Die Wölfe I ~Patenmörder~

GeschichteDrama, Freundschaft / P18 Slash
21.07.2019
11.09.2019
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„Und los“, flüstert Toni mir zu, doch ich rühre mich nicht, zu gebannt bin ich von Streuners Vorstellung.
Todesmutig hat er sich vor eine Kutsche geworfen und sie zum Anhalten gezwungen. Nun liegt er vor den Rädern, die doppelt so groß sind, wie er selbst und rührt sich nicht mehr. Das Blut, das wir ihm von einer toten Ratte auf die Stirn und den Armen geschmiert haben, sieht täuschend echt aus.
Der Fahrer steigt von seinem Bock und auch seine Gäste verlassen die Kutsche.
Passanten sammeln sich am Unglücksort, alle reden wirr durcheinander. Wie geplant achtet niemand auf mich und Toni.
Toni schlägt mir auf den Oberarm, finster sieht er mich an, dann läuft er los.
Ich zwinge meine Gedanken zurück zu unserer Aufgabe und folge ihm auf die Straße. Von hinten schleichen wir uns zur Kabinentür der Kutsche. Wir werfen einen Blick ins Innere.
Auf den samtenen Sitzen liegen zwei Handtaschen. Sie müssen den beiden Frauen gehören, die bei Streuner hocken und vergeblich versuchen, den Jungen aufzuwecken.
Toni öffnet die Tür, ich greife mir die beiden Taschen und lasse sie unter meinem viel zu großen Pullover verschwinden. Er schließt die Tür geräuschlos, dann verschwinden wir in den Reihen der Schaulustigen.
Verstohlen blicke ich immer wieder zurück. Keiner sieht uns an, keine Schritte verfolgen uns. Als ich mir sicher bin, das niemand den Diebstahl bemerkt hat, biegen Toni und ich in eine Seitenstraße ab und bleiben stehen. Ich lege die Finger an die Lippen und pfeife so laut, dass es von den Häuserwänden zurückschallt, dann laufen wir weiter.
Es dauert nicht lange, bis uns leichtfüßige Schritte verfolgen und schließlich einholen. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht, taucht Streuner neben mir auf. „Wie viel ist es? Wie viel ist es?“, fragt er.
Wir laufen noch ein paar Straßen weiter, bis in eine verwinkelte Gasse. Zwischen zwei Müllcontainern lassen wir uns nieder.
Ich hole die Taschen hervor, eine davon reiche ich Streuner, aus der anderen schüttle ich selbst den Inhalt heraus:
Make Up, Parfum, ein Spiegel und eine Geldbörse fallen heraus.
Ich öffne das Portmonee und staune nicht schlecht. Grob überflogen müssen das mindestens zweihundert Dollar sein, dazu noch Unmengen an Münzen.
„Wow!“, sagt Streuner. „Wie viel ist das? Wie viel ist das?“ Er wedelt mit einer Hand voll 5 Dollarscheinen vor mir herum.
Der Mund bleibt mir offen stehen, ich nehme ihm das Geld ab und zähle es durch. Insgesamt 50 Dolar. Mir schießen all die Dinge durch den Kopf, die wir so dringend brauchen und die nun nicht mehr unerreichbar sind: Essen von dem man satt wird, Kleidung in der wir nicht mehr frieren müssen, ein paar Matratzen, Decken ohne Löcher und Kissen mit Daunenfedern.
Toni nimmt sich eine Teil des Geldes. „Ich hab euch ja gesagt, in solchen Kutschen fahren nur reiche Säcke.“
„Wir sollten uns auf solche Überfälle spezialisieren, dann haben wir bald keine Sorgen mehr“, sage ich und stecke das restliche Geld in meine Hosentasche, dann mache ich einen Schritt auf Streuner zu. Ich lege ihm meinen Arm um die Schulter. „Deine Vorstellung eben, war eine Meisterleistung. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich gedacht, du wärst wirklich von der Kutsche erwischt worden.“
Er lacht verlegen. „Ich sag doch, ich schaff das.“ Vorsichtig richtet er seinen Blick in Tonis Richtung.
Dieser sieht von oben auf den Jungen herab, das Geld steckt er in seine Hosentasche, während er sagt: „Na schön, ich gebe es zu. Manchmal kannst du schon ganz nützlich sein.“
Freudig überrascht sehen wir ihn an. Das ist das netteste, was er in den letzten Tagen zu Streuner gesagt hat.
„Gut dann schlagen wir uns heute den Bauch so richtig voll. Ich wäre ja für Wurst und Kuchen“, sage ich. Achtlos steige ich über das Make-Up und den Spiegel. Die Tasche und die Geldbörse, werfe ich in einen der Müllcontainer.
Etwas Quietscht laut darin.
Wir fahren alle drei zusammen und drehen uns nach dem Container um.
Leises winseln löst das Quietschen ab, das Traben von Pfoten und das Rascheln von Papier ist zu hören.
Meine Neugierde lässt mir keine Ruhe, ich muss einfach nachsehen und ziehe mich am Rand des Containers nach oben.
Streuner versucht es mir gleich zu tun, doch seine Hände reichen nicht weit genug herauf, er springt neben mir auf und nieder. „Was ist da drin? Kann man es essen?“, fragt er.
„Enrico, lass das! Wenn du gebissen wirst riskierst du ne Blutvergiftung. Ich will nicht das ganze Geld in Medizin investieren“, sagt Toni.
Ich ignoriere seinen Einwand und schiebe einige Pappkartons beiseite.
Das Fiepen wird lauter, doch ich finde kein Tier, sondern einen schwarzen Plastikbeutel. Er ist mit einem dicken Knoten verschlossen, auf ihm liegt die Tasche und daneben die Geldbörse.
Ich stupse den Beutel vorsichtig an.
Etwas bewegt sich darin, Beulen treten aus der Folie hervor. Sie erinnern mich an die Pfoten eines Hundes.
„Toni, gib mir dein Taschenmesser!“ Meine Hand strecke ich aus dem Container, ihm entgegen.
Toni seufzt, seine Schritte kommen näher, schließlich spüre ich kaltes Metall in meiner Hand.
Ich klappe das Messer auf.
Im Beutel bewegt sich nichts mehr, auch das Fiepen wird zunehmend leiser und erstirbt schließlich.
Ich beeile mich die Folie zu öffnen.
Braunes Fell kommt zum Vorschein, immer mehr und mehr. Es ist nass und riecht nach abgestandenem Schweiß und toter Ratte. Schließlich purzeln erst zwei dann vier und noch mal zwei Pfoten heraus. In dem ganzen durcheinander kann ich zunächst nicht unterscheiden, wo das eine Tier anfängt und das andere aufhört. Schlaff liegen Pfoten, Schwanz und Schnauzen ineinander.
Ich fürchte um das Leben dieser Kreaturen, das Messer klappe ich zu. Schnell stopfe ich es in meine Hosentasche und greife mir die nassen Fellknäule. Nacheinander reiche ich sie Streuner.
Er zögert sie zu greifen, also werfe ich sie ihm in die Arme. Erschrocken weicht er zurück, er lässt beide Tiere auf den Boden fallen. Schnell bringt er einige Schritte zwischen sich und sie.
Ich rolle mit den Augen, dann lasse ich mich vom Container gleiten.
Mit angewidertem Blick reibt sich Streuner über die Kleidung.
Ich will mich zu den Fellhaufen bücken, als mich Toni am Arm festhält.
„Die sehen tot aus. Lass es lieber! Die war bestimmt krank.“
Wie seinen Worten zum Trotz, beginnt sich in den Tieren neues Leben zu regen. Sie schnappen nach Luft, die runden Köpfe, mit den länglichen Schnauzen, heben sich. Schlappohren fallen an ihnen herab, eine lange Zunge hängt aus den Mäulern. Runde Knopfaugen blinzeln uns an, zwei Schwänze pendeln sacht hin und her. Je mehr sich die Tiere voneinander lösen, um so deutlicher erscheint mir ihre Rasse. „Was habt ihr denn? Das sind doch nur zwei Schäferhundwelpen“, sage ich und reiße mich aus Tonis Griff. Ich knie mich zu den Tieren, meine Hand strecke ich nach ihnen aus. Sie schnüffeln an mir, abwechselnd drücken sie mir ihre Köpfe in die Handfläche.
„Wer hat euch denn weggeworfen?“, frage ich sie. Ich schaue mich um, doch neben uns ist niemand hier.
„Enrico, sie könnten noch immer krank sein“, sagt Toni.
Streuner betrachtet die Welpen argwöhnisch. „Ich mag keine Hunde“, sagt er.
Besonders gut sehen sie wirklich nicht aus. Ihr Fell ist nass und verklebt, es fühlt sich strohig an. An ihren Pfoten sind überall tiefe Kratz und Bisswunden. Maden haben sich darin gesammelt, sie verteilen sich im ganzen Fell. Ein übler Geruch geht von ihnen aus. Noch einmal streichle ich ihre Köpfe, dann erhebe ich mich. „Na ja, zumindest habt ihr jetzt eine Chance. Na lauft schon“, sage ich mehr zu mir selbst. Ich muss mich zwingen, meinen Blick von ihnen abzuwenden.
Toni und Streuner haben längst ihr Interesse verloren. Sie setzten sich in Bewegen.
Ich sehe ihnen unschlüssig nach, schließlich richte ich meinen Blick wieder auf die Hunde.
Die Welpen sind inzwischen aufgestanden, sie tapsen unsicher von einer auf die andere Pfote. Vor dem Erstickungstod habe ich sie bewahrt, aber dafür werden sie nun tagelang hungern, bis sie irgendwo eingehen.
Die Schritte meiner Freunde werden in der Ferne langsamer, ich kann ihre prüfenden Blicke auf mir spüren. „Enrico!“
„Jetzt komm schon!“, rufen sie mir zu.
Mit der Hand taste ich nach den Scheinen in meiner Hosentasche. Davon lassen sich auch zwei Hundwelpen locker versorgen, zumindest vorerst. Ich sehe mich in der Gasse um.
Ein leeren Karton erweckt meine Aufmerksamkeit. Einige male wechselt mein Blick zwischen ihm und den Hunden, schließlich kann ich nicht anders. Ich hole den Karton und stopfe die beiden Welpen hinein.
„Enrico?“, ruft Toni.
„Geht ihr uns was zu Essen beschaffen, ich kümmere mich um die Beiden. Wir treffen uns in der Fabrik“, rufe ich. Mit dem Karton unter dem Arm verlasse ich die Gasse, in der entgegengesetzten Richtung.

Auf dem Heimweg mache ich einen Stopp in der Apotheke und kaufe Verbandszeug und Desinfektionsmittel. Auch ein Metzger liegt auf meinem Weg. Bei ihm lasse ich mir ein ganzes Kilo Fleisch durch den Wolf drehen und zwei Würste von der Stange holen.
Auf dem restlichen Weg zur Fabrik, lasse ich mir die erste Wurst schmecken. So etwas gutes habe ich lange nicht mehr gehabt. Ganz frisch, nicht aus irgend einer Mülltonne gezogen. Wie gut das schmeckt. Mir kommt es so vor, als wenn ich noch nie etwas so leckeres gegessen habe.
Die Welpen bewegen sich, immer wieder versuchen sie ihre Schnauzen durch den Deckel zu stoßen. Ich habe alle Hände voll damit zu tun, sie im Karton zu halten.
„Ihr bekommt doch gleich was, aber erst braucht ihr ein Bad“, sage ich und bin froh, dass die Fabrik schon zu sehen ist.

Als ich das Kaminzimmer betrete, sind Toni und Streuner noch nicht zurück.
Den Karton stelle ich vor dem Kamin ab und beschwere den Deckel mit unserer Gelddose. Ich ziehe die restlichen Scheine und Münzen aus meiner Hose und stopfe sie zu den wenigen Geldstücken in ihr.
Aus dem Karton Wufft es, die Tiere schaffen es nicht mehr den Deckel anzuheben.
Ich mache Feuer im Kamin und hole Wasser aus dem Brunnen, dann setze ich mich neben sie.
Als ich den Deckel abhebe, sind die Welpen bereits eingeschlafen. Ineinander gekuschelt bewegt sich nur der Atem in ihrem Bauch. Selbst als ich den Ersten heraushebe, rührt sich der Andere nicht.
Ich betrachte den Welpen von allen Seiten und sehe mir sein grau-braunes Gesicht an. „Dich werde ich Alpha nennen“, kommt mir spontan in den Sinn. Meinen Blick lasse ich über den anderen Hund schweifen. Sein Gesicht ist von einer grauen Maske gezeichnet: „Dann wirst du ab heute Omega heißen.“
Beide Welpen gähnen.
Wehrlos lässt sich Alpha von mir in den Wassereimer setzen, selbst als ich ihn mit Seife von seinem Wurmbefall und Dreck befreie, winselt er nur leise. Von wegen bissig. Dafür ist der kleine Kerl viel zu erschöpft. Selbst bei der Behandlung der wunden Pfoten schnappt Alpha nicht nach mir. Als ich ihn in einen trocken Stoffrest einwickle, schläft er bereits wieder.
Der zweite Welpe hingegen ist nicht so kooperativ. Als ich ihn baden will, wehrt er sich mit allen vier Pfoten, er knurrt und schnappt nach mir. Ich muss ihm das Maul zuhalten um ihn waschen und verbinden zu können. Am Ende bin ich genau so nass wie er. Erst als er in trockene Stofffetzen gehüllt ist, gibt er ruhe.
„Puh!“ Ich sehe an meinen nassen Klamotten herab. Überall auf dem Boden und auch auf meiner Hose rollen Maden.
Kein Wunder dass Toni und Streuner die Tiere nicht mitnehmen wollten. Ich sollte alle Spuren dieses Ungeziefers beseitigen, bevor sie nach Hause kommen und den Schlamassel sehen. Schnell wische ich alles auf und kippe das übelriechende Wasser aus dem Fenster. Während die Hunde bereits wieder eingeschlafen sind, ziehe ich mir neue Sachen an und wasche die anderen schnell am Brunnen aus.
Als ich mit dem nassen Bündel unter dem Arm zurück ins Zimmer komme, liegen vor dem Kamin nur noch zwei leere Stoffhüllen. Erschrocken sehe ich mich nach den Welpen um.
Alpha sitzt unter dem Fensterbrett und kaut etwas, währen Omega auf dem Fensterbett steht und den Kopf tief ihm Beutel mit dem Mett vergraben hat.
Ich lasse alles fallen und stürze zu den Hunden. Den Beutel reiße ich an mich, doch er ist so zerbissen, dass er das Gewicht des Fleisches nicht mehr tragen kann, er reißt ein. Das restliche Mett fällt mir vor die Füße.
Gierig stürzt sich Alpha darauf.  
„Das sollte doch für die nächsten Tage reichen“, sage ich. Ich fahre mir durchs Gesicht. Ein ganzes Kilo Futter, in nur wenigen Minuten vertilgt. Eigentlich wollte ich davon auch Snowflake etwas abgeben.
Wie als wenn er meine Gedanken gehört hat, kommt Snowflake zur Tür herein geschlendert, eine fette Maus im Maul, den Kopf stolz erhoben. Als sich sein Blick mit dem der Hunde kreuzt, halten alle drei erschrocken inne. Einen Moment lang starren sie sich an, dann wetzen Alpha und Omega auf den Kater zu. Snwoflake lässt die Maus fallen, in wilder Flucht rennt er kreuz und Quer im Zimmer umher.
Die Welpen rasen ihm nach und irgendwo dazwischen läuft die kleine Maus, die Snowflake mal wieder nicht tot gebissen hat.
Um mich herum entsteht ein Chaos aus umher fliegenden Decken und Kissen. Teller und Schüsseln fallen zu Boden, sie zerbrechen in tausend Scherben. Bellen und Fauchen erfüllt den ganzen Raum. Während ich vergeblich versuche die Tiere voneinander zu trennen, kommen Schritte ins Zimmer. Toni und Streuner bleiben in der Tür stehen.
„Ganz toll gemacht Enrico!“, sagt Toni, er verschränkt die Arme vor der Brust. Ich meide seinen strengen Blick und habe im nächsten Moment Snowflake, mit allen vier Pranken im Gesicht hängen.
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