Black Velvet

von Sanna28
KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18
24.07.2019
13.11.2019
7
15941
30
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Hallooo
Keine Angst, das hier soll mich nicht von "Addicted" oder "Zimmer mit Aussicht auf Liebe" ablenken, denn eigentlich wollte ich bei dem schönen Wetter gar nichts schreiben,  aber ich kam in den letzten Tagen nicht umhin, dem Drang nachzugeben, diese Kurzgeschichte in 5, max 6 Kapiteln (muss mir noch überlegen, wie und wo ich es jeweils teile) aufzuschreiben, weil sie einfach über mich gekommen ist. Schuld war wieder mal ein Song, den ich beim täglichen Laufen gehört hab, und zwar "black velvet" von Alannah Myles. Die Idee hat nichts mit dem Songinhalt, der sich ja um Elvis dreht, zu tun, aber ihre wilde, raue, rauchige Stimme hat mich einfach in Bikerlaune versetzt. Sie ist so gut wie fertig, noch etwas Feinschliff hier und da, das heißt, Hochladen in regelmäßigen, nicht all zu langen Abständen.
Ansonsten freue ich mich natürlich über jedwede Rückmeldung, ob Stern, Review oder Favo.
Liebe Grüße Sandra

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BLACK VELVET


1. KAPITEL


Es war gerade erst zehn vor halb acht, verriet ihm ein flüchtiger Blick auf sein Smartphone, er hatte also noch eine gute halbe Stunde bis er im Restaurant sein musste, aber er brauchte die Zeit, um sich mental vorzubereiten. Ein letztes Mal richtete er vor dem Spiegel im Flur seine Krawatte. Ruhelos huschten seine Finger über den Knoten, rückten ihn zurecht und zogen ihn fest, bis endlich alles perfekt saß. Dieses Abendessen war enorm wichtig. Eine Firmenübernahme in dieser Größenordnung stand weiß Gott nicht jeden Tag auf dem Terminplan, noch nicht einmal bei einem erfahrenen Geschäftsmann wie ihm. Seine Firma war sein Leben, er hatte sie zu dem gemacht, was sie heute war, ein kleines, aber dafür weltweit agierendes Unternehmen, das demnächst expandieren sollte, wenn denn heute Abend alles so lief, wie er es wollte. Beim bloßen Gedanken daran, wie viel Geld und Arbeitsplätze auf dem Spiel standen, verspürte er ein nervöses Kribbeln in seinem Magen und er beschloss kurzerhand, sich nun doch etwas früher auf den Weg ins Restaurant zu machen.

Nachdem er auch sein Jackett übergezogen hatte, atmete er noch einmal tief durch, schob sein Telefon in die Jackentasche und nahm seinen Autoschlüssel vom Board, bevor er zielstrebig die Tür anvisierte.

Doch dann hörte er plötzlich ein ihm nur allzu bekanntes Geräusch. Das ohrenbetäubend laute Brummen kam von draußen und ließ ihn mitten im Flur regelrecht zu einem Eisblock erstarren. Es ließ das vor Nervosität kochende Blut schlagartig in seinen Adern gefrieren und die Luft, die er vor Schreck angehalten hatte, entwich ihm schwallartig aus seiner Lunge. Der Ton des aufheulenden Motors ihrer Harley drang ihm durch Mark und Knochen und lähmte binnen Bruchteilen von Sekunden jeden einzelnen Muskel in seinem Körper …

… und gleichzeitig erweckte es einen ganzen Schwarm Schmetterlinge in seinem Bauch, die sich augenblicklich zu einem ungeahnten Höhenflug erhoben.

Dabei konnte der Zeitpunkt ihres Auftauchens wohl kaum ungünstiger sein. Aber er war es bereits gewohnt, dass sie kam und ging, wann immer es ihr beliebte.

Ein kurz darauf erfolgender, energischer Schlag gegen seine Tür riss ihn abrupt aus seinen abschweifenden Gedanken. Zu Klingeln, wie es alle anderen Menschen gewöhnlich taten, war schlichtweg nicht ihr Stil. Es entsprach einfach nicht ihrem Wesen. Es war zu normal. Zu freundlich. Zu weich. Und überhaupt war sie ganz anders, als jede Frau, mit der er bisher …

Wie sollte er es bloß nennen?

Er überlegte krampfhaft, aber egal, welches Wort ihm in den Sinn kam, nichts passte wirklich auf das, was sie beide miteinander hatten. Taten? Führten?

Das gleiche galt auch für sie selbst. Sie hatte so gar nichts von den stilsicheren und modebewussten Schönheiten, mit denen er sich sonst schmückte. Nichts von deren Anmut, Charme, Eleganz oder gar Liebreiz. Sie war kein bisschen damenhaft. Keine Frau, die sich als Begleitung eignete, oder zum Präsentieren bei seinen Geschäftspartnern und Freunden. Keine Frau für eine feste Bindung, die er sich nun seltsamerweise das erste Mal in seinem Leben wirklich von ganzem Herzen wünschte … mit ihr. Es verblüffte ihn, denn bisher hatte er immer nur kurze, bedeutungslose Affären gehabt, die er spätestens nach dem dritten Mal Sex wieder beendete. Nichts davon war je von Bedeutung. Nichts davon hatte auch nur ansatzweise solange gedauert wie diese »Sache« mit ihr. Aber was ihn noch mehr erstaunte, war der Umstand, dass er jegliches Interesse an anderen Frauen verloren hatte, seit er mit ihr schlief, und dabei war es völlig egal, wie schön und begehrenswert sie sein mochten oder wie perfekt sie in sein Beuteschema passten. Er sehnte sich allein nach ihr … ausgerechnet! Dummerweise änderte das aber nichts daran, dass sie von ihm nur das eine wollte …

Ratlos, was er jetzt tun sollte, straffte er seine Schultern, ehe er die letzten Schritte bis zur Tür überwand. So gut es nur irgend ging ignorierte er die weichen Knie, die er automatisch bekam, als er seinen Arm ausstreckte, seine Finger um den Knauf schloss und ihn schließlich drehte.

Das erste, was er spürte, noch bevor er die Tür überhaupt ganz geöffnet hatte, war die dunkle Aura, die sie umgab. Jedes Mal, wenn sie in seiner Nähe war, lag eine gewisse Spannung in der Luft. Und dann sah er sie, mit dem Arm an den Türrahmen gelehnt. Ihre schulterlange, schwarze Lockenmähne war vom vorherigen Abnehmen des Helmes zerzaust und wirkte mindestens genauso wild, wie sie es tat, wenn sie wie zu einem Fächer ausgebreitet auf seinem Kopfkissen lag. Der Kontrast konnte nicht größer sein. Sie war der schwarze Fleck auf seiner nach außen hin, lupenreinen, weißen Weste. Sie war Leidenschaft pur. Sie war respekteinflößend, rau und unbezähmbar. Und eigentlich gehörte sie nicht hierher. Nicht in seine Welt, … genauso wenig, wie er in die ihre gehörte.

»Vel …«, murmelte er überrascht und auch fast ein wenig schüchtern klingend, obwohl er das eigentlich nicht war. Ganz im Gegenteil. Normalerweise war er ein selbstbewusster, erfolgreicher Mann, der mit harten Bandagen kämpfte und es gewohnt war, den Ton anzugeben. Normalerweise war er derjenige, der die Regeln aufstellte, sowohl beruflich als auch privat. Aber wenn er mit ihr zusammen war, dann hatte sie das Kommando. Und er ließ es zu, jedes Mal wieder, auch wenn es gewöhnlich nicht seinem Naturell entsprach, sich irgendwem unterzuordnen.

Nachdem er sie einem eingehenden Ganzkörperscan unterzogen hatte, blieb sein Blick schließlich an ihrem Gesicht hängen. Ihre ansonsten feurigen, vor Lebendigkeit nur so strotzenden Augen wirkten irgendwie tot. Genauso leer, wie die eines Blinden. Sie starrten förmlich durch ihn hindurch. Nur ihre Mundwinkel zuckten, als wollten sie sich jeden Moment zu einem Lächeln verziehen, aber es überraschte ihn kein bisschen, dass sie es letztendlich nicht taten, denn er wusste, dass sie ihm schon aus Prinzip niemals offen gezeigt hätte, dass sich freute, ihn zu sehen … selbst wenn es vielleicht so war. Stattdessen stieß sie sich, ohne ihn irgendeiner Begrüßung zu würdigen, vom Türrahmen ab. Das Leder ihrer hauteng anliegenden, schwarzen Hose knirschte bedächtig und verlieh dem ganzen Szenario etwas Düsteres, fast schon Bedrohliches. Instinktiv wich er einige Schritte zurück und beobachtete sie dabei, wie sie den Flur betrat und ihre Kutte im hohen Bogen in die nächste Ecke feuerte, bevor sie die Tür mit einem beherzten Fußtritt hinter sich zuwarf. Ihren Helm ließ sie im Vorübergehen auf die Kommode krachen und ehe er wusste, wie ihm geschah, hatte sie ihn auch schon eingeholt und nach seiner Krawatte gegriffen, die sie dazu benutzte, ihn an sich zu ziehen und dann rücklings gegen die Wand zu schleudern. Ihr keuchender, brütend heißer Atem schlug ihm ins Gesicht, als sie ihren Körper so fest an seinen drückte, dass kein Blatt Papier mehr zwischen sie gepasst hätte. Nur einen Wimpernschlag später hatte sie bereits ihre Lippen auf seine gepresst, die sich ihr trotz aller Erschrockenheit über ihr forsches Vorgehen nur allzu willig öffneten. Sie war definitiv nicht der Typ Frau, der lange fackelte oder viel redete. Der um irgendetwas bat oder sich anbiederte, um es zu bekommen. Nein, sie nahm sich einfach, was sie wollte. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und jetzt wollte sie offensichtlich ihn. Ganze drei Wochen hatte er darauf gewartet, dass sie endlich zurückkehrte. Drei endlos lange Wochen, in denen sie sich nicht ein einziges Mal gemeldet hatte. In denen es kein Lebenszeichen gab. Er war ihr weder einen Anruf wert gewesen, noch eine kurze Nachricht. Ganze drei Wochen war es her, seit sie ihn das letzte Mal auf diese Weise überfallen und dann nach allen Regeln der Kunst verführt und gevögelt hatte, als gab es kein Morgen. Höchstwahrscheinlich, weil sie in der ständigen Gefahr lebte, dass es ihn tatsächlich irgendwann nicht mehr gab …
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