Katharine, Katharine

von Minou
GeschichteRomanze / P18
Felix Brummer / Kummer OC (Own Character)
22.07.2019
27.10.2019
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Hallo ihr Lieben!
So, meine bisher längste Pause wird nun offiziell beendet. Ich komme gerade vom Deichbrand und es gibt doch nichts Schöneres an so einem Nachfestivalmontag, als eine neue Story zu veröffentlichen. (Außer vielleicht das Zelt von den Curryketchupspuren der freundlichen Campnachbarn zu befreien... fragt nicht.)

Und jetzt, viel Spaß mit meiner Katharine!!!

Eure Minou

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Früh aufstehen hat sie schon immer gehasst. Schon in der Schulzeit hat sich ihr nie erschlossen, warum die erste Stunde um acht Uhr beginnen muss. Warum nicht um zehn? Dann wäre es wenigstens auch im Winter hell. Und sie hätte sich nicht jeden Tag wie ein Siebenschläfer gefühlt, der gegen seinen Willen aus dem Bau gezogen wird. Aber anscheinend hat irgendjemand mal beschlossen, dass der Tag um acht beginnen soll und dem muss auch sie sich, wie alle anderen Menschen unterwerfen. Wie Sklaven der Zeit, deren einziges Ziel es ist, diesen Kreislauf zu überleben. Dieses ewige Aufstehen, zur Arbeit gehen und wieder nach Hause kommen, um zu schlafen, damit man am nächsten Morgen fit sein würde, um zur Arbeit gehen zu können. Und das jeden Tag. Bis man Urlaub hat. Und sich davon erholen kann, dass man gearbeitet hat. So lange, bis man alt ist und in Rente ging. Das Verdrehte daran ist, dass man wenn man jung ist, so viele Pläne hat und auch Zeit, diese umzusetzen, nur einfach kein Geld. Wenn man älter ist, hat man zwar Geld und Pläne, nur keine Zeit, sie umzusetzen. Und schließlich ist man zu alt und hat Zeit und Geld und einfach keinen Elan mehr, all das zu tun, was man sich immer vorgenommen hat. Bei dem Gedanken dreht sie sich lieber noch einmal im Bett herum und fühlt die kühlen Laken auf ihrer Haut.
Doch sie hat schon mit achtzehn gewusst, dass das nicht ihr Weg ist, nie ihr Weg sein würde. Also hat sie sich nach dem Abi überlegt, wo sie maximal viel Geld verdienen kann und das mit minimalem Aufwand. Natürlich möglichst ohne zu studieren. Da hätte sie ja wieder früh aufstehen müssen... undenkbar. Aber wie das in Berlin nun mal so ist... irgendwie kennt immer jemand jemanden, der jemanden kennt der... JEMANDEN kennt. Und so hat auch sie diesen JEMAND kennen gelernt.
Fast zehn Jahre war das inzwischen her. Und sie kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie ihr Leben ausgesehen hat, bevor sie diesen jemand... in ihrem Fall hieß sie Greta... kennen gelernt hat. Seitdem ist sie bei Gretas Agentur unter Vertrag. Auch wenn sie sich ziemlich sicher ist, dass Gretas Name nicht wirklich Greta ist. Doch in ihrer Branche hat jeder einen Arbeitsnamen. Irgendwie muss man schließlich Privat- und Berufsleben trennen. Ihr Arbeitsname ist Katharine. Andere Mädchen heißen Candy oder Melody, Trisha oder Amina... doch als sie sich damals einen Namen ausgesucht hat, hat sie sich gegen etwas Ausgefallenes entschieden. Sie wollte lieber das Mädchen von nebenan sein. Und... diese Rolle steht ihr immer noch mehr als gut.
Sie hat ihren Namen aus einem Lied entnommen. 'Katharine, Katharine' von Steinwolke. Und ironischerweise hatte das Mädchen, das in dem Lied besungen wird, genau den gleichen Job wie sie. Hure. Oder Callgirl, Escort, Nutte, Prostituierte, leichtes Mädchen... sie kennt alle Bezeichnungen. Die, die sie beleidigen sollen, die, die beschönigen sollen, was sie tut... ihr ist das ganz egal. Sie mag ihren Job. Und so fällt es ihr auch gar nicht schwer, an diesem Morgen um zehn aus dem Bett aufzustehen, um sich für den ersten Termin des Tages bereit zu machen. Sie stellt sich an ihr Fenster, schaut über die Dächer der Stadt, die sie so liebt.
Kein Ort auf der Welt gibt mir so sehr das Gefühl, zuhause zu sein, denkt sie und schlendert dann in die Küche und macht sich eine Tasse Kaffee, die sie gleich genüsslich mit ihrem Müsli genießen wird. Doch vorher greift sie ihre Yogamatte, macht ein paar Übungen. Ihr wohlgeformter Körper kommt eben auch nicht von ungefähr.
Sie hat keine Ahnung, wer genau sie heute erwartete, hat von Greta nur einen Namen, eine Uhrzeit und eine Adresse bekommen. Alles ist moderner geworden, seit sie damals angefangen hat. Sie steht nicht an der Straße, muss sich irgendwelche Typen angeln... Sie wird über das Internet gebucht. berlinmädchen.de*. Dort sind die Profile und Geschäftsbedingungen der einzelnen Mädchen für alle öffentlich zu sehen. Jeder kann lesen, was Katharine so tut (viel) und was sie nicht tun würde (wenig). So können potentiellen Kunden direkt wissen, ob Katharine für sie in Frage kommt. Oft macht sie sich darüber Gedanken, was das früher für ein riesiges hin und her gewesen sein musste, bis der Kunde das passende Mädchen für sich gefunden hat.
Die Yogamatte ist inzwischen wieder zur Seite geräumt, in Katharines Hand befindet sich nun der Kaffee. Aus dem Kühlschrank befördert sie das Müsli, das sie sich schon gestern Abend zurecht gemacht hat. Dann setzt sie sich an ihre Kücheninsel.
Mal sehen, was mich heute für einer erwartet. Ich hoffe, er ist kein Arsch.
Katharine mag ihre Kunden, sonst würde sie auch nicht zu ihnen gehen. Als Berliner High Class Escort kann sie sich ihre Kunden sehr sorgfältig aussuchen. Es gibt nur den Einen oder Anderen, auf den sie sehr wohl verzichten kann, den sie aber wegen der Agentur nehmen muss. Doch bis auf die paar Totalausfälle liebt sie ihren Job wirklich sehr. Im Gegensatz zu einiger ihrer Kolleginnen muss sie nicht irgendwelche Kinder versorgen oder ist drogenabhängig. Sie ist auch als Kind nicht missbraucht worden und hat deswegen eine schwierige Einstellung zu Sexualität. Sie hat einfach nur verdammt gerne Sex.
Doch wie alles im Leben hat auch ihr Job einen Nachteil. Ihr Privatleben bleibt auf der Strecke. Wie könnte ein Mann auch damit leben, was sie tut? Und obwohl ihr Exfreund sich wirklich Mühe gegeben hat, war es eben genau daran gescheitert. Auch Freundschaften sind schon daran zerbrochen. Daher hält sie sich meist bedeckt, wenn es um ihren Beruf geht. Nicht nur deshalb. Sondern auch, weil ihre Kundschaft zu großen Teilen in der Berliner High Society zu finden ist. Und sie hat höllische Angst davor, sich irgendwann einmal zu verplappern.
Das würde vermutlich dann aber nicht nur die Karriere ihres Kunden in Mitleidenschaft ziehen, sondern würde auch für ihre das Ende bedeuten. Niemand würde sie mehr buchen, wenn sich rumsprechen würde, dass sie über ihre Männer tratschte.  Also... arbeitet sie eben als 'Personal Assistent' in einem IT-Unternehmen. Da fragt niemand nach in einem Gespräch. Viel zu langweilig. Und wenn sich doch einmal jemand interessiert zeigt, dann "assistierte sie eben der Geschäftsleitung". Das war nicht mal gelogen. Sie hat schon so unfassbar vielen Geschäftsleitungen 'assistiert'. Einer ihrer besten Kunden gibt ihr genau das. Einen Alibijob. Sollte doch einmal jemand misstrauisch werden, ist seine echte Assistentin eingeweiht, dass Katharine ebenfalls für ihn arbeitet. Dieses Sicherheitsnetz macht es Katharine einfacher, ihren Bekannten die Geschichte der Assistentin zu erzählen. Doch natürlich gibt es auch Menschen, die wissen, was sie tut. Ihre Mutter zum Beispiel. Die ist zwar zu Beginn wenig begeistert gewesen, hat sich aber inzwischen damit arrangiert. Katharine seufzt. Sie muss ihre Mutter dringend mal wieder anrufen. Endlich hat sie es unter die Dusche geschafft. Das warme Wasser umhüllt ihren nackten Körper wie eine warme Decke. Lieber würde sie baden, sich noch ein bisschen verwöhnen, bevor sie los muss. Doch ihr Arrangement wartet bereits in zwei Stunden in einem Loft in Friedrichshain. Und allein für die Fahrt dahin wird schon locker eine halbe Stunde draufgehen. Obwohl sie in einer schicken Wohnung in Mitte wohnt – für die eine Menge Menschen einen Mord begehen würden – und Freidrichshain nicht so weit entfernt ist. Aber sie kann eben nicht so einfach mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Viel zu sehr würde sie auffallen. Nicht weil sie so kurze Klamotten trägt, aus denen ihre Brüste herausquellen... so war sie nicht. Nur ihr schwarzes, spitzenbesetztes Valentino-Kleid würde keinen Zweifel daran lassen, dass sie in einer Berliner U-Bahn fehl am Platz war. Viel mehr würde sie in einen Benz passen. Doch weder die Bahn noch ein Benz sind geeignete Möglichkeiten zu ihrem Ziel zu gelangen. Denn selbst zu fahren ist keine Option. Viel zu auffällig. Besonders die Hotels werden schnell misstrauisch, wenn ständig die gleichen Autos auf deren Parkplätzen stehen und die Zimmer nur für eine Nacht gebucht werden. Die Luxushotels rühmen sich nicht gern damit, Nutten in ihren Zimmern zu beherbergen. Also... ist die hohe Kunst, möglichst nie einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Und wenn man so fabelhaft wie Katharine aussieht, mit den dunklen Haaren und den katzenhaft grünen Augen, ist das nicht die leichteste Übung.  
Als sie den letzten Schaum vom Körper gespült hat, verlässt sie die Dusche, trocknet sich ab und greift nach ihrem Deo. Kurz verzieht sie ihre Nase. Auch nach all den Jahren hat sie sich noch nicht dran gewöhnt, Deo für Männer zu benutzen. Doch das ist unumgänglich, wenn sie an ihren Kunden keinen Frauenduft hinterlassen will, der vermutlich bei deren Ehefrauen Fragen aufwerfen würde. In aller Ruhe macht sie sich ihre Haare, legte sie mit ihrem Glätteisen in sanfte Wellen und greift noch einmal nach ihrem Handy, um zu schauen, ob der Kunde irgendetwas Besonderes gewünscht hat... rote Lippen... kein Make-Up... künstliche Wimpern... die Liste der Wünsche ihrer Kunden ist endlos. Doch dieser Kunde hat keine Anmerkungen hinterlassen, also schminkt Katharine sich nur dezent. Einen schmalen Lidstrich, etwas Mascara... Puder... und einen zartroten Lippenstift.
Es ist so schwer, einen vernünftigen Lippenstift zu finden, der sich nicht direkt komplett auf dem Hemd des Kunden verteilt. Ich hoffe, der hier tut das nicht. Skeptisch trägt sie den Lippenstift auf.
Als sie mit ihrem Anblick im Spiegel zufrieden ist, verlässt sie das Bad und öffnet die reich gefüllte Unterwäschekommode in ihrem Ankleidezimmer. Nach einigem Überlegen entscheidet sie sich für schwarz. Bei ihren Stammkunden weiß sie sehr genau, wer auf was steht. Bei neuen ist es immer ein Rätselraten. Genau wie das Outfit. Sie schaut sich suchend um. Katharine hat schon längst den Überblick verloren, wie viele Designerkleider, von denen jedes einzelne mehr kostet, als der durchschnittliche Berliner im Monat verdient, hier hängen. Geschenke von Kunden, einige selbst gekauft... hier in Berlin gibt es einfach zu viele Verführungen. Ihre Hände streichen über die hochwertigen Materialien, was soll sie nur anziehen? Sie entscheidet sich für ein Kleid von Valentino, ihrem Lieblingsdesigner. Ganz unscheinbar und schwarz passt es sich perfekt ihrer Figur an. Am Kragen und auf der Brust sind in weiß und rot hunderte kleiner Blüten aufgestickt. Schnell schlüpft sie hinein, wählt dazu passende Schuhe aus... ein letzter Blick noch in den Spiegel... dann greift sie ihr Handy und versichert sich, dass dank modernster Technik ihr Taxi unten schon auf sie wartet. Hastig greift sie noch ihre Tasche und eilt dann die Stufen hinunter.
Schon wenige Minuten später weiß sie wieder, warum sie so früh losgefahren ist. Sie hasst den Verkehr in Berlin. Eigentlich liebt sie Berlin. Die Offenheit der Menschen, die Möglichkeiten... Kreuzberg in der Nacht und den Lustgarten am Tag... die kleinen Läden und die Geschichte der Stadt und... und einfach alles.
Besonders Friedrichshain gefällt ihr sehr. Die Leute hier sind irgendwie ein ganz besonderer Typ Mensch. Öko. Hipster. Und so gar nicht ihre sonstige Klientel. Es ist sowieso schon ungewöhnlich, dass sie in eine private Wohnung bestellt wird. Die meisten wollen sie nicht bei sich zuhause. Meistens trifft sie sich mit den Männern in Hotels. Die Portiers kennen sie schon. Und wenn sie ihnen ab und zu ein Trinkgeld da lässt, dann melden sie Katharine auch nicht bei der Geschäftsleitung.
Endlich hält das Taxi und nachdem Katharine bezahlt hat, steigt sie aus und begutachtet die Nachbarschaft. Klassisches Friedrichshainer Wohnhaus.
Schon ein bisschen Hipster... Natürlich ist unten ein veganer Kebabladen im Haus. Geht es noch mehr Friedrichshain?
Sie schaut weiter und schmunzelt. Ja. Oh ja. Geht sehr wohl. Daneben befindet sich ein Second-Hand-Laden für Kinderkleidung. Die nächsten drei Stunden soll sie also hier verbringen. Drei Stunden. So lange hat der Kunde sie gebucht. Standard. Nicht so standard ist allerdings, dass der Kunde schon bezahlt hat. Ganz modern. Über Paypal.
Langsam geht sie zur Eingangstür und klingelt neben dem Namensschild, das den Namen zeigt, den ihr die Agentur mitgeteilt hat. Und sie ist tatsächlich überrascht. Der hieß ja wirklich so.
Wer heißt denn bitte Kummer? Grinsend schüttelt sie den Kopf. Sie hat es für einen Decknamen gehalten.
"Ja?" Die Stimme aus der Gegensprechanlage klingt jung und fast ein bisschen genervt.
"Hey... hier ist Katharine..." Sie versucht so beiläufig wie möglich zu klingen. Immerhin steht sie mitten auf einer Straße.
"Wer?" Er klingt verwirrt. Und auch Katharine wird nervös. Wieso ist er verwirrt? Hat sie etwas falsch verstanden? Eilig kramt sie ihr Handy hervor.
"Von der Agentur...", versucht sie es nochmal.
"Hö? Ach... achso... ja, okay, komm rauf." Zufrieden nickt sie. Er hat sie wohl nicht richtig verstanden. Sie hört, wie der Summer betätigt wird. Schnell steigt sie die Treppen hinauf. Natürlich bis ins oberste Stockwerk. Vor dem letzten Treppenabsatz hält sie noch einmal an. Sie will nicht außer Atem oder verschwitzt oben ankommen. Kein guter erster Eindruck. Die letzten Stufen geht sie langsam, schaut nicht auf. Sie will, dass er sie zuerst sieht, bevor sie ihn sieht. Das gibt dem Kunden das Gefühl von Kontrolle, obwohl Katharine genau weiß, dass sie es war, die die Kontrolle hat. Noch zwei Stufen... jetzt wird es also ernst...
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