Heilende Hände

OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P16
Alex Verus Anne Walker
21.07.2019
21.07.2019
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Übersetzung meiner englischen Kurzgeschichte Healing Hands, diese findet ihr hier: https://archiveofourown.org/works/19848607

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Ich verließ den Bahnhof so schnell ich konnte, mich dabei hin und wieder umsehend, um sicherzugehen, dass mich niemand beobachtete, als ich ein Portal öffnete, um in meinen Laden und von dort die Treppe hinauf in meine Wohnung zu gelangen. Mein Hemd war blutgetränkt und allein der Anblick der dunkelroten Flecke auf dem Boden und der mit jedem Schritt zunehmende Schwindel weckten in mir das Bedürfnis, Anne so schnell wie möglich anzurufen. Sie nahm beim ersten Klingeln ab.

„Alex, geht es dir gut?“

„Na ja, ich...nein, ich glaube nicht. Könntest du herkommen?“

„Bin auf dem Weg. Bleib, wo du bist.“

„Ich denke nicht, dass ich in der nächsten Zeit irgendwo hingehen werde.“

„Alex, was ist passiert?“

„Bin niedergestochen worden.“

„Du bist – was?“

Ich ließ mich auf das Sofa fallen und presste meine Hand auf die Wunde, um die Blutung zu stoppen. Ich zuckte zusammen – jetzt, wo die Wirkung des Adrenalins nachließ, schmerzte der Schnitt höllisch.

„ALEX?“

„Alles okay, aber – könntest du bitte herkommen?“

„Ich bin hier.“

Ich blickte auf und sah Anne auf mich zukommen. Ihr Haar war in einem lockeren Pferdeschwanz zurückgebunden, sie schien direkt aus ihrer Klinik zu mir gekommen zu sein.

„Was ist passiert?“

Ich berichtete ihr kurz und bündig von meinen Ermittlungen und der anschließenden Verfolgungsjagd, dem Luftmagier und der Dame in der DLR.

„Ich hoffe, es geht ihr gut...“, murmelte ich, aber Anne schien gar nicht mehr zuzuhören.

„Du musst dich hinlegen, damit ich mich um die Wunde kümmern kann – nein, nicht hier, geh zum Bett rüber.“

Sie legte sich meinen rechten Arm um die Schulter, half mir auf und geleitete mich in mein Schlafzimmer hinüber.

„Vielleicht ziehst du dich lieber aus, damit ich mir deine Verletzung ansehen kann.“

Bildete ich es mir nur ein oder klang sie tatsächlich verunsichert, als sie mich bat, mich meiner Kleidung zu entledigen? Ich hob den Kopf an und sah, wie sie errötete und sich abwandte, als unsere Blicke sich trafen.

„Nur, wenn das für dich in Ordnung ist, ich könnte auch...“

„Nein, schon okay.“

Ich zog meine Schuhe und mein Hemd aus, wobei ich erneut zusammenzuckte, als der Stoff sich von der Wunde löste. Anne räusperte sich, sie schien sich zunehmend unwohl zu fühlen.

“Die Hose bitte auch.”

Ich gehorchte ihr, wobei ich mit dem Knopf zu kämpfen hatte, da meine Hände durch den Blutverlust bereits taub wurden. Nur noch mit meiner Unterwäsche bekleidet legte ich mich auf das Bett und blickte Anne erwartungsvoll an. Ihre rot-braunen Augen erinnerten mich an die Glut im Kamin meines Elternhauses. Als Kind hatte ich es geliebt, dort mitten in der Nacht zu sitzen und das Glimmen zu beobachten, während alle anderen tief und fest schliefen.

Anne, liebreizende Anne.

„Versuch dich zu entspannen.“

Ich tat wie mir geheißen, schloss die Augen und konzentrierte mich auf meine übrigen Sinne. Der zarte Hauch eines Parfums waberte durch das Zimmer, irgendetwas süßes und dennoch unaufdringliches. Ich atmete den Duft vorsichtig ein, um diesen Moment nicht durch einen Hustenanfall zu ruinieren. Der Geruch wurde stärker und ich konnte die Wärme spüren, die von Annes Körper ausging, als sie sich über mich beugte und die Wunde untersuchte, nur wenige Zentimeter von meiner Haut entfernt.

„Bist du dir sicher, dass es nur komprimierte Luft war, mit der er dich getroffen hat?“

„Ich weiß nicht, ich konnte nicht genau sehen, was – autsch!“

„Tut mir leid. Du musst still halten.“

„Einfacher gesagt als getan.“

„Nicht bewegen. Leg dich hin, schließ die Augen und lass mich meine Arbeit machen.“

„Muss ich die Augen schließen?“

Sie sah mich verdutzt an.

„Wie bitte?“

„Schon gut.“

Wie dumm, schalt ich mich selbst.

Ich nahm das Aufblitzen von grünem Licht wahr, als sie begann ihre Magie zu wirken und schloss meine Augen, wie von ihr verlangt. Ich spürte nichts, sogar die Wärme ihres Körpers schien verschwunden, obwohl ich ihre Gegenwart überall fühlen konnte. Meine Atmung wurde gleichmäßiger und ich war beinahe eingeschlafen, als ihre sanfte Stimme an mein Ohr drang.

„Das hätten wir, so gut wie neu. Wie fühlst du dich?“

Ich schaute auf die blasse, aber unversehrte Haut hinab, die noch vor wenigen Minuten von einem üblen, stark blutenden Schnitt entstellt war, jetzt aber nicht einmal mehr schmerzte.

„Wunderbar, vielen Dank, ich...“

„Nein, bleib wo du bist, ich hole Wasser um die Stelle zu reinigen.“

Ich lehnte mich in die Kissen zurück und behielt die Tür im Auge, bis Anne mit einer Schale und einem Tuch zurückkehrte, mit dem sie das getrocknete Blut abwusch.

„Deine Haut ist ganz kalt, du musst völlig durchgefroren sein.“

Ich zuckte mit den Schultern und sah sie ohne ein Wort zu sagen an, während sie die Bettdecke über meine Beine zog und eine ihrer warmen Hände auf meine Brust legte.

„Und dein Herz rast“

Sie blickte mich ernst an. Die zarte Berührung jagte mir Schauer über den Rücken und der subtile Duft von Lilien und Jasmin benebelte mich.

„Alex, was ist los mit dir?“

Anne zog ihre Hand zurück und schon jetzt sehnte ich die sanfte Berührung zurück.

Ich warf ihr einen flehenden Blick zu und hob einen Arm, um nach ihrem Handgelenk zu greifen.

„Das weißt du doch längst, oder?“ flüsterte ich und führte ihre Hand dorthin zurück, wo sie eben noch gelegen hatte, „Bitte...“

Sie musterte mich mit unergründlichem Blick und schon bereute ich, was ich gerade gesagt hatte. Ich ließ ihre Hand los, aber sie zog sie nicht zurück und holte stattdessen tief Luft.

„Seit wann?“

„Zwei Jahre.“

„Wow.“

„Es ist völlig in Ordnung wenn du nicht...“

Ich konnte den Satz nicht beenden, da Anne ihre Lippen fest auf die meinen presste. Völlig überrumpelt sah ich sie an und bemerkte, wie sie errötete, sich mit den Händen durch die Haare strich und lächelte, was sie äußerst selten tat. Sie lehnte sich zurück und sah mich neugierig an.

„Das war schön”, stellte sie fest und suchte meinen Körper nach Anzeichen dafür ab, dass ich ihre Meinung teilte – welche sie, unglücklicherweise, unterhalb meiner Taille fand. Ich zog die Decke weiter nach oben, doch sie blieb einfach auf der Bettkante sitzen und grinste mich an.

„Freut mich, dass deine Durchblutung wieder normal funktioniert.“

„Mh, vielleicht sollte ich eine Dusche nehmen...der Durchlauferhitzer ist kaputt, aber das ist im Moment wohl gar nicht so schlecht...“

„Willst du dich etwa erkälten?“

„Hast du einen besseren Vorschlag?“

„Oh, diverse...“

Es dauerte nicht lange bis sie herausgefunden hatte, wie kitzlig ich bin und sie neckte mich immer weiter, bis ich ihre Arme zu fassen bekam und sie zu mir aufs Bett zog. Ich rollte herum, sodass sie unter mir lag und mir einen eigenartigen, verzückten Blick zuwarf.

„Ich habe dich definitiv unterschätzt, was solche Dinge angeht“, flüsterte ich und schloss meine Lippen um ihr Ohrläppchen, zärtlich daran lutschend.

„Dasselbe könnte ich über dich sagen.“

„Wie meinst du das?“

„Ich dachte immer, du wärst...na ja, du weißt schon...“

„Was denn? Ich bin nicht schwul, falls du das meinst.“

„Nein, eher...nun ja...asexuell.“

Ernsthaft?!

„Ich hatte schon mal Sex, weißt du?“

„Bist du dir da sicher?“

„Ziemlich, ja.“

Sie lächelte und zog meinen Kopf zu sich herunter, um mich erneut zu küssen.

„Beweise es.“

„Nun, das würde ich ja gerne, aber du machst auf mich nicht den Eindruck, als würdest du dich in absehbarer Zeit von deiner Kleidung trennen wollen, oder irre ich mich da?“

„Ich dachte, um dieses winzige Detail würdest du dich vielleicht gerne selbst kümmern wollen...?“

Ich starrte sie fasziniert an und schüttelte fassungslos den Kopf.

„All diese verschwendeten Jahre...“, murmelte ich, „Wenn ich das früher gewusst hätte...“

„Schon gut“, antwortete sie beruhigend, „Wir waren vorher nicht dafür bereit. Ich weiß eigentlich nicht einmal, ob wir es jetzt sind, aber ich denke, es ist den Versuch wert.“

Ich weiß noch immer nicht, woher Anne von der Packung mit Kondomen gewusst hatte, die ich in der untersten Schublade meine Nachttisches aufbewahrte – nur für den Fall der Fälle. Seit mir meine Gefühle für sie bewusst geworden waren hatte ich sie entsorgen wollen, da ich sicher war, dass sie ein Problem damit hätte – sie war mir immer wie die Art Mädchen erschienen, das die Dinge in einer Beziehung langsam angehen ließ. Offenbar hatte ich mich geirrt, abgesehen von dem  es langsam angehen lassen-Teil – wobei ich mich damals nicht explizit auf den Geschlechtsakt bezogen hatte. Sie ließ sich Zeit damit, meine Brust und meinen Rücken zu berühren, ihre Hände durch mein Haar gleiten zu lassen und jeden Zentimeter meines Oberkörpers zu küssen – und den unteren Teil meines Körpers dabei komplett zu ignorieren. Nach ein paar Minuten konnte ich nicht mehr klar denken und kaum noch an mich halten. Ich klammerte mich an Anne wie ein Ertrinkender. Erst dann erlaubte sie mir, die Führung zu übernehmen und schlussendlich Erlösung zu finden.

Erschöpft, aber vollkommen überwältigt lag ich neben ihr, unsere Körper mit Schweiß bedeckt, unsere Finger ineinander verschlungen. Während ich ihren in Mondlicht getauchten nackten Körper betrachtete, berührte ich die Stelle an meiner Hüfte, an der der Schnitt sich zuvor befunden hatte.

Diese Frau war es nicht bloß wert, verwundet zu werden – sie war es wert, für sie zu sterben.
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