Black Velvet

von Sanna28
KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18
24.07.2019
13.08.2019
5
9894
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Hallo
Erstmal ein sickes Sorry, dass die Reviewantworten wie schon beim letzten Mal bis Morgen warten müssen, es ist noch nicht besser mit Job und Familie. Aber sie kommen nach, versprochen!
Danke auch an alle, die weiter dabei sind, außerdem für die Sterne, Favos und die tollen Reviews. Tut mir leid, falls ich einige beim letzten Kap etwas geschockt habe.
Liebe Grüße Sandra

PS bitte verzeiht mir eventuelle Fehler, bin nicht mehr zum Drüberlesen gekommen, die Zeit ... hol ich aber auch noch nach morgen!


5. KAPITEL


Das letzte Wort kam einer infernalischen Bombe gleich. Er konnte den Einschlag förmlich hören. Gleichzeitig sah er, wie Vel zusammenzuckte, kaum dass er es ausgesprochen hatte. Wie sie – als wäre sie vom Blitz getroffen worden – zu völliger Bewegungslosigkeit erstarrte. Sein Puls pochte hart gegen seine Schläfen und jeder einzelne Muskel seines Körpers war zum Zerbersten gespannt, als er, seelisch und moralisch auf alles vorbereitet, seine Augen schloss und wartete. Inzwischen traute er ihr so ziemlich alles zu, angefangen bei einem verbalen Wutausbruch, der seinesgleichen suchte, bis hin zu körperlicher Gewalt in jeglicher Form, selbst wenn sie ihm gegenüber noch nie in irgendeiner Art und Weise handgreiflich geworden war. Angesichts seiner Erfahrungen und all dem, was er gerade erlebt hatte, hielt er sie zu allem fähig.

Aber überraschenderweise passierte …

… nichts. Absolut gar nichts. Und das eine gefühlte Ewigkeit lang.

Verzweifelt versuchte er das grausam laute Hämmern seines eigenen Herzens auszublenden, um den wenigen Geräuschen lauschen zu können, die Vel von sich gab. Er hörte ihr schweres Schlucken, spürte ihren heißen Atem, der nur noch in vereinzelten Stößen auf sein Gesicht traf. Fast so, als war sie dabei zu ersticken. Was zur Hölle ging da vor? Worauf wartete sie nur?

Mit der anhaltenden Stille breitete sich eine lähmende Ungewissheit in ihm aus, die er irgendwann nicht mehr aushielt. Deshalb öffnete er keine zwei Sekunden später vorsichtig blinzelnd seine Lider. Mit wirklich allem hatte er gerechnet, nur nicht mit dem Anblick, der sich ihm da bot. Vor ihm saß ein Häufchen Elend und er schaute geradewegs in ihre großen, dunklen Augen, die ihrerseits regelrecht geistesabwesend durch ihn hindurchstarrte. Sie wirkten beängstigend stumpf. Leer. Ohne Leben. Jegliches Feuer in ihnen schien restlos erloschen. Dafür verrieten ihre versteinerten Gesichtszüge mehr als ihr lieb sein konnte. Rein gar nichts erinnerte noch an ihre kaltschnäuzige Selbstsicherheit von eben, die quasi vollständig von Scham, und noch viel mehr Reue ersetzt worden war. Völlig fassungslos beobachtete er, wie ihr gerade die letzten Reste Farbe von den Wangen wichen und sie kreidebleich anlief, als die Erkenntnis dessen, was sie soeben beinah getan hätte, wie tödliches Gift quälend langsam durch ihren Verstand sickerte.

Vergewaltigen …

Ja, es war nur ein Wort, und doch schien es eine vernichtendere Wirkung gehabt zu haben, als jeder noch so brutale Faustschlag, den sie ihm hätte verpassen können. Er hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als er zu allem Überfluss auch noch bemerkte, wie ein glasiger Schleier über ihre Augen zog.

Fuck … fluchte er innerlich. Waren das etwa …?

… Tränen!

Das konnte einfach nicht sein. Nie und nimmer.

»Vel …«, raunte er leise ihren Namen, aber doch laut genug, um sie aus ihrer Schockstarre zu reißen. Noch in derselben Sekunde prallten ihre Blicke aufeinander und ihr schien sofort bewusst zu sein, weshalb er sie so entsetzt ansah. Daraufhin schlug die Stimmung abrupt um. Ihre Nasenflügel begannen zu beben und an ihrem Kiefer zuckten mehrere Muskeln gleichzeitig, so hart biss sie ihre Zähne zusammen, um das verräterische Nass, das bereits kurz vor seinem Ausbruch stand, mit aller Macht dahin zurückzudrängen, woher es gekommen war. Bloß keine Schwäche zeigen. Niemals. Dabei war es längst zu spät. Es war überdeutlich, wie sehr sie dieses eine Wort getroffen hatte … und verletzt, obwohl es ganz bestimmt nicht seine Absicht gewesen war, ihr wehzutun. Er hatte sie lediglich wachrütteln wollen und er bereute es auch nicht, denn letztendlich gab ihm der Erfolg Recht: Sie hatte diese klare Ansage gebraucht. Es war die einzige Sprache, die sie verstand. Brutal und knallhart. Außerdem untermauerte es endlich seine Vermutung, dass sie tief drinnen nicht ansatzweise so stählern und unerschütterlich war, wie sie ihm immer Glauben machen wollte.

Ungeachtet der Tatsache, dass es eigentlich keinerlei Grund dafür gab, übermannte ihn trotzdem noch im selben Augenblick das brennende Verlangen danach, sich zu entschuldigen.

»Vel, ich… «, begann er nochmals und suchte verbissen nach den richtigen Worten, die es in Anbetracht ihrer absurden Situation vermutlich sowieso nicht gab, aber das war auch egal, weil er ohnehin nicht mehr dazu kam, irgendwas zu sagen, denn wie aus dem Nichts heraus fuhr plötzlich ein Ruck durch ihren Körper. Und dann ging auf einmal alles so rasant schnell, dass sein Verstand heillos überfordert war mit der halsbrecherischen Geschwindigkeit, die sie vorlegte. Ehe er wusste, wie ihm geschah, lockerte sich ihr Griff um seine Handgelenke und sie zog ihre Finger zurück, als hatte sie sich an ihm verbrannt. Gleichzeitig schwang sie ihr Bein über ihn hinweg und rutschte dann in Richtung Bettrand. Natürlich war ihm sofort klar, was sie vorhatte … und, dass sie nie mehr wiederkommen würde, wenn er sie jetzt gehen ließ. Dass er sie für immer verlieren würde.

Die bloße Vorstellung zerfetzte ihm förmlich das Herz. Er musste sie aufhalten, kostete es, was es wollte.

Das immer noch mehr oder minder verfänglich stehende Körperteil zwischen seinen Beinen ignorierend sprang er auf und schnappte nach ihrem Oberarm, als sie gerade dabei war, eine Hand nach ihrer Hose auszustrecken.

»Nein, Vel, bitte … bleib … wir müssen reden!«, flehte er sie an und klammerte sich an ihr fest, obwohl er wusste, dass er im Zweifelsfall nicht den leisesten Hauch einer Chance hatte, sie auf diese Weise wirklich aufzuhalten. Sie viel stärker als er und unter normalen Umständen hätte es sie vermutlich höchstens ein müdes Lächeln gekostet, sich einfach loszureißen …

… aber wider Erwarten tat sie es nicht.

Alles, was von ihrer Seite kam, war ein lapidares und nur wenig überzeugendes »Lass mich los, Ben!«, während er sie beinah mühelos zurück aufs Bett zerrte. Es war schon fast grotesk, wie leicht sie es ihm machte, wenn auch wohl nicht willentlich, denn ihm war durchaus klar, dass seine momentane Überlegenheit nur ein Strohfeuer war, nicht mehr als ein kurzes Intermezzo, das er allein der Tatsache zu verdanken hatte, dass ihr der stumme Kampf gegen das Gefühlschaos in ihrem Inneren ganz offensichtlich sämtliche Kraft und Energie raubte. Und er wusste auch, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie sich wieder gefangen hatte. Er musste aslo schnell sein und die Gunst der Stunde für sich nutzen.

Aber ausgerechnet in diesem, denkbar ungünstigen Moment setzte eine ihm nur allzu bekannte, leise Melodie ein und das Smartphone in seiner Jackentasche begann zu vibrieren.

Oh Shit …

Augenblicklich spülte sich sein Geschäftsessen, das er im Eifer des Gefechts vollkommen vergessen hatte, mit voller Wucht zurück in sein Bewusstsein, aber seltsamerweise war es ihm völlig egal, dass er jetzt nicht dort war, wo er eigentlich sein sollte, sondern da, wo er sein wollte ... bei ihr. Jahrelang hatte es nichts und niemanden gegeben, der ihm wichtiger gewesen war, als seine Firma und deren Erfolg, sein Erfolg, aber jetzt …

Nach einem tiefen, andächtigen Atemzug wischte er den Gedanken daran, was er gerade aufs Spiel setzte, einfach eiskalt beiseite und kramte stattdessen sein penetrant vor sich hin dudelndes Handy aus der Jackentasche. Er war wie ferngesteuert. Sein allererster Blick fiel auf die vier Zahlen am linken, oberen Rand des Displays, die ihm sagten, dass es fast zwanzig Uhr war. Der zweite galt dem Namen des Anrufers, den er aber auch ohne nachzuschauen richtig erraten hätte. Normalerweise wäre er spätestens an dieser Stelle endlich zur Vernunft gekommen, und er hätte sich angezogen und auf den Weg gemacht, aber er konnte einfach nicht weg. Nicht jetzt! Sein Entschluss stand fest, denn sein Instinkt sagte ihm, dass das hier eine einmalige Chance war, die sich ihm so vermutlich nie wieder bieten würde.

Die Aussicht darauf, ihr vielleicht endlich wirklich näher zu kommen, und das nicht nur körperlich, versetzte ihm einen ungeahnten Adrenalinschub, der ihm genug Kraft verlieh, um seinen Griff um Vels Oberarm noch einmal zu verstärken.

»Was zur Hölle soll das werden, Ben?«, brach sie daraufhin entnervt stöhnend ihr Schweigen, wobei sich ihre Hand zur Faust ballte und sie entschlossen, aber gänzlich erfolglos versuchte, sich aus seiner Umklammerung zu winden. »Lass … endlich … los!«, verschärfte sich ihr Ton zusehends.

Aber er ignorierte sie einfach und wischte stattdessen mit dem Daumen übers Display. Er musste sich beeilen. Ihre mehr und mehr aufbegehrende Stimme kündigte bereits an, dass ihm allmählich die Felle davonschwammen. Zunehmend hektisch tippte er auf den Lautsprecherbutton, führte das Handy an seine Lippen und ließ den Mann am anderen Ende erst gar nicht zu Wort kommen. »Hör mir gut zu, Marc«, begann er so ruhig und sachlich wie nur irgend möglich, um dessen Misstrauen nicht zu wecken. »Mir ist was dazwischengekommen. Ich fürchte, du wirst das allein durchziehen müssen.«

»Was? Nein!«, platzte sein bester Freund, und noch dazu seines Zeichens erster Geschäftsführer, wutentbrannt dazwischen. »Verdammte Scheiße, Ben, das ist jetzt nicht dein Ernst. Das kannst du unmöglich bringen … nicht heute, du weißt haargenau, wie wichtig das ist…«

»Sicher weiß ich das«, erwiderte er. »Aber es geht nun mal nicht anders. Und ich hab jetzt wirklich keine Zeit für lange Erklärung, tut mir leid, Marc.«

»Geht´s dir gut?«, hakte der allerdings trotzdem weiter nach. Marc kannte ihn besser als jeder andere, und zwar als Zuverlässigkeit in Person, darum wusste er auch, dass ihm sowas absolut nicht ähnlich sah. »Setzt dich vielleicht irgendjemand unter Druck?«

»Nein, natürlich nicht! Mit mir ist alles in Ordnung. Ich schwöre, es ist nichts dergleichen«, speiste er den jüngeren Mann kurz angebunden ab und kam gleich wieder direkt zur Sache, weil er wusste, dass er Vels, von Sekunde zu Sekunde immer energischer werdenden Versuchen sich zu befreien, nicht mehr lange standhalten konnte. »Ich weiß, dass du das schaffst … auch ohne mich. Und vergiss nicht, ich vertraue dir …«

Mit diesen Worten beendete er das Gespräch, schaltete das Telefon auf lautlos und schob es zurück in seine Jackentasche. Als er danach wieder zu Vel aufblickte, waren ihre Augen bereits kalt wie Eis und spießten ihn förmlich auf. »Lass! Los! Zwing mich nicht, dir wehzutun«, drohte sie. »Und geh endlich zu deinem ach so wichtigen Geschäftsessen!«

Er glaubte zu hören, dass sich unter ihre Wut ein Funken Enttäuschung gemischt hatte. Sie klang verletzt, aber warum?

»Nein, Vel!«, hielt er standhaft dagegen. »Nicht bevor wir darüber geredet haben!«

»Es gibt nichts zu reden. Du wirst mich jetzt gehen lassen, hast du verstanden! Und ich werde dich dafür ein für alle Mal in Ruhe lassen, das wolltest du doch, oder? Du bist endlich frei, Ben!«

»Nein!«, widersprach er lauthals. »Das bin ich nicht. Du weißt ganz genau … «

Sie ließ ihn erst gar nicht ausreden. »Du musst keine Angst vor Freddie haben, wenn das dein Problem sein sollte. Ich sorg´ schon dafür, dass es sich niemand wagen wird, dir auch nur ein Haar zu krümmen.«

»Aber das ist es doch gar nicht …«

»Was denn dann?«, ging sie nahtlos in ein hysterisches Brüllen über. »Ich habe endlich begriffen, dass du das hier nicht willst … und auch, dass du mir nicht gehörst …«

»Und ob ich dir gehöre …«, widersprach er sofort und wiederholte es gleich nochmal. »Ich gehöre dir.«

Völlig überfordert mit den unausgesprochenen Emotionen, die da plötzlich zwischen ihnen im Raum schwebten, wandte sie ihren Blick von ihm ab, etwas, das sie normalerweise nie tat. Jemand wie Vel, die von allen respektiert und gefürchtet wurde, versteckte sich nicht, aber so verunsichert und hilflos wie jetzt, hatte er sie noch nie erlebt. In einem plötzlichen Anfall von Wagemut umfasste er ihr Kinn und drehte es, sodass sie gezwungen war ihn anzusehen. »Und außerdem will ich dir auch gehören«, fügte er mit erhobener Stimme an, bevor er sie wieder zu einem ehrfürchtigen Flüstern senkte. »… nur eben nicht so!«

Er konnte ihre daraufhin einsetzende Unruhe ganz deutlich spüren, und auch sehen. Ihr Brustkorb hob und senkte sich beinah im Sekundentakt, während sie energisch den Kopf schüttelte. »Nein, Ben, nein! Ich will das nicht hören!«

Aber er ließ sich nicht beirren. Die Tatsache, dass sie sich überhaupt soweit auf ein derart tiefgreifendes Gespräch mit ihm eingelassen hatte, grenzte schon an ein Wunder und spornte ihn nur noch mehr an, endlich reinen Tisch zu machen. »Ob du es nun wahrhaben willst oder nicht, mein Herz gehört dir … und zwar schon lange«, sprudelte es nur so aus ihm heraus.

»Bullshit, Ben«, warf sie ihm im Gegenzug beinah hysterisch an den Kopf. Die nackte Panik vor dem, was er ihr gerade quasi durch die Blume gestanden hatte, war ihr überall ins Gesicht geschrieben. »Ich kann dir nicht geben, was du willst, verstehst du? Ich bin nicht gut für dich …«

»Bullshit«, konterte er seinerseits und redete sich von Wort zu Wort immer mehr in Rage. »Hör endlich auf, über mich zu bestimmen, und dir das Recht rauszunehmen, mir zu sagen, was … oder wer gut für mich ist und wer nicht!«

Er hatte keum ausgeredet, da lehnte sie sich wie in Zeitlupe zu ihm nach vorn. Die Funken, die dabei aus ihren Augen sprühten, verschafften ihm eine Gänsehaut am ganzen Körper. »Hör du besser auf, die Tatsachen zu verdrehen«, stieß sie in einem bedrohlichen Tonfall hervor. »Und werd´ endlich wach. Ich bin nicht das Schaf im Wolfspelz, das du unbedingt aus mir machen willst. Ich bin ein eiskaltes, brutales und gefühlloses Monster.«

Genau damit hatte er gerechnet, der übliche Tenor, aber davon ließ er sich längst nicht mehr beeindrucken. Er wusste es besser. Fest entschlossen, ihr das Gegenteil zu beweisen, legte er seine Hand um ihre Wange und zog ihr Gesicht behutsam an sich, bis es nur noch wenige Millimeter von seinem entfernt war. »Nein, das bist du eben nicht«, hauchte er sanft gegen ihren Mund. Sein Atem vermischte sich mit ihrem, als er mit seiner Zunge zärtlich über ihre Lippen strich, die sich ihm regelrecht um einen Kuss bettelnd öffneten, obwohl alle ihre Gesichtszüge auf totale Abwehr gepolt waren. Aber er wollte das ... er wollte sie, wie noch keine andere zuvor und er war bereit um sie zu kämpfen.

Aber vor allem für  sie ... »Bitte, Vel, gib mir eine Chance … und lass mich dir zeigen, dass es auch anders geht!«
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