken würde, von denen sie sich distanzieren musste.
Ihn aufzugeben, bedeutete auch, ihn loszulassen.
Ein wenig fühlte es sich wie Verrat an, sich zu zwingen, sich von ihm abzuwenden, während er immer noch ausharrte und auf ihre Rückkehr hoffte. Aber lieber war sie eine Verräterin, als seine Mörderin.
Wenn Harry etwas diesbezüglich dachte, wenn er immer noch, selbst nach Rogues Tod, die Ansicht teilte, dass man das Risiko in Kauf nehmen musste, dann sagte er es nicht.
Stattdessen schien er zu grübeln. „Dann kehrst du also zu Logan zurück?“
Überrascht sah sie auf.
„Ich meine, wenn das alles hier vorbei ist“, führte Harry leise aus. „Er ist schließlich … irgendwo da draußen. Er lebt in dieser Zeit. Und wir wissen bereits, dass wir ihn wieder sehen werden. Es liegt nahe, oder?  Er … ihr habt euch geliebt. Vielleicht nicht so wie du und Legolas, aber … genug, oder nicht?“ Er verstummte, als habe er bereits zu viel gesagt, wich ihrem Blick aus und trank rasch weiter.
Es war kein Wunder. Genug klang nicht ausreichend, nicht wenn man von Liebe sprach. Aber es war genug. Als ich bei ihm war, hat es mir gereicht, ich habe mir bereits ein gemeinsames Leben ausgemalt. Ich war bereit dazu.
Ihr Magen kribbelte.
Ich vermisse ihn.
Ehe Hermione eine weise Erwiderung einfiel und ehe sie überhaupt diesen nicht gänzlich neuen Gedanken weiterverfolgen konnte, öffnete sich die Küchentür und Ron schlurfte hinein.
Er runzelte die Stirn, als er die seltsam erstarrte und verlegene Situation wahrnahm, in der sich seine zwei Freunde befanden, dann entkorkte Hermione jedoch rasch und geschäftig das Gegengift und füllte einen kleinen Becher damit.
Ron nahm es mit einem skeptischen Grinsen entgegen. Er roch an dem Gebräu, verzog das Gesicht, dann prostete er ihnen zu und hob die karottenroten Augenbrauen.
„Dann sag’ ich mal, auf mein Wohl.“
Er grinste immer noch, als er den Becher in einem Zug leerte, doch er konnte keinen von ihnen täuschen. Die gespannte Hoffnung summte in der Luft.

Als sie sich in das heiße Wasser gleiten ließ und sich in der alten Badewanne zurücklehnte, die das kleine, braungeflieste Bad von Shell Cottage beherbergte, schloss Hermione dankbar die Augen.
Der Schaum prickelte auf ihrer Haut und die Hitze öffnete augenblicklich jede Pore ihres Körpers, sodass sie zweifellos zu schwitzen begonnen hätte, wenn sie nicht bis zum Kinn ins Wasser gesunken wäre.
Außer dem Platzen der Bläschen war nichts zu hören und diese vollkommene Stille, diese angenehme Isolation von allem, das sie gegenwärtig beschäftigte, schenkte ihr so viel mehr Raum zum Atmen, dass Hermione sich für eine Sekunde wunderbar leicht fühlte.
Für einen kurzen Moment vergaß sie sogar ihren jüngsten Fehlschlag. Kaum dass ihr dies bewusst wurde, kehrte er jedoch wie ein schreiendes Omen in ihren Geist und ihre Glieder zurück.
Während sie und ihre Freunde kurz zuvor über ihr letztes Treffen mit Calypso und ihre wie immer kryptischen Worte gesprochen hatten – insbesondere der für sie alle immer noch unglaublichen Tatsache, dass Will Turner und Elizabeth Swan Hermiones direkte Vorfahren darstellten –, hatte sich das Gegengift als unwirksam erwiesen.
„Du hast dich also im Grunde selbst gerettet, als du Jack damals den Dolch überlassen hast, damit er Will rettet“, hatte Ron resümiert. „Und Norringtons Vernarrtheit sollte damit auch geklärt sein, denn schließlich warst du Elizabeth ausgesprochen ähnlich – so ähnlich, wie man seinen Vorfahren eben sein kann. Vielleicht hat er es gespürt.“
Während Hermione noch vor anhaltender Ungläubigkeit und gleichzeitiger stiller, warmer Erkenntnis gegrübelt hatte, war Ron plötzlich kalkweiß geworden und ein Holzscheit im Kaminfeuer explodiert. Harry und sie hatten die vielen kleinen Brandherde im Zimmer löschen müssen und als sie das Wohnzimmer endlich gerettet hatten, hatte ihnen allen der Schrecken immer noch ins Gesicht geschrieben gestanden. Einen so gefährlichen magischen Ausbruch hatte Ron schon seit Alcatraz nicht mehr durchlebt. Sofort hatte er wieder den Beruhigungstrank zu sich genommen, den sie kurzzeitig abgesetzt hatten, um zu überprüfen, ob das Gegengift gewirkt hatte. Der Nachmittag hätte nicht enttäuschender in den Abend übergehen können.
Niemand von ihnen war sorglos darüber gewesen, auch wenn sie alle Unbeschwertheit vorgegeben und sich gegenseitig mit hoffnungsvoller Zuversicht wiederholt hatten.
Doch Hermione glaubte immer noch daran, dass sich seine Symptome schleichend ausbalancierten.
Vielleicht hatte das Gegengift die nächste Eruption nur angestaut, die sich dann auf so mächtige Art und Weise entladen hatte. Oder vielleicht wurden die Abstände zwischen den verheerenden Ausbrüchen einfach immer größer …
Sie ertappte sich dabei, wie sie erneut Rons Krankheitsbild analysierte und geistig die gelesenen Textabschnitte aus all ihren Büchern auf mögliche Heilungsmethoden durchsuchte, und als sie verstand, dass sie in der Tat alles getan hatte, was ihr möglich gewesen war, ließ sie schließlich die Erkenntnis in ihre Bewusstsein hinabsacken, dass alles weitere die Zeit selbst heilen musste. Manchmal war man eben schlicht machtlos.
Eine Weile lauschte sie dem vertrauten Prickeln des Schaums und ihrem eigenen Herzschlag und zwang sich, den Augenblick zu genießen, sich trotz allem gut zu fühlen. Irgendwann öffnete Hermione schließlich wieder die Augen, atmete den Dampf des heißen Wassers tief ein und stierte an die von Balken verzierte Decke.
Und dann erinnerte sie sich an ihr unterbrochenes Gespräch mit Harry und an seine Frage, ob sie zu Logan zurückkehren würde, jetzt, da Legolas nicht mehr zur Wahl stand.
Sie würde sich schrecklich belügen, wenn sie nicht zuzugeben bereit wäre, dass auch sie diese Möglichkeit erkannt hatte. Aber bislang hatte sie sich schlichtweg verboten näher darüber nachzudenken und einer Vorstellung nachzuhängen, wie sie eines Tages zu Logan zurückkehren mochte, um zu bleiben. Ein gewöhnliches Leben zu führen, war ihr nach allem, was sie durchlebt hatte, unmöglich, aber vielleicht könnte es eines Tages gewöhnlich genug werden.
Xaviers Stimme hallte in ihr wider: „Logan lebt in deiner Welt und in deiner Zeit, anders als all die Menschen zuvor. Das macht euch zu keiner Anomalie, sondern zu einer glücklichen Begebenheit.“
Ja, sie konnte an Logans Seite bleiben, ein Leben mit ihm führen, alt werden.
Wenn ihre Mission beendet sein würde, könnte sie England für immer verlassen. Sie könnte alles zurücklassen, wenn es erst einmal gerettet war; sie könnte loslassen. Hermione wusste ohnehin nicht, wie sie jemals in ihr altes Leben zurückfinden sollte. Alle Pläne, die sie jemals gehabt hatte, ehe Voldemort ihre Zeit erschüttert hatte, fühlten sich nun mager und leer an. Es waren die Träume eines Schulmädchen gewesen, doch darüber war sie lange schon hinaus gewachsen. So bitter es klang, all diese Träume hatten ihren einstigen Reiz verloren, waren neben ihren Erlebnissen in anderen Zeiten verblasst.
Logan hingegen liebte sie; er war eine Zukunft, die Farbe und Wärme versprach. Sie könnten in Kanada leben oder zur Mutant High zurückkehren. Storm selbst hatte ihr versichert, dass die Türen der Mutantenschule für sie immer offen stehen würden.
Oh, sie konnte sich vorstellen, dort zu leben. Es gab dort so viele Menschen, die sie lieb gewonnen hatte.
„Das ist kein Abschied für immer, Hermione. Diesmal nicht.“
Natürlich hatte Logan dies gesagt, weil sie ihn wieder sehen würde, aber vielleicht hatte er nicht nur das Jahr 1998 gemeint, in dem sie die Fremde und er der Vertraute sein würde. Vielleicht hatte auch er weiter gedacht, hatte die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass sie beide das Fundament für ein weiteres Leben gelegt hatten.
Und dann erinnerte sie sich mit dumpfer Kälte an die Worte, mit denen er sie in ihre Zeit zurückgeschickt und jeden ihrer Versuche vereitelt hatte, zu bleiben:
„Du hast ein zu Hause. Eine Familie. Du hast Legolas.“
Sie glaubte nicht, dass er sie nicht genug liebte, um mit ihr zusammen zu leben, aber er hatte den Zweifel besessen, dass sie es nicht genug tat. Und er hatte recht, oder nicht?
Wie könnte sie bei ihm sein, sich für ihn entscheiden und alles hinter sich lassen, wenn sie in Wahrheit mit einem anderen Mann verheiratet war, der immer noch auf sie wartete, der für sie lebte und nach dem sie sich so sehr sehnte, dass es immer in Konkurrenz mit ihrer Liebe zu Logan stehen würde?
Wie könnte sie jemals Ruhe finden, wenn Legolas es nicht tat?
Ihr Herz wand sich und die Hitze des Bads erschien ihr plötzlich drückend und lähmend, nicht länger ein Refugium der Ruhe, sondern die scharfe Erinnerung an gleich zwei Leben, die ihr nicht vergönnt schienen.
Gerade, als sie sich aus der Wanne erheben und auch diesen Gedankengang strikt in ihr Unterbewusstsein verbannen wollte, wurde das Prickeln des Schaums kräftiger. Sie stockte. Zu klar, wisperte etwas in ihr.
Ihr Magen schlingerte.
Und dann traf es sie wie ein Schlag. Es ist nicht der Schaum.
Mit einem Satz sprang Hermione aus dem Badewasser. Schaum schwappte auf die alten Fliesen und durchnässten ihr Handtuch, das sie eilig aufhob und um sich schlang, während sie noch aus der Wanne klomm und zu ihrem Stab herüber hechtete.
Innerhalb einer Sekunde trug sie wieder ihre Sachen. Sie riss die Tür auf, beschwor ihren Rucksack in ihre Hände, schrie nach Harry und Ron und lief in den Flur hinaus.




Musik: Do Or Die – 30 Seconds To Mars

Schlussbemerkung: Die Kapitel werden von nun an immer Mittwoch und Samstag erscheinen, soweit ich es nicht anders ankündige. Und nun freue ich mich auf eure Reaktion zu diesem relativ ruhigen und nachdenklichen Start!