sometimes suffering is just suffering

OneshotAngst, Tragödie / P18
Skinner "Skinny" Norris
24.07.2019
23.05.2020
12
14.835
6
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23.05.2020 1.166
 
TW: Selbstmordgedanken, schätze ich. Und eine dezente Fixierung auf Schusswaffen? und ein bisschen gore?
Titel ist geklaut von ASP. (Ich wollte das Gefühl erreichen, dass er bei Pavor Diurnus/Pavor Nocturnis heraufbeschwört, aber keine Ahnung, obs mir gelungen ist.) Inspiriert ist es aber von Stillste Stund - Kammerspiel. Immer mal was neues.
@Tiargo: An dem anderen Kapitel bin ich noch dran, versprochen ;)

Pavor Nocturnis

Der Lauf war schwer auf Skinnys Zunge. Der Geschmack füllte seine ganze Welt, legte sich auf seine Kehle, auf seine Atemwege. Schießpulver und Metall und bitteres Waffenöl.

Das Plastik des Griffstücks war hart und unnachgiebig unter seinen Händen. Sein Finger rutschte wieder aus dem Abzug, und wie von weit weg bemerkte er, dass der Winkel eigentlich alles andere als ideal war.

Er wusste, wie man eine Pistole hielt, beide Hände am Griff, eine über der anderen. Um sie ruhig halten zu können, und damit einem der Rückstoß nicht den zweiten Schuss versaute.

Aber wenn man die Waffe herum drehte, den Lauf gegen sich selbst richtete, ging das plötzlich nicht mehr. Man kam sich mit den eigenen Armen in die Quere, wollte man sie ordentlich halten. Andererseits war es vielleicht auch egal, sinnierte er, schließlich würde es keinen zweiten Schuss geben.

Nur den ersten, den einen. Den letzten. Wie ein Film lief es vor ihm ab, dieses verdammte Schema, dass er in der Kadettenanstalt so oft gesehen hatte.

Die Kugel, die durch das enge Rohr getrieben wurde, in Rotation versetzt wurde von den eingefrästen Zügen. Wie gleichzeitig die Hülse ausgeworfen wurde, die nächste Patrone aus dem Magazin nach oben glitt.

Den Part würde er aber vermutlich schon nicht mehr erleben. Denn da wäre die Kugel bereits aus dem Lauf ausgetreten, wäre durch seine Mundhöhle gerast, hätte sich durch den Gaumen ins Gehirn gefressen und wäre durch die Schädeldecke nach außen explodiert.

Er fragte sich, welche Bereiche des Gehirns wohl auf dem Weg lagen, aber bei dem Thema hatte er früher nie aufgepasst. Warum auch? Schließlich brauchte man für diese Gleichung keine tieferen Kenntnisse. Gehirn plus Kugel gleich Ende. Und darum ging es hier doch, oder?

Wieder wurde er sich des Griffs in seinen Händen bewusst. Etwas daran fühlte sich an wie ein Fremdkörper – war es die Waffe? Oder waren es seine Finger selbst?

Vielleicht waren es seine Hände, die nicht zu ihm zu gehören schienen. Er schob den Zeigefinger in den Abzug, hatte das seltsame Gefühl, die Berührung von weicher Haut zu spüren, die über Nervenenden glitt, als wäre die Waffe ein Teil von ihm und nicht der Körper, der sie hielt.

Unerwartet wurde er sich seiner Umgebung bewusst – als hätte er die Augen geöffnet, obgleich er sich sicher war, sie nicht geschlossen zu haben. Er war in seinem Zimmer im Haus seiner Eltern, seinem alten Kinderzimmer, das spürte er ganz deutlich.

Auch wenn das Bett, auf dem er saß, eher aus der Kadettenanstalt stammte, und er das Bild an der Wand gegenüber als Erinnerung erkannte.

Noch während er hinsah, begann es, sich zu verändern. Schneller, immer schneller wechselten die Bilder, bis ihm schon beim Hinsehen schwindelig wurde. Doch er konnte den Blick nicht abwenden.

Da war Hugenay, der ihn einfach stehen ließ. Jonas, Shaw und Andrews, ihn über ihn lachten. Das war ein wiederkehrendes Motiv. Die drei Helden, die über ihn lachten. Das Geräusch hallte in seinem Kopf wider, schien von seiner Schädeldecke zurück geworfen zu werden, vermischte sich mit seinem eigenen Echo bis er glaubte, sein Kopf müsste platzen. Seine Eltern, die lächelten, bevor ihre Gesichter sich zu Fratzen verzerrten. Das Gebrüll seines Vaters mischte sich mit dem Weinen seiner Mutter und dem höhnischen Lachen der Fragezeichen. Dazwischen Szenen aus der Kadettenanstalt, wie sie ihn in die Ecke getrieben und verprügelt hatten, weil er die Regeln gebrochen hatte. Das sadistische Grinsen schien immer breiter zu werden, bis es den Kopf aufspaltete. Darunter zum Vorschein kam die blutige, brennend rote Masse, die Dylans Gesicht gewesen war, als Skinny seine Leiche gefunden hatte.

Rasend schnell wechselten die Bilder, gingen in einander über, stellten Querverbindungen her, wo keine waren und keine sein sollten.

Gerade als Skinny dachte, er müsste den Verstand verlieren, nahm der Geschmack des Metalls auf seiner Zunge wieder Überhand.

Der graue Schleier legte sich gnädig über alles, verdeckte die Erinnerungen, umgab seinen Kopf wie Stahl, sodass die Stimmen verstummten.

Dankbar atmete Skinny durch. Der harte Lauf in seinem Mund erdete ihn, und sein Finger am Abzug zuckte.

Als sich das Grau dieses Mal hob, gab es keine Erinnerungen, die ihn überfielen. Stattdessen fühlte er sich plötzlich leer und kalt und unerklärlich leicht.

Er schwebte davon, nach oben, das Bett blieb unter ihm zurück. Er senkte den Kopf, sah hinab, und dort lag jemand. Jemand, den er erst auf den zweiten Blick als sich selbst erkannte.

Das blonde Haar war dunkel vom Blut, und er wusste, dass ein Loch in seinem Hinterkopf gähnte. Ein surreales Gefühl der Zufriedenheit machte sich in ihm breit, als er sah, dass sein T-Shirt keine Spritzer abbekommen hatte. Er mochte das Shirt, ein altes Nirvana-Shirt, auf dem der gelbe Smiley kaum noch zu erkennen war. Er hatte es sich in der High School von einem Kumpel geliehen und nie zurück gegeben. Wie hatte er noch geheißen? Tim? Jim? Er wusste es nicht mehr.

Dafür waren rotes Blut und graue Hirnmasse über die penibel weiße Wand neben dem Bett verteilt. Es hatte ihn überrascht, als er es das erste Mal gesehen hatte – dass das Gehirn tatsächlich aus grauen und weißen Zellen bestand und von der Konsistenz vage an Wackelpudding erinnerte.

Er ließ sich zurück, schwebte aufwärts, durch das Dach davon. Unter ihm lag Rocky Beach, er konnte den Palisades Park sehen, den Schrottplatz, und dort, ganz am Rande, das Meer.

Ein Wind kam auf, trieb ihn davon, und Skinny lehnte sich nicht dagegen. Einmal im Leben kämpfte er nicht dagegen an, ließ sich treiben, und als seine Augen sich schließen wollten, die Dunkelheit willkommen zu heißen, erlaubte er auch das.

~*~

Desorientiert erwachte Skinny.

Für einen Moment wusste er nicht, wo er war. Ihm war heiß, etwas hatte sich eng um ihn gewickelt, und mit aufkeimender Panik riss und zerrte er an dem Ding, das ihn gefangen hielt.

Erst eine Sekunde später, nachdem seine Hände bereits weichen Stoff gefasst hatten, erkannte er, dass er sich im Schlaf in seiner Decke verstrickt haben musste.

Zitternd und unkoordiniert befreite er sich aus ihr. Er war nassgeschwitzt, obwohl es kühl im Zimmer war, und sein T-Shirt klebte auf seiner Haut.

Mit tiefen, langsamen Atemzügen versuchte er sein hämmerndes Herz zu beruhigen und setzte sich auf. Blind tastete er nach seinen Zigaretten.

Das Gefühl von kaltem Metall unter seinen Fingerspitzen ließ ihn abrupt den Kopf wenden.

Da lag sie, auf dem Nachttisch. Die Pistole.

Wieder schmeckte er das Waffenöl, das Schießpulver auf der Zunge.

Unwillkürlich hob er die Hand, und war seltsam überrascht, als er spröde Haare spürte, und nicht die klebrige Wärme von gerinnendem Blut.

Das konnte doch unmöglich nur ein Traum gewesen sein…
[Stillste Stund – Kammerspiel]
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