Die letzte Chance

GeschichteAbenteuer, Schmerz/Trost / P6
Lord Shen Po
22.07.2019
11.01.2020
7
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1. Lebendig und verurteilt


Geistesabwesend starrte Po auf das zerstörte Schiff, wo er Lord Shen das letzte Mal gesehen hatte. Feuerwerk erfüllte die Luft, gemischt mit Schießpulver und dem Geruch vom nassem Holz. Der Panda strich sich über sein feuchtes Fell. Seine Knie zitterten ein wenig. Was für ein Tag. Er hatte tatsächlich eine ganze Armee besiegt. Und seinen inneren Frieden gefunden. Doch trotz des ganzen Triumphes drückte ihn etwas unglaublich Schweres auf der Seele.
„Nimms nicht so schwer, Po“, sagte Monkey.
Po drehte sich um und blickte in die Gesichter seiner Freunde.
„Du hast das Richtige getan“, fügte Tigress hinzu und nickte ihm aufmunternd zu.
„Ja“, murmelte Po noch etwas traurig. „Ja, das habe ich, aber dennoch, ich hatte so gehofft er würde begreifen und…“
Er unterbrach sich selber und schaute wieder zurück auf das sinkende Schiffsfrack, wo immer noch über ihm Feuerwerkskörper mit lautem Krachen explodierten. Die Farben waren wunderschön, aber der Drachenkrieger wusste, dass dieses bezaubernde Schauspiel mit Traurigkeit vermischt war, für eine Kreatur, die gefangen gewesen mit Hass und überheblichem Stolz. Nachdem er ihm die Entscheidung überlassen hatte, hatte er gehofft, er würde diesmal das Richtige wählen, aber es war anders gekommen.
„Po?“
Shifus Stimme holte ihn wieder aus seinen tiefen Gedanken zurück.
Der kleine rote Panda schaute ihn mit ernsten aber auch warmen Blick an.
„Es war seine eigene Entscheidung gewesen, die du nicht ändern konntest. Du hingegen hast alles richtig gemacht. Er wählte seinen Weg und bekam das was er verdiente.“
Po nickte nach einer Weile. Sein Lehrer hatte Recht.
„Und sieh nur, Po.“ Shifu deutete hinter sich. „Du hast Gongmen gerettet. Du hast China vor einer Katastrophe bewahrt. Das ist mehr als man erwarten konnte.“
Ein kleines Lächeln glitt über das Gesicht des Drachenkriegers. „Das stimmt.“
Sein Blick wanderte zurück zu seinen Freunden, die inzwischen von mehreren Stadtleuten gefeiert wurden.
Po seufzte tief und gesellte sich zu den anderen ins Stadtzentrum. Aber was wäre passiert, wenn er Shen gepackt hätte bevor die schwere Kanone auf ihn herabgesaust wäre? Er fand darauf keine Antwort. Aber vielleicht war es doch das beste für alle. Er hatte seinen Frieden gefunden. Für immer.
Po holte tief Luft und schwang die Arme hoch.
„Yeeeaaah! Jetzt ist Party!“

Die Zeit flog dahin und Po und seine Freunde waren in der Zwischenzeit wieder zum Jade-Palast zurückgekehrt. Nach all dem hatte Po über so vieles nachzudenken. Über seine Begegnung mit Shen und auch über seine Familie.
Doch über das was sich inzwischen in Gongmen abspielte, hatte er keine Ahnung…

Stadt Gongmen

Nach dem Sieg über Shen hatten Meister Kroko und Meister Tosender Ochse wieder die Kontrolle über die Stadt und waren damit beschäftigt die Stadt von Shens Anhängern zu räumen. Ebenso die zerstörten Gebäude, die durch Shens Machenschaften zerstört wurden, mussten wiederaufgebaut werden und das abgerissen, was Shen für den Bau seiner Kanonen verwendet hatte. Auch das Einsammeln der Trümmerteile im Fluss war reinste Knochenarbeit. Nashornsoldaten patrouillierten durch die Stadt, stets ein wachsames Auge, da Shens Leute sich immer noch herumtrieben, bis auch diese das Feld räumten.
Meister Ochse und Meister Kroko hatten ihr Quartier in einem Haus neben dem zerstörten Palastturm aufgeschlagen und beide hofften inständig bald wieder zum normalen Alltag übergehen zu können. Doch bevor sie das tun konnten, unterbrach etwas ihre Hoffnung auf Frieden, als ein Wächter mit schnellen Schritten ins Haus gerannt kam.
„Meister Kroko! Meister Tosender Ochse!“, rief er. „Wir haben etwas im Hafen gefunden!“
Meister Ochse verdrehte die Augen. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Wächter etwas gefunden haben, was ihn überrascht hätte.
Das Nashorn beugte sich vor und flüsterte den beiden etwas zu.
Meister Ochse, der jetzt doch überrascht war, und Meister Kroko standen jetzt da mit großen Augen.
„Seid ihr sicher?“, fragte Meister Ochse ungläubig.
„Ziemlich sicher“, beteuerte das Nashorn.
Die beiden Meister wechselten kurz einen Blick, dann verließen sie eilig das Haus.

Am Hafen hatten sich mehrere Leute versammelt und standen in einer Menschentraube um etwas herum. In deren Mitte standen rechts und links zwei Nashörner, ihre Speere auf dem Boden gerichtet.
Als die zwei Meister eintrafen, machten die Leute ihnen respektvoll Platz.
Irgendetwas weißes schmutziges lag auf den Holzsteg. Beide Meister erkannten die Gestalt des Ex-Herrschers. Der Körper was nass, überzogen mit leicht angesenkten Federn. Auch die Robe war teilweise zerrissen.
„Sieht tot aus“, meinte Meister Kroko.
„Er atmet noch“, entgegnete ihnen ein dünnes Schaf in violetten Mantel, bei dem es sich um den Stadt-Doktor handelte.
„Wird er überleben?“, fragte Meister Ochse düster.
„Nun, ja und nein.“
„Ja oder nein?“, fragte der Meister hartnäckig.
„Er befindet sich in einem schlechten Zustand, aber er scheint nicht sehr schwer verletzt zu sein. Mit etwas ärztlicher Behandlung, denke ich…“
„Er verdient keine ärztliche Behandlung!“, schnitt Meister Ochse ihm das Wort ab.
Er den zwei Nashorn-Wärtern ein Zeichen und einer von ihnen zog sein Schwert.
Auf einmal entstand ein Ruck durch den Vogelkörper. Die zwei Kung Fu Meister nahmen sofort eine kampfbereite Position ein. Die Nashörner hielten ihre Speere weiter runter und hielten mit den Spitzen den Kopf des Pfaus fest. Einige Leute wichen erschrocken zurück. Jeder fürchtete sich vor einem möglichen Angriff des Lords. Doch dieser stand nicht auf. Stattdessen bewegte der Pfau nur ein wenig seine Flügel. Seine Augenlider flackerten heftig. Schließlich schaffte er es den Kopf zu bewegen. Meister Ochse spannte seine Arme an, um einen Angriff von Shen so früh wie möglich abwehren zu können, doch der Vogel war viel zu geschwächt um sich zu erheben. Zudem hielten ihn die Nashörner immer noch mit ihren Speerspitzen am Boden fest, die sich jetzt wieder etwas enger um seinen Hals schoben. Meister Ochse entspannte etwas seine Haltung, als er sah, dass der Lord nicht für einen Kampf bereit war. Shen öffnete etwas seinen Schnabel, doch er war völlig außer Stande auch nur einen Laut von sich zu geben, nur ein heiseres kaum hörbares Krächzen. Doch er hatte noch die Kraft sich umzuschauen.
Zuerst sah er Meister Tosender Ochse und Meister Kroko neben sich stehen. Anschließend wanderte sein Blick mit zittriger Bewegung weiter nach oben zu den zwei Nashörnern, einer mit einem Schwert in der Hand, welches direkt über ihn gerichtet war. Der Herrscher stöhnte mit zittriger Stimme, sehr wohl wissend in was für einer gefährlichen Lage er sich befand. Seine Augen wanderten zurück zu Meister Ochse. Dieser verschränkte die Arme und schaute mit verächtlicher Geste auf ihn herab. Shen ließ ihn nicht aus den Augen, die vor lauter Hass brannten. Er weigerte sich um Gnade zu betteln. Nach mehreren schweren Atemzügen, ließ der Lord seinen Körper auf den Boden sinken, ohne ein Zeichen von Angst, und schaute den Meister mit hämischem Blick und einem gemeinen Lächeln auf den Lippen an. Meister Ochse verengte die Augen vor Wut. Diese verfluchte Kreatur zeigte keine Spur von Reue.  
In diesem Moment schwang das Nashorn das Schwert über Shens Hals.
Plötzlich hob Meiser Ochse die Hand. „Warte.“
„Warte?“ Meister Kroko verstand nicht. „Wieso warten?“
„War das jetzt ein ja oder nein?“, frage das Nashorn irritiert.
„Werft ihn in den Kerker“, befahl der Ochse ohne weitere Erklärungen.
Die zwei Nashörner packten den Pfau an den Flügeln und zerrten ihn weg. Shen stöhnte leise, während sein ehemals stolzer Körper hängend über den Boden geschliffen wurde.

„Ich verstehe dich einfach nicht. Wieso hast du ihn verschont?“, fragte Meister Kroko, als sie ihr Hauptquartier wieder erreicht hatten.
Meister Ochse lachte. „Wer sagt denn, dass ich ihn verschonen werde?“
Meister Kroko hielt mit offenem Mund inne. „Was?“
„Hast du es etwa vergessen?“
Sein Kollege verstand immer noch nicht und sah ihn fragend an.
„Lass mich dir deinem Gedächtnis mal auf die Sprünge helfen.“
Mit diesen Worten wandte sich der Ochse zu einem Bücherregal, in dem mehrere Pergamentrollen lagen. Ohne lange zu suchen, zog er eine davon heraus und breitete sie auf den Tisch aus.
„Hier, dieses Schriftstück wurde vor 30 Jahren aufgesetzt, kurz nach Shens Verbannung.“
Meister Kroko seufzte. „Ich erinnere mich. Sein Vater schrieb es unter Tränen, seine Mutter weinte an seiner Schulter mit…“
Ein lautes Schnauben von Meister Ochse unterbrach ihn und der mächtige Kung Fu Meister fuhr mit seinen Erläuterungen fort: „Es heißt hier, dass, sollte Shen jemals zurückkommen, soll er für seine Vergehen bezüglich des Angriffs auf das Panda-Dorf bestraft werden. Seine Eltern standen vor zwei Möglichkeiten. Erstens, Verbannung, oder zweitens Gefängnis für immer. Sie entschieden sich für die Verbannung und dass er nie wieder einen Fuß in diese Stadt setzen durfte.“
Es folgte eine kurze Pause bevor er weitersprach: „Jetzt ist er zurückgekehrt. Normalerweise stünde ihm jetzt ein ewiger Gefängnisaufenthalt bevor bis zum Ende seines Lebens. Meiner Meinung nach, eine sehr milde Strafe.“
Meister Kroko rieb sich verwirrt den Kopf. So wie er seinen Freund kannte, hatte er noch mehr zu sagen. „Und?“
Meister Ochse ging nicht auf seine Frage ein, sondern holte ein weiteres Pergament, welches Bestandteil der Gesetzessammlung der Stadt Gongmen war.
„Laut dem Gesetzt der Stadt Gongmen, sind Shens Straftaten jetzt weitaus höher als früher. Mit dem Mord an Meister Donnerndes Nashorn müsste er exekutiert werden. Das würde miteinschließen: Erdrosseln, in vier Teile zerlegt werden etc.… aber…“
Seine Hand wanderte weiter über das Papier nach unten. „Mit seinem Versuch China zu erobern, sind wir berechtig die absolute Höchststrafe an ihn zu verhängen.“
Meiser Kroko wusste was er damit meinte.
„Aber…“
Meister Ochse warf ihm einen wütenden Blick zu. „Was ist denn?“
„Es würde seinen Eltern das Herz brechen.“
Meister Ochse schlug mit der Hand auf den Tisch und hämmerte hart auf das Pergament. „Es ist ein Gesetzt der Stadt Gongmen! Und wir müssen diesen Vorschriften Folge leisten!“
Meister Kroko schwieg betroffen. Dann nickte er und schaute zu einem großen Gemälde auf, auf dem Shens Eltern abgebildet waren. „Mögen sie uns unsere Entscheidung vergeben.“
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